Lassen wir die Staffeln kurz Revue passieren: Nr. 1 war herrlich frisch und unverbraucht (klaro!), vollgestopft mit einer Menge unheimlicher Wesen und phantastischer Ideen und inhaltlich noch im Werden begriffen. Der Nachfolger konnte sich deutlich steigern, denn neben den immer noch sprudelnden Ideen kam erstmal die eigentliche Rahmenhandlung um Mulders Kindheitstrauma (seine Schwester) und Scullys Entführung zum Tragen. Staffel 3 schürt schwere Verschwörungstheorien der Regierung, wird in Scullys Körper doch ein Implantat gefunden, das Glauben macht, sie wäre tatsächlich von Außerirdischen entführt worden. Ein Alien-Fund, ein seltsames schwarzes Gift und die schwere Krankheit von Mulders Mutter nehmen hier ihren Anfang. In Staffel 4 ist man mehr als einmal sehr nah dran, das Geheimnis um Außerirdische bzw. UFOs zu lüften. Mulder trifft auf seine Schwester, der Raucher und seine Beweggründe werden näher vorgestellt und die schwarze Substanz treibt wieder ihr Unwesen. Scully erkrankt zudem an einem unheilbaren Hirntumor, die die Serie beenden könnte ...
... die dann auch etwas kürzer als gewohnt ausfiel, aber nur, weil der Kinofilm bereits in den Startlöchern stand, der das typische Alien-Thema zum Inhalt hatte. Natürlich kann Scully in Staffel 5 geheilt werden, aber so richtig kommen die Ermittlungen um die X-Akten nicht voran. Auch hier löst sich jeder Hinweis bzw. handfeste Beweis am Ende in Luft auf. Selbst der Junge mit den telepathischen Fähigkeiten, in dessen DNA Spuren von Alienerbmasse vermutet wird, geht den beiden Ermittlern verloren (naja, warten wir's ab!). Noch schlimmer als das: Mulders Büro, seine Akten und damit alles, wofür er in den letzten Jahren gearbeitet hat, löst sich in einem Brand auf. Die X-Akten stehen vor dem kompletten Aus.
Aber das war bisher immer so. Vom Schließen der X-Akten seitens des FBIs über das Verschwinden einer der beiden Protagonisten bis hin zu deren vermuteten Ableben musste der Fan schon viel ertragen, wobei sich diese Schicksalsschläge stets als gute gemachte Cliffhanger erwiesen, die die jeweilige Nachfolgerstaffel in ihren

ersten Folgen auflösen konnte.
So sitzt Mulder vor einem Bildschirm im Data Recovery-Center des FBI und versucht in mühevoller Kleinstarbeit, seine verkohlten X-Akten zu rekonstruieren, was ihm vorerst gelingen soll. Doch schon bei der folgenden Anhörung stößt er auf die Ignoranz seiner Vorgesetzten, die ihn seinen Tätigkeitsbereich entziehen wollen. Auch auf Scullys Mithilfe muss er verzichten, denn der erhoffte Beweis, das Alien-Virus, das auch Scully injiziert wurde, erweist sich als unbrauchbar. Der Fan meint, schlimmer könnte es nicht werden, doch dann setzt man auch noch den höchst unsympathischen Agent Spender und Mulders ehemalige Flamme Diana Fowley ein, die X-Akten zu übernehmen. Inhaltlich wird also eben das geboten, was man bei
"Akte X" schon oft gesehen hat: Scully und Mulder werden aus den eigenen Reihen heraus abserviert und aufs Abstellgleis gesetzt, was den Raucher, der Mulder stets als Spielzeug gehalten hat, umso mehr freut. Wäre dies nicht der Anfang einer kompletten Staffel, würde man tatsächlich glauben, es würde zu Ende gehen, denn selbst Chef Skinner, der die beiden Paranormalermittler etwas widerwillig deckte, erhält einen Rüffel.
Wie der Zufall aber so spielt, gelangen Scully und Mulder an den Jungen Gibson, mit dessen Verschwinden die fünfte Staffel beendet wurde. Die Handlung dreht sich aber um ein wesentlich interessanteres Thema: Vermutlich nimmt sich
"Der Anfang" den beliebte SciFi-Horror
"Alien" an, denn es geht um ein

außerirdisches Wesen, das in einem Menschen heranreift, dann in "chest buster"-Manier den Wirtskörper verlässt (passiert im Off, kann man also leider nur erahnen) und sich ein neues Zuhause sucht. Da das aggressive Tierchen viel Wärme benötigt, um sich vollständig zu entwickeln, sucht es ein Kraftwerk auf und verschanzt sich unbemerkt im Reaktorraum. Als kleine Anspielung auf den
Fox eigenen Serienhit
"Die Simpsons", bei denen Scully und Mulder 1997 in einer Folge gastierten, findet man übrigens in der Schaltzentrale einen dicklichen, schlafenden Mitarbeiter des Reaktors wieder, der auf den Namen Homer hört. Da ihm aber sonst keine der üblichen Charaktereigenschaften des gelben Comic-Maskottchens zugeschrieben werden können, wird der Herr bei seinem nächtlichen Inspektionsgang nicht verschont. Richtig, Homer (Simpson?) muss sterben. Dazu werden einige tolle Horror-Szenen geboten, die wegen der schummrigen Ausleuchtung zwar nicht übermäßig blutig ausfallen, dafür aber sehr spannend sind. Was die Entwicklung der Geschichte angeht, wäre es dem Zuschauer sicherlich lieb gewesen, auf ein paar der üblichen Handlungselemente zu verzichten wie auf die bürokratischen Streitereien, die stets nach dem selben Schema verlaufen. Trotz der Tatsache, dass es weitaus stärkere, mitreißendere Folgen gab, ist
"Der Anfang" eine entscheidende Folge für den langsamen Prozess der Rückkehr zu den X-Akten, also wie der Titel es verlauten lässt (der aber so nie in der Serie eingeblendet wird), tatsächlich
"Der Anfang" - von etwas Neuem.
"Die Fahrt" beginnt unter jenen Umständen für die beiden Ermittler, die sich in der Anfangsepisode abgezeichnet haben: Scully und Mulder sind dazu abgeordnet, die Identität harmloser Bauern zu untersuchen, die sich größere Mengen Dünger

bestellt haben. Der Grund für diese unsinnig anmutende Tätigkeit (die von Mulder auch als solche empfunden wird) dürfte spätestens durch den verheerenden Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City zu finden sein, denn für den Sprengsatz wurde das in Düngemitteln vorkommende Ammoniumnitrat genutzt, weswegen die Regierung der Vereinigten Staaten seither zur Terrorismusbekämpfung den Verkauf dieser Düngemittel reglementiert.
Trotz der wenig fordernden Ermittlungsarbeit hat sich zumindest Mulder, der den unterhaltsameren Teil der Episode trägt, seinen Humor behalten. Im Haus eines "Kunden" erfährt er dann durch eine Live-Übertragung von einer Hochgeschwindigkeitsverfolgungsjagd, deren blutiger Ausgang ihn davon überzeugt, schnellstens seine Koffer zu packen, um direkt vor Ort des Geschehens zu ermitteln, was ihn natürlich in Schwierigkeiten bringt ...
"Die Fahrt" nimmt sich
"Speed" zum Vorbild, denn hier wie dort bedeutet eine zu geringe Geschwindigkeit den Tod für die Beteiligten. Auch nicht unbedingt neu ist die Art, wie sich die Folge aufbaut: Während Scully im Labor unter Seuchenverdacht am explodierten Gehörgang einer Toten herumschnippselt, flüchtet Mulder unfreiwillig mit dem Geiselnehmer auf dem Rücksitz seines Wagens.
"Die Fahrt" profitiert in seinen rasanten Action-Szenen vom Umzug des

