(Poseidon, USA 2006)
Poseidon Adventure, The
Regie: Wolfgang Petersen
Drehbuch: Mark Protosevich
Spezialeffekte: ILM, K.N.B EFX group
Freigabe: ab 12 Jahre
Genre: Katastrophenfilm
Kamera: John Seale
Musik: Klaus Badelt
Produzent: Sheila Allen, Todd Arnow, Chris Briggs, Kevin Burns, Mike Fleiss, Akiva Goldsman
Länge: 98 Minuten
Dt. Start: 12.07.2006
Cast: Josh Lucas, Kurt Russell, Jacinda Barrett, Richard Dreyfuss, Jimmy Bennett, Emmy Rossum, Mike Vogel, Mía Maestro, Andre Braugher, Kevin Dillon, Freddy Rodríguez, Kirk B.R. Woller, Kelly McNair, Stacy Ferguson, Gabriel Jarret
"Mayday"
Silvesterabend mitten im Nordatlantik: Auf dem Kreuzfahrtschiff Poseidon wird gefeiert. Der gewaltige Luxusliner ist so hoch wie ein 20-stöckiges Haus - 800 herrschaftliche Kabinen verteilen sich auf 13 Passagierdecks. Eine Riesenwelle, eine über 50 Meter hohe
Wasserwand, rast mit unheimlicher Geschwindigkeit auf das Schiff zu. Die Woge erfasst das Schiff mit unglaublicher Gewalt, so dass es sich gefährlich nach Backbord neigt und sich schließlich überschlägt. Im noch intakten Ballsaal haben einige hundert Menschen überlebt - sie befinden sich jetzt unter der Wasserlinie. Der Kapitän besteht darauf, dass sie hier zusammenbleiben, bis Rettungsmannschaften eintreffen. Doch der Profi-Spieler Dylan Johns nimmt sein Schicksal lieber selbst in die Hand. Er ignoriert die Anweisungen und will sich allein einen Rettungsweg aus dem Ballsaal suchen. Begleitet wird er von dem neunjährigen Conor, der Dylan bittet, ihn und seine Mutter Maggie mitzunehmen. Und auch Robert Ramsey schließt sich an - er will unbedingt seine Tochter Jennifer und ihren Verlobten Christian suchen. Obwohl Dylan die anderen nur als Klotz am Bein empfindet, führt er die kleine Gruppe Überlebender wohl oder übel durch das Innere des Schiffs. Auch andere haben sich entschlossen, lieber mitzugehen als unten auszuharren: die schüchterne Elena, die sich als blinder Passagier an Bord geschlichen hat, Richard Nelson, der vor kurzem noch Selbstmord begehen wollte und jetzt neuen Lebensmut findet, und ein junger Kellner, der sich im Innern des Schiffs auskennt. Mit eisernem Willen kämpfen sie sich zur Meeresoberfläche vor, wobei sie sich ihren Weg durch die Trümmer bahnen müssen, während das Schiff langsam sinkt.


"Schiffbruch erlitten..."
Wolfgang Peterson (
"Das Boot",
"Perfect Storm") kann oder will es wohl nicht lassen: Er kommt einfach nicht los vom Wasser, von Schiffen und Booten, von großen Spektakeln, eines teurer als das andere, von Helden und Verlierern, die wiederum doch noch zu Helden werden und von einem Maximum an aufgeblasener Action, aber einem Minimum an Inhalt und Dramaturgie. "Unser Mann" in Hollywood ist eben amerikanischer als seine amerikanischen Kollegen.
"Poseidon" ist ein großartiger Beweis für die Verschwendung einer Industrie, ein unheimlich aufgeblasenes Unterfangen, das mit (offiziell) 160 Mio. Dollar Produktionskosten, inoffiziell liegt die Summe eher um die 200 Mio., zwar in der normalen Preisklasse
Petersons liegt (zumindest mit
"Troy" verglichen), sich anders aber als dessen bisherige Blockbuster als gigantischer Flop entpuppte: Niemand in den USA wollte das Remake von
Ronald Neames "The Poseidon Adventure" (
"Die Höllenfahrt der Poseidon") sehen, der Film spielte dort bislang nicht einmal 60 Mio. Dollar ein. Verständlich eigentlich, wäre die Neuverfilmung, so unterirdisch schlecht sie auch eigentlich ist, nicht letztlich doch sehr unterhaltsam.
Das Original aus dem Jahre 1972 ist bereits alles andere als herausragend, doch im unüberschaubaren Groß der Katastrophenfilme der 70er Jahre zumindest ein Lichtblick, verstand Regisseur
Neame (
"The Odessa File") es doch, all das spektakuläre Potential stets seiner Geschichte und den Figuren unterzuordnen, dabei vor allem
unter Einsatz visuell brillanter Spezialeffekte. Peterson macht das alles eigentlich gar nicht so anders, doch ist das keine Entschuldigung für die schlichte Sinnlosigkeit dieses Films, der sich mit modernen Charakteren und (natürlich) verbesserten Effekten rühmt, aber besonders in dieser Hinsicht sang- und klanglos untergeht.
