"Racing is everything. It's like ... a religion."
Anime steht für die Abkürzung des englischen Wortes
animation, dem lateinischen
animare ("zum Leben erwecken") entstammend. Als Animes gelten in der westlichen Welt Zeichentrickfilme aus dem japanischen Raum, in Japan selbst gelten alle Zeichentrickfilme als Animes, die eigenen, wie auch die fremden. Die Wurzeln der Animes in Japan erkennt man an den bis zu zweihundert neuen Serien, die jedes Jahr entstehen. Schaltet man nachmittags auf den Tochtersender
RTL 2 springen einem
"Dragonball Z",
"Pokémon",
"Yu-Gi-Oh!" und viele mehr entgegen. Einer der Pioniere des Anime-Genres ist dabei der Japaner
Tatsuo Yoshida (†1977), der in den 1960ern eine Manga-Serie mit dem Titel
"Pilot Ace" erschuf und diese selbst 1967 in den Anime
"Mach GoGoGo" umwandelte. Seine Inspiration hierzu gewann er aus westlichen Filmen, orientierte er sich bei seinem Helden an
Elvis Presleys Rolle in
"Viva Las Vegas" (1964) und bei den technischen Spielereien am dritten Bond-Abenteuer
"Goldfinger" (1964). Held dieser Serie war der junge Mifune Go, ein passionierter Rennfahrer in dem überlegenen Wagen mit dem Namen Mach 5. So leitet sich auch der Titel der Serie ab, steht das Mach für seinen Mach 5 und die Dreifachnennung von Go setzt sich aus der japanischen Bezeichnung für die Zahl 5, Mifunes Namen und dem englischen
go zusammen. In den USA wurden die 52 Folgen der Serie von 1967 bis 1968 unter dem Namen
"Speed Racer" ausgestrahlt und trugen dazu bei, das Anime-Genre in Amerika zu etablieren.
"Speed Racer" stieg zu einer der erfolgreichsten Anime-Serien auf. In Deutschland ist die Serie den meisten unbekannt, die
ARD strahlte zwar die ersten drei Folgen Anfang der Siebziger aus, stellte sie jedoch anschließend ein, da sie angeblich zu gewalttätig war und von der deutschen Presse als "Horror Comic" verschrien wurde.
Fünf Menschen, die mit
"Speed Racer" respektive
"Mach GoGoGo" aufwuchsen, sind
Andy und
Larry Wachowski,
John Goodman,
Emile Hirsch und
Hiroyuki Sanada. Alle fünf arbeiten an der Realverfilmung der Kult-Serie mit und sicherlich gibt es in Hollywood und Japan noch Dutzende andere Künstler, denen es ebenso erging in ihrer Kindheit wie diesen. Produzent
Joel Silver vereinte sich mit seinen beiden
"Matrix"-Goldeseln, den Gebrüder
Wachowski, um die Live-Action-Version des Anime in die Kinos zu bringen. Ironischerweise spielt hierbei auch Deutschland eine große Rolle, ebenjenes Land, das die Serie nie richtig zu schätzen wusste. Die Macher entschiedenen sich für das Studio Babelsberg, um dort während sechzig Drehtagen den Film vollständig vor Greenscreen abzudrehen. Hierfür verwendeten die
Wachowskis die HD-Kamera F-23 von Sony, die zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal auf dem Markt war. Es war die erste Zusammenarbeit der
Wachowskis mit dem neuen Medium High Definition und wie geschaffen für die Optik, welche die beiden Brüder mit dem Film erreichen wollten. Und da der Film schon in Deutschland gedreht wurde, war sich die deutsche Filmförderung auch nicht zu schade, "stolze" 13 Millionen Dollar (deutscher Steuergelder) in diese 120 Millionen Dollar teure US-Produktion zu stecken. Da 13 Millionen im Vergleich zu 120 relativ irrelevant sind, kann man diese Summe eher als eine Art Bestechungsgeld verstehen, um einige deutsche Gesichter im Film unterzubringen. Neben
Cosma Shiva Hagen und
Benno Fürmann tummeln sich noch
Moritz Bleibtreu,
Ralph Herforth,
Christian Oliver,
Oscar Ortega Sanchez und so mancher anderer in Nebenrollen. Doch dazu später mehr, zumindest dürfen sich die Deutschen den Film auch mit leicht stolz geschwellter Brust im Kino zu Gemüte führen - schließlich haben sie ihn finanziert.
