Detektiv Scottie Ferguson (James Stewart) wird zum Schutz der selbstmordgefährdeten Frau eines Freundes engagiert. Nachdem er sie vor dem Ertrinken gerettet hat, wandelt sich sein zunächst rein geschäftliches Interesse, und Scottie ist von der kühlen, attraktiven Madeleine (Kim Novak) fasziniert. Als die junge Frau schließlich doch ums Leben kommt, fällt Scottie in eine tiefe Depression. Dann entdeckt er eine andere Frau, die seiner verlorenen Geliebten erstaunlich ähnelt. Bevor er jedoch den Schlüssel zu seiner Zukunft finden kann, muss der inzwischen besessene Detektiv zunächst die Geheimnisse der Vergangenheit aufdecken.
Zu
Alfred Hitchcocks "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" ist viel geschrieben worden. Es ist, das ist vielerorts die Quintessenz, ein zutiefst außergewöhnliches, vielschichtiges und komplexes Werk, eine multifunktionale filmische Verschachtelung, die auf zahlreichen Ebenen analysiert und wirkungsästhetisch untersucht werden kann. Er wurde unzählige Male kopiert und interpretiert, erlebte als einer der fünf "verlorenen
Hitchcocks" jedoch erst mit der Wiederaufführung 1983 seinen großen Erfolg bei Publikum und Kritik.
Der Film basiert auf einem Roman, der von
Pierre Boileau und
Thomas Narcejac eigens für Hitchcock geschrieben wurde. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Vorlage und Adaption:
"Im Buch trifft der Held Judy zu Beginn des zweiten Teils und zwingt sie, sich Madeleine immer mehr anzugleichen. Erst zum Schluss erfährt man, zusammen mit ihm, dass es sich um ein und dieselbe Frau handelte. Das war eine Schlussüberraschung. Im Film bin ich anders vorgegangen. [...] Ich habe mir vorgestellt, ich wäre ein kleiner Junge und säße auf dem Schoß meiner Mutter, die mir eine Geschichte erzählte. Wenn die Mutter ihre Erzählung unterbricht, stellt der Kleine immer dieselbe Frage: "Und dann, Mama, was dann?" Ich fand, dass im zweiten Teil des Romans [...], nach der Begegnung mit der Brünetten, alles abläuft, als passierte nichts mehr. In meiner Fassung weiß der kleine Junge, dass Judy und Madeleine ein- und dieselbe Frau sind, und deshalb fragt er die Mutter: "Und James Stewart, weiß er es auch?" - "Nein."" (Hitchcock, zitiert nach Truffaut 2003: 236ff.)
Die Einführung beginnt mit einem legendären, von
Soul Bass gestalteten Vorspann, der zugleich der spiralförmig sinnbildliche Beginn einer den Zuschauer unvermittelt hineinkatapultierenden Reise ist, die sich zunächst einer Separierung zwischen Traum und Wirklichkeit, Illusion und Wahrheit verweigert. Über die gesamte Laufzeit hinweg erscheinen immer wieder Titel gebende Motive, die auf eine Schwindel erregende Spiralförmigkeit verweisen und sogar bis zu kleinsten symbolischen Details wie dem Haarknoten der Figur Madeleine reichen. Ein Gefühl schwebenden Zustands ähnlich berauschend-visionärer Drogenwirkung verursacht maßgeblich
Bernard Hermanns Musik, die diese Ebenen soweit beeinflusst, dass sie keine untermalende, sondern bestimmende Position besetzt.
Alfred Hitchcock engulfs you in a whirlpool of terror and tension! - Werbespruch
"Vertigo" ist zunächst, nüchtern betrachtet, der klassische Hitchcock-Thriller um Sein und Schein, mit einer Detektivstory um Intrigen und Liebe, Schuld und Hass und den bewährten Zutaten rund um den Suspense (hier mit einem Bruch nach der Hälfte, der den Fokus verlegt und den Zuschauer mehr als den Protagonisten wissen lässt), den Red-Hering und den McGuffin, geteilt in eine kriminalistische Thriller- und eine Dramennarrative. Doch das ist nur eine der Möglichkeiten - und gewiss die glanzloseste - in den Genuss des Schwindels zu geraten.
"Here I was born, and there I died. It was only a moment for you; you took no notice."
