Vorsicht, das folgende Review enthält Spoiler! Wer "Matrix: Revolutions" noch nicht gesehen hat und sich die Spannung erhalten möchte, sollte sich darüber klar sein, dass hier massiv Filminhalte besprochen werden.
1999 überraschten die bis dato fast unbekannten Brüder
Wachowski die ganze Welt mit einem wegweisenden Film, der die Filmwelt

revolutionieren sollte und sie in neue Dimensionen vorstießen ließ. Mit zaghafter und schüchterner Promotion ins Kino gelockt, zeigten sich Kritiker wie Fans beeindruckt von diesem anspruchsvollen Mix aus bahnbrechenden Actionszenen (die "Bullettime" wurde inzwischen zigfach kopiert), dem altbewährten "Kampf der Welten" in einem neuartigen, stilvollen Gewand und philosophischen, komplexen Dialogen, die so viel Raum für Interpretation ließen, der nicht nur in Onlineforen, sondern sogar im Religionsunterricht genutzt wurde.
Der extrem edle und coole Stil von großkalibrigen Waffen, langen Ledermänteln, schicken Sonnenbrillen und Handys, die nach dem Film jeder haben wollte, sorgten bei den Zuschauer, die in eine Welt abtauchten, die real aussah, aber durchweg künstlich war, für Verblüffung und perverse Geilheit. Zum ersten Mal wurden hier kühnste Träume visuell umgesetzt, dass den Zuschauer die Augen übergingen, die gar nicht genug von diesem Spektakel bekommen konnten. Alles war möglich, nichts schien unmachbar oder zu spektakulär. Dank kaum vorhandener Erwartungen und dem letztendlichen Ergebnis durchbrach
"Matrix" alle Erfolgsprognosen der Produzenten, so dass es, nach der alten Hollywoodregel, nur eine Frage der Zeit war, bis die Fortsetzungen beschlossene Sache waren. Zwar legten sich die
Wachowskis schnell in der Öffentlichkeit darauf fest, dass ihre Universum von vorne herein als Trilogie geplant war, jedoch dauerte es vier lange Jahre, bis zwei weitere Filme, die die Geschichte abschließen sollten, auf die Zuschauer losgelassen wurden.
Den Beginn machte der mit einem Maximum an Promotion vermarktete
"Matrix: Reloaded", der die vielleicht daraus resultierenden, zu hohen Erwartungen der Zuschauer größtenteils nicht erfüllen konnte und Unmengen neuer Fragen und Interpretationsmöglichkeiten in den Raum warf, die übrigens auch im letzten Teil nicht geklärt werden. Ein Effekt-Overkill, der einem kaum Zeit zum Durchatmen ließ und mit lachhaften,

hochgestochenen, pseudointelligenten Dialogen zu einer Erklärung nach Sinn und Zweck, sowie der Funktion der Matrix in Einklang gebracht werden sollte. Befürchtungen tauchten auf, dass auch der Abschluss zu einer rein finanziellen Abzocke Hollywoods verkommen sollte und die Klasse des ersten Films nicht erreichen könne. Immerhin wurde er parallel zum zweiten Teil gedreht und könnte daher genau den gleichen Fehler begehen. Die
"Animatrix", in der weitere Hintergründe des wachowskischen Franchise beleuchtet wurden und vor allem das PC-Spiel
"Enter the Matrix", das als Bindeglied zwischen
"Reloaded" und
"Revolutions" agieren sollte, unterstützten diese negativen Prognosen nur noch. In ihm wird übrigens erklärt, warum das Orakel nun eine neue körperliche Hülle (In Wirklichkeit verstarb Darstellerin
Gloria Foster leider plötzlich) besitzt. Die sich zu Beginn mit Neo im Gespräch befindlichen Programme verkauften an den Merowinger den Zerstörungscode des Orakels, um so das Überleben ihrer Tochter zu sichern, die keinerlei Funktion in der Matrix besaß und somit überflüssig war.
Doch auch Kenner all' dieser Filme, Spiele und Animes werden feststellen, dass
"Revolutions" nun nicht die vielen Möglichkeiten, die
"Reloaded" als Lösung angeboten hat, aufnimmt und nebenbei bemerkt, auch Charaktere des Vorgängers außer Acht lässt. Dass lässt Teil Zwei noch negativer als ohnehin schon erscheinen, da es sich die
Wachowskis final doch recht einfach machen und kaum Kohärenz

