(Wrestler, The, USA 2008)
The Wrestler - Ruhm. Liebe. Schmerz.
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Robert D. Siegel
Spezialeffekte: Drew Jiritano
Freigabe: ab 12 Jahre
Genre: Drama, Dokumentation
Kamera: Maryse Alberti
Musik: Clint Mansell
Produzent: Mark Heyman, Jennifer Roth, Darren Aronofsky, Ari Handel, Scott Franklin
Länge: 105 Minuten
Dt. Start: 26.02.2009 (Deutschland)
Cast: Mickey Rourke, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood, Mark Margolis, Todd Barry, Wass Stevens, Judah Friedlander, Ernest Miller, Dylan Keith Summers, Tommy Farra, Mike Miller, Marcia Jean Kurtz, John D'Leo, Ajay Naidu, Gregg Bello
"Everything dies, baby, that’s a fact. But maybe everything that dies. Some day comes back." - Bruce Springsteen
Randy "The Ram" Robinson (Mickey Rourke) ist ein Gladiator des Pop-Zeitalters. Als Wrestler (Catcher) feierten ihn früher die Fans in ganz Amerika. Doch der Preis dieses Ruhmes war hoch: Der Star von einst ist ein Wrack, er hält sich mit Billigkämpfen für seine letzten, unverbesserlichen Anhänger über Wasser. Selbst mit der üblichen Dosis an Steroiden lässt sich der körperliche Verfall nicht mehr aufhalten. Nach einem Herzanfall erkennt Randy endlich die Grenzen dieser Existenz: Der Einzelgänger nimmt Kontakt zu seiner lang entfremdeten Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) auf, findet in der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) eine Seelengefährtin und wagt die ersten Schritte in ein gewöhnliches Berufsleben. Doch Wrestling ist mehr als ein Job, den man einfach so ablegt, es ist ein Schicksal... Gilt auch für "The Ram" die alte und brutale Ring-Weisheit "Sie kommen nie zurück"?
"Nineties suck!"
Jeder Mensch hat Dinge, die seine Jugend und Kindheit nicht nur aus- sondern ganz speziell machen. Allen voran wären hier Hobbys zu nennen, die von den Heranwachsenden als erste Entwicklungsstufen ihres Charakterprofils genutzt werden. Ein altbekanntes Klischee ist die Faszination von Mädchen für Pferde und von Jungs für Dinosaurier. Ein entscheidender Faktor dürfte für die Jungs neben Autospielzeug auch eine Sportart sein, die im Grunde nicht wirklich eine ist. Wrestling dient weniger dem sportlichen Wettkampf zwischen verschiedenen Athleten, sondern zuvorderst der Unterhaltung einer Masse von Zuschauern.
Ein Showkampf, der vollkommen inszeniert ist und doch von den Fans frenetisch gefeiert wird, als wäre alles echt. Und ihren Zweck haben diese Männer durchaus dann erfüllt, wenn auch Jahrzehnte später noch Namen wie Hulk Hogan, Bret "Hitman" Hart, "Macho Man" Randy Savage, Yokozuna, The Undertaker, Lex Luger, Mr. Perfect und all die anderen im Gedächtnis verankert sind. Welchen Preis dieser Beruf allerdings hat, das bleibt unter Verschluss und wird von dem Publikum kaum wahrgenommen. Wrestlingfilme sind rar und jetzt gibt es glücklicherweise einen mehr von ihnen.
In seinem vierten Kinofilm zelebriert Regiewunderkind
Darren Aronofsky einen solchen Kinderhelden. Zu rockig unterlegter Musik und in einem dementsprechend gestyltem Vorspann feiert er seinen Protagonisten Randy "The Ram" Robinson (
Mickey Rourke) und dessen legendären Kampf gegen seine Nemesis "The Ajatollah". Nachdem der Vorspann zu Ende ist beginnt dann der eigentliche Film oder besser gesagt: die Demontage. Der Bildschirm ist schwarz, ein verschleimtes Husten bricht die Stille. Da sitzt er nun, der Held der Geschichte, auf einem Klappstuhl, den Rücken zur Kamera gewandt. Es ist offensichtlich, er ist fertig mit sich, fertig mit der Welt. Randy ist müde und Randy ist alt. Oder Randy ist müde, weil er alt ist. Es spielt keine Rolle. Er lässt sich bezahlen und schlürft mit seinem Trolli aus einer Schulsporthalle.
Auf dem Weg zum Ausgang gibt er ein paar alten Fans, die inzwischen dem Kindesalter entwachsen sind, noch ein paar Autogramme. Doch wenn Randy zu Hause in seinem Trailerpark schlafen will, hat er sich getäuscht. Der Vermieter hat das Schloss ausgewechselt, Randy die Miete nicht bezahlt. Notgedrungen schläft er in seinem Van. Ja, dieser Randy, der einst "The Ram" war, hat den Absprung nicht geschafft. Vielmehr ist er ein Gefangener seiner Nostalgie. In seinem Auto steht eine Live-Action-Figur von ihm selbst, zu Hause hat er sich extra einen alten Nintendo angeschafft, um damit sein einziges Spiel zocken zu können: ein Wrestlingspiel. Gelegentlich kann er einen der Nachbarsjungen dazu bringen, sich zu ihm zu gesellen und dann spielen beide als "The Ram" und "The Ajatollah" gegeneinander.


