Auf dem Weg nach Kalifornien strandet Familie Carter mit ihrem Wohnmobil auf einem scheinbar verlassenen Militärgelände, das für atomare Tests genutzt wurde. Fern von der nächsten Stadt realisieren sie recht bald, dass das scheinbar unbewohnte Ödland die Brutstätte einer
blutrünstigen Mutantenfamilie ist ... und sie die Beute!
Wir schreiben das Jahr 1976, als
Wes Craven von einem Freund, dem B-Movie Produzenten
Peter Locke, das Angebot erhält, vier Jahre nach seinem einschlägigen Regiedebüt
"Last House on the Left" einen weiteren Genrefilm zu inszenieren. Der Regisseur war nicht glücklich mit der Tatsache, dem Type-Casting verfallen zu sein, doch insbesondere aus finanziellen Gründen schrieb er schließlich das Drehbuch zu
"The Hills Have Eyes", der zu einem Kultfilm des 70er-Jahre Undergroundkinos avancieren sollte und dem heute bei einem Budget von 230 000 Dollar ein weltweites Einspielergebnis von 30 Mio. Dollar gegenüber steht. Trotz seiner inhaltlichen wie formalen Nähe zu
Tobe Hoopers
"The Texas Chainsaw Massacre" (1974), bei dem ebenfalls eine Gruppe unschuldiger Durchschnittsamerikaner in die Fänge von Kannibalen gelangen, schuf Craven einen kantigen, rohen und wenig gradlinigen Terrorfilm, der es nicht nur verstand,
Hoopers Beitrag zum politischen Horrorfilm bezüglich einer Atomwaffenthematik um eigene Kommentare zu ergänzen, sondern auch gleichzeitig zum Inbegriff des amerikanischen Exploitationsfilms der Spät-70er wurde.
They wanted to see something different, but something different saw them first.
Nachdem Hollywoods neu entflammter Geldhahn - Remakes - selbst vor
George Romeros
"Dawn of the Dead" (1978) und vor allem
"The Texas Chainsaw Massacre" nicht Halt machte, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch
Cravens von der Wüstenhitze etwas angestaubter Backwood-Klassiker neu aufgelegt werden würde. Die Nachricht, dass niemand geringeres als der 27jährige
Alexandre Aja die Neuverfilmung von
"Hügel der blutigen Augen", so der deutsche Kinotitel, und damit gleichzeitig sein US-Debüt inszenieren soll, sorgte jedoch schnell für ein kräftiges Durchatmen und gesteigerte Vorfreude eingefleischter Fans. Mit
"Haute Tension" (2003) hat der französische Regisseur einen nachhaltigen Genrebeitrag vorzuweisen, der sich aufgrund seiner intelligenten Geschichte und den expliziten Gewaltexzessen schnell zu Geheimtipp und Qualifizierung in einem entwickelte und auf mehreren Festivals (u.a. in Sitges) mit Preisen überhäuft wurde. Da
Craven zudem selbst als ausführender Produzent agiert und die Special F/X in die verantwortungsvollen Hände von
Greg Nicotero und
Howard Berger (besser bekannt als K.N.B. EFX Group) fielen, durfte man durchaus gespannt sein auf die moderne Interpretation der atomar verseuchten Kannibalen, die in der deutschen Fassung einst zu durchgedrehten Außerirdischen erklärt und somit ad absurdum geführt wurden.
The lucky ones die first.
Mit
"The Hills Have Eyes" gelingt
Aja tatsächlich das erste Remake seiner Zeit, das auf ganzer Linie überzeugen sowie die ursprüngliche Idee weiterentwickeln und adäquat in die Gegenwart transportieren kann. Wo andere Zugeständnisse an ein modernes Zielpublikum machen, verleiht
Aja seiner Version somit eine durch den Meister selbst legitimierte Daseinsberechtigung.