zum vorangegangenen Film vorhanden ist. Da sind die Menschen, dort bohren die Maschinen und am Ende ist die Konfrontation das Maß aller Dinge, was jegliche Interpretationen zu einer Farce verkommen lässt. Dass Neo die Squiddies auch in der realen Welt aufhalten konnte, sorgte nach Teil zwei für Unmengen von Spekulationen, die einfach beantwortet werden: Neo ist halt der EINE und hat es drauf...
Waren sie immer noch in einer Matrix gefangen? War die eigentliche Realität etwas ganz anderes? Oder erreicht Neo tatsächlich einen gottähnlichen Status? Leider eine Sackgasse, denn die Fäden werden nicht wieder aufgenommen. Neo, sich nun im Koma befindend, wurde vom Merowinger in einem Art Parkplatz, zwischen Realität und Matrix abgestellt - wo er auf die oben angesprochenen Programme und deren Kind trifft, die inzwischen Begriffe wie Liebe immerhin definieren können und eine Art Menschlichkeit an den Tag legen - um dort auf sein Schicksal zu warten. Wie er aber nun dahin kam, nachdem er ins Koma fiel, bleibt ungeklärt und erweist sich als erstes Plothole.

Trinity und Morpheus sind es, die hier zu Beginn die Initiative ergreifen und sich in die Matrix einklinken, um Hilfe beim Orakel zu suchen, dass sie mit ihrem Beschützer umgehend zum Merowinger schickt. Bis dahin sind, wie übrigens im gesamten Abschluss, keine dieser philosophischen Alibidialoge (auch wenn sie auch hier nicht immer schlüssig und ab und an zu ausführlich und gekünstelt gerieten (Beispiel: ewige, sterile Liebesgesülze zwischen Trinity und Neo)) oder eine als Einstieg gedachte, spektakuläre Eingangssequenz zu finden.
"Revolutions" beginnt nahezu verhalten und ruhig, macht klar, dass sich hier alles nur noch um den Kampf Gut gegen Böse, Mensch gegen Maschine konzentriert. Weniger Matrix und mehr Realität ist das Konzept, das auch aufgeht, ist ein blutiger Kampf ums nackte Überleben gegen erbarmungslose Maschinen doch weitaus attraktiver, als die zügellosen Actionsequenzen eines
"Reloaded" in der Matrix, bei denen alle Gesetze der Physik vernachlässigt werden können.
Während des Zugangs zum Merowinger (ein stylischer S/M-Club mit unfreiwillig komischem Design) muss das Trio dann auch zum ersten Mal in einer Säulenhalle, die nicht von ungefähr an den ersten Teil erinnert (Trinity im Verlauf mit dem selbem Radschlag) die Waffen sprechen lassen. Überhaupt werden viele Gesten aus "Matrix" wieder verwendet, die verdeutlichen, dass sich der Kreis hier schließen wird. Sicher ist das dabei Gebotene immer noch nett, hat aber längst nicht mehr die damalige Faszination, wurden solche Akte doch (leider) schon zur Gewohnheit. Im

Club selbst zeigt der Merowinger sich trotz des Dahinscheidens seiner Bodyguards souverän, erliegt aber schlussendlich der Liebe Trinitys zu Neo und muss, um sein eigenes Leben fürchtend, den Auserwählten frei lassen. Die mit einem Satz bedachte Monica Bellucci verkommt hier übrigens zur überflüssigen Statistin, darf aber immerhin zwei wohlgeformte Argumente in die Kamera halten. Bevor ich es vergessen, die zu Kultfiguren erhobenen "Evil Twins" erhalten gar keine Screentime mehr.
Zurück in der Realität müssen nun wichtige Entscheidungen getroffen und Konflikte gelöst werden. Neo glaubt den Krieg beenden zu können, in dem er in die Maschinenstadt fliegt, was bei anderen Besatzungsmitgliedern eher für Unmut sorgt. Will man doch Zion bei seiner letzten Schlacht beistehen. Niobe überlässt Neo jedoch ihr Boot, so dass sich
"Revolutions" von nun an in drei Handlungsfäden aufspaltet: Neo und die mit ihm reisende Trinity auf dem Weg in die Maschinenstadt, Morpheus und Niobe mit dem zweiten Schiff auf dem Weg nach Zion und der Kampf

