"Call me an 'asshole' one more time."
Schon allein der Untertitel zu
"Hancock" ist großartig und packt vor allem die erste halbe Stunde genial in einen einzelnen Satz. Es gibt Helden, es gibt Superhelden und es gibt Hancock. Hier wird bereits impliziert, dass man es bei Hancock mit keinem gewöhnlichen (Super-)Helden zu tun hat. Dabei hat das Genre viele verschiedene Helden hervorgebracht, allen voran Strahlemann Superman, der Inbegriff des American Way of Life, immer korrekt, immer brav. Dann gibt es den verbitterten Batman, der den Glauben an die Menschen verloren hat und sein eigenes Gesetz propagiert. Den lockeren Spider-Man, ein Identifikationsfaktor für Nerds, die gegen Diskriminierung agierenden X-Men oder auch Hulk, den Inbegriff unterdrückter Wut und Aggression. Sie alle finden ihre Wurzeln in Comic-Bänden, die teilweise - im Fall von Superman und Batman - bereits siebzig Jahre in der Vergangenheit liegen. Andere, insbesondere die
Marvel-Helden, entstanden in den sechziger Jahren und beherrschen inzwischen durch die
"Spider-Man"- und
"X-Men"-Trilogie die Kinos.
In dieses Monopol an Vorzeigehelden brach vor einigen Monaten ein etwas unkonventioneller Held.
Doug Liman inszenierte in
"Jumper" einen jungen begabten Mann, der seine außergewöhnliche Fähigkeit nicht zum Wohl der Menschheit einsetzte, sondern zur eigenen Bereicherung. Dadurch sticht
"Jumper" aus der Masse der Superhelden-Filme hervor, auch wenn es ihm an einem guten Drehbuch gemangelt hat. Nun kommt aber Hancock, eine eigene Kategorie von Held und der Trailer zum Film machte Hoffnung auf einen Film, der zum Film des Jahres werden konnte. Vorab sei gesagt - er ist es nicht. Man muss aber zugestehen, dass dies durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre, hätte man die zweite Hälfte des Filmes besser inszeniert. An dieser Stelle sei gesagt, dass der vorletzte Absatz Spoiler enthalten wird, da er sich mit Problemen des Filmes beschäftigt.
Seit einem Jahrzehnt existierte das Skript zu
"Hancock", welches damals noch
"Tonight, He Comes" hieß und von
Vincent Ngo verfasst wurde. Auch die Geschichte war damals noch eine andere, erzählte sie doch von einem 12jährigen Jungen, der eines Nachts Besuch von einem gescheiterten Superhelden erhält.
Ngos Skript begeisterte damals
Tony Scott und wurde später von
Vince Gilligan, langjähriger Autor der Fernsehserie
"The X Files" umgeschrieben. Zeitweilig waren
Michael Mann und
Jonathan Mostow als Regisseure im Gespräch, am Ende blieben sie als ausführende Produzenten an Bord. Letztlich wurde etwas Drama aus dem Drehbuch herausgenommen, der Titel dementsprechend geändert und nach der Hauptfigur benannt. Diese heißt John Hancock, scheinbar nach dem dritten Präsidenten des Kontinentalkongresses und erste Unterzeichners der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung benannt. Jene Unterschrift wurde so säuberlich verfasst, dass der Name "John Hancock" in Amerika sinnbildlich für eine Unterschrift steht.
Wieso Hancock allerdings heißt, wie er heißt, wird im Film nicht geklärt. Zugpferd des Filmes ist Hauptdarsteller
Will Smith, praktisch der letzte Mohikaner in Hollywood, jedenfalls an den Kinokassen. In Zeiten in denen
Tom Cruise und
Brad Pitt nicht mehr die Massen in die Kinos locken, schafft es
Smith quasi mit jedem seiner Filme die hundert Millionen-Dollar-Marke zu druchbrechen. Man muss hier aber zugestehen, dass im Gegensatz zu anderen Schauspielern seiner Altersklasse,
Smith sich auf sein Mainstream-Publikum beschränkt. In Filmen wie
"Babel" oder
"Lions and Lambs" wird man den Afroamerikaner nicht finden können. Das höchste der Gefühle ist da schon ein Cameo in
Kevin Smiths "Jersey Girl", mit gutem Willem auch seine Nebenrolle in
Robert Redfords "The Legend of Bagger Vance". In jenem Film spielte auch Oscarpreisträgerin
Charlize Theron mit, der auch in
"Hancock" nur eine Nebenrolle bleibt. Der Star ist jedoch
Smith alias Hancock.
"Do I look like I care what people think?"
