"Welcome to Hell ..."
Nach dem unsäglichen
"Lord of the Undead" (2004) wurde es still um Deutschlands Independent-Regisseur
Timo Rose, der sich lieber seiner zweiten großen Leidenschaft, der Rap-Musik, widmete, der deutschen Indie-Szene augenscheinlich den Rücken zukehrte und seinen Fans den lang ersehnten
"Moonlight Mountain" schuldig blieb. Umso überraschter waren wir, als uns im November letzten Jahres die ersten Bilder zu
Roses neuestem Film
"Barricade" in die Redaktion flatterten, samt Ankündigung, dass
"Moonlight Mountain" und auch
"Germaica - Ouzo, Stoff und Taschentücher" endlich ihren Weg auf DVD finden. Als Besonderheit an
"Barricade", so war es zu hören, konnte
Timo Rose die
Fangoria für das Projekt begeistern, welche
"Barricade" seitdem ordentlich promoten.
Der Name
Fangoria und
Joe Zaso (Cinema Image Production), sowie
Ted Geoghegan und
John Orth als ausländische Investoren eines in Deutschland gedrehten Independent-Films, sowie die viel versprechenden Pressebilder und der tolle Trailer sorgten natürlich für viel Gesprächsstoff bei Fans und Kritikern zugleich. Auch die unzähligen positiven Reviews aus den Staaten lassen
"Barricade" zur Hoffnung der mittlerweile ziemlich ausgelutschten deutschen Horrorfilmszene werden.
Dabei gestaltet sich die Story sehr simpel und die Kombination Schwarzwald/Kannibalen-Familie lässt einen erst einmal ein wenig aufschrecken. Werfen wir einen Blick zurück auf die früheren Filme des Regisseurs, welche meist nichts anderes waren als überstylte Wald- und Wiesen-Splatterfilme, bei denen man zwar deutliches Potenzial entdecken konnte, dies aber durch eine schlechte Story und den "coole Gangster, schwere Waffen"-Tick nervige Ausmaße annahmen, darf man auch im Falle von
"Barricade" mit gemischten Gefühlen an
Roses neuestes Werk herangehen.
Nina (
Raine Brown) besucht ihren langjährigen Freund Michael (
Joseph Zaso) und dessen durchgeknallten Kumpel David (
Andre Reissig) in Deutschland. Um die alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen und damit Nina endlich den Alttag entfliehen kann, beschließen sie einen kleinen Ausflug in den nahe liegenden Schwarzwald zu unternehmen. Dort angekommen werden sie jedoch von einem mysteriösen Fremden (
Timo Rose) gewarnt, sie sollen umkehren und die Wälder verlassen. Doch die Clique hört nicht auf die Warnungen des Fremden und genießt stattdessen lieber ihren Waldbesuch, nichts ahnend, dass ein Clan von irren Kannibalen, welche seit Jahren im Schwarzwald immer neue Opfer für ihre perfiden Folterspielchen suchen, bereits auf sie wartet ...
"The Schwarzwälder have Eyes ..."
Diese kurze Inhaltsangabe liest sich natürlich wie ein x-beliebiger Backwoodslasher, dessen Schauplatz nach Baden-Württemberg verlegt wurde. Und im Grunde will
"Barricade" nichts anderen sein -
Timo Rose bringt den Terrorfilm nach Deutschland. Das funktioniert derweilen auch ganz gut, wobei mir eine US-Location deutlich besser gefallen hätte, denn wirklich bedrohlich wirkt der Schwarzwald nicht und dass die Rednecks,

welche über 30 Opfer gefordert haben, immer noch unbemerkt im deutschen Wäldchen ihren Kannibalismus frönen, klingt stark an den Haaren herbeigezogen. Doch kann man sich darauf einlassen, dass auch
"Barricade" im Grunde ein Wald- und Wiesen-Film geworden ist, so darf man sich die nächsten 90 Minuten mal gut, mal weniger gut unterhalten lassen.
Leider schockt
Rose uns direkt bei der Anfangsequenz mit den fünf Campern, durch eine erschreckend "schlechte" und "amateurhaft" wirkenden Inszenierung, was vor allem an den Laiendarstellern (z.B. die Gebrüder
Rohnstock,
"Dungeon of Evil" und
Martin Rüdel, sowie
Ramon Kaltenbach) liegen dürfte, sowie den stark konstruierten Dialogen, welche einfach nach abgelesen klingen und keinerlei Natürlichkeit offenbaren. Mir stehen jetzt noch die Nackenhaare zu Berge, wenn ich an diese selten dämlichen Sprüche über's Saufen und Ficken zurück denke.
