Oh Yes, There Will Be Blood
Letztes Jahr war
"Saw" für mich der Überraschungsfilm des Fantasy Filmfestes und hat mich trotz seines etwas überzogenen Schlussgags schwer begeistert. Selten baute ein Film in den letzten Jahren einen dermaßen hohen Spannungsbogen auf und das mit nur zwei Charakteren, eingeschlossen in einem Keller. Wir erinnern uns: Der junge Fotograf Adam und Dr. Gordon wachen ohne Erinnerungen, wie sie an diesen dunklen Ort gelangten in einem Kellerloch, auf. In der Mitte des Raumes liegt eine Leiche und neben ihr ein Revoler und ein Diktiergerät. In ihren Hosentaschen entdecken sie jeweils eine Kassette, deren Inhalt ihnen angibt, dass Dr. Gordon genau 6 Stunden Zeit hat Adam zu töten, ansonsten stirbt seine Familie.
Dies waren Momente, welche dem Publikum kalte Schauer über den Rücken liefen ließen und für 90 Minuten Terror und Spannung sorgten. Regisseur
James Wan schuf einen Thriller der Extraklasse, mit Fallen, welche sadistischer nicht hätten sein können und einem Plottwist, welcher den Zuschauern reihenweise die Kinnlade herunterklappen ließ. Ein Ausnahmefilm, wie es ihn nur selten zu sehen gibt. Blutig, gemein und ohne Happy End ...
"Saw" wurde über Nacht zum Kassenschlager und erreichte schnell Kultstatus bei den Fans. Daher war es nur eine Frage der Zeit bis es zu einer Fortsetzung kommen sollte. Aber ist ein knappes Jahr nicht etwas zu kurz? Als die Produktionsfirma
Lions Gate bekannt gab, dass man an einer Fortsetzung arbeitete, wurde das Internet von jeweiligen Story-Ver Beweiß stellten.
Etwas mehr Sorge bereitete aber die Tatsache, dass
James Wan sich vom Regiestuhl verabschiedete und man den Platz frei für einen neuen unerfahrenen Musik- und Werbefilmer mrmutungen überschüttet. Viele haben den ersten Teil ja nicht überlebt und dennoch wollte man Darsteller aus dem ersten Film mitwirken lassen und dennoch ganz andere Wege gehen. Laut Gerüchten sollte das Urskript für den zweiten Teil verwendet werden, was sich letztlich als falsch rausstellte. Stattdessen nahm man ein bereits existierendes Genre-Skript und modifizierte dies so um, dass es als Fortsetzung zu
"Saw" genommen werden konnte.
Man versprach uns von Anfang an fiesere Fallen, mehr Terror und vor allem mehr Personen eingeschlossen in ... ja, worin eigentlich? Wieder ein Keller, nur diesmal anstelle von zwei vier Gefangene? Die Fans zerbrachen sich den Kopf, stellten die wildesten Theorien auf und zerrissen den Film schon bevor er überhaupt gedreht war. Alles ohne Grund? Das müsste man langsam meinen, denn wie oft wurden Fortsetzungen verteufelt und waren dann dem Original ebenbürtig?!? Nicht selten, was Filme wie z.B.
"Terminator 2" eindrucksvoll bewiesen.
Darren Lynn Bousman heißt der 26 Jahre junge Regisseur aus Kansas und durfte mit
"Saw 2" sein Regiedebüt abliefern.
Aber kommen wir doch jetzt einfach zu heiß ersehnten oder aber auch verhassten Fortsetzung des Kinojahres 2005. In Deutschland läuft
"Saw 2" erst im Februar 2006 an und wird wie Teil 1 ebenfalls von
Kinowelt in die Lichtspielhäuser gebracht.
Darren Lynn Bousmans Debüt schlug in den USA ein wie eine Bombe und spielte am Eröffnungswochenende über 31 Millionen US-Dollar ein und das bei einem Budget von gerade mal etwas über 4 Millionen und ist mit einem Gesamteinspielergebnis von über 100 Millionen Dollar der erfolgreichste Independent-Film aller Zeiten. Aber was haben wir den immensen Erfolg von
"Saw 2" zu verdanken? Ist es wirklich die Qualität des Films oder nur der Hype und der Erfolg des Erstlings? Schauen wir uns doch einmal die Geschichte zu
"Saw 2" an. Wer Teil 1 noch nicht kennt, sollte vielleicht besser nicht weiter lesen, da ich an dieser Stelle nicht auf Spoiler verzichten möchte.
Nachdem das Massaker im ersten Teil bis auf den Jigsaw Killer niemand wirklich überlebt hat (Adam dürfte im Keller verhungert sein und Dr. Gordon ist entweder verblutet oder vom Jigsaw Killer getötet worden), treibt der Puzzelmörder seine bösen Spiele weiterhin. Sein neuestes Opfer ist ein Mann, dessen Kopf in einer Art überdimensionalen Bärenfalle gesteckt wurde, welche nach Ablauf der Zeit den Kopf der Mannes zermalmt. Nur der Schlüssel kann ihn vor dem sicheren Tod retten, doch dieser Schlüssel befindet sich hinter sein rechtes Auge operiert - der Mann versagt!
