Fünf Jahre ist es nun her, dass Manuela Opfer eines sexuellen Gewaltverbrechens wurde, welchem sie nur mit großem Glück entkommen konnte und ihren maskierten Peiniger in Notwehr tötete. Fünf Jahre voller Angst und Alpträume an dieses grauenhafte Erlebnis. Mittlerweile befindet sie sich in psychischer Behandlung, welche aber für Manuela nicht wirklich hilfreich ist, da sie sich ihrem Gegenüber nur langsam öffnen kann.
Ihr einziger Halt ist allerdings ihre beste Freundin Monique, welche Manuela stets zu Seite steht und Trost spendet. Doch als beide Frauen von einem Psychopathen in eine alte Villa am Waldrand entführt werden, scheint die Vergangenheit Manuela einzuholen und für beide beginnt eine Zeit unvorstellbaren Grauens...
Der Tod ist erst der Anfang ...
Eine bessere Tagline hätte man sich hierfür gar nicht einfallen lassen können. Inspiriert durch
"The Death is just the beginning" aus dem Zombieklassiker
"Re-Animator" hat die Tagline in Zusammenhang mit
"Exitus Interruptus" gleich mehrere Bedeutungen. Zum einen eine Art Neuanfang - die Geburt eines "neuen"
Andreas Bethmann. Es scheint fast so, als wäre
"Rossa Venezia" damals ein Sprung in die unendliche Tiefe des menschlichen Bewusstseins gewesen. Ein Film von einem Regisseur, der jeglichen filmwissenschaftlichen Regeln strotzte, keinerlei Kompromisse einging und sein eigenes Ding durchzog. Ein überlanger Einblick in die dunkelsten Gehirnwindungen, voller poetisch anmutenden Kameraeinstellungen, ausschweifenden Gewaltakten - ein 155 Minuten langer Alptraum aus Sex, Blut und Perversionen. Nach
"Rossa Venezia" fiel
Andreas Bethmann in ein kreatives Loch, doch der "Tod" sollte erst der Anfang sein ...
Ursprünglich als offizieller dritter Teil der
"Vegetarierinnen zur Fleischeslust gezwungen"-Reihe gedacht, kristallisierte sich beim Erstellen des Drehbuches schnell ein eigenständiger Film heraus, der so ganz anders werden sollte, als sein voyeuristischer, mit Hardcoreszenen angereicherter Vorgänger. Als Art Selbsttherapie wollte Regisseur, Produzent, Kameramann und Drehbuchautor
Andreas Bethmann in seinem neuesten Film einmal so richtig die Sau herauslassen dürfen und verkörperte die Rolle des perversen Psychopathen unter der teufelsähnlichen schwarzen Maske prompt selbst.
Erstmalig gab es ein richtiges Drehbuch, welches
Bethmann während eines kreativen Schubes in knapp 5 Tagen schrieb. Zudem wurde erstmals komplett auf künstliche Sets verzichtet und für die entsprechende Atmosphäre, ein leer stehendes Haus gekauft - extra für den Film renoviert und passend hergerichtet.
Auch der Wunsch, endlich einmal mit dem professionellen Equipment Kamerawagen, Kran und Schienen zu arbeiten ging in Erfüllung und öffnete dem Regisseur gänzlich neue Möglichkeiten beim Umsetzen seiner Ideen. Anstelle die Kamera einfach drauf zu halten und auf minutenlange starre Bildkompositionen zu setzen, bot ihm dies eine ganze Palette von stilistisch ansprechenden Kameraeinstellungen und erstmalig werden uns richtige Kamerafahrten geboten, welche in dieser Form zuvor noch niemals in einem
Bethmann-Film zu sehen waren. Getränkt in einem kühlen Blau, wird uns eine gänzlich andere Atmosphäre geboten und dennoch gibt sich der Film immer als
Bethmann-Produktion zu erkennen. Dabei verliert er niemals seinen Hang zum Voyeurismus, weiß aber besser damit umzugehen. So verzichtet er fast gänzlich auf Sexsequenzen, streicht Hardcore komplett vom Speiseplan und setzt dafür umso mehr auf puren Psychoterror.