Entschädigt werden wir aber hingegen recht schnell von den darauf folgenden Foltersequenzen im Hause der "Familie". Hier zieht
Rose bereits in den ersten Minuten alle Register seines Könnens und zeigt, wohin man inszenatorisch in den nächsten 80

Minuten gehen wird. Inspiriert vom derzeit beliebten Terrorfilmen, zelebriert er eine derbes Gorefest, welches sich über die ganze Laufzeit des Filmes wie ein roter blutiger Faden zieht und in Sachen "Intensivität" einige aktuelle, als brutal befundene Mainstream-Filme mehr als nur das Wasser reichen kann und dem Wort "draufhalten" eine neue, ziemlich unangenehme Bedeutung. verleiht.
In
"Barricade" scheint der Tag der offenen Türen zur Folterkammer zu sein, denn hier werden die Opfer mit Säure zersetzt, Nippel abgekniffen, Gliedmaßen abgeschnitten, Menschen ausgeweidet und eine rostige Schere sorgt bestimmt für die eine oder andere Infektion bei den Protagonisten.
Timo Rose hat sich hier deutlich von
Roths
"Hostel" und
Ajas
"The Hills have Eyes" inspirieren lassen. Vor allem Letzterer stand eindeutig Pate für
Roses Beitrag zum Terrorfilm-Genre. Denn ähnlich wie in
Ajas Remake bekommen wir es hier mit einer degenerierten Familie zu tun, welche sich selbst als Jäger bezeichnen und ihre Beute ganz im Sinne dessen auch verspeisen. Leider fehlt es der Geschichte etwas an erzählerischen Tiefe und auch wenn man zum Ende hin ein wenig mehr über die Schwarzwälder Kannibalen-Sippe erfährt, bleibt man uns dennoch das Wieso und Warum schuldig.
Dieses "Sie leben hier im Wald und jagen, was sich hier hinein verläuft" mag in den unüberschaubaren Wäldern Amerikas wohl noch funktionieren, im Falle Deutschlands bzw. dem Schwarzwald wirkt es jedoch nur unfreiwillig komisch. Naja, who cares ...
Dafür setzt
Rose seine "Hungry"-Family wirklich sehr gut in Szene und erzeugt vor allem in der Hütte der Kannibalen eine immens morbide Atmosphäre, kombiniert mit literweise Blut, was man förmlich zu riechen glaubt.
Mathias Jakubski, der sich neben
Timo Rose für die Kameraführung verantwortlich zeigt, liefert in diesen Momenten einen überzeugende Arbeit ab und zoomt teilweise dermaßen an das Geschehen ran, dass man die Schmerzen des jeweiligen Protagonisten schon fast bei sich selbst zu spüren scheint. Man glaubt sich in zweierlei Welten zu befinden, denn immer wenn der Szenenwechsel zum Haus stattfindet, gewinnt
"Barricade" an Atmosphäre, wirkt viel düsterer, morbider und vor allem professioneller. Die Optik, die hier gewählt wurde, wirkt rau und realistischer, weit weg vom derzeit so oft verwendeten Rotten-Look aus Hollywood.
Blutbeschmierten Wände, die Folterwerkzeuge an der Wand und die Eingeweide auf dem Boden hinterlassen ein gutes Gefühl beim Zuschauer (bzw. ein ungutes), ebenso mit welcher Härte und Kompromisslosigkeit die Goresequenzen, welche im übrigen von
Timo Rose selbst in Szene gesetzt wurden. Die in den Credits aufgeführte Beteiligung des SFX-Spezialisten
Olaf Ittenbach (
"Chain Reaction"), beschränkt sich diesmal jedoch nur auf Archivmaterial, einiger weniger Szenen, die restliche Sauereien durfte der Regisseur selbst verzapfen, was ihn fast in den Wahnsinn trieb.
Die Schwarzwälder kennen keine Gnade und sie wissen, wie sie mit ihrem Besuch umzugehen haben. Sie servieren ihren Opfern keinen Kirschkuchen, Tee gibt es auch keinen, dafür aber blanken Stahl, welcher sich seinen Weg durch die Sehnen seiner Opfer bahnt. Dass dieser Standard leider nicht durchweg gehalten werden kann, war abzusehen und eigentlich sehr schade, doch trübt dies den Unterhaltungswert des Filmes in keiner Sekunde.
