"Can you keep a secret? I'm trying to organize a prison break. We have to first get out of this bar, then the hotel, then the city, and then the country. Are you in or you out?" - Bob
Es fällt schwer ein paar Worte über einen Film zu verlieren, der so fragil und kristallin wirkt wie
"Lost in Translation", ohne Gefahr zu laufen, ihn damit zu zerstören. Natürlich kann man eine Hymne anstimmen, denn eigentlich beschreibt der ganze Film nur einen Tropfen Zeit irgendwo auf der Welt, eine zufällige Begegnung, eine leichte Parallelität

der Schicksale, ein Sich-Kreuzen der Bahnen, eine Momentaufnahme zweier Innenleben und damit zweier müder Seelen, die eine alt, die andere jung.
Wie leicht ist es gleichzeitig, ihn abzulehnen, wegen seiner offensichtlichen Handlungsarmut, seiner Belanglosigkeit, seiner Leere. Aber in anbetracht der überall grassierenden Zivilisationskrankheiten wie Stress, Hektik, Lärm, Unruhe bietet
Sofia Coppolas Film gleichzeitig einen schier meditativ-ruhigen Punkt im Chaos an, an dem jeder für etwas mehr als anderthalb Stunden in sich gehen kann, um sich in stillem Verstehen, in Anteilnahme und gefühlvollem Verständnis zu üben.
"Lost in Translation" ist ein Film für die Stadtmenschen, die Kenner des Urbanen. In die tiefste Hölle, die sich jene ausdenken können, werden hier zwei Menschen verschlagen: Tokio, Hauptstadt und Moloch, eine sich endlos ausdehnende Stadtwüste, ein modernes Babylon, in dem doch hauptsächlich nur eine Sprache gesprochen wird und die ist leider nicht die, die sowohl
Bill Murray als auch
Scarlett Johansson beherrschen. Beide stranden für eine begrenzte Zeit im Nichts und das Fehlen jeglicher Verbindung zu dem sie umgebenden Gewimmel führt sie zur Auseinandersetzung mit sich selbst.
"Oh Mr. Harris! Don't touch me! Mr. Bob Harris! Just rip my stocking!" - Premium Fantasy woman
Murrays Bob Harris ist ein Schauspieler, der in seiner Midlifecrisis feststeckt. Sie hat ihn latent seiner Frau entfremdet und er spürt, dass er in der Maschine Hollywood zu oft ins

Leere tritt, da sein Gefühl ihm sagt, dass er eigentlich jetzt auf einer Bühne stehen könnte. Seine Situation ist ambivalent, denn eigentlich liebt er seine Frau, doch die Kommunikation will nicht mehr recht klappen. Er liebt auch seine Kinder, doch die können seine Aufopferung als Werbeobjekt noch nicht wertschätzen und strafen seine häufige Abwesenheit.
Scarlett Johanssons dagegen schwimmt noch im breiten Fluss der Möglichkeiten und ist dabei doch schon in einer Sackgasse angekommen. Beruflich unentschieden, aber schon verheiratet mit einem Mann, der ihre Emotionalität und momentane Zerbrechlichkeit einfach nicht erfassen kann, sterben ihre ursprünglichen Gefühle für ihn langsam ab. So wissen beide nicht, was sie als Nächstes machen können oder werden, nur dass sie im Niemandsland gestrandet sind. Kaum jemand in Tokyo ist in der Lage, sie zu verstehen und praktisch durch Zufall (ihre gemeinsame grüblerische Schlaflosigkeit) entdecken sie ihre Gemeinsamkeit. Behutsam, fast schüchtern erfolgt die Annäherung zweier Figuren, ein schier fragiler Tanz, der alles sein will, nur keine Romanze. Dafür kann man den Szenen nicht dankbar genug sein, denn stets schreit es einem entgegen, dass es hier nicht um ein Happy End, um Trennung und Zueinanderfinden geht, sondern um das gegenseitige Stützen und das Entdecken eventueller

Möglichkeiten durch die Existenz des anderen. Es wird Berührungen geben, aber keinen Sex. Es wird Küsse geben, aber es werden Abschiedsküsse sein.
Die Frage, wie weit das gehen wird, bestimmt den Spannungsrhythmus von
Coppolas Film. Wie eine Bogensehne überdehnt der Film immer mehr in punkto auf seine Protagonisten, ein spendierter Drink, eine angezündete Zigarette, ein gesungener Karaokesong, ein Kopf auf der Schulter, ein Tätscheln derselben, später dann nach einem schier endlosen Augenblick des Schweigens eine Hand, die kurz einen nackten Fuß berührt. Beide fahren auf der Woge der Gemeinsamkeit mit dem anderen mit, bis sie erst zum Ende hin bemerken, wie sehr ihnen der jeweils andere nahe ist. Ihr (erster) Abschied im Fahrstuhl mit jeweils einem Wangenkuss pro Ausstiegsstockwerk ist so zärtlich-zurückhaltend, wie der finale Kuss mitten auf der Straße von Herzen kommen wird.
"He want you to turn and look in camera. Okay?" - Ms. Kawasaki
"Is that all he said?" - Bob
Murray war selten besser, wenn er sich und seinem Stil treu blieb, trocken und bissig-verzweifelt, während
Johansson gerade noch den rechten Rest an teenagerhafter