Man stelle sich vor, man verfüge über Superkräfte. Unsterblichkeit, Fliegen, unbegrenzte Kräfte - so etwas würde man wahrscheinlich zum Wohl der Menschen einsetzen. Wie Onkel Ben jedoch bereits Peter Parker erläuterte, kommt mit großer Macht auch große Verantwortung einher. Der frühere Schauspieler und jetzige Regisseur
Peter Berg konzentriert sich in
"Hancock" nicht darauf, wer Hancock (
Will Smith) ist oder wie er seine Kräfte erhielt, sondern er springt wie
Bryan Singer mit
"X-Men" direkt in das Geschehen des Superhelden hinein. Eine Verfolgungsjagd auf dem Freeway, im Zusammenhang mit Feuergefecht, ein "Unterstützung! Unterstützung" flimmert aus den Boxen. Die Kamera fährt auf den Helden des Filmes ... auf einer Parkbank. Schlafend. Einen Rausch ausschlafend. Geweckt wird Hancock von einem kleinen Jungen, der über den Zustand des Superhelden nur den Kopf schütteln kann.
Es gibt Helden, Superhelden und Hancock. Hancock ist kein verantwortungsbewusster Superheld, er ist Alkoholiker, ertränkt seinen Missmut gegenüber der Welt in Whiskey. Es kotzt ihn an, dass er ständig für alle Probleme in die Bresche springen muss - aber er tut es. Mit einem desaströsen Absprung macht er sich auf in die Luft und zerstört dabei einen halben Häuserblock. Zu Ludacris' "Move Bitch" - wenn auch in entschärfter Form - fliegt Hancock in angetrunkenem Zustand hinter dem Fluchtfahrzeug her und bringt die Täter letztlich zur Strecke. Dabei verursacht er jedoch einen Schaden von neun Millionen Dollar, ein neuer persönlicher Rekord. Doch Hancock interessiert das nicht, genauso wenig die 600 Anzeigen, die sich inzwischen gegen ihn aufgetürmt haben. Er ist grob, unhöflich und meistens beleidigend, sowie latent aggressiv. Bei einer seiner missglückten Rettungsaktionen lernt Hancock dann den Gutmenschen und erfolglosen PR-Berater Ray Embrey (
Jason Bateman) kennen. Dieser will sich um Hancocks Ruf bemühen und integriert ihn in seine eigene Familie. Dabei entwickelt Hancock dann Gefühle für Rays Ehefrau Mary (Charlize Theron). Beide bergen unerwarteter Weise ein Geheimnis.
Animositäten der Stadtbevölkerung gegenüber ihren Superhelden gab es bereits in
"Spider-Man" oder
"X-Men", wirklich effektiv mit dem Thema beschäftigt hatte sich dann
Brad Bird in seinem
Pixar-Abenteuer
"The Incredibles". Weil die Superhelden dort mehr Schaden verursachte, als sie vermieden, wurden sie per Gesetzesentwurf "verboten". Auch Hancock würden die Angelenos gerne loswerden, gerade dank seiner ekeligen Art ist dieser Superheld jedoch so sympathisch für den Zuschauer. Wenn es Superhelden gäben würde, dann wären sie wohl wie Hancock. Die Figur ist ungemein authentisch und passt damit perfekt in die skizzierte Handlung. Die erste halbe Stunde des Filmes ist grandios und wird hierbei unterstützt von einschlägigen HipHop Songs sowie Liedern von
John Lee Hooker. Um einen Schritt auf die Bevölkerung von Los Angeles zuzumachen und der Stadt zu beweisen, dass sie ihn braucht, lässt sich Hancock in das örtliche Gefängnis einsperren. Auch hier weiß
Bergs Film mit vielen amüsanten Einfällen aufzuwarten, unter anderem das Treffen Anonymer Alkoholiker, in deren Mitte sich Hancock öffnen soll.
Kurz vor der Hälfte des Filmes beginnt dann die Katharsis der Hauptfigur, aus dem Helden heraus wird praktisch ein neuer Held geboren. Im Grunde ist die Geschichte zu diesem Zeitpunkt vorbei,
Gilligan und
Berg haben nichts mehr zu erzählen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rettet Hancock noch heute Menschen. Aber Genrefans erinnern sich, ein Superheld wäre kein Superheld, wenn er nicht auch einen Schwachpunkt hätte. Diesen Schwachpunkt braucht man wahrscheinlich, um eine halbwegs spannende Geschichte erzählen zu können, selbst Achill hatte mit seiner Ferse einen Schwachpunkt (auch wenn sich einem nie erschließen wird, weshalb ausgerechnet die Ferse der Schwachpunkt eines Kriegers sein soll). Bei Drachentöter Siegfried war es das Schulterblatt, bei Superman das Kryptonit. Der Schwachpunkt eines Helden bringt diesen kurzzeitig zu Fall, macht die Geschichte spannend und sorgt für den finalen Klimax.
"If you don't move, his head is going up your ass."
In diesem Absatz wird nun die Handlung gespoilert. wer sich dies ersparen möchte, kann direkt zum kommenden und letzten Absatz weiter springen.
Die zweite Hälfte von
"Hancock" beschäftigt sich mit Hancocks Schwachpunkt und zugleich seiner Vorgeschichte. Praktischerweise hat man versucht dies zusammen zu fassen und scheitert letztlich daran.
