"The German will be sickened by us, the German will talk about us, and the German will fear us." - Lt. Aldo Raine
Quentin Tarantinos Kino war stets ein - zum Teil selbstreferentielles - Kino der Zitate. In
"Reservoir Dogs" variierte er den klassischen "Heist" und bediente sich schon in seinem ersten Film fleißig im Bauchladen der Filmgeschichte, bevor er 1994 mit
"Pulp Fiction" seine viel gefeierte Schunderzählung ablieferte. Drei Jahre später setzte er in
"Jackie Brown" dem Blaxploitation-Star der Siebziger Jahre
Pam Grier ein liebevolles, filmisches Denkmal. In seinem vierten und fünftem Film (
"Kill Bill" Vol.1 &
Vol.2) ließ er schließlich seine rachsüchtige Braut sich erst durch das Eastern- und dann durch das Western-Genre morden, bis er mit
"Death Proof" dem Grindhouse nicht nur ein Denkmal setzte, sondern das Genre noch dazu ab der Mitte des Films ironisch verkehrte und Jäger und Gejagten die Rolle tauschen ließ. Nun also
"Inglourious Basterds" und das Kino von
Quentin Tarantino ist nach wie vor ein Zitatkino. Nichts scheint sich also auf dem ersten Blick innerhalb des Filmkosmos von
Tarantino geändert haben, auf dem zweiten Blick zeigt sich aber, dass es
Tarantino tatsächlich zum ersten Mal in seiner Karriere gelungen ist, sein feines Näschen für Figuren und Pop(Zitate) in einen Film kulminieren zu lassen, der die Grenzen der bisherigen tarantinoesquen Kinowelt zu transzendieren vermag. Mit anderen Worten: Mit
"Inglourious Basterds" reüssiert der ehemalige Angestellte einer Videothek - gewollt oder nicht gewollt - in der Angelegenheit einem ganzem Genre gepflegt gegen den Karren zu fahren, sowie deren Neurosen und scheinbar in Stein gemeißelten Gesetzmäßigkeiten zu desavouieren - Und er tut gut daran!
"Once upon a time in nazi-occupied France"
Ja "es war einmal" und
Tarantino hat im Gespräch mit dem
SPIEGEL auch zu Protokoll gegeben, dass er kein Problem damit hat, wenn sein neuer Film als eben diese märchenhafte und kontrafaktische Fiktion, die der Historie diametral gegenübersteht, aufgefasst und interpretiert wird. Und so ist die Geschichte, die er in
"Inglourious Basterds" erzählen möchte eine Wunschphantasie, die ebenso naiv wie verständlich ist: Die Kraft der Imagination - in diesem Fall das Kino - siegt über das Böse, siegt dort wo die Realität versagt hat. Und es stimmt schon: Wenn
Tarantino am Ende von
"Inglourious Basterds" das Kino, also quasi sein Heiligtum, sein ganz persönlicher Tempel, in Flammen aufgehen lässt und der versammelten Nazi-Entourage um Hitler, Goebbels und Göring die Lichter ausbläst, dann ist das nicht nur ein gewaltiges Opfer eines an seine Existenz glaubendes Märchens, sondern auch das dezidierte Verlangen eines sich durch sich selbst befreienden Kinos, das die Aufforderung zur Unterhaltung, die Spaß machen und nicht belehren soll, in sich trägt. In dem kleinen französischen Kino brennen nämlich nicht zuvorderst der historische Hitler oder der historische Goebbels, gehen nicht die historischen Embleme, Standarten und Symbole des nationalsozialistischen Terrorregimes in Flammen auf, sondern das oftmals verzerrte Bild des Dritten Reichs, das die Filmgeschichte in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht und kultiviert hat.
"Each and every man under my command owes me one hundred Nazi scalps... and I want my scalps!" - Lt. Aldo Raine
"Inglourious Basterds" ist dabei nicht automatisch "ehrlicher" oder weniger "zynisch" was die Darstellung des Dritten Reichs im Kino angeht, denn derlei Attribute implizieren einen tadelnden Zeigefinger, um den es
Tarantino seinem Film nicht geht und auch nicht gehen kann. Kollektive und damit gesellschaftliche Erinnerung ist ein kompliziertes Konstrukt des Gewollten und des (Un)Möglichen. Ein Netz, dessen Erweiterung nur in Folge oftmals schmerzhafter Prozesse der kollektiven Selbstfindung geschehen kann und somit auch stets standortgebunden ist.
Quentin Tarantino kann nicht zuletzt auf Grund seiner an die Macht des Kinos glaubende Naivität dieses Netz dehnen und zerreißen. Wenn er im Interview erzählt, dass er
"Leni Riefenstahl für die beste Regisseurin hält, die jemals lebte", dann kommt ihm dieser Satz ohne das obligatorische "aber" über die Lippen, das zum Beispiel in Deutschland wohl zwingend notwendig wäre und quasi zum common sense der political correctness zählt. Und mit dem gleichen Selbstverständnis, das an das Recht der freien Erzählung glaubt, inszeniert
Quentin Tarantino in
"Inglourious Basterds" seine Version des Nazi-Regimes, das in seiner Ausgestaltung mit den Mythen der bisherigen Kino-Nazis, die sich in den letzten Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit erfreut haben, bricht und diesen somit den Spiegel vorhält. Das Bild, das
Tarantino dabei zeichnet, ist ein durchaus ambivalentes. Einerseits stilisiert er Hitler und seine Granden zu ultimativen Witzfiguren, vermeidet jedoch andererseits die schwarz-weiße Dichotomie vom amerikanischem Helden und deutschem Jammerlappen, wie sie noch von
Spielberg beispielsweise im Zuge von
"Der Soldat James Ryan" kultiviert wurde. Paradestück in
Tarantinos Weltkriegs-Mär ist jedoch ohne Zweifel seine Figur des SS-Oberst Hans Landa (
Christoph Waltz). Anstatt den gängigen dämonischen Pathologen in rassistisch-ideologischer Verblendung in SS-Uniform zu beschwören, zeichnet
Tarantino seinen Antagonisten als eloquenten, charismatischen und höflichen Technokraten des Regimes, und erschafft somit ein Monster, welches zu den bemerkenswertesten Bösewichten der jüngeren Filmgeschichte gezählt werden muss.