Lolitaaustrahlung besitzt, um eine Art elterliches Mitgefühl zu wecken. Die scheinbare Gegensätzlichkeit bei gleichzeitiger Vertrautheit gebiert eine Reihe von Szenen, die so schlicht und wunderbar zugleich sind, dass sie noch lange zu jedermanns Lieblingsszenen gehören werden:
Murray, der "More than this" von Roxy Music croont, während
Johansson das erste Mal aufgeht, wie nah ihr der Mann ist; das Gespräch liegend auf dem Bett, sie in Embryonalstellung, er niedergestreckt wie von einer großen Flinte; die gemeinsame Ansicht, ausgerechnet von "Dolce Vita" mit
Anita Ekberg des Nachts; seine simple Erkenntnis in der vorletzten Nacht: "Ich will nicht gehen!" und sein Blick aus unergründlich tieftraurigen Augen, wenn sich die Fahrstuhltüren vor ihr schließen.
Die Schlussszene jedoch wird all dies noch übertreffen, da sich in keinster Weise eindeutig ist, sondern ein Monument für ewige Diskussionen, was er ihr schließlich ins Ohr geflüstert haben mag, so dass für beide ein Lächeln bleibt. Ein Klassiker schon jetzt, hätte diese Szene nicht besser ausfallen können, denn jede offene denkbare Variante ist weniger schön als dieser rätselhafte

Abschied.
Coppola hat einen ganz großen unter den kleinen Filmen gedreht, der intimer und herzergreifender ist als die üblichen bekannten Bilder von Liebesgeschichten. Was nicht hundertprozentig ins Bild passen will (zumindest nicht immer) sind einige abgenutzte Japan-Stereotypen, der Gegensatz von Ost und West, der stets nah der Grenze surft, die Japaner der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen. Tokyo ist ein riesiges, buntes, ausgeflipptes Durcheinander und der Film wertet auch nicht, aber hin und wieder wirkt es wie das Mittel zum Zweck. Natürlich bietet das Skript so
Murray Platz für seinen patentierten Humor, aber ihn gerade hier in alter Bestform zu erleben (beim Fotoshooting, beim Dreh, auf einer Laufmaschine, im Warteraum eines Krankenhauses) streut etwas Typisches, Bekanntes, fast Gewöhnliches in dieses wundersame Unternehmen.
"So, what are you doing here?" - Charlotte
"Uh, a couple of things. Taking a break from my wife, forgetting my son's birthday. And, uh, getting paid two million dollars to endorse a whiskey when I could be doing a play somewhere" - Bob
"Oh." - Charlotte
"But the good news is, the whiskey works." - Bob
Dieser Oscar nominierte und Preis gekrönte Film ist nicht etwas eine große Hollywood-Produktion, sondern vielmehr ein Independent-Film, der wie auch
Patty Jenkins
"Monster" das Publikum begeisterte und aus den Federn einer Frau stammt. Der DVD wurde zwar ein anamorpher Transfer spendiert, aber Produktions bedingt hat das Bild etwas mit sich zu kämpfen. Die Farben wirken natürlich und unaufdringlich und auch der Kontrast macht seine Sache gut, wirkt aber insgesamt etwas zu unnatürlich und kränkelt etwas in punkto Schwarzwert. Dies ist aber ein
Coppola typisches Stilmittel und das Resultat einer schlechten Ausleuchtung der einzelnen Szenen. Die Detail- und Kantenschärfe ist aber der eigentliche Knackpunkt des Films. Wo letztere teilweise Doppelkonturen aufweist, stört dies aber nicht so sehr wie die permanente Detailarmut im Bild.
Sofia Coppola setzte verschiedenste Filter ein, um das Bild nachträglich zu verfremden. Dies gelingt ihr sehr gut, nur leider gehen hier die nötigen Details flöten und das Bild ist einfach nur weich und wurde künstlich unscharf gemacht, bietet selbst in Nahaufnahmen nur durchschnittliche Werte und hat stellenweise mit leichten Nachzieheffekten zu kämpfen. Des weiteren fällt ein permanentes Rauschen auf, was sich im Hintergrund breit macht und in wechselhafter Intensivität zu sehen ist. Auch die Kompressionen haben hart zu kämpfen und offenbaren gerade in ruhigen Szenen deutliche Kompressionsartefakte im Hintergrund. Somit bietet das Bild in Anbetracht der gewünschten Veränderungen der Regisseurin durchschnittliche bis

