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FR 1998
Originaltitel:Seul contre tous
Alternativtitel:I Stand Alone
Länge:88:44 Minuten (ungekürzt)
Freigabe:Keine Jugendfreigabe
Regie:Gaspar Noé
Buch:Gaspar Noé
Kamera:Dominique Colin
Musik:Johann Pachelbel
Darsteller:Philippe Nahon, Blandine Lenoir, Frankie Pain, Guillaume Nicloux, Aïssa Djabri, Martine Audrain, Arlette Balkis, Rado, Roland Guéridon, Sophie Nicolle, Hervé Gueridon, Robert Roy, Joël Leculle, Gérard Ortega
Vertrieb:Legend
Norm:PAL
Regionalcode:0
Bildformat:2.35:1 (anamorph)
Tonformat:Dolby Digital 5.1 (Deu), Dolby Digital 2.0 (Frz)
Sprache:Deutsch, Französisch
Untertitel:Deutsch
Specials:
  • Trailer (1:06 Min.)
Mickrige dreihundert Francs und eine Pistole. Das ist alles, was dem früheren Fleischer nach 35 Jahren harter Arbeit und einem Aufenthalt im Gefängnis geblieben ist. Kein Job, keine Liebe, keine Hoffnung. Nur Hass. Blanker, menschenverachtender, alles verzehrender Hass. Auf die Reichen, die Ausländer, die Schwulen, die Frauen.
Nachdem er seine schwangere Lebensgefährtin zusammengeschlagen hat, versteckt er sich in einer billigen Absteige in Paris und steigert sich in der tristen, ausgebluteten Metropole in seine Rachephantasien hinein. Er wird zur menschlichen Zeitbombe, die jederzeit hochgehen könnte ...
"Der Mensch hat eine Moral" verkündet der Schluss des Filmes mit bürokratischer Nüchternheit. Gleichzeitig schwingt eine gewisse Bockigkeit mit - da will sich jemand nicht mit der einfachen Route zufriedengeben, sondern verlangt nach dem vollen Programm ...


Das volle Programm erwartet den Zuschauer bei dem Film, den Gaspar Noé vor seinem international erfolgreichen "Irreversible" gemacht hat. Es geht um einen Fleischer, der einige Zeit im Knast verbracht hat, weil er eine vermeintliche Vergewaltigung an seiner Tochter rächen wollte. Es traf einen Unschuldigen. Als er wieder auf freien Fuß gesetzt wird, hat er nichts mehr. Um seinen Traum von einer eigenen Metzgerei zu verwirklichen, tut er sich mit einer dicken Schabracke zusammen, die ihn nach Lille mitnimmt. Die Tochter bleibt im Heim, in das sie gesteckt wurde, als Vati den Aufenthalt in der Herrenduschanstalt antrat.

Über die Wiegen der Eheleute haben sich gewissermaßen keine Feen gebeugt. Der Fleischer drischt seiner Lebensgefährtin das Kind aus dem Leibe und verlässt die Stadt. Er will ein neues Leben beginnen. Dies ist aber leichter gesagt als getan, denn die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist lausig. Er sammelt eine Absage nach der nächsten, frisst immer mehr Wut in sich hinein. Aber er hat ja noch eine Faustfeuerwaffe ....