Drehteams von Kanada ins sehenswerte Los Angeles, denn es kommt tatsächlich ein wenig Road Movie-Flair auf. Auf der anderen Seite ist es aber eine typische
"Akte X"-Folge mit all ihren einfältigen SciFi-Details. Das drohende Zerplatzen des Kopfes, das sich nur damit aufhalten lässt, dass man sich so schnell wie möglich fortbewegt, wird nämlich auf ein missglücktes Experiment mit extrem niederfrequenten Strahlen zurückgeführt, die die natürliche Resonanzschwingung des menschlichen Ohres bzw. Schädels außer Tritt gebracht haben. Ob es diese innere Schwingung wirklich so gibt, sei mal dahingestellt, aber es reicht, um dem Zuschauer die drastischen Auswirkungen des Anhaltens von Mulder und seinem erkrankten Beifahrer vor Augen zu halten. Typisch für die Serie ist jene Szene, bei der Scully und zwei Kollegen in Schutzanzügen (inkl. Beleuchtung am Visir) einen alten Wohnwagen und dessen Umgebung untersuchen. Die nächtliche Kulisse mit ihren aus dem Nichts nach oben strahlenden Leuchten hat etwas von einer Marsmission, ist also fast schon etwas zu viel des Guten. Dort trifft man auf eine alte, taube Lady, die sich grad einen klassischen schlüpfrigen Film reinzieht - Mulders Mutter ist es aber nicht!
Eine Folge der Kategorie "Gibt's eigentlich gar nicht" wird mit
"Im Bermuda-Dreieck" geboten, die sich (mal wieder) durch die Experimentierfreudigkeit der Macher auszeichnet. Mulder wird zu Beginn aus dem Wasser gefischt und von Seeleuten in die Kabine eines großen Luxusfrachters gebracht, wo er mitbekommt, dass er sich zwar auf dem riesigen Schiff befindet, das er vermutet hat, nur eben nicht in der richtigen Zeit: Es ist der 3. September 1939, Hitlers Armee haben gerade Polen überfallen und England erklärt Deutschland den Krieg. Mulder wird erst selbst für einen Nazi gehalten, kann aber dank seines Ausweises gerade noch seinen Kopf aus der Schlinge ziehen (
"You never heard of the FBI?"). Der Zeitsprung wird damit erklärt, dass sich das Schiff im Bermudadreieck befindet und in Kürze für immer verschwinden verschwinden wird.
Das Wahnwitzige soll aber erst noch beginnen: Mulder trifft all die bekannten Gesichter wieder,

die er aus seiner Zeit kennt, nur in völlig anderen Rollen: Der geheimnisvolle Raucher ist ein kaltblütiger deutscher Offizier, der mit seinen Mannen gerade die Kontrolle über das Schiff übernimmt, Director Skinner ist ebenfalls ein Deutscher, der aber durch sein Intervenieren Mulders Tod verhindern kann. Scully als britische Zivilistin erkennt Mulder natürlich nicht und auch Spender (wie sollte es anders sein: ebenfalls ein Nazi) hat Mulder vorher nie gesehen. Das lustige an all dem ist nicht nur das mehr oder weniger gute Deutsch der U.S. amerikanischen Darsteller - O-Ton ist hier absolute Pflicht, die deutsche Synchro macht nur wenig Sinn - sondern auch, dass sie den Figuren und ihren Motiven aus der "realen" Welt (zumindest jene, die Mulder kennt) haargenau bis ins kleinste Detail nachgebildet worden. Daraus lässt sich natürlich einiges machen, denn Mulder nutzt beispielsweise die Situation aus, indem er der "fremden" Scully einen dicken Kuss auf die Lippen drückt - was hat er in dieser Zeit schon zu verlieren?
Während also die englischsprachige Besatzung versucht, wieder die Kontrolle über ihr Schiff zu gelangen, wird Mulder als ausgewiesener Amerikaner in die Suche um die Person "Thors Hammer" verwickelt, die sich an Bord befindet und die für die Deutschen von höchster Bedeutung ist, da sie zum Bau der kriegsentscheidenden Atombombe beitragen wird. Auf der anderen Seite der Zeit (sprich: in den USA der 90er Jahre) wuselt Scully, die durch die Lone Gunmen von Mulders Verschwinden im Bermuda-Dreieck unterrichtet wurde, wie eine wilde Furie durch die Gänge, um Mulders Rettung zu organisieren. Es ist von ganz besonderer Qualität, wenn sie Agent Spender unverständlich klar macht, dass er ihr zuzuarbeiten hat (
"Either you do it or I'll kill you. understand?") oder wenn sie Skinner um einen Gefallen bittet und dabei eine ungewohnt energische, herrische Weise an den Tag legt, die man ihr gar nicht zugetraut hat.
Auch technisch ist diese Folge etwas ganz Besonderes.
"Akte X" geht den Evolutionsschritt von der TV-Serie zum 45minütigen Film, denn man merkt von Anfang an, dass wesentlich mehr Aufwand in die Erarbeitung von Bild und Ton

gelegt wurde als üblich. (Das ist nicht auf die Qualität der deutschen DVD bezogen, die gerade bei dieser Folge unter aller Sau ist!) Die ellenlangen Kamerafahrten, bei denen die Steadycam wie wild Scully durch die verwinkelten Gänge folgt, sich sogar noch in einen vollgestopften Aufzug hineinpresst und dabei ständig die Kontrolle behält, sind bemerkenswert. Im Audiokommentar wird auf die unsichtbaren Schnitte eingegangen, die nötig waren, um dieses logistische Problem in den Griff zu bekommen, denn es wurde nicht nur unter Zeitdruck gedreht, sondern auch unter den Bedingungen von Echtzeit. Außerdem steckt bereits viel Action in der Bildsprache und dem beflügelten Score, ohne dass irgendwo etwas explodieren muss. Eine interessante Stelle ist jene, in der Scully aus Mulders Büro hinauffährt, in einem Stockwerk anhält, kurz hinausschaut und noch eine Etage weiter oben anwählt. Statt zwischen den Etagen einen Schnitt zu setzen oder den Fahrstuhl tatsächlich nach oben zu bewegen, bleibt die Kamera an Scully kleben und im Verborgenen wuselt die Crew hinter der Fahrstuhltür herum, um in wenigen Sekunden das Set umzuräumen. Das hilft natürlich der Dynamik und Spannung der Folge, die in meinen Augen zu einer der besten der gesamten Serie gehört, die besonders durch wiederholtes Ansehen zum Genuss wird. Da wird fast eine Stufe erreicht, die sonst nur
Guy Ritchies flotten Komödien vorbehalten ist.
Und als ob es die missglückte Annäherung zwischen Scully und Mulder im Kinofilm wieder gutzumachen gäbe, gesteht Mulder seiner Partnerin am Schluss nach langem Zögern:
"I love you!" Die Reaktion darauf, besonders unter diesen Umständen, sollte man gesehen haben, erzählen kann man das nicht ...
Bei dem Zweiteiler
"Dreamland" handelt es sich nicht um die Annahme, man begäbe sich schon wieder in eine Traumwelt, sondern um den Codenamen jener legendären Militärbasis, die sich in einem abgeschirmten, geheim gehaltenen Gebiet namens Area 51 befindet und um die sich jede Menge Verschwörungstheorien gebildet haben. Area 51 war ja schon oft Thema der Serie, vermutete Mulder dort doch UFOs und außerirdisches Leben. Doch es ist das irdische Leben, das diesmal betroffen ist - nämlich seins!
Er bekommt einen Anruf eines Informanten, fährt in Richtung Area 51, wird dort natürlich vorzeitig abgefangen, bekommt aber die Gelegenheit, ein seltsam in der Luft schwebendes Objekt zu beobachten, das keinem Jet dieser Welt änhlich sieht in seiner Flugweise und Bauart. Dumm nur, dass sich Mulder kurze Zeit später auf der anderen Seite der Wahrheit wiederfindet: Plötzlich redet ihn jeder mit Morris

