(Rohtenburg, D 2005)
aka. Butterfly, a Grim Love Story
Regie: Martin Weisz
Drehbuch: T.S. Faull
Spezialeffekte: -
Freigabe: Keine Jugendfreigabe
Genre: Thriller, Drama
Kamera: Jonathan Sela
Musik: Steven Gutheinz
Produzent: Marco Weber, Vanessa Coifman, Andreas Schmid
Länge: 89 Minuten
Dt. Start: 09.03.2006
Cast: Keri Russell (Katie Armstrong), Thomas Huber (Simon Grobeck), Thomas Kretschmann (Oliver Hartwin), Rainier Meissner (junger Oliver), Angelika Bartsch (Viktoria), Alexander Martschewski (Rudy), Nils Dommning (Karl), Markus Lucas (Felix), Pascal Andres (junger Simon)
Die amerikanische Kriminalpsychologiestudentin Katie Armstrong wählt für ihre Abschlussarbeit einen berüchtigten Fall: Oliver Hartwin wuchs bei seiner psychisch kranken Mutter auf, der Vater hatte die Familie verlassen und anstelle von einem realen Freund sprach Hartwin stets mit einem imaginären. Nachdem seine Mutter verstarb, übernahm er das abgelegene Haus und baute den Keller um, in dem er seinen Wünschen, dem Schlachten von Menschen, nachgehen will. In Simon Grombeck hat er ein freiwilliges Opfer gefunden. Während ihrer Recherchen, die im Heimatdorf Hartwins beginnen, stößt die junge Studentin auf das während des Mordes gedrehte Video und somit an ihre eigenen Grenzen. Gemeinsam mit ihr erfährt auch der Zuschauer die Geschichte des kannibalischen Mörders - bis hin zu der grausamen Tat selbst.
Als "Kannibale von Rotenburg" wurde der Computertechniker Armin Meiwes, drei Jahre nachdem seine Tat öffentlich bekannt wurde, medienträchtig betitelt. Im März 2001 verabredete sich der psychisch und sexuell gestörte Meiwes via Internet in einem so genannten Kannibalenforum mit einem Mann, den er auf dessen Wunsch hin schlachtete und teilweise verspeiste. Zuvor biss er ihm bei lebendigem Leibe das Geschlechtsteil ab, kochte und aß es. Da sein Opfer dadurch nicht verblutete, tötete Meiwes den Mann am nächsten Morgen, indem er ihm mit einem Küchenmesser den Kopf abschnitt. Danach zerteilte er den restlichen Körper und fror die Stücke ein.


Man muss diesen Vorgang nicht explizit schildern, bereits die groben Einzelheiten reichen aus, um sich ein Bild von dieser Tat, diesem weltweit für Aufsehen sorgenden Verbrechen zu machen. Es bedarf natürlich keiner Sensationsgier, aber es gibt sie. Ein jeder mag es abstoßend finden, allein der Gedanke an die Bilder des selbst gedrehten Videos evoziert Unbehagen, und doch äußerte sich der geifernde Voyeurismus selten so klar in der Öffentlichkeit wie zu diesen Tagen. Noch immer beschäftigt der Fall: Der Bundesgerichtshof hat das Urteil von 2004, nachdem Meiwes wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, der Revision der Staatsanwaltschaft folgend aufgehoben. Es sei Mord gewesen, nicht "Tötung auf Verlangen", worauf sich die Verteidigung beruft. Meiwes droht deshalb eine lebenslange Gefängnisstrafe. Das Urteil wird am 9. März 2006 erwartet - genau an diesem Tag startet der Film
"Rohtenburg" (der Originaltitel
"Butterfly, a Grim Love Story" weicht nicht zufällig stark vom deutschen Pendant ab), der auf diesem Fall basiert.
Thomas Kretschmann spielt darin Oliver Hartwin (die inoffizielle filmische Entsprechung des Mörders). Man kann hier allein in Bezug auf den Starttermin zweifellos nicht von Zufall sprechen, genau dieses Publicity-Vorgehen ist geradezu bezeichnend für den Film selbst, denn es fällt merklich schwer, dem ganzen angesichts einer so gezielten Vermarktung als eventuell ehrliche, nüchterne Darstellung eine Chance zu geben.