Dumme Filme wie "Baise-Moi" haben gezeigt, dass man die Wut, die aus sozialer Ungerechtigkeit entsteht, nicht durch eine grelle Abfolge von Schocks allein bewältigen kann. Mit "Menschenfeind" erzählt Gaspar Noé die Tragödie eines denkbar einfachen Menschen, eines "Everyman", der nicht schlauer oder dümmer, nicht besser und nicht schlechter ist als andere Menschen auch. Der alltägliche Druck macht ihn schließlich zu einem Monster. Der Fleischer (hervorragend gespielt von Noés Stammschauspieler Philippe Nahon) sucht nach einer Richtung, nach einem Sinn. Er möchte gerne ein guter Mensch sein, im Sinne der christlichen Moralvorstellungen, die in seinen Kopf hineingestanzt sind. Diese Suche wird kompromittiert von anderen Faktoren, wie zum Beispiel dem Wunsch nach Gerechtigkeit, den er jeden Tag seines Lebens mit Füßen getreten sieht. Er sieht sich selbst im Zentrum seines Weltbildes ("Leben ist ein egozentrischer Akt") und übersieht, wieviel Ungerechtigkeit er selber verursacht. Tief drinnen ist er sich der Schuld bewusst, die er wegen seiner Tochter auf sich gehäuft hat. Er hat sie allein gelassen, und er ist scharf auf sie, weil sie so ist wie ihre Mutter, und er hasst sie, weil sie so ist wie ihre Mutter. Um so unnachgiebiger schwadroniert er in seinem Inneren über den Zustand der Welt im allgemeinen und seines Heimatlandes im besonderen. Dabei ist die Erzählerstimme des Filmes (=die des Fleischers) zu Beginn noch einigermaßen zusammenhängend. Man akzeptiert ihn als durchaus sympathischen Erzähler, als leidenden Menschen. Je deutlicher sich aber seine aussichtslose Lage vor ihm abzeichnet, desto paranoider werden seine Ideen, desto unlogischer und starrköpfiger sein Gedankengang.


Seine Menschenfeindlichkeit wirkt zu Anfang noch wie etwas, das man auf der Grundlage der dargestellten Umstände nachvollziehen kann. Er philosophiert in seiner einfachen Sprache; selbst im Pornokino hört der kleine Mann im Kopf nicht auf mit der Nerverei. Menschen erscheinen ihm als ausschließlich von niederen Instinkten getrieben. Frauen sind Muschis, Männer sind Schwänze. Alle sind Fleisch. In seiner Bärbeißigkeit bekommt dieser Nihilismus fast etwas Heimeliges. Nur: Man spürt, als ihm das Wasser immer mehr bis zum Halse steht, dass der Nihilismus letztlich nur aufgesetzt und angelernt ist. Seine starre Maske drückt all die Leidenschaft und die Verzweiflung nach unten, da sie nur schmerzt. Auf dem Soundtrack wird das verdeutlicht von den ewig wiederkehrenden Schuss-/Knallgeräuschen, die seine inneren Eruptionen markieren, wenn sich an der Oberfläche seines Körpers nichts zeigen will. Aber diese Technik seiner Selbstbezwingung geht mehr und mehr in die Binsen: Die Stimmen dringen aus ihm heraus, überdecken den Erzähler während des Finales gar. Kein Spoiler an dieser Stelle, denn ich verrate grundsätzlich nicht, wie Filme ausgehen, schon gar nicht ein so toller wie dieser hier ...


Über "Irreversible" habe ich schon einiges geschrieben. Tatsächlich verbindet die Filme so manches, etwa das grundlegende Thema von Moral in einer unmoralischen Welt, der Unwiderrufbarkeit des eigenen Handelns, die vermeintliche Sinnlosigkeit, sich von den Fesseln der Natur lösen zu wollen. Was "Irreversible" Beethovens Siebente ist, ist dem "Menschenfeind" ein Stück von Henry Purcell. Formal wie inhaltlich geht der spätere Film einige Schritte weiter und lädt auch weniger zur kritischen Distanz ein ("Menschenfeind" ist formal deutlich verspielter), aber beide Filme spiegeln äußerst vehement und wirkungsvoll die Weltsicht von Gaspar Noé wider. Ich habe so viel anämischen Experimentalmist gesehen, der Weltverzagtheit ("Hach, meine Seele stößt sich an der rauen Masse!") verarbeiten sollte, dass ich von Noés intelligenten und mutigen Filmen sehr begeistert bin. Man merkt, dass da jemand eine Menge Erfahrungen gesammelt hat und eine Menge Wunden eingefahren, aber er gibt sich nicht mit platten Simplifizierungen und Nihilo-Klischees zufrieden, sondern stochert in der Wunde, bis der Eiter abgeflossen ist. Es gibt kaum denkfaule ästhetische Faxen, und intellektuelle Schlaumeiereien verkneift sich Noé völlig. Gerade letztere dienen ja meistens dazu, sich eine trügerische Illusion von Sicherheit und Ich-habe-alles-im-Griff zu verschaffen. Noé sucht und sucht, und er lässt den Zuschauer an seiner Suche teilhaben. Dabei verzagt er nicht, sondern richtet den Blick - bei allen abgebildeten Abscheulichkeiten - stramm nach vorn. Er ist sich der Gefahren - das machen seine Filme überdeutlich - sehr wohl bewusst. Wie meinte der Schriftsteller Pitigrilli mal, sinngemäß zumindest? "Der Kluge wird an einem bestimmten Punkte seines Lebens genau dort ankommen, wo auch der Dumme angelangt ist, nur wird sein Weg ein ungleich steilerer gewesen sein." Noé bewältigt die Steilheit des Weges mit Würde, und ich werde mir demnächst mal seinen 1991 gedrehten Kurzfilm "Carne" anschauen, der eine Art Vorskizze zu "Menschenfeind" darstellt.