Fletcher an und eben jener Fletcher steigt zu Scully ins Auto, um wegzufahren. Warum sieht denn niemand der vielen Anwesenden die Verwechslung?
"Dreamland" besitzt etwas, was andere Folgen, die sich den immer wieder aufgewärmten Verschwörungstheorien in höchsten Kreisen vornahmen, manchmal etwas fehlte: ein gehöriger Schlag Humor. Trägt man nämlich solche Themen zu ernsthaft vor, verfällt die Serie schnell in die leicht angreifbare Position, in der ihr vorgeworfen werden kann, sie würde sich stets nur selbst kopieren. Mit ein paar frischen, leicht selbstironischen Einsätzen wie hier, die noch dazu von den Drehbuchautoren in eine spannende Geschichte verpackt wird, soll es aber gelingen, den Fan der ersten Stunden aufs Neue zu überraschen. Basis für diese Neuheit ist natürlich der Seelentausch zwischen Mulder und seinem Informanten Terry Fletcher, ein hochrangiges Sicherheitsmitglied der Area 51. Plötzlich befindet sich Mulder so nah an seinem Ziel, wie nie zuvor, hat er doch Zugang zu sämtlichen verborgenen Akten und Informationen. Doch statt wie ein Kind in der Süßwarenabteilung herumzutollen, wird Mulder in seiner neuen Rolle schnell von der bitterbösen Realität eingeholt: Er selbst findet sich durch sein verändertes Äußeres wenig attraktiv, wird zuhause von einer lieben Frau erwartet, die er aber nicht kennt und somit auch nicht lieben kann. Zudem sind seine zwei Kinder im Teenager-Alter eine anstrengende Angelegenheit, sein Job eher langweilig und seine Frau vermutet bald, dass er eine Affäre hat, was zu den schönsten Szenen der gesamten Serie führt. Dass er sich selbst nicht so richtig in sein neues Leben eingewöhnen kann und es ihm schwer fällt, die Angewohnheiten seiner Tauschpersönlichkeit anzunehmen, liegt wohl daran, dass er im Spiegel betrachtet eben jener Mulder ist, der er schon immer war. Das führt u.a. zu einem weiteren Highlight, nämlich einem Tanz vor dem Spiegel, bei dem Mulder und sein neues Gesicht synchrone Bewegungen ausführen, was sicherlich eine extrem aufwendig zu erarbeitende Szene gewesen sein muss, da nicht mit Tricks und doppelten Boden, sondern mit zwei Schauspielern gearbeitet wurde.
Auf der anderen Seite macht sich Fletcher in Mulders altem Leben breit und erlebt mit den Vorzügen des wesentlich jüngeren Körpers seinen zweiten Frühling. Somit mutiert der sonst aufmüpfige, engagierte Mulder zu einem selbstgefälligen, faulen Fletcher, der während seiner Arbeitszeit die Sekretärin des Chefs angräbt, seinem

Vorgesetzten Honig ums Maul schmiert oder aber am Firmencomputer Golf spielt, um die Zeit zu überbrücken. Seine ungewöhnlichen Anwandlungen verwundern natürlich auch Scully, die ihren Partner nicht wiedererkennt und eine Weile benötigt, um den Seelentausch zu erkennen und zu verstehen. Den möchte Fletcher natürlich nicht rückgängig machen, weswegen er Mulders Bemühungen, zurück in sein altes Leben zu gelangen, immer wieder sabotiert.
Die Ursache für den Tausch liegt in einer physischen Störung, die das anfangs beschriebene Flugobjekt hervorgerufen hat und die für eine Verschmelzung von verschiedenen Objekten (oder: dem Vertauschen von Teilen) sorgt. Eigentlich entsteht das klassische, unkontrollierbare Prinzip, das auch für den neuen Organismus in
"Die Fliege" gesorgt hatte, nur dass sich in
"Dreamland" eine Druckwelle durch die Wüste bewegt, die fortwährend für diesen Prozess sorgt. So wird nicht nur eine Tankstelle völlig verwüstet und der Inhaber mit dem Untergrund verschmolzen, sondern auch die Identitäten eines Militärpilot und einer alten Indianerfrau getauscht. Man muss sich nun vorstellen, wie die alte Lady in militärisch präzisem Tton ihren Vorgesetzten von der Anomalie "ihrer" Maschine erzählt, während der eigentlich Pilot Kauderwelsch brabbelnd in der Ecke sitzt. Dank der Spielzeit einer Doppelfolge kann aus diesen amüsanten Begebenheiten auch das Maximum herausgeholt werden.
"Dreamland" ist voller unglaublicher Szenen, die eine perfekte Balance zwischen Komik und Dramatik halten, ohne jemals das Thema "Aliens" nur anzureißen. Das runde Ende, die vielen schillernden Persönlichkeiten und der Grundgedanke der Geschichte, dem keinerlei Grenzen gesetzt sind, machen diese Doppelfolge für mich zu einer der besten der sechsten Staffel. Aber wir sollen das "Traumland" noch nicht ganz verlassen ...
Die vierte überraschende Episode am Stück naht mit
"Die Geister, die ich rief". Eigentlich sind Überraschungen ja nichts Besonderes für eine Serie wie diese, aber wenn selbst der eingefleischte, abgebrühte "Phile" (so nennt sich der bekennende Fan) aus dem Staunen nicht mehr rauskommt, mit welchen Einfällen uns die Autoren beglücken, dann ist es wahrlich etwas Besonderes. Schließlich waren in jeder Staffel immer mal Episoden dabei, die den Zuschauer zurück auf den Boden holen sollten. Mit
"Die Geister, die ich rief" soll man aber noch mal einen Rundflug durchs Phantastische wagen ...
Alles beginnt am Weihnachtsabend vor einem alten, verlassenen Herrenhaus, das von Mulder aufmerksam beobachtet wird. Scully hat eigentlich was Besseres vor, als an diesem Abend mit Mulder zusammen ein Spukhaus zu untersuchen, aber sie lässt sich (durch einen Trick?) in die Geschichte hineinziehen, die den Anfang bei einem Pärchen nimmt, das sich am Weihnachtsabend ewige Treue schwört und dies mit einem Doppelselbstmord besiegelt. So romantisch diese kleine Schauergeschichte sein mag, so unheimlich wird es beim Inspektionsgang durch das etwas verstaubte, aber prächtige Haus, das mit seinen riesigen Zimmern, den hölzernen Verkleidungen und Treppen, der riesigen Bibliothek und der altmodischen Bauform für Verzückung beim Gothic-Horror-Fan sorgt. Dabei weiß man doch eigentlich bereits beim klimpernden Orgelklang und dem Genre typischen Dauerblitz, das das dunkle Gebäude für Sekundenbruchteile erhellt und damit Blicke auf vermeintliche Schatten zulässt, dass es sich hier lediglich um eine Parodie handeln kann. Ist es das wirklich?
Ein wenig ja, eigentlich aber doch nein. Scully kann ihrem

Partner keinen Gefallen abschlagen, läuft also etwas ängstlich Mulder hinterher. Im Haus dann überkommt sie der kalte Schauder und durch unablässig vorgetragene Analysen von menschlichen Gefühlen wie Angst versucht sie wenig erfolgreich selbige zu vertreiben. Es ist ein Genuss, ihr zuzusehen, wie sich ihre rationalen Erklärungsversuche für die wirklich schon vor Klischee triefenden Ereignisse im Haus langsam erschöpfen und sie dabei stetig an Mut verliert, wie ein kleines Kind, das zusammengekauert unter der Bettdecke bibbert, weil dort die vermeintlichen Schrankmonster nicht ran könnten.
Auch dem Zuschauer soll Angst gemacht werden, denn es huscht schon mal etwas durch den kleinen Lichtkegel der Taschenlampe, das ein Geist sein könnte, vormals verschlossene Türen öffnen sich wie von Geisterhand und der Blitz legt mit seinem kurzen Aufhellen Stellen frei, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. Als dann auch noch etwas von unten an die Dielen klopft, Mulder beherzt diese herausreißt und ein lang verstorbenes Pärchen findet, das Mulder und Scully täuschend ähnlich sieht, ist es ganz aus mit der Vernunft: Die beiden sonst so energischen, unerschütterlichen FBI-Agenten befinden sich im schlimmsten Gruselhausszenario, das man sich vorstellen kann - und das am Heiligabend.
Wäre es das gewesen, würde man von einer durchschnittlichen Episode sprechen, doch es kommt noch dicker - beziehungsweise: geisterhafter. Denn wie es das Genre will, trennen sich die beiden und treffen jeweils auf die Eigentümer des Hauses. Hier folgt eine wunderbar scharfsinnige, direkte und stellenweise etwas schmerzliche Analyse der Personen Mulder und Scully und - jetzt wird es interessant - ihres gemeinsamen Verhältnisses. Was verbindet die beiden denn nun wirklich über ihren gemeinsamen Beruf hinaus?
Nun schließt sich wieder der Kreis, denn wer beim deutschen Titel an die erfolgreiche Weihnachtskomödie mit
Bill Murray dachte (Originaltitel
"Scrooged"), der liegt nicht ganz falsch, wurde diese Verfilmung unter
Richard Donners Regie doch ebenso von
Charles Dickens Weihnachtsgeschichte inspiriert - Ausstrahlungszeitpunkt war tatsächlich kurz vor Weihnachten. Aber Serienschöpfer
Chris Carter, der hier selbst fürs Drehbuch Hand anlegte, wäre nicht
Carter, hätte er diese kleine Parabel nicht mit einigen Gemeinheiten garniert, die den Humor der Serie (wenn er denn mal zum Vorschein kommt) ausmachen. Die Geister in
"Akte X" sind nämlich hinterlistige Geschöpfe und verfolgen ganz und gar andere Ziele, als den Lebenden lediglich ihre missliche Lage vor Augen zu halten.
Carter hält dann noch ein doppelt schönes Ende bereit und treibt ganz geschickt die Geheimniskrämerei um das Verhältnis Scully/Mulder voran. Eine durch und durch effektive, wie inhaltliche hervorragende Episode.
Teuflisches erwartet den Zuschauer mit
"Zeit der Zärtlichkeit", einem Episodentitel, der im Zusammenhang mit dem Inhalt vielleicht erst mal etwas irreführend ist. Die Ausgangslage dürfte bekannt vorkommen: Ein Pärchen (sie hochschwanger, er fürsorglich) wird vom Doktor darüber unterrichtet, dass das Ungeborene ein paar seltsame Missbildungen besitzt, die in ihrer Gesamtheit so aussehen, als ob da ein kleiner Teufel heranwächst (siehe auch
"Ein unbedeutender Niemand" in der 4. Staffel). Noch in der

