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IT, ESP 1972
Originaltitel:Orca, La
Alternativtitel:Snatch
Länge:99:02 Minuten (ungekürzt)
Freigabe:ungeprüft
Regie:Eriprando Visconti
Buch:Roberto Gandus, Eriprando Visconti, Lisa Morpurgo
Kamera:Blasco Giurato
Musik:Federico Monti Arduini
Darsteller:Rena Niehaus, Gabriele Ferzetti, Flavio Bucci, Carmen Scarpitta, Bruno Corazzari, Piero Faggioni, Piero Palermini, Michele Placido, Miguel Bosé, Otello Toso, Jacopo Tecchi, Vittorio Valsecchi
Vertrieb:Cinema Obscura
Norm:PAL
Regionalcode:2
Bildformat:1,85:1 (anamorph)
Tonformat:Dolby Digital 2.0 Mono
Sprache:Deutsch, Italienisch
Untertitel:Deutsch, Englisch
Verpackung:DigiPack im Schuber
DVD-Start:27.01.2012 (Kauf)
Specials:
  • Audio-Interview mit Schauspielerin Rena Niehaus und dem Filmgelehrten Christian Keßler (mit optionalen englischen Untertiteln)
  • Featurette "A.K.A. Prandino" mit Corrado Colombo (23:50 Min.)
  • Featurette "Dissecting La Orca" mit Filmhistoriker Antonio Bruschini (10:26 Min.)
  • Italienischer Trailer (3:06 Min.)
  • Deutscher Trailer (2:48 Min.)
  • Fotogalerie (23 Bilder)
  • 12seitiges Booklet von Marcus Stigglegger (deutsch/englisch)
Am helllichten Tag wird die junge Alice auf ihrem Weg zur Schule von drei Männern in ein Auto gezerrt und auf einen abgelegenen Bauernhof verbracht. Das Motiv der Entführer ist klar: Geld. Bange Tage werden zu Wochen, doch die Eltern des Mädchens scheinen zu keiner Zahlung bereit. Alice muss handeln, und ganz auf sich allein gestellt beginnt sie ein verführerisches Spiel mit ihrem Aufpasser Michele. Als die ersten Grenzen überschritten werden, eskaliert die Situation zu einem gefährlichen Tanz, an dessen Ende bittere Konsequenzen stehen...
Es sind vier Handlungsfäden, die sich zu einem kurzen explosiven Moment zusammen finden. Ein Mann mit einer Aktentasche steigt aus einem Zug, tritt aus dem Bahnhof und fährt mit dem davor geparkten Auto davon. Ein anderer Mann verlässt mit seinem Firmenwagen das Industriegelände, während ein Dritter in einer Bar einen Flipperautomaten repariert. Als er dort von dem Auto des ersten Fahrers abgeholt wird, befindet sich der zweite Mann ebenfalls schon in diesem Fahrzeug. Eine junge Frau begibt sich auf den Weg zur Schule und trifft kurz vor dem Erreichen des Schulgebäudes eine Klassenkameradin, doch bevor sie dort ankommt, wird sie vor den Augen vieler Zeugen von den drei Männern in deren Fahrzeug gezogen. Auf schnellstem Weg begeben sie sich zu dem Firmenwagen, der mit zwei Männern und der jungen Frau weiter zu dem vorbereiteten Versteck fährt.


So lakonisch die Beschreibung klingt, so kühl und professionell wird der Ablauf der Entführung im Film geschildert. Keine Emotionen oder Gespräche begleiten diese Vorgänge, die erst bei der Fahrt zum Versteck einen Moment des Scheiterns hervorrufen. Weil Gino, der Fahrer des Firmenwagens, auf einer Brücke aus Ungeduld ein langsames Fahrzeug überholte, wird er von einem Polizisten angehalten, kommt aber mit einem geringen Bußgeld davon. Trotz des glimpflichen Ablaufs dieser Situation, zeigen sich hier schon erste Risse in der Professionalität, denn mit einer solchen Ladung an Bord, hätte er kein Risiko eingehen dürfen. Beim Versteck handelt es sich um einen alten, einsam gelegenen Bauernhof, in dem schon Michele (Michele Placido) auf die Entführer wartet. Sein Job ist es, auf Alice (Rena Niehaus) aufzupassen.