Ein Lob sei der DVD-Firma Legend, die den auf 16mm gefertigten Film in guter Qualität und mit einer ungewöhnlich guten Synchro herausgebracht hat - das war gerade bei diesem Film nicht selbstverständlich.

Heiterkeit ist wohl eine Eigenschaft, welche man dem Film nicht zuordnen kann. In gelbe Farben getränkte, stets kontrastreiche Aufnahmen, die selten klares Sonnenlicht erblicken, fügen den Erzählungen des Protagonisten eine verbitterte Optik hinzu. Dass diese Verfremdung durch Filter erreicht wurde und nicht etwa auf schwaches Ausgangsmaterial zurückzuführen ist, bemerkt man deutlich an den hin und wieder hervorstechenden, reinen Farben kleinerer Objekt, wie beispielsweise einem gefüllten Rotweinglas. Wirklich auffallend ist aber das oftmals verschwommene Bild, welches selten einen angenehmen Detailreichtum wiedergibt. Kleinere Kratzer treten nur selten und unregelmäßig auf, etwas deutlicher wird da schon das feine Rieseln auf dem Schirm, welches den guten Eindruck der DVD etwas schwächt und einen pumpenden Effekt erzeugt. Dadurch scheint auch die Kompression selbst ein wenig für Bewegung zu sorgen, was dem Werk insgesamt nur eine befriedigende Note auf DVD verschafft.
Mit dem Ton verhält es sich ähnlich: Es gibt keinen Grund zur Besorgnis über dessen Qualität, denn wie auch beim Bild scheint das Gebotenen dem zu entsprechen, was man hinter den technischen Möglichkeiten des Werkes vermutet. Es gibt nur wenige Stellen, die für ein Surround-Signal in diesem Film prädestiniert wären und so es ist nicht verwunderlich, dass der deutsche Dolby Digital 5.1-Ton dem französischen Originalton nur selten etwas Besseres entgegenzusetzen hat. Musikalische Akzente werden nur selten gesetzt und sind daher kein Garant für eine Aktivität der hinteren Lautsprecher, dem Dialog und vor allem Monolog lastigen Geschehen verlangt man so etwas aber auch kaum ab. In beiden Sprachvarianten setzt man daher auf eine störungs- und rauschfreie Verständlichkeit der Sprache, die mit einer professionellen deutschen Synchronisation aufbereitet wurde und für sich allein mit aktuellen Big Budget-Produktion vergleichbar ist. Der häufig zu Beginn auftretende Knallton ist im Deutschen durch den zusätzlichen Tieftöner noch etwas intensiver und tritt imposant beim Titelstück in Erscheinung, ansonsten führt der Bass aber ein stilles Dasein.


Da hier eine Verleih-DVD vorliegt, ist der Bonusbereich sichtlich kurz gehalten. Beim obligatorischen Trailer handelt es sich um die französischsprachige Originalfassung. Eine hervorragende Einstimmung auf den Film bildet das mit den Gedanken des Hauptcharakters versehene Hauptmenu. Die Kauf-DVD unterscheidet sich inhaltlich nicht von dieser Fassung.


Bild+++---
Ton+++---
Bonus------


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