Nacht erscheint der Teufel samt Höllenfeuer höchstpersönlich am Bett der werdenden Mutter und entreißt ihr das Kind. Da der Bruder des Opfers bei der Polizei arbeitet, wendet er sich an das FBI, speziell an die Abteilung der X-Akten, die ja bekannt sind für solche ungewöhnlichen Fälle. Dort sitzt ein ruhig zuhörender Agent Spender, der, nachdem sein Gegenüber das Büro verlassen hat, dem er seine sofortige Hilfe versicherte, die Akte durch den Reißwolf dreht. Nur scheint Mulder öfters mal den Papierkorb seines alten Büros zu leeren und stößt damit auf den Fall, den er "undercover" annimmt.
Daraus entsteht ein typischer Alleingang von Mulder, zu dem Scully erst sehr spät hinzustößt, wobei es für sie auch nicht viel zu machen gibt. Mulder verfolgt die gesamte Zeit über die Spur des Ehemanns des Opfers, hinter dessen unscheinbaren Gesicht er den Leibhaftigen vermutet. Den spielt ausgerechnet
Bruce Campbell, der sich hier als seriöser Charakterdarsteller von seinen überdrehten Paraderollen abzugrenzen versucht, indem er den einfühlsamen, aber geheimnisvollen Ehemann spielt, der die ganze Situation etwas zu perfekt abwickelt.
Im Grunde genommen ist
"Zeit der Zärtlichkeit" keine schlechte Episode, allein wegen der ungewöhnlich großen Anzahl von Szenen, die sich wirklich mit den Gefühlen der Charaktere beschäftigen, aber allein das Ende, das dem eigentlichen Verdacht noch eins draufsetzen möchte, wirkt dann doch etwas zu konstruiert, selbst für Verhältnisse der Serie. Dafür darf man sich aber an einem hervorragend aufspielenden
Campbell freuen, der sich mit
Duchovny ein tolles Darsteller-Duell liefert.
Scully und Mulder als Kuppler? Jene Partner im Dienst, die auf andere Menschen oft den Eindruck machen, sie wären auch privat zusammen und es doch nicht sind, weil ihr Beruf kaum Platz für Privates lässt? Das kann ja heiter werden! Geschehen ist diese offensichtliche Anspielung auf das Zwischenmenschliche von Scully und Mulder in
"Der Regenmacher". Dort geht es um einen seltsamen Herrn, der sich als Regenmacher verdient, dabei aber nicht einmal als Hochstapler überführt werden kann, weil er die knochentrockene Dürre seines kleinen Städchens und der Nachbarorte tatsächlich mit Regenfluten aufschwemmen kann, als ob er mit Petrus in direktem Kontakt stehen würde. Doch der Bürgermeister befindet, dass die Geschäftsidee des Mayor Gilmore, so der Name des schlecht manierlichen, überheblichen Regenmachers, weniger mit dem Produzieren von Regen als mit dem Erzeugen von Dürre zu tun hat - und das wäre dann tatsächlich Betrug!
Als Scully dies erfährt, die von einem nicht ganz ernst gemeinten Empfangskommitee auf dem kleinen

Flugplatz zusammen mit Mulder abgeholt wird, kippt die fast aus den Latschen, da sie einen dieser Fälle vermutet, die von Anfang an nach schlechtem Hokuspokus riechen. Und als alteingesessener Phile weiß man die Situation sofort zu deuten, denn in solch einer schrulligen Kleingemeinde wie Kroner lauern doch manchmal die eigenartigsten Vorfälle, über die sich Scully noch wundern wird. So ist es dann auch, denn die beiden FBI-Ermittler schlägt es in einen Teil der Welt, der ausschließlich von Kindsgemütern bewohnt wird, also einer sehr ländlichen, einfachen Gegend, wie man sie in
"Der große Potato" erleben durfte. Der Zuschauer feixt sich schon ins Fäustchen, denn das beginnt alles ein sehr amüsantes Unterfangen zu werden, erst recht, als man den großspurigen Auftritt des Verdächtigen erlebt, der es auf einmal aus Kübeln gießen lässt. Und Scully und Mulder stehen wie belämmert mitten in der Traufe.
Der Fall entwickelt sich bald in eine andere Richtung, denn spooky Mulder kommt auf die Idee, dass eine andere Person hinter der extrem wechselhaften Wettersituation stecken könnte, die die Gegend überdeckt. Das kostet Mulder fast das Leben: Der gräbt sich des Nachts wieder einmal seine Sonnenblumenkerne knabbernd durch Akten und beobachtet zufällig, wie ein lokaler Wirbelsturm eine Kuh in die Lüfte hebt und wenige Sekunden später durch das Dach seines Hotelzimmers wieder fallen lässt. Gesichtsausdrücke wie jener von
Duchovny in diesem Moment sind einfach unbezahlbar!
Aber eigentlich geht es in dieser rührenden Geschichte um das Liebesleben zweier Menschen, die nicht so recht zueinander finden können. Mulder soll vermitteln (Zitat Scully:
"Mulder, wann hatten sie das letzte Mal ein Rendezvous?"), da die Flamme des etwas schüchternen, unbeholfenen Herrn aber mehr auf Mulder steht als auf alle andere, führt das zu einigen lustigen Momenten der Verwechslung, die erst nach langen Gesprächen (auch hier wird man seinen Spaß haben) und einigen Unwetterfronten ihre Auflösung finden. Dann wird noch mal kurz auf die Tränendrüse gedrückt, denn beim Schlusspunkt herrscht im übertragenen Sinne Sonnenschein in den Herzen aller Anwesenden.
Und wieder eine Folge, bei der man gar nicht so richtig merkt, dass man sich die Serie
"Akte X" anschaut, obwohl alle wichtigen Elemente vertreten sind. Herrlich!
Mit
"S.R. 819" kehrt man zurück zu der Art von Folge, wie eigentlich typisch für die Serie ist, nämlich der Kampf gegen den allmächtigen unbekannten Feind, der in höchsten Regierungskreisen sitzt und dem X-Akten-Gespann immer wieder das Leben schwer macht. Da Scully und Mulder strafversetzt worden (und immer noch sind), prasseln die Folgen des Komplotts diesmal auf Skinner herunter, der immer noch an der "Quelle" sitzt und sich offensichtlich um einen Fall gekümmert hat, der ihn in höchste Lebensgefahr bringt. So wird er, nachdem ihm bereits während eines Boxkampfes schwindlig wurde und ihn sein Gegner ausgeknockt hat, in ein Krankenhaus eingeliefert, wo ein harmloser Bluterguss entdeckt wird. Wenige Szenen später aber haucht Skinner seinen letzten Atem aus, sein Körper übersäht von grün-bläulich hervorstehenden Adern und Venen, die ihn aussehen lassen wie eine neue Spezies.
Skinner tot? Das wäre eine weitere Überraschung, mit der die Serien-Fans sicherlich nicht gerechnet hätten, da es doch etwas drastisch wäre,
Mitch Pileggi in seiner doch sehr sympathischen Rolle, der bereits zuvor einzelne Folgen gewidmet