Wrestling fand seinen Ursprung auf Jahrmarktsattraktionen des 19. Jahrhunderts. Inzwischen ist es ein Massen- und vor allem Merchandiseunternehmen. Bis zu 400 Millionen Dollar setzt World Wrestling Entertainment (WWE) somit um. Um seine Akteure kümmert man sich dabei allerdings nicht. Keine Form von Rente, nicht einmal eine Krankenversicherung gibt es für die professionellen Catcher. Der Job fordert seinen Tribut, auf die eine oder andere Art. Der bekannte Wrestler Owen Hart, Bruder des berühmteren Bret "Hitman" Hart, starb 1999, als er von einem Gerüst in den Ring hinein sprang. In den letzten zehn Jahren verstarben 65 Wrestler durch jahrelange Anwendung von Steroiden, fast vierzig Prozent von ihnen erlagen einem Herzinfarkt. Was die Zuschauer amüsiert, weil es echt aussieht, obschon es eine Show ist, verlangt mehr körperliche Kraft, als das Publikum einzustehen bereit ist. Doch die Show muss weitergehen und so prügeln sich auch heute noch großgewachsene Männer in Ringen, inszenieren Fehden und führen Kämpfe, deren Ausgang bereits vorab ausdiskutiert wurde.
Darren Aronofsky setzt diesem Sport im Allgemeinen und jenen Sportlern per se mit
"The Wrestler" ein Denkmal, welches besonders bei den Kritikern hohen Anklang findet.
Und immer dann, wenn die Kritiker drohen unisono zu fallen, sollte man extra genau hinschauen. Wie schon bei
"There Will Be Blood" und
"No Country For Old Men" letztes Jahr der Fall gewesen, wird
"The Wrestler" im Vorfeld viel zu sehr gehyped als ihm gut tun könnte. Da wird von der großen Schauspielkunst eines
Mickey Rourke gesprochen, dessen Mimik man unter seinem aufgeschwemmten Gesicht oftmals gar nicht wirklich erkennen kann. Dass er weint, sieht man immer erst dann, wenn die Tränen schon einen Tropfen an der Nasenspitze bilden. Von
Marylin Mansons Ex-Freundin
Evan Rachel Wood sieht man bedauerlicherweise zu wenig, um ihrer Leistung gebührend Respekt zu zollen. Dafür gehört der Film zu einem Großteil der bezaubernden
Marisa Tomei, die hier wieder einmal beweist, weshalb sie zu den talentiertesten Schauspielerinnen der Branche zu zählen ist.
In ebenjenen Figuren von
Wood und
Tomei spiegelt sich auch eines der Hauptprobleme von
Aronofskys Film wider. Während
Tomei in die Rolle der Tabledancerin Cassidy schlüpft, die privat eigentlich Pam heißt, übernimmt
Wood den Part von Randys Tochter Stephanie. Die Beziehungen zwischen Randy und den beiden Frauen werden während des Filmes klar auslegt und zum Finale hin so konterkariert, dass ihre Entwicklung gemessen an der Aufmerksamkeit, die ihnen der Regisseur schenkt, mehr als unglaubwürdig wirkt. Besonders schwach ausgeleuchtet wird dabei die Figur von Stephanie, über die der Zuschauer praktisch nichts erfährt. Wo ihre Mutter ist oder was aus dieser geworden ist, bleibt ebenso im Dunkeln wie ihre unerwarteten Gefühlsregungen. Ähnlich verhält es sich bezüglich letzterem auch bei Cassidy/Pam.
Formal hebt sich
Aronofskys Neuer überdeutlich von seinen drei Vorgängern ab. Keine visuellen Spielereien, keinerlei Effekte jeglicher Art. Im Gegenteil, für sein quasi-Biopic von Randy "The Ram" wechselte der Regisseur seinen Stammkameramann
Matthew Libatique aus und ersetzte ihn durch
Maryse Alberti, die sich für die Bilder der Dokumentationen
"Taxi to the Dark Side" und
"Enron: The Smartest Guys in the Room" verantwortlich zeichnete. So wirkt
"The Wrestler" bisweilen aufgrund seiner blassen Bilder selbst wie eine Dokumentation, wenn die Kamera die meiste Zeit den Rücken von Randy einfängt und diesen somit auf seinen Lebenswegen begleitet. Jener Lebensweg, der den Film ausmacht, ist dabei nicht speziell innovativ oder auf das Wrestlermilieu zugemünzt. Eine ähnliche Geschichte hat man in dieser oder ähnlicher Form schon gefühlte zwanzig Mal gesehen und der Bezug zum Wrestling ließe sich auch durch Football oder andere aufreibende Sportarten ersetzen.


Bisweilen vermisst man in mancher Szene dann auch etwas die Seele des Filmes, der gelegentlich stark steril wirkt. Zu persönlich für eine Dokumentation und zu unpersönlich für ein mitfühlendes Drama. Deshalb ist er nicht gleich schlecht, sondern bietet einige starke Szenen. Angefangen vom Vorspann bis hin zum Finale, das durch Guns N' Roses "Sweet Child O' Mine" eingeleitet wird. Seinen Höhepunkt erreicht der Film dann in jener Einstellung, in der Randy unter frenetischem Jubel durch die Gänge spaziert und sich letztlich darauf vorbereitet…seinen Wochenendjob in der Fleischwarenabteilung eines Supermarktes anzutreten. Ohne
"The Wrestler" schlechter reden zu wollen als er ist, bedeutet er zum einen dennoch einen Rückschritt für
Aronofsky, der hier seine Individualität aufzugeben scheint und zum anderen nicht das von den Kritikern angepriesene Meisterwerk oder gar die verfrühte Hochstilisierung zum besten Film des Kalenderjahres 2009.