Auch wenn die letzten 20 Minuten die besten und vor allem intensivsten im ganzen Film sind, so darf der Zuschauer auch beim restlichen Film zumindest solide Genre-Kost erwarten. Dank sympathischer Charaktere und guter darstellerischer Leistungen seitens der drei Hauptdarsteller, kaschiert dies so manches Manko im Film.
Den stärksten Eindruck hinterlässt die New Yorker Schauspielerin
Raine Brown (
"Satan's Playground"), welche hier zu einer wahren Powerfrau mutiert und eine beachtliche Performance abliefert. Doch auch Produzent und Hauptdarsteller
Joseph
Zaso (
"Demonium") als Michael sieht man es an, dass er nichts mit der meist hölzern agierenden Darstellerriege deutscher Low Budget-Produktionen zu tun hat. Eine weitere Überraschung dürfte für die meisten die Performance von
Andre Reissig sein, welcher hier Michaels Freund David spielt. Er absolviert eine wirklich gute Darbietung und lässt dem Over-Acting keinen Platz.
Man bemerkt einen deutlichen Unterschied zwischen den drei Hauptdarstellern, welche hier komplett auf Englisch agieren, was für
Reissig als deutscher Darsteller wahrscheinlich nicht immer leicht war. Doch es scheint, als würde gerade dieses Schauspiel auf Englisch verhindern, dass er wie einige seiner im Film Deutsch sprechenden Kollegen über das Ziel hinausschießt. Zudem macht er nicht den Fehler vor der Kamera plötzlich etwas zu spielen, was er nicht spielen kann, sondern bietet im Kontext der Geschichte ein ebenso gutes Spiel wie
Zaso und
Brown. Letztere spielt ihre beiden männlichen Kollegen aber deutlich an die Wand und lässt beide wie Redneck-Futter aussehen, was sie wahrscheinlich auch sein sollten, denn selbst
Zasos Rolle wird im weiteren Verlauf immer mehr in den Hintergrund gerückt und die letzten 30 Minuten des Filmes gehören eindeutig der hübschen New Yorkerin, welche der Sippschaft gehörig einheizen darf.
Doch bis
"Barricade" so richtig in Fahrt kommen darf, dauert es ganze 50 Minuten in denen die drei Protagonisten durch den Wald laufen. Das allein wäre natürlich recht langweilig, weshalb man zwischendrin immer wieder die degenerierte Familie zeigt, wie sie sich neue Opfer sucht. Dass dies der Handlung nicht unbedingt dienlich ist, braucht mit Sicherheit kaum erwähnt werden und in diesen Momenten verliert
"Barricade" deutlich an Qualität. Ob ein deplaziert wirkendes Pärchen beim Waldspaziergang oder aber
Andreas Pape als Camper, der in bester
"Jason goes to Hell"-Manier sein Leben in einem Zelt lassen darf, als er gerade mit seiner Freundin Französisch ... ähm, ich meine Englisch lernen will. Naja, zumindest gepiercte Brüste bekommen wir zu sehen. Dies rechtfertig die lediglich als Mittel zum Zweck eingesetzten Goresequenzen aber nicht wirklich.
Hier hätte
Rose die Clique von drei auf fünf oder sechs Protagonisten vergrößern müssen, um diese dann in bester Slasher-Tradition in Jenseits zu befördern. So wirkt es alles

irgendwie als Lückenfüller und auch
Thomas Kercmars (
"Angel of Death 2",
"Mutation 2" plötzliches Auftauchen als rachsüchtiger Vater, der seine Familie durch die Kannibalen verloren hat, wirkt arg konstruiert und absolut fehl am Platz und sorgt lediglich für etwas Action.
Kercmar spielt hier im Übrigen genau wie
Andreas Pape (
"Rigor Mortis") eine Doppelrolle und darf in der Rolle des deformierten Vaters der Kannibalen-Sippe schlüpfen.
Pape als Berserker mit Gasmaske überzeugt ebenfalls in seiner diabolischen Präsenz und hätte genauso wie die als
Manoush bekannte Darstellerin
Marcia Nicole Noah, welche hier die Mutter der Hinterwälder verkörpert, deutlich mehr Screentime verdient. Vor allem beim Showdown mit
Raine Brown, hätte
Manoushs Rolle mehr Aufmerksamkeit verdient, denn ihr dialogloses Schauspiel - schön fies und diabolisch - überzeugt durchweg.