Inspektor Eric Matthews und Kerry ermitteln in diesem Fall und tappen im Dunkeln. Als sie jedoch das jüngste Opfer auffinden, stellt sich heraus, dass der Mann ein guter Freund von Eric ist

und der Jigsaw Killer eine Botschaft für den Inspektor hinterlassen hat. Nach einem Streit mit seinem Sohn und einer alptraumhaften Nacht wacht Eric Schweiß gebadet auf und scheint dank des Hinweises zu wissen, wo sich der Killer befindet. Ein S.W.A.T.-Team, sowie Kerry und Eric stürmen die Lagerhalle, in der sich der Killer zu verbergen scheint und wissen nicht, dass sie sich schon mitten in einem Spiel des sadistischen Mörders befinden. Übermütig tappen sie in eine Falle und haben bereits erste Verluste zu verbuchen. Ungeachtet dieses Vorfalles dringen sie weiter vor und treffen auf dem vermeintlichen Killer, der schon auf Eric wartet.
Zu der Verhaftung kommt es nicht, denn ein Blick auf einige Monitore zeigt, dass der sichtlich angeschlagene und vom Krebs verzehrte Jigsaw Killer 8 neue Opfer in seiner Gewalt hat - darunter auch Erics 17jähriger Sohn Daniel!
Eingesperrt in einem Haus kommen die drei Frauen und die fünf Männer langsam zu sich und wissen nicht wie ihnen geschieht. Unter ihnen befindet sich auch Amanda, die Einzige, welche das Spiel des Jigsaw Killers überlebt hat. Sofort beginnt sie ihre Umgebung abzuklären, während die anderen panisch umhertoben. Hinter einer lockeren Steinwand findet sie, was sie gesucht hat: das Diktiergerät und einen Schlüssel. Das Spiel beginnt und diesmal scheint es noch tödlicher als zuvor. Jeder von ihnen wurde mit einem Nervengas vergiftet und sie haben nur wenige Stunden Zeit das Gegengift zu finden. Eins befindet sich im Tresor in ihrem Raum und jeder kennt die Kombination, nur keiner weiß, welche es ist. Weitere Impfstoffe sollen im Haus zu finden sein, sowie eine Aufgabe für jede der Personen, doch sie sollen den Raum nicht verlassen. Misachtung der Warnungen werden bei solchen Filmen bekanntlich mit dem Tode bestraft und das erste Opfer wird gefordert. Es bleibt ihnen nicht mehr viel Zeit, das Gift fängt an zu wirken ...
Währenddessen schaut Daniels Vater fassungslos auf die Monitore. Das S.W.A.T.-Team braucht mit dem Anpeilen der Sender zu lange und der Killer räumt Eric eine Chance ein, seinen Sohn lebendig wieder zu sehen. Er soll sich zu ihm setzen und ihm zuhören. Einfach nur zuhören. Doch dies scheint in Anbetracht der Situation kaum möglich und die Situation scheint zu eskalieren. Hätte Eric bloß auf den Killer gehört ...
We Dare You Again...
Es ist genau das eingetreten, was man sich hätte denken können. Die durchaus interessante Idee mit den acht Gefangenen bietet grundsätzlich erst einmal viele Möglichkeiten eine gute Geschichte zu erzählen, doch leider sind dies acht Charaktere genau das Problem im Film. Konzentrierten wir uns im

ersten Teil auf Adam und Dr. Gordon, lernten ihre Sünden kennen und erhielten einen tieferen Einblick in ihr Privatleben, um die Taten des Jigsaw Killers besser verstehen zu können, scheint der größte Teil der Protagonisten hier nur Kanonenfutter zu sein und somit bleiben sie allesamt recht oberflächlich charakterisiert. Amanda (
Shawnee Smit), die als Einzige das Spiel am Anfang des ersten Teils überlebte, darf noch einmal kurz zurückblicken und selbst Daniel als Sohn des Inspektors bleibt recht blass. Die Figuren erscheinen klischeehaft und dumm, laufen in die Fallen ohne Nachzudenken und lernen nicht einmal daraus. Zudem scheint man hier nach dem Motto
"Höher, schneller, weiter" gedreht zu haben, denn
"Saw 2" ist schmutziger, düsterer und sadistischer als sein Vorgänger. Aber ist er auch besser? Mitnichten, liebe Leser.