der Menschheit gegen die scheinbar übermächtigen Maschinen in Zion. Den Wechsel zwischen Storysträngen bekommen die
Wachowskis in Folge überraschend gut hin, machen dabei aber deutlich, dass Neo, der den Maschinen einen Waffenstillstand anbieten will, längst nicht mehr die uneingeschränkte Hauptfigur, sondern "nur" der Schlüssel und die Lösung ist. Agent Smith, der Neo, nachdem er sich in die Realität transferiert hat, blendet, ihm aber schlussendlich, zumindest dort, erliegt, okkupiert die gesamte
"Matrix" und ist drauf und dran sich bald der Zerstörung der Maschinen zu widmen, die ihn nicht mehr aufhalten können. Hinterfragt man aber Smiths Gewaltorgie, wird schnell klar, dass er damit eigentlich nur sein eigenes Ende heraufbeschwört. Denn wie soll ein Programm ohne Maschinen überleben? Logik, wo bist du?
Während der Plot um Morpheus, der zusammen mit Niobe verzweifelt gegen Unmengen von Squiddies kämpft und auf Zion zurast, nur eine nette, effektgeladene Beilage bleibt, ist der martialische Kampf um die Stadt selbst wohl das unumstrittene Highlight des Films, dem daher auch sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es ist ein monumentaler Kampf von Mensch gegen Maschine, in dem sich nichts geschenkt wird uns bis auf

die letzte Batterie oder den letzten Herzschlag gefightet wird. Die Bewohner Zions, allen voran der befehlshabende APU-Anführer Captain Mifune, ziehen fast fanatisch, laut brüllend in mechanischen Skeletten (eine Art Mechwarrior), mit zwei Gatlings bestückt in den Kampf der Schwärme von Squiddies, die sich, nachdem die beiden Bohrer das Dock erreicht haben, über die Kämpfer ergießen.
Optisch neue Maßstäbe setzend entwickelt sich hier ein Endkampf der Menschheit, die sich aufopfern, sterben, selbstmörderisch Aktionen durchführen und nur eins im Sinn haben: Das Überleben ihres Spezies. Das Ziehen sämtlicher tricktechnischer Register wird, zumindest in diesem Szenario, wohl sämtliche Kritiker zufrieden stellen dürfen. Erst Morpheus Ankunft in Zion, die zwei Handlungsstränge wieder zusammen führt, und sein Einsatz des EMP (elektromagnetischen Impuls), der alle Gegner ausschaltet, wird Luft zum Durchatmen geboten, zwingt die Menschen aber zu einem weiteren Rückzug, da nun auch die komplette Hardware der Verteidigungsanlagen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Parallel dazu kommen Trinity und Neo der optisch beeindruckend düsteren Maschinenstadt immer näher, werden dort aber nicht sonderlich freundlich empfangen. Selbst Neo mit seinen gegebenen Kräften ist nicht dazu in der Lage dieses feindliche Flakfeuer zu neutralisieren, was dann zu einem ulkigen Manöver, bei dem zum ersten und wohl auch letzten Mal in diesem Universum ein Blick auf die Sonne erhascht werden darf, führt. Endlich gelandet bahnt sich das dramatische Ende an, denn Trinity wird Neos letzten und schwersten Gang zum gottähnlichen