Bergs Film funktioniert prächtig, bis es schließlich zur Demaskierung von
Charlize Theron als Gleichgesinnte Hancocks kommt. Beide sind übermenschliche Figuren, gelegentlich als Götter und Engel bezeichnet und Jahrtausende alt. Vom wem sie geschaffen wurden (Gott?) wird nicht geklärt, spielt im Grunde jedoch auch keine Rolle. Hancock, der seit achtzig Jahren unter Amnesie leidet, muss feststellen, dass er quasi von "Geburt" an mit Mary verheiratet ist. Immerhin schon starke 3000 Jahre! Die Krux der ganzen Sache ist, es werden immer zwei übernatürlich starke Wesen geschaffen, die füreinander bestimmt sind und in Gegenwart des anderes dafür sorgen, dass die Superkräfte verloren gehen. Bereits dieser Punkte macht im Grunde die gesamte Entstehung dieser Wesen überflüssig, da Hancock jedoch nicht sterben kann - zumindest im Superheldenstatus - erklärt dies nicht, wieso sich sein Erinnerungsvermögen nicht wieder hergestellt hat. Mit Einführung dieser Thematik jedenfalls bricht der Film in sich zusammen, da die folgenden Szenen im Grunde nur noch nerven. Der Kampf zwischen Hancock und Mary zählt dabei fraglos zu den langweiligsten Kämpfen im Superheldengenre.
Moralisch fragwürdig wird die Geschichte dann auch noch, schließlich handelt es sich bei Hancock und Mary um ein gemischtrassiges Paar. Dies ist auch die Ursache für verschiedene Attacken auf die beiden, beispielsweise 1850 oder vier Jahre vor Christus. Die gemischtrassige Beziehung der beiden sorgt für Aggressionen der umliegenden Bevölkerung. Am Ende des Filmes bleibt Mary auch bei ihrem Ehemann Ray und Hancock zieht allein von dannen. Die Botschaft ist unmissverständlich: gemischtrassige Beziehungen können nicht funktionieren, da sie nicht akzeptiert werden. Dass sich
Will Smith für so etwas hergibt, zeugt nicht gerade von Feingefühl und ist kritisch zu betrachten.
Seine 150 Millionen Dollar Produktionskosten wird
"Hancock" ohne Probleme einspielen, dafür ist
Smith in Amerika zu sehr Zugpferd. Die Hälfte seiner Kosten sollte
Bergs Film dabei direkt am Startwochenende einspielen können, weltweit dürfte mit einem Einspiel in der Größenordnung von 500 Millionen Dollar und mehr zu rechnen sein. Wirklich gut ist
"Hancock" jedoch nicht, zu lieb- und einfallslos ist die zweite Hälfte geraten. Das Finale des Filmes selbst ist dabei die Spitze des Eisberges und vollkommen unspektakulär. Dass
Berg dennoch extrem auf Dramatik setzt macht ihn eigentlich nur lächerlich.
Peter Berg bestätigt hier jedoch den Weg, den er eingeschritten hat, als massenkonformer Regisseur, der unbedenkliche Unterhaltung wie
"The Rundown" oder
"Hancock" inszenieren kann. Seinen prätentiösen
"The Kingdom" mal außen vor gelassen, der als bedenkliches Stück Propaganda betrachtet werden sollte, dessen intendierte Botschaft für die meisten Zuschauer dank
Bergs Inszenierung verloren gehen dürfte.
Will Smith spielt den Part des genervten Superhelden solide runter, wobei er nur in der ersten Hälfte so richtig überzeugen kann.
Dass Produzent
Akiva Goldmann behauptet, der Film wäre nur mit
Smith möglich gewesen, hängt eher mit dessen Namen als Garant, denn mit seinem Schauspiel zusammen. Ein
Colin Farrell in der Hauptrolle - als einfaches Beispiel - würde dem ganzen relativ wenig nehmen oder geben. Dagegen ist die
Theron gänzlich fehlbesetzt, was man besonders in der allgemein enttäuschenden zweiten Hälfte feststellen muss. Sie kann sehr wenig zu ihrer Figur beitragen, zudem stimmt die Chemie zwischen ihr und Gegenpart
Smith überhaupt nicht. Der heimliche Star des Filmes ist
Jason Bateman, der sich nach Nebenrollen in
"Juno" allmählich etabliert und bereits mit
Berg in dessen Polit-Vehikel
"Kingdom" zusammengearbeitet hatte. Die Effekte enttäuschen etwas in
"Hancock", wobei dies nicht unbedingt zu den Störfaktoren gehört. Oftmals werden sie gelungen von
John Powells überzeugendem Soundtrack kaschiert. Wenn zweite Seite der Medaille nicht wäre, wäre
"Hancock" ein toller Film geworden, so verschwindet er jedoch etwas in der Masse und wird in einigen Monaten vergessen sein.