"Saw 2" bietet gute Ansätze und erstickt sie wieder im Keim, versucht Drehbuchschwächen durch Gore-Einlagen wettzumachen, wobei sein Vorgänger viel schockierender in seiner Inszenierung war. Hier gibt zwar die oben erwähnte "Bärenfalle", eine hinter einer Tür versteckten Pistole, einen Hochofen und ein Meer von Drogenspritzen. Letztere ist besonders intensiv ausgefallen und lässt den Zuschauer schon etwas schlucken. Der Rest ist eine routinierte Slasher-Parade, wie man sie schon oft gesehen hat und
Darren Lynn Bousman schafft es einfach nicht, uns vor die Leinwand zu bannen. Hier fehlt eine Identifikationsfigur, denn weder Daniel noch Amanda werden so in Szene gesetzt als dass sie für das Publikum von wirklichem Interesse sein dürften. Der Rest der acht, welche sich Keule schwingend auch ohne Jigsaws Spiele ins Jenseits befördern, sind uninteressante Charaktere ohne Gesicht. Da macht es auch nichts mehr, wenn man mit
Glenn Plummer (
"Day After tomorrow" und
"Speed 2") den Alibischwarzen und mit
Beverley Mitchell (
"Eine himmlische Familie") ein bekanntes TV-Gesicht unter den Opfern hat. Etwas bekannter aber ebenfalls verblasst in der zu hektischen und innovationslosen Inszenierung ist die hübsche
Emmanuelle Vaugier (
"Wishmaster 3",
"House of the Dead 2") welche sich zumindest als Genre erprobt herausstellt.
Dina Meyer (
"Starship Troopers") ist neben der talentierten
Shawnee Smith (
"Die Insel",
"Dogtown") und
Tobin Bell als Jigsaw Killer die Einzige, welche noch aus dem ersten Teil übrig ist und spielt hier wieder nur die zweite Geige, dabei wäre gerade hier Story technisch eine Menge möglich gewesen. Stattdessen schreibt man sich ein Skript zusammen, welches zwar nicht schlecht ist, aber bei weitem nicht so abgefahren wie das des ersten Teils ist und pfiffige Kinogänger werden hierbei auch leider viel zu schnell den Braten riechen und von der etwas einfallslosen Auflösung enttäuscht sein.
Zum Ende hin immer hektischer werdend, wechselt das Szenario stets zwischen Inspektor Eric Matthews, welcher hier recht demotiviert von
Donnie Wahlberg (nicht zu verwechseln mit sein berühmteren Bruder Mark) gespielt wird und den Geiseln im Haus. Letztere tappen von eine Falle in die andere und scheinen einfach nicht in der Lage zu sein, das Rätsel gemeinsam zu lösen. Zudem dürfte es am Anfang komisch erscheinen warum Amanda und Daniel augenscheinlich keine Auswirkung des Giftes verspüren, was leider ein viel zu offensichtliches Manko ist, das schon nach wenige Minuten auffällt.
Leider lassen sich diverse Kleinigkeiten fortsetzen, da ich aber nicht mehr spoilern möchte als notwenig, verzichte ich darauf. Es sollte schon reichen, dass ihr wisst, dass
"Saw 2" im Grundsatz nur eine Kopie seines selbst ist, ohne dabei aber wirklich etwas Neues zu kreieren. Vielmehr werden bekannten Thematiken versucht zu toppen, was mitunter an der Inszenierung scheitert, sowie an dem viel zu einfachen und durchschaubaren Drehbuch. Zudem kupfert
"Saw 2" nur allzu deutlich von
"Cube" ab, in dem ebenfalls ein Haufen Menschen sich ihren Weg durch Fallen kämpfen müssen. Hier wäre vielleicht etwas mehr Einfallsreichtum gefragt gewesen.
"Saw 2" ist ein unterhaltsamer Film, der für sich allein stehend betrachtet sogar richtig gut sein könnte, sich aber leider Gottes mit seinem Vorgänger vergleichen lassen muss und da hat er einfach keine Chance.
"Saw" war außergewöhnlich, erfrischend und innovativ.
"Saw 2" versucht mehr zu sein, er versucht böser und schmutziger zu wirken, bleibt aber weit hinter den (oder zumindest meinen) Erwartungen zurück. Inszenatorisch recht solide, inhaltlich aber schwach. Da können einige harte Sequenzen und eine überzogene Auflösung leider nicht darüber hinwegtäuschen und man sollte sich vor allem nicht vom ganzen Werberummel blenden lassen. Der ganze Wirbel um die verbotenen Plakat-Motive mit den abgetrennten Gliedmaßen, das R-Rating fürs Kino und die Unrated-DVD-Veröffentlichung haben wir jedes Jahr aufs Neue und das wird sich auch in
"Saw 3" wiederholen, welcher bereits in den Startlöchern steht und wahrscheinlich Oktober 2006 anlaufen wird. Ob wir dies wirklich brauchen bleibt, einmal dahingestellt. Selbst der Zweite scheint unnötig und wäre unter einem anderen Namen mit Sicherheit im Kino untergegangen.