Zwei Wissenschaftler entnehmen Proben eines Flusses, irgendwo inmitten einer atomaren Sperrzone. Unvermittelt und hektisch springt ein undefinierbares, menschenähnliches Wesen hervor. Ehe sich der Zuschauer ob der extrem stilisierten Szene entsinnen kann, bohrt sich die Spitzhacke in die Brust des Mannes - gerade Platz genommen und man befindet sich bereits mittendrin in
Ajas kompromisslos-brutalem Nirgendwo. Es folgt die ironisch kontrastierende Titelsequenz, die unweigerlich zur ersten Verschnaufpause wird. Das fängt ja gut an ...
All the leaves are brown. And the sky is grey.
Die Einführung der 1:1 an
Cravens Original gehaltenen Charaktere ist klassisch und mit einigen One-Linern unterlegt, auf deren in der Summe aber verschmerzbaren Einsatz auch
Aja nicht verzichten kann. Die staubig-körnige Atmosphäre, erzeugt von der bereits in den ersten Minuten erstaunlich dominanten Kameraarbeit von
Maxime Alexandre (
"Haute Tension"), entfaltet sich langsam, aber wirkungsvoll. Man weiß auch als Nichtkenner des Originals: Dies ist eine Gegend der Rednecks, ein Ort, an dem einen das Benzin besser nicht ausgehen sollte. Die Sympathien sind schnell verteilt, ob Vater Bob, die Geschwister Brenda und Bobby oder der spätere Held Doug, die Familie bietet besonders als ganzes ausreichend Identifikationsraum. Bestand bereits in
Cravens Version der Reiz in der ungewöhnlichen Zeichnung der Figuren, so gelingt es der neuen Darstellung erstaunlich gut, diesen Effekt zu wiederholen. Bereits in den ersten Dialogen kommt dabei
Ajas ironisch brechender Einsatz politischer Konnotationen zur Geltung, wenn Big Bob sich über den Schwiegersohn in spe aufgrund dessen Abneigung gegenüber Waffen belustigt:
"He's a democrat, he doesn't like guns." Doch in
Ajas distanzierter Sichtweise bleibt es nicht beim lockeren Schlagabtausch und so kann auch seine NRA-Mentalität Bob nicht vor dem Tod bewahren, bekanntermaßen als erstes Opfer der Familie. Ein französischer Regisseur spricht eben eine andere Sprache.
I'd be safe and warm - If I was in L.A.
"California Dreaming" von
The Mamas and the Papas drückt nicht nur die heiter-optimistische Urlaubsstimmung der Familie Carter aus, sondern auch den Wunsch nach kalifornischer Sonne, um dem winterlichen (= grauen) Alltag zu entfliehen. Der Einsatz des bekannten Ohrwurms hat somit inhaltlich eine starke Bedeutung und beleuchtet die innere Beschaffenheit der Charaktere, führt doch der clever inszenierte Autounfall zu Frust und Isolation ("On a winter's day"). Es sind Einfälle wie dieser, die selbst Kenner der 77er Version überraschen werden. Der Song steht darüber hinaus auch metaphorisch für die starke Geschlossenheit der Familie. Sie wirken unzertrennbar und gefestigt, was in einer besonders eindrucksvollen Szene, als die Familienmitglieder einen Kreis schließen und sich schwören, dass alles ein gutes Ende nehmen werde, deutlich wird. Ihnen gegenüber steht die ebenfalls auf Zusammenhalt organisierte Familie ausgestoßener Hinterwäldler. Tatsächlich betont
Aja diesen Kontrast gutbürgerlicher Christen und durch amerikanische Atomtests degenerierter Kannibalen deutlicher, mitunter sogar eindrucksvoller als
Craven.
The story of an American family who lost everything except the will to survive.