Hitchcock betonte nicht selten, dass dies sein persönlichster Film sei. Und tatsächlich gibt der Meister in keinem seiner Werke so viel über sich Preis wie in diesem. Scottie, von Ausnahmetalent
James Stewart (
"Broken Arrow") dargestellt, ist eben jener naive, sexuell frustrierte Mann, der auch
Hitchcock war, als er 1925
"The Pleasure Garden" inszenierte und nicht wusste, was dahinter steckte, als seine Hauptdarstellerin die Bikiniszene nicht drehen konnte. So wie
Alma für
Hitchcock neben der der Ehefrau immer auch eine mütterliche Rolle einnahm, lässt sich Scottie im Film von Midge, die als Figur stets im hier und jetzt positioniert ist, vielmehr umsorgen, als ihre eigentlich sehnsüchtige Liebe zu erwidern (eine Schlüsselszene in Bezug auf diese Komponente findet in der Heilanstalt statt). Blonde Frauen haben es
Hitchcock bekanntlich angetan, doch seine Ehefrau
Alma war ebenso brünett wie es auch Midge im Film eigentlich ist - und auch Scottie fühlt sich zu Madeleines unerreichbarer, blonder wie kühler Schönheit hingezogen: Aus Neugier wird Faszination, aus Faszination wird Hingabe. Scottie als gebrochener Mann zwischen verzweifelnder Selbstverleugnung und hoffnungsvoller Liebe, ohne jemals wirklich die Kraft jener genießen zu können. In
Hitchcocks pessimistischem Menschenbild gibt es keine Liebe, sie ist eine Unmöglichkeit und wird mit dem "erneuten" Tod Madeleines begraben, sofern sie je existiert hat. Scottie wird von Midge geliebt, er wird von Judy geliebt, doch wen liebt er, der nicht erst an einem psychosomatischen Trauma leidet, seit er einen Kollegen im Einsatz verlor, sondern der sein Leben lang als Junggeselle, der einst nicht heiraten, sondern mütterlich umgarnt werden wollte, verweilt? Er liebt Madeleine, eine Scheinfigur, eine Frau, die so nicht existiert, sondern ein sexuelles Wunschkonstrukt darstellt.
"You shouldn't keep souvenirs of a killing. You shouldn't have been that sentimental."
Um hier den Bogen zu
Hitchcock zu spannen: Er versuchte einst versessen, aber vergeblich,
Kim Novak (
"Picnic") in Vera Miles (
"Psycho") zu verwandeln, die zwar nicht tot war, die Rolle jedoch aufgrund einer Schwangerschaft kurzfristig absagte - und zumindest so für
Hitchcock gestorben war.
"Ich habe mein Interesse für sie dann verloren. Ich kam nicht wieder mit ihr zurecht." (Hitchcock, zitiert nach Truffaut 2003: 241) Scottie kann deshalb Judy, obgleich es sich tatsächlich um die Frau handelt, die er begehrt, nach der Enttarnung nicht lieben, da der Versuch, die verstorbene Carlotta in Madeleine wieder zu beleben, scheitert: Er liebt eine Tote, an der er ewig festhalten wird (der viel zitierte Nekrophilieaspekt). Vergänglich ist hier nur die Höhenangst, gefangen auf dem Glockenturm bleibt jedoch die ewige Einsamkeit.
"Scottie, do you believe that someone out of the past - someone dead -
can enter and take possession of a living being?"
"Vertigo" kann eng verknüpft damit auch als das gesehen werden, was
Chris Marker mit seinem filmischen Essay
"La Jetée" und später
Terry Gilliam mit
"12 Monkeys" aus ihm machten: Als ein Zeitreisefilm.
Soul Bass" Gestaltungen und
Robert Burks virtuoser Zoomeffekt leiten keine optische Höhenangst ein (gerade hier wurde der Film vielmals falsch gedeutet), sondern reisen in den Spiralen der Zeit vom neuen in das alte San Francisco. Unzählige Details vom Setdesign (besonders prägnant in der Waldszene) bis zur komplexen und metaphorischen Farbgestaltung, sowie der motivischen Gestaltung von Tod und Wiedergeburt unterstreichen formal die inhaltliche Rückkehr an Orte der Vergangenheit, die zu Orten seelischer Bewältigung und Hoffnungsstätten schicksalhafter Änderungen werden, aber auch Gegenstand seelischen Abgrunds und Unterbewusstseins sind. Doch die Suche nach der Liebe kann nur in der Gegenwart enden, um dem ewigen Fatalismus der Zukunft zu weichen. Die große Tragik von
Hitchcocks Film ist die Antwort auf die Frage, die sich jeder Mensch stellt. Nur selten wurde sie so deutlich beantwortet.