Die ungewöhnliche Idee, die Geschehnisse nur aus der Sicht der unmittelbaren Entführer und ihres Opfers zu erzählen, wird aus dem Entstehungszeitraum des Films verständlich. Mitte der 70er Jahre waren Entführungen in Italien eine gern gewählte Methode, schnell zu Geld zu kommen. Anders als in den üblichen Fällen, in denen die Entführer sämtliche Schritte bis zur Geldübergabe unter eigener Kontrolle behalten, nutzte man kleine Gauner für die Drecksarbeit, die nach Erfolg bezahlt wurden. Weder Gino, der über einen blinden Kontaktmann seine Befehle erhält, noch Paolo (Flavio Bucci), der zusammen mit Michele auf Alice aufpassen soll, wissen irgendetwas über die Hintergründe. Selbst untereinander gibt es keinen Informationsaustausch, weshalb Gino den Vorschuss, den er erhält, beim Billard verzockt und Paolo seine Freundin besucht, anstatt im Versteck zu bleiben.


Als sich die Entführung mehr als zwei Wochen hinzieht, obwohl vorher von drei Tagen gesprochen wurde, verstärkt sich die Unsicherheit der Entführer. Paolo, der dringend Geld für die kranke Tochter seiner Freundin braucht, kann dieser kaum noch erklären, warum er so selten da ist, Gino bekommt Schwierigkeiten mit der Polizei wegen seines Glücksspiels und Michele, der nicht aus dem Bauernhof herauskommt, wird mit dem Opfer allein gelassen. In einem Gespräch mit Alice, begründet er den langen Entführungszeitraum damit, dass ihr Vater nicht zahlen würde, aber das ist rein spekulativ.
Diese Aussage, aber auch Informationen aus dem Nachfolgefilm "Oedipus Orca", hatten zur Folge, dass es eine Vielzahl von Interpretationen dieser Situation gibt, obwohl die eigentliche Qualität des Films darin liegt, sich jeder Information zu verweigern. Theoretisch wäre es genauso möglich, dass der Vater längst bezahlt hat, die unbekannten Drahtzieher das Geld für sich behielten und ihre Mitarbeiter einfach mit dem Entführungsopfer zurückließen.


Entscheidend für den Film ist das Vakuum, das er hier entfaltet und in dem die vier Protagonisten wie weiße Mäuse in einem Versuchslabor agieren, die nicht mehr in der Lage sind, sich ihrem Naturell zu entziehen. Während das Verhalten von Gino und Paolo noch dadurch bestimmt wird, dass sie sich im Außenraum aufhalten, werden Alice und Michele allein auf sich zurückgeworfen. Diese Konstellation ist der eigentliche kontroverse Mittelpunkt des Geschehens, der auch zum deutschen Verleihtitel "Gefangen, geschändet, erniedrigt" führte, der dem in seiner Einfachheit genialen Titel "Orca" zugefügt wurde.

Dieser benennt die Marke der Designerklamotte, die die blonde Schönheit aus wohlhabendem Haus trägt, was sich vordergründig wie ein unwichtiges Details anhört. Der Name bezieht sich, wie Alice erklärt, auf den Killerwal aus "Moby Dick" und ist weniger in seiner direkten Bedeutung, sondern in seiner unwirklichen Bedrohlichkeit signifikant für den Film. Es ist die gesellschaftliche Diskrepanz zwischen dem einfachen, aus Süditalien stammenden Fischer Michele und der norditalienischen Blondine, die in dieser Bezeichnung kulminiert. In einer Phase, Mitte der 70er Jahre, die immer mehr Nacktheit und Frivolität auch ins kommerzielle Kino spülte, nutzte der Film im immer noch sehr katholisch geprägten Italien, Vorurteile über die Promiskuität wohlhabender Bürgertöchter aus dem moderneren Norden.


Michele liest Alices Briefe, die er in ihrer Handtasche findet, und entdeckt, dass sie schon mit mehreren Männern geschlafen hat. Vor seinem geistigen Auge sieht er sie nackt auf einer Yacht stehen und gerät in einen Zwiespalt zwischen körperlicher Anziehung und gleichzeitiger Verachtung für sie. Da sie mit Tabletten ruhig gestellt wurde, beginnt er sie genauer zu betrachten, zuerst noch vorsichtig und zurückhaltend, bis er sie konkret anfasst. Dieser Szene, der einzig expliziten des Films, kommt in ihrer konkreten Darstellung eine wesentliche Funktion zu, weshalb es sinnentstellend war, sie herauszuschneiden (was für den deutschsprachigen Markt geschah). Während er die betäubte Frau mit seinem Finger stimuliert, befriedigt er sich selbst. Erst danach, nachdem sie die Tabletten verweigerte, und sich der Kontakt zwischen ihnen verbessert, bekommt Micheles Verhalten ihr gegenüber einen gutmütigen Charakter, während er hier noch ganz bei sich ist und sich von keinem sonstigen Vergewaltiger unterscheidet. Diese negative Gewichtung der männlichen Hauptperson ist von wesentlicher Bedeutung, weil sich die Beziehung zwischen ihm und Alice ohne diese rigorose Szene zunehmend zu seinen Gunsten entwickelt.