Ursprünglich vorgesehen für das Projekt war
Alfonso Cúaron, am Drehbuch hätte
J.J. Abrams mitschreiben sollen. Doch beide verließen
"Speed Racer" in seiner Planungsphase. Stattdessen engagierte
Silver die
Wachowskis, mit denen er bereits die
"Matrix"-Trilogie und
"V for Vendetta" herausgebracht hatte. Während man zu Beginn noch mit
Joseph Gordon-Levitt und
Shia LaBeouf in der Rolle des Speed Racer spekulierte, vertraute man die Hauptfigur dann doch
Emile Hirsch an, einem Fan der Serie. Hatte
Keanu Reeves seinen bereits wieder verbleichenden Ruhm den
Wachowskis zu verdanken, lehnte er dennoch den Part des Racer X ab. Auch
Vince Vaughn, der eine Zeit lang für die Rolle und als ausführender Produzent vorgesehen war, verließ das Projekt wieder vor den Dreharbeiten. Letztlich engagierte man
"Lost"-Star
Matthew Fox für die mysteriöse und verschwiegene Figur als talentierten Fahrer. Weder
Rose McGowan noch
Elisha Cuthbert bekamen den Zuschlag als Speeds Freundin Trixie, die inzwischen auf Charakterrollen festgelegte
Christina Ricci angelte sich diesen Charakter. Allgemein kann man bei der Besetzung nicht meckern, bei welcher sich sehr an die Originalserie gehalten wurde. Egal ob
John Goodman als Pops Racer oder die liebreizende
Susan Sarandon als Mom Racer, die Ähnlichkeit ist vorhanden, auch dank der Kostümtreue zu dem Anime aus den Endsechzigern. Dem wird schließlich vollends in Speeds Beteiligung am Casa Cristo 5000 gewürdigt, wenn er seine obligatorisches blaues Hemd mit weißem Kragen und roten Halsband tragen darf. Auch beim Mach 5 bewarte man Treue zur Vorlage.
Was die
Wachowskis zum Projekt trieb, war ihr Wunsch einen Familienfilm zu machen. Und um exakt darum handelt es sich bei
"Speed Racer". Nicht nur ist es ein Film für die ganze Familie, sondern die Familie steht ganz zentral im Mittelpunkt des Geschehens. In der der Motorsportwelt der World Racing League geht es zu wie im wahren Leben. Einzelne Hersteller bestimmen das Geschehen, egal ob Togokhan Motors oder die Firma von Mr. Musha (
Hiroyuki Sanada), sie beide liefern sich erbitterte Kämpfe. An der Spitze steht jedoch Royalton Industries unter der Leitung vom Firmenchef Arnold Royalton (
Roger Allam). Erfolgreich sind nur diejenigen, die das Geld haben. In diesem klassischen "David gegen Goliath"-System behauptet sich das sprichwörtliche Familienunternehmen der Racers. Pops Racer ist zusammen mit seinem Mechaniker Sparky für die Wagen zuständig, seine Söhne für das Fahren. Der einstige Star und immer noch Rekordhalter der Heimatpiste Thunderhead ist Rex Racer, der jedoch im Zwist von seinem Vater schied und den Weg in die WRL suchte. Dort fand er schließlich den Tod und hinterließ in seiner Familie eine Kluft, welche diese noch enger zusammengeschweißt hat.
Von einer besonderen Stärke ist die Anfangsphase des Filmes gezeichnet, wenn Speed das Rennen in Thunderhead quasi gegen die Erinnerung an den eigenen Bruder fährt. Egal was im Film auch geschieht, die Racers halten zusammen. Dabei sind sie nicht vor Meinungsverschiedenheiten gefeit, aber sie raufen sich zusammen und gehen die Probleme gemeinsam an. Hierbei hat man es jedoch nicht mit einer Heile-Welt-Familie zu tun, die von klischeehafter amerikanischer Harmonie getragen wird, sondern es ist ebenjener Tod eines Familienmitgliedes, der diese Gemeinschaft erschaffen hat. Es ist bewundernswert, wenn die
Wachowskis am Ende des Filmes nicht denselben Weg wie die Animeserie beschreiten und damit individuell bleiben und mit den Erwartungen der Zuschauer spielen - etwas, das ihre Familie durchweg auszeichnet.
Neben dem Familienelement wird die andere Hälfte des Filmes von den Rennszenen eingenommen. Und im Gegensatz zu
Lucas' idiotischer Pod-Race-Szene machen die Choreographien der Brüder enorm viel Laune, soviel sei verraten. Das Thunderhead-Rennen zu Beginn ist hierbei nicht mehr als ein Appetizer, ein Vorgeschmack auf das, was den Zuschauer in den kommenden knapp zwei Stunden noch erwarten wird. Bereits das zweite Rennen des Fuji Helexicon-Kurses schlägt einen allein wegen seiner Aufmachung in den Bann. Hier bekommt man nun nochmals einen besseren Eindruck, welches Potential in Speed Racer steckt und der Höhepunkt des Filmes lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten. Speed nimmt an einer Querfeldein-Rallye über mehrere Kontinente teil, genannt wird sie "The Crucible" (dt. die Feuertaufe), ihr offizieller Name lautet Casa Cristo 5000. Dies ist das Rennen, das seinen Bruder Rex das Leben kostete und hier hat der Film seinen stärksten Moment, kurz vor den Malteser Eishöhlen. Hier kommt alles zusammen, die Action, der Charme, die Kamera, der Schnitt und das wunderbare Theme von
Michael Giacchino - sie alle vereinen sich zur besten Szene des Filmes, die offenbart, dass es im Grunde fortan nur noch abwärts gehen kann. Die Rennszenen des Casa Cristo Rennen sind dabei zum Niederknien und werden auch im finalen Grand Prix nicht mehr erreicht - zumindest erst auf der Zielgeraden. Was auf der Leinwand als Mischung als
"Days of Thunder" und
Pixars "Cars" daherkommt, ist weitaus weniger gefährlich, wie es den Anschein hat, aber trotz allem nicht frei von Spannung. Hier haben sich die
Wachowskis außerordentliche Mühe gegeben.