ausreichende Werte, die aber anders zu werten und zu deuten sind wie eine "herkömmliche" Produktion. Für einen "Low-Budget"-Film können wir also noch recht zufrieden sein mit dem Ergebnis.
Tonal dürfen wir bei diesem auf den Center fokussierten Film nichts Großes erwarten, außer eine angenehme und klare Sprachwiedergabe. Die linken und rechten Front- und Rear-Kanäle werden nur wenig genutzt und kommen lediglich bei der Musik oder den Tokio-Szenen zum Einsatz. Dann aber wird das Klangbild recht harmonisch und bietet eine passende, obgleich viel zu zurückhaltende Atmosphäre. Hier hätten wir uns in den wenigen "effektiven" Szenen mehr Kraft und Druck gewünscht. Man hätte uns Tokio akustisch wesentlich lebensnaher bringen können. So bekommen wir einen soliden, aber dem Namen Dolby Digital selten bis nie gerecht werdenden Track geboten. Unterschiede zur englischen Spur sind nicht auszumachen, lediglich die Dialoge sind in der deutschen Fassung besser zu verstehen. Optional lassen sich jedoch deutsche Untertitel hinzuschalten.
Das Bonusmaterial ist für einen Oscar prämierten Film etwas mager ausgefallen. Den Anfang macht ein knapp 4minütiger recht kurzer "Blick hinter den Kulissen" der Dreharbeiten. Unter "Deleted Scenes" finden wir 4 aus den Film entfernte Szenen. Leider gibt es hierbei keine deutschen Untertitel, aber dafür eine der Hauptfilm entsprechenden ordentlichen Bildqualität. Ein sehr interessantes Feature ist das "Gespräch mit
Sofia Coppola und
Bill Murray, welches in Rom stattfand. Dies ist sehr informativ und wurde deutsch untertitelt. Schade, dass es keinen richtigen Audiokommentar zum Film gibt, den gerade
Bill Murray entpuppt sich trotz Vollbart als sehr sympathischer und redefreudiger Kerl. Wer es vor dem knapp 30 Minuten langen und wirklich superben Making of etwas musikalischer haben will, kann sich das "Musik-Video"
City Girl von
Kevin
Shields anschauen. An dem "Making of" wird man aber am meisten Spaß haben, da es den Titel "Making of" endlich mal gerecht wird. Hier wird das Filmteam mit einer separaten Videokamera begeleitet und es zeigt, dass auch eine
Sofia Coppola und ein
Bill Murray nur Menschen sind. Vor allem
Sofia zeigt sich sichtlich nervös in der Gegenwart ihres großen Vorbildes. Ein wirklich toller Einblick hinter die Kulissen einer Filmproduktion. Die 5 kurzen "Interview"-Blöcke, die deutsch untertitelt wurden, sind dafür leider wieder recht werbelastig ausgefallen, sind aber zumindest sehenswert und recht kurzweilig. Unter "Darstellerinfos" finden wir 6 Bio- und Filmografien des Filmstabs und der obligatorische Filmtipp beschert uns einen Ausschnitt aus den Film
"Sams in Gefahr". Recht amüsant aber absolut unpassend ist ein 6minütiger Werbeclip einer asiatischen Fluglinie, der auf der DVD eigentlich nichts zu suchen hat. Zum Schluss gibt es noch "Matthew's Best Hit TV" auf englisch und japanisch, leider ohne deutsche Untertitel. Den "Original Trailer" zu
"Lost in Translation" findet man zusammen mit 4 weiteren Trailern aus dem Hause
"Highlight" unter dem Menüpunkt "Trailershow".
Sofia Coppola ist hier wirklich etwas gelungen, was es in dieser Art bisher kaum in Hollywood zu sehen gab. Nicht jeder wird sich in dieser Verlorenheit wiederfinden können.

Schwer vorzustellen, dass man Parallelitäten bei einer Figur entdeckt, die ihre Lebenskrise während eines Werbedrehs nimmt, der ihr 2 Millionen Dollar einbringt, während man selbst eventuell um seine Existenz kämpft. Aber rein reduziert auf den emotionalen Moment, das Einander-Berühren, gibt es wenig, was diesem zerbrechlichen Gebilde von Nähe und Wärme gleichkommen würde.
Die DVD bietet von allem zwar nur den Bruchteil des möglichen, gehört aber dennoch in jede Sammlung von Filmliebhaber, Leuten die was besonderes wollen und sich auf etwas besonderes einlassen können. Da kann auch das etwas magere Bonusmaterial und die leider nur solide Bild- und Tonqualität hinweg täuschen.
"Lost in Translation" muss man einfach gesehen haben.