Regisseur und Drehbuchautor Eriprando Visconti, ein Neffe Luchino Viscontis, gestaltete die Szenerie in einer Art, die den Betrachter zum Voyeur werden lässt. Als Alice Michele bittet, sich waschen zu dürfen, und ihn damit lockt, sie dabei betrachten zu können, versetzt er den Zuschauer in Micheles Position. Es bleibt spekulativ und ist letztlich unwichtig, ob Visconti nur damals angesagte Schauwerte befriedigen wollte oder sie damit gleichzeitig ins Gegenteil umkehrte.
Für Rena Niehaus, ein damals 21jähriges Model, war es die dritte Rolle, die sie, ohne jemals Schauspielunterricht gehabt zu haben, in einer Art spielte, die daran zweifeln lässt, ob ihr Entgegenkommen gegenüber Michele nur Berechnung oder auch Sympathie entspringt. Zeigte sie zu Beginn noch Momente der Verzweiflung, bleibt sie später immer souverän. Man könnte ihr Spiel mangelnden Ausdrucksmöglichkeiten zuschreiben, aber gerade diese Natürlichkeit (Niehaus konnte kein Italienisch und sprach die Worte nach, ohne sie genau zu verstehen) erzeugt ein ambivalentes Bild, das den Betrachter an seine eigenen Empfindungsgrenzen führt.


Bis heute suchen Filme in der Regel Klarheit in der Kontroverse, um damit die Reaktionen der Beteiligten zu begründen. Eine Frau, die sich einem Verbrecher sexuell hingibt, muss vorher einer tödlichen Bedrohung ausgesetzt worden sein, um nicht als Schlampe zu gelten. Visconti verzichtet auf solche eindeutigen Szenarien, zeigt kleine Gauner, die nicht wissen, auf was sie sich eingelassen haben, und vermittelt keinen Moment eine direkte Gefahr für Alice.
Dadurch dass Michele zudem als leicht naiver Junge aus dem Süden noch ein sympathischerer Typ ist, als eine hochnäsige Reiche-Leute-Tochter, kippt die gesamte Situation in ihr Gegenteil. Auch die Wahl einer unbekannten deutschen Darstellerin für die Rolle der Alice, verstärkte noch diese Empfindung, denn sie minderte die Identifikation mit dieser Figur aus Sicht eines italienischen Publikums. Durch Alices entgegenkommende, offene Art vergisst nicht nur Michele, dass er sie vergewaltigte und nach wie vor, ans Bett gefesselt, gefangen hält, sondern auch der Beobachter dieser Situation. Visconti manipuliert damit den Betrachter in eine Richtung, die eine prinzipiell klare Situation umkehrt, indem eigene Moralvorstellungen in die einzelnen Personen impliziert werden. Alice wird so vom Opfer zur Täterin, als wenn die moralischen Regeln unserer Gesellschaft in einer solchen extremen Situation noch irgendeine Bedeutung hätten. In diesem Zusammenhang wird der deutsche Titelzusatz "Gefangen, geschändet, erniedrigt" nachvollziehbar, der wirkt, als wollte er etwas betonen, was man leicht angesichts der Storyentwicklung vergessen könnte, der aber letztlich nur die selben Moralvorstellungen mit seiner Sensationsgier bedient, die Visconti dazu nutzt - absichtlich oder nicht - uns den Spiegel vorzuhalten.