Der Grund, weshalb
"Speed Racer" überhaupt funktioniert, ist seine Optik. Diese ist knallig, bunt, schrill, einfach durch und durch von seinen grellen Farben beherrscht. Es ist eine Phantasiewelt, in die man sich hineinversetzen muss. Der Film verwendet mitunter zwar auch originale Landschaftsbilder und orientiert sich an den Skylines aufstrebender Städte wie Shanghai und Hongkong, erhebt jedoch nicht den Anspruch ein authentisches Bild wiedergeben zu wollen. Es ist im weitesten Sinne ein Anime-Kinofilm…nur eben mit echten Schauspielern. Die Farbgebung ist dabei gezielt auf die heutige jugendliche Generation ausgerichtet, weshalb die Farben intensiver sind als üblich und vom Effekt-Mann
Dan Glass daher auch treffend als "pop-timistic" und "Techno-color" bezeichnet werden. Hierbei handelt es sich nicht um die einzigen Wortneuschöpfungen. Der dargestellte Motor-Extremsport wurde von den Brüdern liebevoll "Car-Fu" getauft, da es sich hierbei teilweise um Martial Arts mit Autos handelt. Obschon Settings wie die Malteser Eishöhlen oder die Megastadt Cosmopolis durch ihre intensive Farbgebung mehr als unnatürlich wirken, gewinnen sie dadurch erst den Charme, welchen der gesamte Film inne hat. Es ist ein poppiges, buntes Spektakel, das sich selbstverständlich in vorderster Linie an die Kinder richtet. Bei der nächstjährigen Oscarverleihung müsste es eigentlich mit dem Teufel zugehen, wenn
Dan Glass und
John Gaeta nicht für die visuellen Effekte ausgezeichnet werden. Das Geschenkpapier zu dem ganzen liefert dann
Michael Giacchino, der an verschiedenen Stellen Abwandlungen des Speed Racer Themes einbringt und die Stimmung mit seiner ganzen Erfahrung einfängt. Hiervon ausgenommen sind die mit Vocals bedachten Pop-Songs, die sich an die Miley-Cyrus-Generation wenden, kulminierend in den rap-haften Abspannsong.
Wenn man sagt, dass das Schlechteste an
"Speed Racer" die Auftritte seiner deutschen Gaststars ist, spricht das für die gelungene restliche Arbeit aller Beteiligten. Neben der poplastigen Musik stören gelegentlich die Szenen mit Spritle und Chim-Chim, bei denen die Grenzen des "comic relief" sehr weit ausgelastet werden. Beide gehören natürlich zum Franchise dazu und sorgen auch für einige Lacher, doch gerade in der klimatischen Szene zwischen Royalton und Speed stören ihre ständigen Unterbrechungen den Erzählfluss ungemein. Vor allem wenn man bedenkt, dass ihre eigene kleine "Geschichte", für das große Ganze keinerlei Zweck erfüllt. Erträglich und charmant sind die beiden jedoch allemal und ein klares Zugeständnis an das junge Publikum, welches ihnen sofort anheim fallen dürfte. Der wahre Dorn im Auge sind dagegen unsere deutschen Schauspieler.
Cosma Shiva Hagen kann in ihrer Rolle als Quasi-Hostess mit wenig Text kaum etwas falsch machen und selbst
Benno Fürmann, wenn auch total fehlbesetzt, schlägt sich relativ gut. Da weiß am ehesten schon
Christian Oliver in der Rolle von Speeds Erzfeind Snake Oiler zu gefallen, etwas das
Ralph Herforth nicht zu gelingen vermag.
Herforth muss in einem Schlafsack in den Babelsberger Studios wohnen, anders lässt sich nicht erklären, wieso sein völlig talentfreies Gesicht in jeder US-Produktion von dort (siehe hierzu auch
"Æon Flux") auftaucht. Doch wer sich zu früh freut, den bestraft das Leben. Was mich nicht für möglich hielte, tritt dann noch ein:
Herforths schauspielerische Leistung wird noch unterboten. Selbstverständlich kommt dafür nur ein weiterer deutscher Schauspieler in Frage und es ist der gute
Moritz Bleibtreu, der mit seiner Darstellung von Grey Ghost so ziemlich sicher einen Platz in den Top 10 der miesesten schauspielerischen Leistungen inne haben dürfte. Dies trübte zumindest mein Kinoerlebnis, zudem verlieren sich die
Wachowskis etwas im eigenen Erzählfluss, insbesondere deshalb, da ihre Profilnahaufnahmen mit der Zeit ebenso redundant wirken, wie der Beginn des Grand Prix. Trotz allem ist
"Speed Racer" wohl neben
Pixars
"Wall-E" der Familienfilm des Jahres.