wurden (z.B.
"Heimsuchung", Staffel 3 und
"Der Pakt mit dem Teufel", Staffel 4), einfach so abzuservieren, ist er doch trotz seiner eher gemäßigten Position in einigen Schlüsselsituationen selbst vor Ort, um tatkräftig zu unterstützen. Die Frage ist also, wie sich die Autoren aus dieser Sackgasse wieder rauswinden wollen, denn Situationen wie diese hat es bereits zuvor gegeben, als der Raucher oder sogar Mulder für tot erklärt wurden. Man ist bereits mit dem Abschluss konfrontiert, will nun also wissen, was sich hier eigentlich zugetragen hat. Der häufig benutzte Kniff der rückblickenden Erzählung soll Aufschluss geben: Skinner bekommt einen Anruf mit computerverzerrter Stimme, der ihm sagt, dass er in 24 Stunden tot sei und wendet sich daher an seine engsten Vertrauten, Scully und Mulder.
"S.R. 819" bietet einige aufregende bzw. interessante Aspekte. Da wäre das freundschaftliche Verhältnis der beiden FBI-Ermittler zu ihrem Vorgesetzten, das sie beinahe über Leichen gehen lässt, um dessen Leben zu retten. Außerdem sorgt die Frist für die nötige Rasanz im Ablauf der Geschichte, auch wenn man immer im Hinterkopf hat, dass Skinner es am Ende doch nicht schaffen wird. Außerdem ist Skinner zu Beginn noch fit genug, um selbst einzugreifen und sein Schicksal zu bestimmen, was man immer gern sieht, da er die Dinge anders anpackt als seine ehemaligen Untergebenen. Negativ ist dagegen, dass viele Stränge im Sande verlaufen, was nicht heißt, dass sie nicht in einer späteren Folge wieder aufgegriffen werden könnten: Das Schicksal des Physikers wird einfach ausgeblendet (war das vielleicht etwas zu blutig vorgesehen und wurde mit Voraussicht entfernt?), die wirklichen Hintergründe des Senators, der verbrecherischen Diplomaten und des Titel gebenden Beschlusses
"S.R. 819" werden nur vage erklärt, fast so, als ob den Autoren hier nicht mehr viel eingefallen war. Auch der Schlussteil folgt etwas zu sehr dem Thema, dass alle Beteiligten zurück in ihre alten Rollen müssen, um die Ausgangslage für die nächste Folge nicht zu beeinflussen. Andererseits ist die Erklärung von Skinners Krankheit keine Schlechte. Lediglich die Sicht durchs Mikroskop auf Skinners Blut sollte anders aussehen, denn diese "Tierchen" reproduzieren sich nicht derart sprunghaft. Außerdem bekommt der Schlussteil eine nette Wendung mit der Rückkehr eines alten Bekannten, den man leider schon lange nicht mehr gesehen hat und der die Endepisode manipulieren wird.
Nach den fast ausschließlich andersartigen, großartigen Vorgängerepisoden dieser Staffel sicherlich ein kleiner Rückschritt, aber eben auch eine Skinner-Folge, die wie immer spannend und actionreich aufgezogen wurde.
Bei der Vielzahl an Ideen, die bereits für die Serie verarbeitet wurden, kann es vorkommen, dass einzelne Folgen zufällig in die selbe Richtung gehen. Nicht selten erinnert Alfred Fellig (zurückhaltend, aber charismatisch:
Geoffrey Lewis) in
"Tithonus" an den ebenfalls übersinnlich begabten Clyde Bruckmann aus
"Der Hellseher" (Staffel 3). Beide stellen sich als ruhige, sympathische, alten Herren heraus, die unter der Last ihrer Gabe sehr leiden, die sie den Tod anderer Menschen "vorhersehen" lässt. Dieser Alfred

Fellig gerät ins Fadenkreuz der Ermittlungen des FBI, weil er seltsamerweise immer sehr früh am Tatort ist und mitunter als freier Fotograf Aufnahmen der Opfer macht, bevor noch ein Funkspruch die Polizei erreicht.
Der Begriff
"Tithonius" stammt aus der griechischen Mythologie und beschreibt einen Mann, dem ewiges Leben gegeben wird, nicht aber ewige Jugend. So altert er immer mehr, ohne jemals die Chance zu bekommen, seinen müden Körper durch den Tod zu erlösen. Alfred Felling, angelehnt an einen real existierenden Polizeifotografen der 30er und 40er Jahre, teilt dieses Schicksal, denn wie sich später herausstellt, lebt er auch schon seit mindestens 150 Jahren. In einigen tollen Dialogen beschreibt er gegenüber Scully, warum er gern diese Welt verlassen möchte und was er schon alles unternommen hat, um das zu erreichen. Zudem besitzt er die Gabe, Menschen ihren baldigen Tod anzusehen, ohne jedoch wie in
"Final Destination" die genaue Todesart bestimmen zu können. An
James Wongs 2000er Genre-Werk erinnert aber definitiv eine Szene, in der ein Opfer unsanft von einem Truck erwischt wird. Szenen wie diese, in denen man weiß, dass gleich jemand zu Tode kommt, sind natürlich Nervenkitzel pur, versucht doch Scully sogar, einzugreifen und zu helfen.
"Tithonius" ist nicht nur als "Monster of the Week"-Geschichte

inhaltlich reizvoll, sondern bringt auch die verzwickte Situation, in der Scully und Mulder immer noch stecken, ein wenig voran. Die machen gerade wieder ihren wenig anspruchsvollen Telefonjob zwecks Routineüberprüfungen als Scully (nur sie!) von Chef Kersh mit einem neuen Partner vertraut gemacht werden soll. Was man als Fan natürlich schon längst weiß, wird nochmal klar gemacht in dieser Folge: Auch wenn Scully und Mulder durchaus schon in Einzelermittlungen Erfolg hatten, funktionieren sie mit anderen Partnern zusammen kaum. So schaltet sich auch der nachschnüffelnde Mulder bald ein und versorgt Scully mit Informationen über Fellig, hinter dem er einen weiteren Fall für die X-Akten sieht. Zu schade nur, dass Mulder von seinem Schreibtisch nicht die Gelegenheit bekommen wird, Fellig persönlich kennen zu lernen und dessen faszinierende Geschichte zu hören. Das soll Scully vorenthalten bleiben, die abermals auf die Seite der "Gläubigen" gezogen wird und sich selbst in Lebensgefahr bringt.
Auch diese Folge ist ein tolles Stück
"Akte X" mit wunderbaren Darstellern und einer bedrückenden, nächtlichen Atmosphäre. Zudem erwartet den Zuschauer abermals ein drastisches, aber sehr schönes Ende, das leider nicht ganz mit dem emotionalen Abschluss von
"Der Hellseher" mithalten kann. Aber der ist ja auch kaum zu toppen.
In der nun folgenden Doppelepisode wird es Zeit, die Stücke des Puzzles ein wenig zusammen zu rücken. Man kann nicht sagen, dass die bisherigen Episoden der Hauptgeschichte schlecht waren, aber sie liefen doch fast immer nur darauf hinaus, dass man als Zuschauer mit einem etwas unbefriedigenden Ende konfrontiert war, das laut "to be continued" rief. Nun soll man etwas näher in die Fakten eintauchen, was für die Autoren dieser Folge ein ganz besonderer Knochenjob gewesen sein muss: An bisherige Folgen wie
"Herrenvolk",
"Tunguska",
"Redux",
"Cassandra" und
"Das Ende", also dem großen Handlungsstrang der vierten und fünften Staffel, muss fehlerfrei angeknüpft werden, gleichzeitig aber auch die Möglichkeiten offen gelassen werden für eine hemmungsfreie Entfaltung folgender Episoden. Noch dazu lief zwischen der 5. und 6. Staffel ja der Kinofilm, der hier auch etwas mitmischen soll. Je tiefer man im Konstrukt
"Akte X" hinabsteigt, umso schwieriger wird das freilich.
Zuerst einmal wird mit den bekannten Personen und Faktoren gespielt. Ein weiteres Experiment in einem