Maschinenwesen (irgendwie ulkig geraten), das sich in eigener Arroganz weidend seine Probleme zunächst nicht zugeben will, nicht antreten. Als dieses dann auf Neos Angebot eingeht und ihn in die Matrix einklinkt, wo Smith, der hier leider aufgrund seiner Hochstilisierung zum ultimativen Megabösewicht an aufgebauter Faszination einbüßt, schon zum finalen Duell auf ihn wartet, kommt es zu einem beeindruckenden Fight, der tricktechnisch aber, abgesehen von der Regentropfenfaustschlagzeitlupe, keinen neuen Maßstäbe setzt.
Ist der Beginn noch ein sehr anschaubarer Martial-Arts-Fight, fangen die beiden schon bald an durch die Gegend zu fliegen und langweilen andauernde Druckwellen und eine Zerstörungsorgie sondergleichen das Auge. Verglichen mit früheren, charismatischen Konfliktsituationen der beiden enttäuscht dieser Kampf geradezu, der für Neo - dem vom assimilierten Orakel durch einen bekannten Satz die Lösung zur Vernichtung Smiths vermittelt wird - , wie für Agent Smith, welchem im Angesicht des nahenden, unbefriedigenden Endes, dank Deja vu, plötzlich einiges klar wird, die Vernichtung bedeutet. Zu einfach ist die Aussage, dass der negative und der positive Pol sich ausgleichen. Peng! Nun ja, immerhin gibt es zu Beginn des Kampfes ein paar trockene Oneliner, die dann auch wieder die Klasse (Mr. Anderson....) der
"Matrix" besitzen.
Zu viele Fragen bleiben letzten Endes offen, mit denen man wohl Seiten füllen, oder eine Doktorarbeit schreiben könnte. Wie soll die die friedliche Koexistenz zwischen Maschinen und Menschen funktionieren, wenn die "Batterien", sich aus eigenem Willen aus der Matrix ausklinken können, was aber zu einem Energiemangel führen muss? Warum lebt das assimilierte Orakel, genau wie das kleine Kind am Ende wieder? Um mal nur zwei zu nennen...
Kommt man sich, nach fleißigem interpretieren des Reloads in der simpel gestrickten Revolution "verarscht" vor, so vergessen die
Wachowskis auch hier nicht mir religiöser Symbolik um sich zu werfen, die eingefleischte und geblendete Fans einen Anlass geben "ihr" Kultwerk als ein Statussymbol des perfekten Films zu deklarieren. Da wäre der Trainman, der wie in der griechischen Mythenwelt Menschen in eine andere Welt geleitet, Seraph wird als Judas tituliert, Agent Smith wird dem Teufel gleichgesetzt, der Merowinger-Club gleicht einer bizarren Hölle und das Gefasel der Inder zu Beginn um Karma und Bestimmung ist auch nicht zu verachten. Sicher werden in Zukunft, bei mehrmaligem Anschauen auf DVD, genau wie bei den beiden Vorgängern, noch Unmengen an hintergründigen, erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennbaren Motiven entdeckt und in diversen Internetforen zusammengetragen werden. Doch ob hinter diesen Gimmicks wirklich tieferer Sinn und eine Verbindung zu anspruchsvolleren Themen steht ist fraglich, war doch schon "Reloaded" voll gestopft mit vielen Anspielungen, die schlussendlich, wie nach Anschauen des dritten Teils klar wird, ins Leere führten.

Einige, geblendete Matrix-Jünger werden in Lobeshymnen
"Revolutions", wie auch die gesamte Trilogie, wieder in ungeahnte Höhen katapultieren, was der Abschluss aber nicht verdient hat. Sicher, er fällt wesentlich positiver als
"Reloaded" aus und stellt einen weitestgehend befriedigenden Abschluss der Saga dar, kann aber nicht an die Klasse des Ursprungs
"Matrix" heranreichen.
Die Dialoge haben, zumindest teilweise, wieder an Qualität gewonnen, hinterlassen aber ab und an, genau wie das letztendliche bedeutungslose Spiel mit Glaubenssymbolen und die Nichtbeachtung in
"Reloaded" vorgestellter Charaktere, einen faden, gestreckten Beigeschmack, auch wenn sie diesmal nicht so pseudokomplex gerieten. Ein Ärgernis stellt die kaum durchdachte Verbindung zum Vorgänger, wie die final, zu einfache und für Fortsetzungen sich anbietende Lösung dar, die, wie die gesamte Trilogie einige Fragen offen lässt. Dennoch sind die meisten Actionszenen, allen voran der Kampf um Zion pures Adrenalinkino, dass sich Kenner der ersten beiden Filme nicht boykottieren sollten. Wer weiß, wann, zumindest in optischer Hinsicht, wieder so eindrucksvolles Actionkino geboten wird.