Wie bereits erwähnt sind die letzten 20 Minuten die stärksten im gesamten Film und
Timo Rose baut eine immensen Spannungsbogen und tolle Atmosphäre auf. Im restlichen Film spielt der Regisseur jedoch wieder sehr viel mit Stilmittel und lässt
"Barricade" mitunter ein wenig zu überhastet wirken. Der überwiegend schöne 16mm Look wird leider zu oft angewandt, so dass er teilweise überladen wirkt, ebenso die schnelle Schnittfolge, der Wechsel zwischen Fast und Slow Motion, sowie Zeitlupenaufnahmen, wollen nicht immer funktionieren. Zudem wird der ansonsten gute Look des Films dadurch getrübt, dass das ganze immer noch nicht richtig nach "Movie"

ausschaut. Da sind im direkten Vergleich
Ittenbachs Filme optisch deutlich weiter. Doch ich muss fairerweise auch sagen, dass dessen Budget um ein vielfaches höher war als die 43.000$ liegt, welches
Timo Rose zu Verfügung hatte. Und auch wenn einige der Sequenzen in ihrer Qualität einfach noch zu sehr nach "Amateuraufnahmen" ausschauen, sorgt
Rose durch die eingesetzten Stilmittel zumindest für reichlich Eye-Candy und reißt so einiges wieder heraus. Auch wenn es noch lange nicht perfekt ist, man merkt deutlich, dass er dazu gelernt hat. Die Kameraarbeit und der Schnitt zeigen eine deutliche Steigerung und wirken nicht mehr so selbstdarstellerisch wie noch zu seinen
"Mutation"-Zeiten, in denen jeder Film
Roses irgendwie gleich aussah.
Ein weiteres Highlight im Film ist der Score, welcher zu 90% ebenfalls von
Timo Rose stammt. Desweiteren finden sich hier zwei Tracks von
John Roome, welcher neben einigen Indie-Produktionen auch an Scores für Serien wie
"Nip/Tuck" und
"CSI" arbeitete und ebenfalls an Blockbustern wie
"Sin City" und
"Fantastic Four" beteiligt war. Der Score unterstützt hierbei vor allem die morbiden Momente im Film, von denen es ruhig hätte mehr geben dürfen. Dass als Soundtrack jedoch HipHop genommen wurde, werde ich
Timo Rose wohl niemals verzeihen - so etwas gehört nicht in einem Backwoodslasher ... :-)
"... Welcome to Barricade."
Mit
"Barricade" liefert
Timo Rose uns seinen bisher besten Film ab. Zwar kein Meisterwerk, im Vergleich zu seinen anderen Filmen aber eine deutliche Steigerung in allen Belangen. Als Backwoodslasher konzipiert, bietet er genügend Härte und Blut um den Gorehound bei Stange zu halten und überzeugt mich vor allem in den letzten 20 Minuten durch seine hervorragende morbide Atmosphäre und die tolle Performance der talentierten
Raine Brown. Doch leider kann
Rose die düstere und nach geronnenem Blut riechende Grundstimmung, die rohe und brutale Härte der letzten Minuten nicht über den ganzen Film hinweg halten und verfährt sich in einer teilweise zu überhasteten Schnittfolge, welche zu sehr in Richtung Videoclip abdriftet.
Ich hätte mir gewünscht, dass
"Barricade" in Verbindung mit US-Co-Produzenten etwas mehr nach echtem Film ausschaut und hoffe für
Timo Rose, dass sein nächster Film ein höheres Budget bekommt. 43 000 US-Dollar sind nicht viel für einen Film, dafür versucht er aber das Beste herauszuholen. Das klappt dann auch recht gut, denn unterhaltsam ist
"Barricade" auf jeden Fall, bedient dabei aber überwiegend die Gorehounds. Schlimm ist dies zwar nicht, nur hätte ich
Roses "The Schwarzwälder have Eyes"-Version gerne noch etwas höher budgetiert gesehen, was dem Film wahrscheinlich noch besser gemacht hätte. Mal schauen was die Zukunft so bringt, der erste Schritt ist schon einmal getan und die Amis sind auf
Timo Rose aufmerksam geworden.