"You see, we're in the business of killin' Nazis, and boy, business is boomin'." - Lt. Aldo Raine
"Inglourious Basterds" wird von
Quentin Tarantino in fünf einzelnen Kapiteln erzählt und es kommt nicht von ungefähr, dass das erste Kapitel um den "Judenjäger" Hans Landa derzeit in aller Munde ist und auf Grund der inszenatorischen Finesse auch bei Kritikern des Films lobende Erwähnung findet. Im Nachhinein versteht man, warum
Tarantino zwischendrin befürchtete diesen Film niemals drehen zu können, bis
Christoph Waltz kam und mit seinem linguistischen Genie
Tarantino von all dessen Sorgen befreite. Man muss sich wirklich fragen, wie
"Inglourious Basterds" synchronisiert funktionieren kann, bedenkt man die Veränderung der Atmosphäre, die Landa alias
Waltz allein mit dem Wechsel von der warmen französischen Sprache in das ungleich kältere und härtere Englisch zu evozieren vermag. Aus dem zuvorkommenden Mann, der in der einen Sekunde noch die Milch des Bauern lobt, wird in der nächsten Sekunde das gefährliche Tier. Der Österreicher
Christoph Waltz ist somit der unbestrittene Star des Films, offeriert in seiner Rolle Hans Landa eine unfassbare Leistung, durfte zu Recht in Cannes die Auszeichnung für den besten Darsteller mit nach Hause nehmen, und eigentlich führt auch kein Weg an einer Oscar-Nominierung vorbei.
"I have an order I want relayed to all German soldiers stationed in France. The Jew degenerate known as the Bear Jew henceforth is never to be referred to as the Bear Jew again. Did you get that, Kliest?" - Adolf Hitler
Auch wenn
Brad Pitt mit seiner Interpretation des Nazijägers Aldo Raine wieder einmal eine Figur geschaffen hat, die in Erinnerung bleiben wird, nehmen die titelgebenden Basterds und ihre Jagd nach Naziskalps im Film nur eine Nebenrolle ein. Die Rächergeschichte, denn das ist
"Inglourious Basterds" natürlich auch, wird vor allem von Anderen geschrieben, so dass die Basterds im Hintergrund verbleiben müssen. Dies jedoch ist kein Makel, denn in Anbetracht von Gesichtern wie
Eli Roth, der immerhin in die Rolle des Baseballschläger schwingenden "Bärenjuden" wie die Faust aufs Auge passt, oder aber
Till Schweiger, der seine Rolle des deutschen Deserteurs erfreulicherweise annehmbar verkörpert, ist der Fokus auf andere Charaktere nur zu begrüßen. Deutschlands weiblicher Hollywood-Export
Diane Kruger als britische Agentin Bridget von Hammersmark wird dabei von der jungen Französin
Mélanie Laurent, die in der Rolle der Kinobetreiberin Shosanna Dreyfus als Einzige aus dem Schatten von
Christoph Waltz hervortreten kann, an die Wand gespielt und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Besser macht es da schon
Daniel Brühl, der einer ganzen Reihe von deutschen und internationalen Darstellern vorsteht, die sich in
Quentin Tarantinos vielsprachigen Geschichte versammeln.
"Say Auf Wiedersehen to your Nazi boss." - Sgt. Hugo Stiglitz
Wie bei Filmen des Regisseurs üblich wird in
"Inglourious Basterds" viel geredet. Der Film ist kein Actionstreifen, keine Gewaltorgie und in seiner letztlichen Ausgestaltung wie so oft bei
Tarantino ein Mix aus zahlreichen Genres. Die bei
Quentin Tarantino oft so zentrale musikalische Untermalung wird im Gegensatz zu seinen vorherigen Filmen diesmal pointierter und nuancierter eingesetzt, so dass dieses stets stimmig, aber nicht mehr so dominant wie früher geraten ist. Was geblieben ist, sind die zahlreichen Remineszenzen auf das Kino, auf sich selbst und natürlich im Fall von
"Inglourious Basterds" auch auf den deutschen Film der dreißiger und vierziger Jahre, sowie das konstruierte Bild einer kinematographischen Kunstumgebung. Und was ist nun die Moral von der Geschicht' - wo doch jedes Märchen eine hat?
"Inglourious Basterds" ist
Quentin Tarantinos Appell sowohl an die Kraft des Kinos, als auch an das Recht des Geschichtenerzählens zu glauben. Gleichzeitig deskonstruiert
"Inglourious Basterds" die Mythen und Klischees des Kinos über das Dritte Reich.
Tarantino lässt sich nicht ein auf Konventionen und Normen, schert sich nicht um die Historie, bedient sich gar zur Not in der Warenauslage des Teufels, wenn es den Zwecken seiner Geschichte dient. Gerade der deutsche Film mit seinen durch die eigene Geschichte induzierten und bis zum heutigen Tag sklavisch gepflegten Neurosen könnte von der Unbekümmertheit lernen, mit der
Quentin Tarantino seine künstlerische Freiheit einfordert. Dieser Sachverhalt allerdings macht
"Inglourious Basterds" nicht zu
Tarantinos Meisterstück. Das ist dieser Film aus den im Vorigen genannten Gründen!