Diese Chance hat der Film jedoch bekommen - und man ist tatsächlich erstaunt, dass
"Rohtenburg" zunächst eher wenig plakativ zu Tage tritt. Dabei orientiert sich das alles mehr als nur grob am wahren Geschehen, sondern bebildert im Grunde säuberlich die Fantasie der Bild-Leser. Da werden zwar überraschend zurückhaltend selbst zweckhafte Einzelheiten gespart und größtenteils mit Andeutungen (deren Wirkung aber nicht zu verachten ist!) gearbeitet, doch die ruhige Erzählweise mag zwar die Stärke des Films sein, die unnötig Detail verliebte Darstellung der Tat als solche zum Ende hin ist extrem und alles andere als distanziert. Man verharrt - zugegeben geschockt - im Kinosessel, fragt sich still und leise, was Debütfilmer
Martin Weisz (bis dato bekannt als Videoclipregisseur u.a. für Korn und Nickelback) dem Zuschauer eigentlich mitteilen wollte. Dass Armin Meiwes ein gestörter, unkontrollierter Mann ist? Oder will er den moralischen Zeigefinger heben und warnen, will er aufmerksam machen auf gesellschaftliche Verwahrlosung, Leben in der Anonymität, haltlose Isolation?
Sich dem dann filmisch zu nähern, das ist wohl die unglaubwürdigste aller Lösungen, angesichts von Verleihhinweisen der Sorte "ein an Intensität kaum zu überbietender Real-Horrorfilm". Nein, es liegt klar auf der Hand:
"Rohtenburg", das ist die traurige wie totale Ausschlachtung (durchaus im doppelten Sinne zu verstehen) eines Verbrechens, ein reinkulturiger Exploitationfilm aus deutschen Landen. Da wären vor allem einmal die unsäglichen Klischees, die den Film dominieren. Von den allgemeinen, aufgesetzten Off-Kommentaren der Studentin Katie Armstrong (jener Person, die die eigentlich sinnvolle, aber völlig vernachlässigte Rahmenhandlung bestimmt), über die völlig unglaubwürdige, von
"Psycho" inspirierte Mutter-Sohn-Beziehung bis hin zu Szenen, in denen Hartwin sich
"Gesichter des Todes" ansieht (und das - natürlich - augenscheinlich genießt). Der Versuch eines bemühten Psychograms ist mit viel, sehr viel Willem erkennbar, geht über grobe, um nicht zu sagen ärgerlich oberflächliche Momente jedoch nicht hinaus und bleibt im Ansatz stecken. Hartwin (und somit zwangsläufig leider auch Meiwes) wirkt genauso platt verstörend, wie ihn die breite Öffentlichkeit nach Rezeption und Medien-Studium wohl ohnehin empfunden haben dürfte. Die Visualisierung des ganzen ist deshalb selbstredend unnötig, ebenso wie der Einsatz verbrauchter Stilmittel. Da werden Rückblenden im Super-8 Look verfremdet, Charaktere nur oberflächlich gezeichnet (wodurch deren psychologische Kehrseite, insbesondere die von Katie, auf der Strecke bleiben) und das grausame Geschehen um plumpe Metaphorik ergänzt. Das gipfelt im peinlich interpretatorischen Versuch, den Mörder in Zusammenhang mit dem Sinnbild des Schmetterlings (vgl. Originaltitel) zu bringen. Dies will allein schon wegen der aufdringlich als Schlüsselsequenz angelegten Szenenkonstruktion nicht funktionieren.
Auch in Bezug auf die darstellerischen Leistungen ist der Film zwiespältig.
Keri Russell (Serienfans aus
"Felicity" bekannt) weiß zu gefallen, doch wird ihre Figur wie schon erwähnt vernachlässigt und nicht ausreichend in den Kontext der von ihr untersuchten Tat gestellt. Hier wäre es reizvoller gewesen, ihr soziales Umfeld nicht nur anzureißen. Sehr unrealistisch fällt im Übrigen die Tatsache aus, dass sie das Video mit der gefilmten Tat offensichtlich problemlos besorgen kann und es sogar bis vor die Tür "geliefert" bekommt.
Thomas Kretschmann (
"Blade II",
"Der Pianist",
"King Kong"), derzeit sicher einer der meistgefragten deutschen Schauspieler im Ausland, tut sich mit der Rolle des Mörders keinen Gefallen. Zu sehr fühlt man sich an filmische Pendants wie Norman Bates oder Hannibal Lecter erinnert - Assoziationen die unter Umständen nicht er, das Drehbuch aber durchaus aufwerfen will. Sein Opfer
Thomas Huber (
"Aeon Flux") dagegen sorgt mit der intensiven Darstellung eines Mannes, der gefressen werden will, für schockierende, einige überzeugende Momente, die allerdings durch die Primitivität der Dialoge verlieren. Die wenigen anderen Schauspieler sind Beiwerk und fallen höchstens durch ihr in der Originalfassung künstlich gesprochenes Englisch auf - ein Umstand, der das Geschehen zudem teilweise steif und affektiert wirken lässt.
Somit ist
"Rohtenburg" ein beklemmend-schlechtes Kammerspiel, intensiv, drastisch, marktschreierisch in seiner Thematik, die leider nicht der Phantasie eines Drehbuchautors entstammt. Dass es noch plakativer, noch effekthascherischer hätte werden können, ist alles andere als ein Vorteil dieses formal schwachen Films, den niemand gebraucht hat.