(Coraline, USA 2009)
Regie: Henry Selick
Drehbuch: Neil Gaiman, Henry Selick
Spezialeffekte: Gentle Giant Studios, Mechinations
Freigabe: ab 6 Jahre
Genre: Animation, Fantasy
Kamera: Pete Kozachik
Musik: Bruno Coulais, They Might Be Giants
Produzent: Harry Linden, Claire Jennings, Mary Sandell, Bill Mechanic, Henry Selick
Länge: 106 Minuten
Dt. Start: 13.08.2009 (Deutschland)
Cast: (Stimmen) Dakota Fanning, Teri Hatcher, Jennifer Saunders, Dawn French, Keith David, John Hodgman, Robert Bailey Jr., Ian McShane, Aankha Neal, George Selick, Hannah Kaiser, Harry Selick, Marina Budovsky, Emerson Hatcher, Carolyn Crawford
"You probably think this world is a dream come true ... but you're wrong."
Er ist einer der ganz Großen und wird problemlos in einem Atemzug mit Namen wie
Alan Moore,
Frank Miller,
Garth Ennis oder anderen genannt. Am meisten Lob hat sich der britische Autor
Neil Gaiman sicherlich für seine - auch tatsächlich gelungene - "The Sandman"-Reihe verdient. Doch auch seine Romane wie "Stardust", "Neverland" oder "Coraline" werden zumindest von den Kritikern ebenfalls sehr geschätzt. Dabei sind
Gaimans Geschichten mal mehr und mal weniger düster, hier mit mehr Humor versetzt als an anderer Stelle. Wirklich beeindruckend ist an seinen drei angesprochenen Romanen nicht wirklich etwas. Nette Fantasy-Literatur, die allerdings keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Das gilt auch für "Coraline", einen knapp 200 Seiten starken Roman, der 2002 erschien und als "Novelle" noch einen Hugo Award mitnehmen konnte. Die Geschichte selbst liest sich wie eine düstere, leblose Variante von
Lewis Carrolls "Alice's Adventures in Wonderland", versehen mit einem relativ unkomplexen Handlungsgerüst und einem schnell abgespulten Finale.
Dass sich
Henry Selick nun an
Gaimans Roman versuchte, ist grundsätzlich aller Ehren wert. Ohnehin kann man jede Stop-Motion-Verfilmung in heutigen Zeiten nur begrüßen, selbst wenn
Selick mittels der hier verwendeten 3-D-Technik sich die Tür zur
cameron'schen Zukunft offen hält. Dabei scheint zumindest finanziell
Selick alles richtig gemacht zu haben, toppt doch
"Coraline" nochmals seine bisherigen Stop-Motion-Erfolge von
"James and the Giant Peach" sowie
"A Nightmare Before Christmas". Und an der Inszenierung krankt es
"Coraline" nicht wirklich, vielmehr kämpft die Verfilmung mit den inhaltlichen Problemen der Vorlage und verstärkt diese bedauerlicherweise sogar noch, wenn unnötige, Hollywood gerechte Änderungen vorgenommen werden. Auch die Laufzeit von fast zwei Stunden bekommt
Selicks Film nicht wirklich gut, geht
"Coraline" am Ende doch eher gefühlte drei Stunden ohne in all der Zeit tatsächlich begeistern zu können. Lediglich der Springmauszirkus irgendwann in der Mitte weiß kurzzeitig so etwas wie Filmmagie zu erzeugen und auch die 3-D-Technik für sich zu nutzen.
Diese selbst bleibt ansonsten durchgehend nur die nette kleine Spielerei, die sie eben ist und zumindest noch drei Monate bleiben wird, ehe
Camerons
"Avatar", wie es das britische Filmmagazin Empire wie viele beschwört, das Kino für immer verändern wird. Ein "jump the shark"-Moment, wenn man so will. Doch wirklich Neues weiß auch
"Coraline" mit 3-D nicht anzufangen. Da wird zu Beginn eine Puppe genäht, wobei die Nadel direkt ins Publikum fliegt, oder später eine pompöse Gartenszene erschaffen, die zwar nett anzusehen ist, die Handlung allerdings keinen Meter weiterbringt. Es ist und bleibt ein Gimmick, welches das Kino im Grunde nicht braucht und dieses - insofern dies überhaupt nötig sein sollte - auch nicht retten kann. Doch nachdem
James Cameron es sagt, bleibt der Branche nichts anderes mehr übrig, als 3-D zu gehen, was Kollegen wie
Zemeckis,
Jackson und
Spielberg schon gehorsam in Angriff genommen haben. Immerhin weiß
Selick die Technik etwas sinniger einzusetzen als die Kollegen aus dem Horrorfach für ihre aktuellen Beiträge wie unter anderem
"The Final Destination".
Da in
"Coraline" im Grunde nur ein Kind auftritt, wirkt es nicht unbedingt wie eine typische Kindergeschichte. Wahrscheinlich einer der Auslöser, weshalb
Selick die Geschichte mit dem unnützen Charakter von Wybie ergänzt hat. Dieser darf sich als verquerer Stein des Anstoßes ausgeben, wenn er Coraline eine Puppe übergibt, die scheinbar ihrer anderen Mutter entstammt. Ansonsten hat der etwas untersetzte Junge im weiteren Verlauf nichts zu tun, bis er schließlich im Finale den Helden markieren darf (wobei das Finale auch dementsprechend abgeändert wurde, damit es eines Helden bedarf). Während man hier also eine Figur hat, der es in der Geschichte nicht bedarf, beschränkt
Selick andere Figuren wiederum um einige ihrer Eigenschaften. So kommt der Kater - der bei
Gaiman sogar eine doppelte Referenz zu
Lewis Carroll darstellte, indem er Charaktermerkmale der Grinsekatze und der Raupe vereinte - bei
Selick sehr viel sympathischer, da normaler daher.
Enttäuschend ist zudem die teilweise grausige deutsche Synchronisation, die zwar bei
Bettina Weiß reibungslos funktioniert, jedoch durch die von
Luisa Wietzorek gesprochene Coraline die meiste Zeit negativ auffällt. Hinzu kommt schließlich noch die Tatsache, dass der zeitgenössische Jugendslang (die Eltern müssen natürlich im Deutschen mit "Mum" und "Dad" angesprochen werden) nicht so recht zu dem eigentlich altmodischen Ambiente passen möchte (sonst würde sich Coraline nicht im Freien austoben, sondern wie die Eltern über ihren Computer bei MySpace und Facebook einloggen). Auch das umgeänderte Finale - das nunmehr die Klimax noch schneller und unbedrohlicher abspult - will einen nicht so recht interessieren, wie man den ganzen Film an sich eher etwas reserviert aufnimmt. So ist
"Coraline" zwar durchaus ein visuelles Vergnügen, das über die inhaltlichen Stolpersteine - die jedoch
Gaiman zu verantworten hat - hinwegtrösten kann, doch auf eine überlange Laufzeit von zwei Stunden kann
Selicks neuester Film nicht vollends überzeugen.