(Edward Scissorhands, USA 1990)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Spezialeffekte: Stan Winston
Freigabe: ab 6 Jahre
Genre: Fantasy
Kamera: Stefan Czapsky
Musik: Danny Elfman
Produzent: Tim Burton, Denise Di Novi, Richard Hashimoto, Caroline Thompson
Länge: 103 Minuten
Dt. Start: 18.04.1991
Cast: Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Robert Oliveri, Conchata Ferrell, Caroline Aaron, Dick Anthony Williams, O-Lan Jones, Vincent Price, Alan Arkin, Susan Blommaert, Linda Perri, John Davidson, Biff Yeager
Regisseur
Tim Burton (
"Sleepy Hollow",
"Big Fish") gilt gemeinhin als exzentrischer Krauskopf mit der Vorliebe zum Verschrobenen und der eigenwilligen Fähigkeit, Big-Budget Hollywoodstreifen wie alles andere, nur eben nicht Big-Budget Hollywoodstreifen aussehen zu lassen. Trotz solch künstlerisch außergewöhnlicher und herausragend inszenierter Filme wie
"Mars Attacks!" (1996) oder
"Ed Wood" (1994) ist es doch
"Edward Scissorhands", so der Originaltitel, der als innovativer, facettenreichster Geniestreich konstatiert werden muss.
Der in klasssicher Märchenstimmung eingehüllte Prolog begibt den Zuschauer unmittelbar in eine wundervoll schrille, verquert kitschige Welt, die in ihrer allzu untypisch daherkommenden Erscheinungsweise überspitzt gleichförmige Nuancen amerikanischer Kleinstädtergesellschaften karikiert. Schon das verschneite 20th Century Fox-Logo deutet jene Magie an, die sich als ein spielerisches und ganz und gar
Burtonsches Märchen entpuppt.
Innocence is what he knows. Beauty is what she sees.
So entwickelt die Rahmenhandlung recht klassisch das Bild der Großmutter, die es sich im Sessel vor dem Kaminfeuer gemütlich macht, um ihrer Enkelin die wohl bewährte Gutenachtgeschichte zu erzählen - im Stile des Regisseurs mit warmen Farben visuell überdeutlich dargestellt. Die Geschichte selbst ist jene von Edward (
Johnny Depp), einem scheinbar künstlichen Menschen, der aufgrund des vorzeitigen Todes seines Erfinders (der großartige
Vincent Price in seiner letzten Kinorolle) unvollendet ohne menschliche Hände im großen Schloss, auf dem Berg über der Kleinstadt Suburbia zurückbleibt. Über seine traumatischen Erinnerungen erfährt der Zuschauer die schicksalhaften Umstände von Edwards Scherenhänden. Die frustrierte Avon-Beraterin Peg (
Dianne Wiest) findet den verschüchterten Jungen und startet den Versuch, ihn in das kleine Städtchen zu entführen. Doch seine Andersartigkeit stößt in der vermeintlichen Zivilisation neben Begeisterung neugieriger Nachbarschaft auch auf Ablehnung, spätestens dann, als sich Edward in Pegs Tochter Kim (
Winona Ryder) verliebt.
The story of an uncommonly gentle man.
Oberflächlich betrachtet setzt sich die Geschichte aus einigen Märchenmotiven sowie Elementen der Frankenstein-, Pinocchio- und Schöne und das Biest-Thematik zusammen. Die Genrearchetypen gestalten sich hier jedoch als phantastische Drahtzieher, künstlerische Aufhänger für eine tiefmenschliche Erzählung. Edward ist letztlich genauso wenig ein Roboter wie ein künstlicher Mensch, es mag auch nicht der Intention
Burtons und seiner Drehbuchautorin
Caroline Thompson (
"The Nightmare Before Christmas") entsprechen, gar eine Kritik an der Schaffung künstlicher Intelligenz deuten zu wollen - diese Ansätze schließen sich streng genommen von selbst aus. Im Kern des wunderbaren Drehbuchs geht es vielmehr um die Schwierigkeit der Position eines andersartigen Fremden in einem komplexen Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Notwendigkeit der Entschlüsselung jener wird symbolträchtig mit der Figur Edwards verbunden. Als nicht sozialisierter, unbeholfener Mensch reizt er sein von biederer Uniformität gekennzeichnetes Umfeld zur Demaskierung und konfrontiert es mit ihm als scharfen Kontrast. So ist es gleichzeitig ein Paradoxon, dass Edward als das morphologisch artifizielle dem bunten, aber kühlen Städtchen durch seine liebevoll erstellten Heckenfiguren Leben einhaucht und so den Widerspruch zum grauem, aber mit Wärme erfülltem Schloss aufzuheben versucht.