Cinema Obscura veröffentlicht diesen Exploitation-Klassiker erstmalig auf DVD in einem hübschen DigiPack mit Schuber und einem 12seitigen Booklet mit einem Text zum Film von Marcus Stiglegger, der in deutsch und englisch abgedruckt wurde.
Die Bildqualität dieses anamorphen Transfers kann sich durchweg sehen lassen, denn es gibt keine groben Ausreißer in Sachen Bildpräsentation. Störende Defekte oder Verschmutzungen sind kaum zu finden. Lediglich der ab und an etwas unruhige Bildstand kann bemängelt werden. Das Bild erweist sich meist als angenehm scharf, bekommt allerdings auf sehr großen Betrachtungsflächen Probleme mit der im Grunde soliden Detaildarstellung. Übermäßig detailliert wirkt das Bild selbst in Nahaufnahmen nicht und die Konturen werden zudem nicht übermäßig scharf gezeichnet, wodurch es dem Bild stellenweise etwas an Plastizität fehlt. Hin und wieder auftretende Doppelkonturen lassen auf etwas Nachschärfung des Bildmaterials deuten. Der Kontrast balanciert helle und dunkle Bildbereiche sauber aus und nur in wenige dunklen Sequenzen saufen Details ab. Die Farbgebung fällt natürlich aus, zeigt aber eine eher monotone und erdige Farbpalette. Bildrauschen ist konstant, aber nicht sonderlich stark ausgeprägt im Hintergrund wahrzunehmen. Die Kompression arbeitet weitgehend ruhig und meist unauffällig im Hintergrund.


Die deutsche Monospur klingt sehr frisch und sauber. Es gibt kein Rauschen, keine Störungen und Überlagerungen bzw. Verzerrungen im Dialogbereich sind nicht rauszuhören. Alles in allem ein sehr sauberer und klarer Monomix, der nicht unter den typischen Alterserscheinungen leidet. Die damals geschnittenen Szenen liegen im italienischen Original mit deutschen Untertiteln vor. Der italienische 2.0-Mix hingegen klingt im Stimmbereich deutlich zu dumpf und kratzig und ist im Gegensatz zur wesentlich natürlicheren Synchronfassung weniger angenehm. Im Hintergrund lässt sich leichtes Rauschen heraushören. Deutsche Untertitel lassen sich auf für den gesamten Film hinzuschalten.

Beim Bonusmaterial hat sich Camera Obscura wieder sehr viel Mühe gegeben und trieb u.a. den deutschen und italienischen Trailer auf, zeigt eine umfangreiche Bildergalerie und produzierte ein Audiointerview mit Hauptdarstellerin Rena Niehhaus und Filmgelehrten Christian Keßler. Dieser lässt sich als separate Tonspur während des Hauptfilms abspielen und kann auf Wunsch englisch untertitelt werden. Beide sind jahrelange Freunde, weshalb das Interview sehr locker und unbefangen ausfällt. Die sympathische Niehaus, die sich früh aus dem Filmgeschäft zurückzog hat, erzählt viel über ihre Erfahrungen in der Branche und geht sehr ausführlich auf die Schattenseiten des Filmgeschäfts ein.
Das nächste Featurette mit dem Titel "A.K.A. Prandino" ist ebenfalls selbst produziert und stellt ein ausführliches Interview mit Regisseur Corrado Colombo dar, der über die Herkunft und die Schaffensphase von "La Orca"-Regisseur Eriprando Visconti erzählt. Man erfährt u.a. woher Visconti seinen Spitzname Prandino hat und wie Colombo ihn als 21jähriger seine Super8-Filme zeigte und sie gute Freunde wurden. Das 10minütige Interview mit dem italienischen Filmhistoriker Antonio Bruschini trägt den Titel "Dissecting 'La Orca'" und entstand ebenfalls in Zusammenarbeit mit Freak-O-Rama. Bruschini analysiert "La Orca", zieht dabei Vergleiche zu Interner Link"Der Nachtportier" und erklärt warum "La Orca" viel mehr als ein Exploitationfilm ist. Beide Featurettes liegen in italienisch mit optionalen deutschen und englischen Untertiteln vor. Das DVD-Menü wurde mit Musik unterlegt und sehr schön animiert.

Cinema Obscura beweist erneut ein Gespür für die Wahl von Filmklassikern und spendiert den Publikum mit "La Orca" einen Film, der sehr subtil die Bedrohung einer gewissenlosen Entführung reflektiert, indem er ein nahezu chmerzhaftes Porträt der italienischen Gesellschaft der 70er Jahren wiedergibt. Ein unterschätztes Meisterwerk des europäischen Genrefilms, der in diese Edition erstmalig ungekürzt und in sehr guter Qualität auf DVD erschienen ist. Aufgrund der Limitierung auf 2000 Stück sollte man schnell zugreifen.


Film+++++-
Bild++++--
Ton+++---
Bonus++++/-


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