Nur 60 Sekunden ...
Die Geschichte um einen psychopathischen Killer, der seine Opfer in ein altes Haus entführt und dort foltert, ist weder neu noch bahnbrechend, vielmehr ist die Art der Folter interessant, welche ebenfalls
Bethmann untypisch ausgefallen ist. Ob man es glaubt oder nicht, aber
"Exitus Interruptus" lebt unter anderem von den fiesen und äußert zynischen Kommentaren des Psychopathen, der es versteht seine Opfer auf eine ganz andere Art und Weise zu peinigen.
Nein, hier wird die Fingerschraube nicht zugedreht, auch wird niemand zu Tode gedildot, oder mit einer Bohrmaschine malträtiert. Einzig ein Messer in der Möse, darf an "alte" Zeiten erinnern. Ansonsten präsentiert sich der "neue"
Bethmann viel zahmer, zumindest im rein visuellen Bereich, spielt dafür aber viel gekonnter und intensiver mit der Psyche seiner beiden Hauptdarstellerinnen. So muss Manuela in nur 60 Sekunden eine ganz besondere Aufgabe erfüllen, um zu verhindern, dass ein raffinierter Mechanismus ihre Geliebte ins Jenseits befördert. Mehr als jedes Skalpell, welches die zarte Haut nackter Frauen zum Bluten bringt, oder aber die Schläge einer Peitsche, welche blutige Striemen auf weißer Haut hinterlassen - mehr noch als die gesamte perverse Schlachtplatte der letzten Jahre, wird Manuela in dieser Szene von ihrem Peiniger gedemütigt und gequält, ohne dass er sich dabei die Finger schmutzig macht.
Erniedrigung und Qualen, das ist es was in
"Exitus Interruptus" zelebriert wird. Blut fließt nur, wo es auch wirklich nötig ist und anstelle eines langen Verweilens auf den "Wunden" wird uns ungewöhnlich viel Tempo geboten. Gespickt mit ausreichend nackter Haut, gibt sich
"Exitus Interruptus" zudem sehr zitierfreudig und verknüpft Elemente bekannter Genreklassiker miteinander: Neben der oben bereits erwähnten
"Saw" ähnlichen Sequenz in dem Manuela eine nahezu unmöglich zu schaffende Aufgabe meistern muss, verbeugt sich
"Exitus Interruptus" gekonnt vor Größen wie
"Texas Chainsaw Massacre" und mit dem Einbringen der "Mutter" erlebt auch
Hitchcocks
"Psycho" eine deutliche Hommage.
Im Wald hört dich niemand schreien ...
Wie ich am Anfang bereits erwähnte, basiert
"Exitus Interruptus" auf der ursprünglichen Idee zu "Vegetarierinnen 3", entwickelte sich jedoch wesentlich komplexer und ernsthafter. Dennoch setzt
"Exitus Interruptus" die Geschichte konsequent fort und verbindet beide Teile mehr miteinander, als man es anfänglich vermutet. Dabei schuf
Bethmann hier eine durchdachte Geschichte, welche auf die genretypischen Klischees "dummer" weiblicher Protagonisten, die stets die Treppe hochrennen, um den Mörder direkt in die Arme zu laufen, verzichtet. Vielmehr ist Manuelas Charakter zum einen ein psychisches Wrack und zum anderen eine starke Persönlichkeit, welche schon einmal den Tod entkommen konnte und auch dieses Mal nicht als Leiche im Fluss enden möchte.
Einen sehr großen Wert legte
Andreas Bethmann aber nicht nur auf die Settings und die Umsetzung seines zu 98% in einer alten Villa spielenden Psychothrillers, sondern auch auf die Wahl der Darsteller. Spielte
Renee Pornero bereits im zweiten "Vegetarierinnen" Teil die Rolle der Manuela, erfreute sie sich erneut, diesen Part in einer ausgebauten Form spielen zu dürfen.