Eisenbahnwagon (klasse gefilmter Schauplatz: der düstere, von nebligen Lichtquellen durchzogene Bahnhof) wird an einem Menschen vollzogen. Die gesichtslosen Rebellen vereiteln aber den Abschluss und dezimieren alle anwesenden Wissenschaftler mittels ihrer tödlichen Verbrennungswaffe. Klingt bis hierhin bekannt und ist so schon in
"Cassandra" zu sehen gewesen. Die Sache wird aber interessanter, als auf dem OP-Tisch die damals entführte Cassandra liegt, Frau des geheimnisvollen Rauchers und Mutter von Agent Spender. Das scheint sich zur Familiengeschichte zu entwickeln, ist doch Agent Spender plötzlich hoch interessiert am Fall und auch sein Vater schaltet sich ein.
Aus dessen Sicht übrigens wird diese Geschichte erzählt, denn in einem dunklen Raum offenbart er sich gegenüber einer zweiten Person, deren Identität wir erst zum Schluss erfahren. Spannend wird es allein schon, weil der Raucher nicht nur ein Teil seiner Identität preisgibt, sondern sich seiner Familie stellt. Wäre das alles, könnte man von einer gewöhnliche Folge sprechen, aber es wird tatsächlich das Rätsel um die Entführungen, um die Experimente, um den geheimen Rat, dem der Raucher beiwohnt, um die Rebellen und auch um Mulders Schwester gelöst - oder zumindest angedeutet. Mit von der Partie ist auch Krycek, der sich wie auch der Raucher ein wenig beim Zuschauer rehabilitieren kann, da die Hintergründe verständlich gemacht werden und den Anschein haben, dass die Bedrohung nicht von den Menschen selbst kommt, sondern von der außerirdischen Rasse, die die Erde zu einem bestimmten Zeitpunkt übernehmen und die Menschheit auslöschen wird. Cassandra spielt in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Rolle, ist sie doch Teil des Experiments, das den wissenschaftlichen Durchbruch, aber auch den Tod der gesamten Erdbevölkerung bringen kann.
Abgesehen von diesem SciFi-Inhalten ist besonders der Versuch interessant, wie sich der Raucher bemüht, seinem Sohn das Ausmaß der Dinge zu vermitteln und dass er stets die richtigen, wenn auch manchmal harten Konsequenzen gezogen hat, die seine Position verlangt haben. Gleichzeitig bemüht er sich darum, seinen Sohn in seine Fußstapfen treten zu lassen.

Agent Spender ist anfangs so ungläubig wie Scully in den ersten beiden Staffeln und traut natürlich seinem Vater nicht, er durchzieht aber eine interessante Wandlung, die irgendwann dazu führt, dass die X-Akten zurück in die Obhut von Mulder gehen. Ebenfalls nett gemacht ist die Verschiebung der Fronten, wie einstmals verfeindete Parteien nun versuchen, zusammen zu arbeiten, um einen gegenseitigen Nutzen daraus zu ziehen.
In der doch actionreichen Doppelfolge geraten Scully und Mulder in den Hintergrund, denn es geht um den Raucher und um jene Männer, die in den 70ern eine folgenschwere Entscheidung getroffen haben und nun mit den Konsequenzen zu leben haben. Besonders der Raucher wird vom Antagonisten zum Protagonisten erklärt, der die Sympathien des Zuschauers zwar schon oft verspielt hatte, nun aber noch einmal alles daran setzt, sich als Mensch zu zeigen. Aber auch hier steckt die Tücke im Detail, wie man spät erfährt.
"Zwei Väter" und
"Ein Sohn" enthält nicht nur alle wichtigen Charaktere und Handlungsstränge der Serie, sondern gibt auch erstmals wirklich Antworten. Somit erreicht
"Akte X" mit dieser Folge einen neuen Standpunkt, der hoffentlich inhaltlich ausgebaut werden kann. Gleichzeitig umgeht man das schwere Problem, den Kinofilm zu ignorieren oder vorauszusetzen: Zwar ist die Doppelepisode ähnlich angelegt wie
"Akte X: Der Film", die szenischen Überschneidungen sind aber gering und somit lohnt es, beide anzuschauen. Well done!
Eine weniger gelungene "Monster of the Week" folgt mit
"Aqua Mala" (vermutlich übersetzt zu "Böses Wasser"), in der das Monster gar nur eine Nebenrolle spielt.
Während eines anstehenden Tornados werden Mulder und Scully zu einem ehemaligen FBI-Agenten an die Küste Floridas gerufen, um dort einen Fall aufzuklären, den die Polizei nicht ernst nimmt. Anrufer ist der alte Arthur Dales, der Mulders Bekanntschaft bereits in
"Gute Patrioten" (5. Staffel) gemacht hat. Wenn man sich überlegt, dass Dales im Grunde die Abteilung der X-Akten als Erster bearbeitet hat, ist es nicht verwunderlich, dass er nun Mulder kontaktiert, weiß er doch von einem Seemonster, das die Bewohner der Küste bedroht. Tatsächlich sieht man im Vorspann eine besorgte Mutter, die sich irgendwie durch Leitungswasser vor dieser Kreatur zu schützen versucht, von welcher man aber nur

glitschige Tentakel zu sehen bekommt. Mulder zeigt Interesse an einer nicht erforschten Lebensform aus den Tiefen des Ozeans, das möglicherweise durch den Sturm aufgespült wurde, während Scully sich schon wieder im Flugzeug zurück nach Hause sieht. Wäre da nicht das Unwetter, das all ihre Pläne zunichte macht ...
"Aqua Mala" klingt wie eine typische Horrorepisode, aber man hat das Gefühl, als ob der Folge mit Gewalt eine dezent komödiantische Grundstimmung aufgepresst wurde. Während man die Existenz der Tentakelkreatur durchaus für voll nehmen darf (zumindest im
"Akte X"-Universum), bemüht sich der Score um schelmische, verspielte, Fantasy artige Töne, die den dunklen Wohnkomplex, in dem die FBI-Agenten später landen, musikalisch aufhellen. Auch sind die Zusatzcharaktere allesamt dazu verdonnert, zur leichten Unterhaltung des Zuschauers beizutragen. Das beginnt mit Dales selbst, der Scully erstmal runterputzt, ihr weder traut, noch ihr etwas zutraut - nun gut, in
"Gute Patrioten" kam auch keine Scully vor, also kennt er sie nicht -, sie im Schlussteil aber in höchsten Tönen lobt und dafür sogar Mulder zurechtweist. Der Dorf-Sheriff wird später wegen seiner plumpen Art und Weise zurecht als
"Forrest Gump" betitelt, die schwangere Frau ist eine krakeelndes, herrisches Weibsbild, das ihren hilflosen Gatten tyrannisiert, und ein Plünderer, der sein diebisches Treiben immer dann fortsetzt, wenn grad keiner hinschaut, sorgt immer wieder für Belustigung.
Dem gegenüber steht das unbekannte Monster, das sich über Wasserwege fortbewegt und schon mal seine Tentakel aus der gefluteten Deckenlampe schlängeln lässt. Leider bekommt es keine guten Szenen spendiert, zeigt sich meist nur in der Form des kleinen Parasiten und trägt kaum zur Spannung bei. Dafür geht im Hintergrund zu viel vor, wie z.B. bei der Entbindung, bei der man dem Monster fast gar keine Beachtung schenkt. Somit ist
"Aqua Mala" zwar eine stellenweise spaßige, unterhaltsame Folge, widersetzt sich aber erfolgreich dem Schema einer düsteren Horror-Episode, die vielleicht besser funktioniert hätte.
Als große Ehrerbietung an
Harold Ramis' "... und täglich grüßt das Murmeltier" erweist sich
"Montag", bei der nicht etwa ein gewiefter
Bill Murray immer wieder den gleichen Tag erlebt, sondern dieses "zeitliche Ungeschick" Mulder passiert. Aber während
Murray als Phil Connors sich das Wissen um die kommenden Ereignisse zunutze machte, gelingt dies Mulder nicht. Vielmehr ist der gefangen in einem Kreislauf, der immer wieder zum Tod seiner selbst und vieler Unschuldiger, u.a. Scully, führt.
Der Zuschauer aber weiß davon noch nichts, wenn Mulder früh morgens aufwacht und einen Tag antritt, den er zu Recht als sehr unglücklich verlaufend bezeichnet: Sein Wasserbett hat ein Leck, die Bude steht schon unter Wasser, Handy und Wecker sind durchnässt und sein Vermieter meldet bereits, dass Wasser durch die Decke drückt. Mulder scheint an diesem Tag wirklich vom Pech verfolgt zu sein, stolpert er doch über seine eigenen Schuhe, versucht ungeschickt das Leck zu stopfen und kommt noch dazu zu spät zu einer Versammlung auf Arbeit. Die muss er aber sausen lassen, weil der Scheck, den er seinem Vermieter für den Schaden überreichen muss, nur gedeckt ist, wenn er schnell noch seinen Gehaltsscheck auf die Bank bringt. Chaos pur - aber ein wenig zum Schmunzeln!
Das Lachen wird sich aber schnell verziehen, wenn man mit ansieht, was in der Bank passiert: Mulder ist zur falschen Zeit am falschen Ort und gerät in einen Banküberfall mit Geiselnahme. Beim Versuch, den Einzeltäter zu stellen, wird er schwer verletzt. Als dann auch noch die Polizei die Bank stürmt, zündet der Täter einen am Körper angebrachten Sprengstoffgürtel und lässt das gesamte Gebäude mit