His story will touch you, even though he can't
Dass
Burton diesen Ansatz mit einer anrührenden Liebesgeschichte in den Mittelpunkt rückt, ist ein konventioneller, aber doch hochwirksamer Kunstgriff. So sind es die Szenen zwischen
Johnny Depp (
"Ed Wood",
"Finding Neverland") und Winona Ryder (
"Beetlejuice",
"Bram Stoker's Dracula"), die für magische und sinnbildlich als Auflösung des beschriebenen Kontrasts stehende Momente sorgen, welche nahezu einzigartig in ihrer filmischen Reduzierung sind: Der Ausdruck erfolgt größtenteils über zurückgeschraubte Mimik und Gestik, sowie der Darstellung einfacher technischer Mittel. Insbesondere durch den feinen Einsatz von Humor evozieren die tragisch-schönen Momente ein Gefühl tiefster Ehrlichkeit, weil es keinen Raum für etwaigen unfreiwilligen Humor gibt und
Burton die Elemente zudem meisterlich zu balancieren versteht. In erster Linie ragt dabei
Johnny Depp mit seiner Darstellung des Edward, die mit Sicherheit die beste seiner Karriere ist, heraus, in dem er es meisterlich versteht, seine Gefühle aufgrund der nicht erlernten Fähigkeit emotionalen Ausdrucks vor allem über seine Augen wiederzugeben (mit unübersehbaren Stummfilmreminiszenzen) und dafür mit einer Golden Globe-Nominierung bedacht wurde. Zuletzt sind es auch die herausragenden, für den Oskar nominierten Make-Up-Effekte von
Stan Winston (
"Terminator",
"Aliens"), die dieser Darstellung eine Basis verleihen.
In
"Edward mit den Scherenhänden" strotzt das gesamte Figurenspektrum nur vor extremen Charakteren, denen unabhängig ihrer inhaltlichen Funktion allesamt wahres Leben eingehaucht wird. Im
Burtonschen Universum werden die Protagonisten oftmals schon durch kleine kulminierende Details porträtiert, die hier als ganzes in der Darstellung des Vorortes sublimiert werden. Mag man mit der emotional bewusst naiven Welt
Burtons nicht viel anfangen können, so beeindruckt abermals die visuelle Einzigartigkeit des Films: Ausstattung, sowie Produktions- und Kostümdesign sind angenehm stimmig der Geschichte untergeordnet. Die kräftigen Pastellfarben und starken Kontraste schaffen wundervolle Bilder, deren Kleinstadtcharakter durch den Einsatz von Weitwinkelobjektiven besondere Betonung erfährt.
"Hold me." - "I can't."
Dabei schaffen wenige Dialoge Platz für magische Bildkompositionen: Wenn Kim im Schneeregen gleitet und Edward die Eisskulptur erschafft, werden lyrische Momentaufnahmen ungeheuerlich intensiver Wirkungskraft produziert, die die Nähe zum Musical, als solches der Film ursprünglich konzipiert war, besonders deutlich werden lassen, nicht zuletzt aufgrund der Musik
Danny Elfmans (
"Batman",
"Armee der Finsternis"), die als Herzstück von
"Edward mit den Scherenhänden" bezeichnet werden darf und erneut in der Tradition
Nino Rotas steht. Es ist nicht nur die schönste aller Kompositionen, sondern nach eigenen Angaben
Elfmans auch dessen komplexeste. Die betörend anrührend klingenden Variationen des Titelthemas dienen nicht einer Untermalung, sondern erzeugen maßgeblich die Grundstimmung des Films. Was Edward nicht auszudrücken vermag, übernimmt von Anfang an der Einsatz expressiv komponierter Musik, die wie ein ständiger Begleiter das Geschehen kommentiert und der Forcierung bestimmter Schlüsselszenen (beispielsweise den Tod von
Vincent Price) dient. Der Einsatz von typisch düsteren in Verbindung mit besonders hohen Streichern, wie sie
Elfman auch bei seinen anderen Filmkompositionen einsetzt, wird kombiniert mit dezenten Chören und kleinen, skurrilen Zusatzelementen wie weihnachtlich anmutenden Klängen, die gepaart mit den Bilderreigen Burtons ein harmonisches Geflecht bilden. Trotz der musicalartigen Akustik degradiert
Elfman den Film dabei nicht zu einem Werk trivialen Kitsches.
"Before he came down here, it never snowed. And afterwards, it did. I don't think it would be snowing now if he weren't still up there. Sometimes you can still catch me dancing in it."
Als eine Konsequenz der sozialkritischen Geschichte spitzt sich die Handlung zu einem tragischen, grandiosen Finale zu. Der Forderung nach gesellschaftlicher Toleranz muss die nüchterne Realität weichen. Trotzdem
Burton auf eine visuell überbetont ausdruckstarke Ausstaffierung ganz bewusst nicht verzichtet, erzielt er im Schlussdrittel dramaturgisch ein Höchstmaß an Wirkung, so pessimistisch die Quintessenz dabei auch ausfallen mag. Die verlogene Wirklichkeit biederer Bürgerlichkeit ist immun gegen die magische Fantasie des anderen, womit sie sich eigenen Erkenntnissen verwehrt. Edwards Versuch, diese Rationalität mittels selbst geschnitzter Eisskulpturen als Abziehbild eines wahren Menschseins und herunterwirbelndem Schnee zu durchbrechen, wird fortbestehen.