Nur hatte sie es diesmal etwas schwieriger. Anders als bei
"Vegetarierinnen zur Fleischeslust gezwungen 2" musste sie mehr den je ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen, welches für eine Pornodarstellerin nicht selbstverständlich ist. Doch was uns
Renee Pornero hier abliefert ist wirklich unglaublich! Sie lebt ihre Rolle, wirkt absolut natürlich und agiert realistisch, neigt weder zum Overacting, noch spielt sie die berühmte emotionslose Schlaftablette. Sie beweißt, dass sie durchaus das Talent zu einer guten Schauspielerin hat und lässt alle anderen Darsteller im Film reichlich blass aussehen. Auch
Anja Gebel (
"Space Wolf",
"Tears of Kali"), welche Manuelas Sidekick Monique darstellt, liefert eine gute Performance ab, kann aber schlussendlich nicht mit dem intensiven und durchweg überzeugenden Spiel einer
Pornero mithalten. Eine weitere Überraschung ist
Andreas Bethmann (
"Dämonenbrut",
"Angel of Death") himself, der dem Killer erschreckend viel Leben einhaucht:
"(...)Der Film war eine Art Selbsttherapie, die meinen Kopf mal so richtig reinigen sollte. Ich wollte die Sau raus lassen und mal selbst etwas vor der Kamera verkörpern, was zum Teil ich selbst bin. Welche Teile das sind, binde ich hier natürlich keinem auf die Nase..."
Unterstützt durch seinen zynischen Unterton, sowie die sich selbst auf den Leib geschriebenen Dialogen, entsteht hier eine perfide Mischung aus einem eiskalten und unberechenbaren Killer, sowie einem gestörten Individuum.
Die Konstellation
Pornero-
Gebel-
Bethmann ist wirklich hervorragend ausgefallen und verleit der im Grunde wenig innovativen Geschichte eine besondere Note.
"Exitus Interruptus" lebt von den drei Darstellern und deren unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sie auch alle in ihre Rolle mit einbrachten, sowie von dem zynischen Unterton des Drehbuches, der ungewöhnlich frischen Regiearbeit
Bethmanns und der bedrückenden Sounduntermalung. Zwar bietet auch
"Exitus Interruptus" genügend Kanonenfutter für seine Kritiker und derweilen lassen sich einige Szenen finden, welche etwas holperig ausgefallen sind. So z.B. die Strangulierung von Manuela, einige Actionmomente, oder der Anfang beim Psychiater. Auch hätte den Mord zu Beginn in der Diskothek niemand unbedingt vermisst, aber das sind im Grunde sind alles Kleinigkeiten, welche
"Exitus Interruptus" zu keinem Zeitpunkt wirklich abwerten. Es dürfte überwiegend rein subjektiver Natur sein, wenn Leute etwas zu bemängeln haben, denn technisch macht man hier kaum etwas falsch. Vor allem solch wunderbare Szenen wie die Traumsequenz von Manuela, welche direkt aus einem 60er Jahre Spukschlossfilm entsprungen sein könnte, machen die wenigen Patzer wieder wett. Denn wenn die hübsche
Renee im Kerzenschein durch die dunklen Gänge der alten Villa irrt, fühlt man sich unwiderruflich an die alten italienischen Gruselfilme erinnert.
Bist du dir deines Fleisches bewusst?
"Exitus Interruptus" scheint
Bethmanns zweites Debüt zu sein, zumindest auf einer gewissen Art und Weise. Er hat viel dazu gelernt, ist reifer und erwachsener geworden. Kein Meilenstein der Filmgeschichte, aber dafür ein kleiner fieser Bastard von einem Film, eines Mannes, den die meisten jahrelang in seiner Arbeit mehr als unterschätzt haben.
Bethmann liefert hier seine Feuerprobe ab und zeigt, dass er nicht nur die Mittel, sondern auch durchaus das Talent besitzt, durch klaustrophobisches Ambiente zu überzeugen. Für einige wird
"Exitus Interruptus" aber vielleicht nicht hart oder schmutzig genug sein. Doch wie die Meinungen auch ausfallen werden, er wird für einige Überraschungen, sowie für viel Gesprächstoff sorgen und das ist auch gut so.