(Drag Me To Hell, USA 2009)
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: Sam Raimi, Ivan Raimi
Spezialeffekte: KNB EFX Group, ReThink VFX, Tippett Studio, i.e. Effects
Freigabe: ab 16 Jahre
Genre: Horror
Kamera: Peter Deming
Musik: Christopher Young
Produzent: Joseph Drake, Nathan Kahane, Grant Curtis, Robert G. Tapert, Cristen Carr Strubbe
Länge: 99 Minuten
Dt. Start: 11.06.2009
Cast: Alison Lohman, Justin Long, Lorna Raver, Dileep Rao, David Paymer, Adriana Barraza, Chelcie Ross, Reggie Lee, Molly Cheek, Bojana Novakovic, Kevin Foster, Alexis Cruz, Ruth Livier, Shiloh Selassie, Flor de Maria Chahua
I'm perfectly capable of making a tough decision.
"Auf jede Aktion folgt eine Reaktion. Und wenn so ein Gypsi reagiert ... dann brennt echt die Luft", stellte
Guy Ritchies Protagonist Turkish am Ende von
"Snatch" resümierend fest. Welche Auswirkungen ein Zusammentreffen mit Zigeunern haben kann, musste
Robert John Burke einst in der Adaption von Stephen Kings
"Thinner" am eigenen Leib erfahren. Vorurteile gegenüber den Roma haben sich in den meisten Gesellschaften eingebürgert und Regisseur
Sam Raimi greift einige dieser Vorurteile willkommen auf. In seiner Rückkehr zum Horror-Genre nach 17 Jahren (
"The Gift" zählt eher in den Bereich Mystery) beweist
Raimi, dass auch altmodischer Horror immer noch zweckdienlich sein kann. Sein
"Drag Me To Hell" kommt erfrischend old-school daher und weiß innerhalb des PG-13-Ratings seine Grenzen ungemein gelungen auszuloten.
Mit einer großartigen Einführung hält sich der Altmeister dann auch erst gar nicht auf. Abgesehen von dem Vorspann mit Shaun San Denas (
Flor de Maria Chahua) erster Begegnung mit dem Dämonen Lamia wirft
Raimi das Publikum direkt hinein in das Geschehen. Christine Brown (
Alison Lohman) ist Kreditberaterin einer Bank und spekuliert gemeinsam mit dem neuen Mitarbeiter Stu auf die Stelle des stellvertretenden Bankdirektors. Da Christine jedoch ein zu gutes Herz hat, stehen ihre Aussichten auf den Posten eher schlecht. Um sich bei ihrem Chef, Mr. Jacks (
David Paymer), beliebter zu machen, fällt Christine eine harte Entscheidung - indem sie der älteren und auf einem Auge blinden Mrs. Ganush (
Lorna Raver) eine dritte Verlängerung ihres Hauskredits verweigert. Als diese daraufhin eine Szene provoziert, beginnt für Christine ihr Schlamassel. Die scheinbare Zigeunerin lädt ihr nach einem Handgemenge im Parkhaus einen dreitägigen Fluch auf.
Im Folgenden ist
"Drag Me To Hell" relativ schnörkellos erzähltes Horrorkino. Oder auch nicht. Ähnlich wie in seinen Anfängen mit den
"Evil Dead"-Filmen, verbindet der Michigander
Raimi gekonnt Horror-uriges mit komödiantischen Elementen. Wahrscheinlich erklärt dies das milde Urteil der amerikanischen Zensur (in Deutschland erhielt der Film die FSK16-Auflage). Denn obwohl auch hier gestorben wird, fließt im Grunde nicht wirklich Blut.
Raimi setzt auf Schockeffekte, die insbesondere von seiner Kameraarbeit gefördert werden. Ein langsames stetiges Zoomen auf Lohmans Gesicht, als sie ein Geräusch im Garten hört, wirkt hier effektiver als sonstiges Schockmomente im Durchschnittswust des Genres. Es ist hier auch
Lohmans überzeugendem Spiel zu verdanken, dass man derart mit dieser unschuldigen Figur mitfühlt. Ob dies mit
Lohmans look-a-like
Ellen Page, die ursprünglich für die Hauptrolle vorgesehen war, auch der Fall gewesen wäre, lässt sich schwer sagen; ist jedoch schon allein durch
Pages noch junges Alter eher unwahrscheinlich.