einem mörderischen Rumms in die Luft fliegen. Eine junge Frau wollte die Einsatzkräfte noch warnen, aber es war vergebens - Ende der Geschichte nach gerade einmal 5 Minuten?
Dieser Abgang wäre ein ziemlich lascher für die beiden Protagonisten, die sich einfach nicht mitten in der Staffel einer erfolgreichen TV-Serie aus dem Staub machen können. Der Zuschauer konnte schließlich mit ansehen, wie Scully und Mulder in der Nähe des Sprengkünstlers standen, also wird kaum Platz gewesen sein für irgendeinen schlauen Trick mit doppelten Boden. Nun greift die "Murmeltier"-Idee, denn zum einen wäre der frühe Tod völlig inakzeptabel, zum anderen muss man die für
"Akte X"-Verhältnisse sensationelle Sprengung eines Gebäudekomplexes doch mehr als nur einmal auskosten. Und siehe da, innerhalb von 10 Minuten Spielzeit knallt es das zweite Mal heftig, denn die Geschichte wiederholt sich ...
"Montag" ist für den Zuschauer, der die 1993er Vorlage von
Ramis kennt, natürlich ein absolut spannender Leckerbissen. Wie das Vorbild wechselt
"Montag" zwischen seichter Situationskomik (Mulder beim Bewältigen der frühmorgendlichen Pechsträhne) und fesselnder Tragik (Vorgänge in der Bank). Das interessante dieser Folge ist natürlich, wie Mulder jeden Tag von Neuem versucht, alles richtig zu machen, diesem Kreislauf zu entfliehen und die Sprengung verhindern zu verhindern. Hier kommt die junge Frau vom Beginn ins Spiel, die als Einzige das Schicksal kennt und es zu manipulieren versucht, was zu immer neuen Variationen des Tages führt.
Da die Idee von Zeitreisen für mich zu den sehr interessanten Thematiken gehört, ist Folge 14 der sechsten Staffel eine meiner absoluten Favoriten der gesamten Serie für mich. Sie befasst sich mit Déjà-vu-Erlebnissen (Scully kontert trocken auf diesen Begriff: nur neurochemische Fehlreaktionen) ebenso wie mit dem Begriff Schicksal selbst. Man ist sich sicher, dass das katastrophale Ende nach einer bestimmten Anzahl an Wiederholungen abwendbar ist, man weiß eben nur nicht wie bzw. wer letztlich doch ins Verderben gerissen wird. Der überdurchschnittliche Unterhaltungswert liegt vermutlich auch darin begründet, dass
"Montag" keine typische
"Akte X"-Folge ist, weil sie genauso gut auch außerhalb des gewohnte Umfelds mit anderen Charakteren funktionieren würde. Gerade das Gespann Scully und Mulder sorgen aber für das Gelingen der Folge, u.a. auch, indem auf witzige Weise Bezug auf
"Dreamland" genommen wird, wo der seelengetauschte Mulder sich das Wasserbett kaufte, wovon er später nichts mehr wusste. Außerdem ist es irgendwie passend, dass gerade an dem sich fortwährend wiederholenden Montag eine todlangweilige Sitzung im FBI stattfindet, die Scully und Mulder natürlich verpassen. Im Ausgleich für den Stress in der Bank müssen also an anderer Stelle Menschen über unsinnigen Berichten brüten. Wem trifft da das Schicksal härter?
Dass das schwer zu toppen ist, mussten die Zuschauer der damaligen TV-Ausstrahlung vermutlich mit der Nachfolgeepisode
"Arkadien" feststellen. Die ist zwar beileibe keine schlechte "Monster of the week"-Folge, aber doch etwas zu unstimmig, als dass sie wirklich ganz vorn in der überdurchschnittlich starken sechsten Staffel mitspielen könnte. Eines aber stimmt und wertet
"Arkadien" auf: das Zusammenspiel bzw. die Chemie zwischen Scully und Mulder ...
Die finden sich in einer ungewöhnlichen Situation wieder, ziehen nämlich in das Vorzeigeviertel Arkadien in ein Haus, in dem vor kurzem ein Pärchen spurlos verschwand. Zur Freude des Zuschauers geben sich die beiden als frisch verliebtes Pärchen aus, was Mulder immer wieder zum Anlass nimmt, Scully mit nicht ganz ernst gemeinten Hinweisen auf die Erfüllung der ehelichen Pflichten zu nerven. Im gewissen Sinne nutzt er die Situation sogar schamlos aus, wenn er seinen Nachbarn beim Essen erzählt, dass er Scully auf einer UFO-Veranstaltung kennen gelernt hat und ausgerechnet sie diejenige sein soll, die von all dem übernatürlichen Kram so fasziniert ist. Scully kann in diesem Moment natürlich nicht widersprechen, um die Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Der Zuschauer feixt sich dafür ins Fäustchen, wenn Mulder das zwangsweise Zusammenleben mit typischen Klischees garniert (
"Frau, mach mir jetzt mein Sandwich!") oder Scully am Abend mit grüner Kurmaske im Gesicht vor ihm steht.
Etwas seltsam geht es auch in der Nachbarschaft zu, denn die Neuankömmlinge werden fast überfürsorglich empfangen und mit den vielen Gemeinderegeln bekannt gemacht, die jegliche Individualität im piekfeinen Viertel im Ansatz verhindern: Haustiere dürfen nicht schwerer als 16 Pfund sein, das Aufstellen des Basketballkorbs in der Einfahrt bedarf einer Genehmigung des Siedlungsrates und stilistische Schandflecke wie Gartenzwerge, kaputte Glühbirnen in den Laternen vorm Haus oder ein Anhänger mit Boot

in der Einfahrt sind gar nicht gern gesehen. Scheinbar wird ein strenges Regiment geführt, das keinen Widerstand duldet, denn immer wieder treffen die beiden Neuankömmlinge auf leicht verstörte Anwohner, die zu ängstlich sind, um mit der Wahrheit hinter dem Verschwinden einiger Nachbarn herauszurücken.
"Arkadien" hat wunderbare Figuren zu bieten, gespielt von wunderbaren Charakteren, die allesamt eine Idylle zu schützen versuchen, die lediglich auf Einschüchterung, gewzungener Anpassung und falschem Konservatismus basiert. In dieses Umfeld passt der rebellische Mulder natürlich nicht gut und zieht bald den Zorn des Dorfmonsters auf sich, das die schwachen Mitglieder des Kollektivs mit drastischen Methoden aussortiert. Hier beginnt die Episode dann auch etwas an Wert zu verlieren, denn das Monster wird schlechter als zuvor erklärt (irgendeine asiatische Verkörperung von Gedanken), ist in seiner Erscheinungsform enttäuschend (ein riesiger, im Dunkel kaum erkennbarer Schlammbrocken) und ist eine ziemliche Randerscheinung der gesamten Geschichte, die sich nicht eingliedern kann, weil sie die großartigen, bodenständigen Grundgedanken durch typische
"Akte X"-Fiktion verwässert. Trotzdem überwiegen die positiven Eindrücke, denn wenn gerade das Monster bzw. dessen Schöpfer nicht vorkommen, dann werfen die Autoren dieser Folge mit kreativen und witzigen Einfällen nur so um sich.
Eher zu den schwächeren Folgen gehört
"Alpha", der mit einer etwas lustlosen Standardgeschichte aufwartet: Ein Exemplar einer bereits seit 150 Jahren ausgestorbenen Hunderasse wird per Frachter nach Amerika gebracht, bricht aber aus und zwei Matrosen das Genick. Mulder ist gleich in mehrfacher Hinsicht an dem Fall interessiert, denn zum einen erinnert die Tat eher an einen Menschen als an einen Hund und zum anderen hat er den Fall von einer Internetbekanntschaft zugespielt bekommen, die dank ihres langjährigen engen Zusammenlebens mit den Tieren als Koryphäe in der Verhaltensforschung für Hunde gilt. Interessante Szenen ergeben sich aus dieser Figurenkonstellation,