Erwartungsgemäß kommt nämlich alles wie erwartet. Dass der Film verhältnismäßig zügig zur Sache geht und nach gefühlten 10 Minuten, im Original vergeht eine halbe Stunde, bereits die Riesenwelle über das Schiffchen hereinbricht, ist dabei die einzige Überraschung, denn es kommt, wie es eben kommen muss: Die Gruppe, zwar ganz politisch inkorrekt nicht ethnisch durchmischt, aber doch für jeden was dabei, muss fortan ein Hindernis nach dem anderen überwinden. Die Katastrophe selbst ist ordentlich inszeniert und mit einigen netten kleinen Ideen versehen (der sich senkende Swimmingpool), doch angesichts des enormen Budgets doch sehr, sehr überschaubar und optisch nicht so wirklich realistisch umgesetzt. Tatsächlich war dieses erste Drittel auch schon der Großteil, in den die Jungs von der ILM ihre Arbeit investierten. Der von allen Beteiligten stolz angepriesene Prolog, bei dem die Kamera dem Wasser entsteigt und 360° um das Schiff herumfährt, während wir Josh Lucas auf dem Deck joggen sehen dürfen, ist übrigens nichts anderes als eine technische Spielerei, die vielmehr das Gefühl evoziert, dass sich hier jemand wohl einfach etwas beweisen wollte, als wirklich zu erstaunen vermag.
Peterson ist nichtsdestotrotz mehr als überzeugt:
"Das ist die kühnste, verrückteste Sequenz in der gesamten Geschichte des Computertricks - aber sie wirkt absolut fotorealistisch. Ich glaube nicht, dass die Zuschauer denken: 'Was für einer toller Computereffekt!' Stattdessen werden sie sich fragen: 'Was für ein tolles Schiff - wo haben sie das bloß aufgetrieben?'".
Bleibt also von den (sehr erfreulichen) 90 Minuten Spielzeit noch ausreichend Platz für das zwischenmenschliche Gebären der bereits erwähnten Truppe. Dieses findet allerdings auch nicht so wirklich statt. Kurz: Den Rest des Films quälen sich der wie immer grimmig-sympathische
Kurt Russell (
"Crime Is King")

als Mischung aus ehemals erfolgreichem Feuerwehrmann und Ex-Bürgermeister, seine Filmtochter, die unendlich anstrengende
Emmy Rossum (
"The Day After Tomorrow"), deren Freund
Mike Vogel (unbekannt aus dem
"Texas Chainsaw Massacre"-Remake), der Draufgänger und spätere Held
Josh Lucas (
"Stealth"),
Richard Dreyfuss (erprobt im Umgang mit Wasser durch
"Jaws") als homosexueller Rentner, sowie eine Mutter mit ihrem Balg und einige andere, die allerdings zügig das Zeitliche segnen, durch viele kleine Ereignisse, die allesamt allerdings nicht wirklich aufregend miteinander verknüpft werden. Drehbuchautor
Mark Protosevich (
"The Cell") äußert sich dazu folgendermaßen:
"In einer solchen Krise zeigen wir unseren wahren Charakter, sie bringt
das Beste und Schlimmste in uns zum Vorschein. Für menschliche Beziehungen ist das eine Zerreißprobe - entweder wächst man noch enger zusammen, oder man trennt sich. Wenn sich ein geliebter Mensch als Feigling herausstellt, vergisst man das nie, aber wenn er sein Leben riskiert, um andere zu retten, wird man das auch nicht vergessen. Wir alle haben das Zeug zum Helden in uns. Unsere Persönlichkeit wird dadurch definiert, ob wir uns zum Handeln durchringen oder nicht."
Alles schön und gut, die Figurenzeichnung bleibt jedoch weitestgehend unterhalb der Wasseroberfläche, herrlich verdrehte Rollen wie die von
Kevin Dillon (
"The Blob"-Remake) haben nur Kurzzeitcharakter und die zahlreichen kleinen
Minidialoge zwischen den Actionmomenten sorgen vielmehr für haufenweise unfreiwillige Lacher, stets unterlegt von der gewohnt anstrengenden Dudelei
Klaus Badelts (
"Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl"), dessen einfallslos wie eh und je gestaltete Komposition bei
"Poseidon" keine wirkliche Stimmung aufkommen lassen will. Es ist ohnehin die große Frage bei diesem Film, wo genau denn jetzt
Peterson die immensen Kosten veranschlagt hat. Das Gebotene ist schlichtweg zu unspektakulär und technisch nicht überzeugend genug, die Darsteller dürften bezüglich ihrer Gage ebenfalls weit unter dem Durchschnitt moderner Blockbuster stehen und dafür, dass nicht einmal ein äußeres Schiffsset, wie es beispielsweise im Fall von
James Camerons "Titanic" gebaut wurde, sondern ausschließlich Innenräume im Studio entstanden, ist das, was Warner uns hier als Epos verkaufen will, reichlich fad.
Bleibt der letzte und irgendwie auch entscheidende Punkt:
"Poseidon" ist trotzdem ein gutes Stück Edeltrash, unheimlich kurzweilig, gleichermaßen unlogisch wie unterhaltsam und einfach schön doof. Dass für so etwas allerdings derart viel Geld ausgegeben werden muss, bleibt nicht fragwürdig, sondern schlicht und ergreifend unnötig.