Was
Raimi jedoch dem Zuschauer an Blut erspart, macht er durch andere Körperflüssigkeiten wett. Besonders Mrs. Ganush scheint es dem Amerikaner angetan zu haben. Diese darf mehrfach vampirgleich an Christines Kinn sabbern und nagen, während auch sonst gerne Augen triefen, explodieren und derlei Dinge tun dürfen. In dieser Hinsicht übertreibt es
Raimi sichtlich, denn schon nach einer Weile wirken ausblutende Augen im Kuchen und andere Gimmicks nur noch nervig und erinnern an das Totreiten von Körperflüssigkeiten, wie man sie aus Teenie-Komödien gewohnt ist. Ohne diese Ergüsse wäre
"Drag Me To Hell" etwas erwachsener, aber deswegen nicht minder lustig. Hier hat sich der Regisseur scheinbar in seiner infantilen Naivität verloren. Gut möglich, dass man jene Cartoonhaftigkeit, die hier gelegentlich eingebaut wird, einfach nicht mehr im Genre zu finden ist, so dass sie bei ihrer "Rückkehr" hier in diesem Fall nur etwas verstörend wirken kann. Es ist allerdings fraglos die Komik, die
"Drag Me To Hell" neben seinen schaurigen Momenten seine Klasse verleiht.
Inhaltlich ist
Raimis Rückkehr ins Horrorfach dagegen weniger souverän. Das beginnt bei der Darstellung von Mrs. Ganush, die zwar scheinbar einen Menschen in die Hölle schicken kann, jedoch nicht im Stande ist mit ihren Kräften ihr Haus zu retten. Ohnehin werden die Roma im Film nicht sonderlich nachvollziehbar dargestellt. Nicht mal als Christine schließlich Ganush aufsucht, damit diese den Flucht zurück nimmt. Sicherlich verleiht die geringe Profilierung jener Bevölkerungsgruppe dieser ihre notwendige Mysteriösität, doch wirken plötzliche ewige Verdammungen von Bankangestellten fraglos etwas überzogen. Da passt es dann auch gut ins Bild, dass man das Ende des Filmes schon relativ zu Beginn gegen den Wind riecht, weshalb sich in der finalen Klimax auch die Spannung einstellt. Allerdings trumpfen die wenigsten Horrorfilme durch ihre inhaltliche Intelligenz auf, sondern sehen ihre Stärken in Exposition und Darstellung. In beiden Bereichen funktioniert
"Drag Me To Hell" die meiste Zeit bestens, zumindest genug, um das Publikum zu unterhalten.
Immerhin zeigt der Michigander, dass er sein vor 22 Jahren begonnenes Handwerk auch nach all den Jahren nicht verlernt hat. Dass er auch abseits von
"Spider-Man" noch dazu in der Lage ist, einen guten Film abzuliefern. Und dass er unglaublich viel Spaß und Freude dabei gehabt haben muss. Denn
"Drag Me To Hell" ist trotz seiner kleineren Mängel ein ungemein charmantes Stück Film, das sowohl in seinen Schockeffekten, als auch mit seiner Besetzung (
Justing Long,
Dileep Rao und
Adriana Barraza komplettieren das Ensemble) und seinen Effekten zu überzeugen vermag.
Raimis Versuch zurück zu seinen Wurzeln zu gelangen ist somit an sich gelungen und die Verbindung von Horror und Komik dürfte auch beim jüngeren Publikum (sprich jenem, das
Raimi nur als Regisseur von
"Spider-Man" kennt) Anklang finden können. Denn letztlich sticht der Film durch seine Individualität aus der Masse hervor und dies nicht durch grenzwertige Gewaltorgien, wie man sie aktuell im französischen Genrekino findet, sondern durch das, was speziell
Raimi dem Fach vor zwei Jahrzehnten beizusteuern wusste. Somit ist
"Drag Me To Hell" zuvorderst ein Film für die Fans des Amerikaners und der guten alten Zeit, aber auch für alle anderen.