Zu den Erneuerungen der Geschichte zählt auch die stärkere Betonung der möglichen Hintergründe der Missgebildeten. In einer optisch beeindruckenden (und dem Schlussbild von
"From Dusk Till Dawn" ähnlichen) Szene wird ersichtlich, dass Familie Carter offenbar nicht die ersten Opfer der Hinterwäldler sind. Die Kamera fährt über einen gigantischen Atomkrater, in dem sich dutzende Autowracks versammeln - aus diesem totalen Dead End kann es keinen Ausweg geben:
"You won't believe it, it's like the Twilight Zone." Insgesamt vergeht einige Zeit bis zum ersten direkten Angriff. Die neue Wohnwagen-Sequenz allerdings steht der berühmt-berüchtigten Szene des Originals in Bezug auf den Terrorgehalt in nichts nach. Hier wird einer etwaigen Political Correctness abgeschworen, indem das Baby - wie in
Cravens Film - in den Mittelpunkt des intensiven Angriffs gerückt wird. Mit drastischer Gewalt geizt
Aja erwartungsgemäß nicht und liefert in Momenten wie diesen beklemmend realistischen Horror. Die Wirkung ist letztlich nur deshalb nicht dieselbe wie die des Originals, weil dem Remake morphologisch außergewöhnliche Darsteller wie
Michael Berryman (
"Haunting Fear",
"The Devil's Rejects") fehlen und durch etwas zu deutlich verunstaltete Rednecks ersetzt wurden.
They fought back, everything was a weapon.
Drehte schon
Craven das Prinzip des Final Girls um, in dem er mit
Martin Speer (
"Wonder Woman") den im Schlussdrittel kämpfenden Vater, der sein Baby retten will, darstellte und sich somit von
"The Texas Chainsaw Massacre" oder seinem eigenen
"Last House on the Left" unterschied, unterstreicht
Aja diesen Handlungsteil noch deutlicher.
Aaron Stanford (
"25 Stunden",
"X-Men 2") schafft es in beachtlicher Weise seiner Figur Tiefe zu verleihen und durchläuft eine Wandlung vom pazifistischen office guy zum Rache erfüllten Vater. Das Finale wurde in diesem Zusammenhang am deutlichsten abgeändert. Bekam der Zuschauer einst nur einfach hergerichtete Höhlen der Kannibalen zu sehen, so leben sie nun in einer kleinen verstaubten Stadt. Diese Erneuerung ist neben der Notwendigkeit aufgrund des zeitlichen Kontexts (obwohl der Film sonst eine nicht zu verkennende 70er-Jahre Midnight Movie-Atmosphäre besitzt) deshalb so beeindruckend, weil es sich nicht etwa um eine Stadt handelt, die die Hinterwäldler selbst erbauten. Es sind vielmehr die Reste eines atomaren Testgebiets: Eine Straße mit kleinen Reihenhäusern, selbst die Schaukel darf in diesem so seltsam vertrauten Bild nicht fehlen. Gewinnt die Geschichte damit bereits genug an aktueller Gültigkeit, verzichtet
Aja auch nicht auf eine gehörige Portion symbolträchtigen, zynisch-kritischen Patriotismus, den man durchaus im Kontext der Bush-Administration betrachten kann.
Neben all der doppelbödigen Metaphorik ist der Streifen nichtsdestotrotz ein purer Terrorfilm, um nicht zu sagen der ultimative Horrorschocker. Wo
Craven einst auf allzu detaillierte Gewalt verzichtete (bzw. diese für ein R-Rating milderte), zelebriert
Aja regelrecht barbarische Goreszenen, die selbst in der internationalen Kinofassung, die vom NC-17 Rating auf ein R gekürzt werden musste, sehr graphisch ausgefallen sind. Zwar ästhetisiert das Remake die Darstellung solcher Szenen (wodurch die dreckige Rohheit des Originals nicht gänzlich erreicht werden kann), sie verfehlen jedoch keinesfalls ihre Wirkung. Auf DVD wird dann die bereits angekündigte, noch härtere Unrated-Fassung erscheinen.
"The Hills Have Eyes" ist ein fantastischer, kompromissloser Horrorfilm, der im Gegensatz zur Masse an Remakes keine Rücksicht auf ein mildes Teenagerpublikum nimmt. Mit seiner Version des Trashklassikers aktualisiert
Alexandre Aja den gesellschaftlichen und politischen Gehalt der Story und kann dem Anspruch einer Neuverfilmung in jedem Punkt gerecht werden.