denn die introvertierte, menschenscheue Forscherin und Autorin verbindet vermutlich etwas mehr als nur die Bekanntschaft über das Internet mit Mulder. Scully funkt schon mal einem Annäherungsversuch dazwischen und das "I Want To Believe"-Poster an der Wand lässt ebenfalls vermuten, dass sich da etwas mehr anbahnt. Diese kleinen Details sind ein Lichtblick in der sonst etwas trockenen Episode, auch wenn sie kaum zuende gebracht werden.
Apropos Lichtblick:
"Alpha" spielt hauptsächlich bei Nacht, setzt also alles auf spannende, gruslige Szenen. In ein paar Szenen gelingt das fabelhaft. Die auf dem Werwolf-Mythos basierende Geschichte spielt sich stilgerecht im nächtlichen Mondschein ab und die Beleuchter der Serie haben mal wieder einiges geleistet, um solche Augenblicke optisch sehenswert zu machen. Leider geht
"Alpha" bei seiner schaurigsten Szene bereits die Luft aus: Man erblickt schemenhaft eine Transformation von einer lebensgroßen Person in den mordlüsternen Hund mit den roten Augen. Der beißt seinen Opfern regelmäßig die Kehle durch, es zeichnet sich aber kein richtiges Muster ab, auf dass Scully und Mulder einsteigen können. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Folge nach einigen Zusammentreffen von Opfern mit der zähnefletschenden Bestie sich wie von selbst erledigt, was man als Zuschauer nie wirklich gern sieht. Das degradiert das unablässig über Hunde witzelnde FBI-Gespann etwas zur Nebensächlichkeit. Wer sich genauso wie ich wundert, was Mulders mehrfach wiederholtes
"Hundi weg" bedeutet, der sollte mal auf die Bedeutung des englischen Wortes "doggone" (originalton) nachschlagen.
Mit einer weiteren Hommage an
Wes Cravens
"Shocker" (damals in der Hauptrolle:
"Akte X"-Regulär
Mitch Pillegi) wartet
"Trevor" auf. Nicht nur dessen Hauptcharakter Pinker Rawls erinnert klanglich stark an den

Elektro-Superschurken Horrace Pinker, auch der Werdegang und die Charakterisierung beider Schwerverbrecher ist sich ähnlich: Hier wie da geht von beiden eine enorme Gewaltbereitschaft aus, die im Falle Horrace Pinker sogar noch etwas mehr ins Sadistische übergeht; sie werden beide Opfer eines gewaltigen äußeren Einflusses, während sie im Gefängnis schmoren, wodurch sie an eine Art Superfähigkeit gelangen. Letzteres kann im Falle der
"Akte X"-Folge aber nur vermutet werden, weil Pinker Rawls während eines Tornado-Unwetters in eine klapprige Einzelzelle eingeschlossen wird, die vom Sturm natürlich umgerissen und völlig zerstört wird. Die Autoren dieser Folge lassen damit relativ viele Erklärungsansätze zu, wie und wann Pinker aus seinem Gefängnis entkommen konnte und ob er die Fähigkeit, durch feste Gegenstände hindurchzutreten, vielleicht schon früher besessen hat. Möglich wäre es, zumindest würde das den Dialog mit einem Mitgefangenen erklären, der vielleicht von Pinkers Gabe weiß und ihn anstachelt, doch endlich zu fliehen. Dass Pinker darin aber nur einen Sinn sieht, nachdem er von einem gewissen Umstand außerhalb der Gefängnisgitter erfahren hat, das bekommt der Zuschauer erst zu Ende hin mit.
Scully und Mulder jagen also einen Schwerverbrecher, der durch Wände gehen kann, dem Kugeln nichts anhaben können, weil er sie einfach durch sich hindurch gleiten lässt, und der trotz seiner

Aggressivität einen klaren Kopf behält, was ihn zum gefährlichen Gegner werden lässt. Pinker sucht nun seine alten Kameraden auf, um offensichtlich die Adresse seiner früheren Freundin ausfindig zu machen, die wahrscheinlich das Geld vom letzten Coup noch besitzt. Glücklicherweise wird dieses standardisierte Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Scully und Mulder durch Tatortbesuche langsam der Fähigkeit Pinkers und damit auch ihm auf die Spur kommen, sowohl mit Humor als auch mit einer interessanten Charakterwendung aufbereitet. Es ist fast ein wenig tragisch, wenn man begreift, wonach der (Un-)Mensch Pinker auf der Suche ist. Umso eindringlicher und besser gelingt der Schlussteil, der mit Action, aber auch mit Gefühlsmomenten ein fast Serien untypisches Ende für eine Folge besitzt - zumindest in Bezug auf die Serie
"Akte X", bei der gern ein entweder sachlicher oder sehr mysteriöser Schlussstrich gezogen wird.
Einige Meinungen der IMDb.com lassen leider vermuten, dass diese Folgen nicht ganz so gut bei den Fans ankam, weil sie Filmfehler in Bezug auf Pinkers Durchdringen von Gegenständen enthält. So verliert er beispielsweise bei diesem Vorhaben seine Kleidung, was jedoch nicht konsequenzt umgesetzt ist. Aber ob man sich darüber den Spaß an einer tollen Monster Of The Week-Folge verderben soll? Ich würde sagen: Nein!
In Staffel vier machte die Serie erstmals etwas genauer auf das Gefühlsleben von Scully aufmerksam. Zwar ist sie stets die Person, die durch ihre rationalen Entscheidungen den etwas kühleren Eindruck macht, dem aufmerksame Zuschauer wird aber sicherlich nicht entgangen sein, dass besonders sie es ist, die sich nach einer Beziehung sehnt. Während Mulder sich immer wieder erfolgreich in seine Arbeit vergräbt und nicht wirklich ein Privatleben zu haben scheint, das sich in den Interessen von seinem beruflichen Betätigungsfeld unterscheidet, sieht das bei Scully doch schon etwas anders aus. Die Episode
"Milagro" ist daher Scullys Episode, sozusagen eine zarte Liebesgeschichte. Undenkbar für

die Serie? In der sechsten Staffel nicht unbedingt, ungewöhnlich ist es aber schon.
Zwar ist
"Milagro" umrahmt von der Suche nach einem Serientäter, der seinen Opfer das Herz bei lebendigem Leibe herausreißt (welch Symbolik!), ohne dass die Verwendung von Schnittwerkzeugen erkennbar ist, aber man merkt schnell, dass das nur ausschmückendes Beiwerk ist, um dem Fan von Standardepisoden bei der Stange zu halten. Es dreht sich nämlich primär um den Schriftsteller Philip Padgett, der Tür an Tür mit Mulder wohnt und versucht, seinen nächsten Roman zu verfassen. Nicht ganz zufällig trifft er auf Scully und kehrt dabei ihr Inneres nach außen (im übertragenen Sinne). Scully ist angezogen von dem Fremden, der so viel über ihr Gefühlsleben zu wissen scheint und verdrängt damit den Gedanken, dass er möglicherweise ein Verdächtiger im Mordfall ist.
"Milagro" ist wesentlich vielschichtiger, als es die Inhaltsanhabe vermuten lässt. Padgetts Roman ist gleichzeitig die Handlung, seine Kreativität wird zur bitteren Realität und umgekehrt. Die jeweilige Handlungsebene ist für den Zuschauer kaum zu fassen, der noch dazu durch eine hervorragende Kameraarbeit in eine etwas surreale Welt entführt wird. Letztlich geht es auch gar nicht so sehr darum, ob der Mörder, dessen Identität angeschnitten, aber nur ungenau beschrieben wird, gefasst wird, denn man ist gespannt drauf zu erfahren, ob Scully ihr Herz verlieren wird - in aller Zweideutigkeit dieser Worte!
Zurück zur leichten Unterhaltung geht es mit
"Ex", der Roosevelt-Alien-Episode aus der Vergangenheit.
David Duchovny tritt diesmal nicht nur als Agent Mulder auf, sondern gibt auch seinen Einstand als Regisseur und Autor. Es sollte also nicht verwundern, wenn
"Ex" ein wenig auf den Charakter Mulder zugeschnitten ist, auch wenn er nicht die Hauptrolle spielt. Im Mittelpunkt

steht der bereits in
"Aqua Mala" (Staffel 6) und davor in
"Gute Patrioten" (Staffel 5) bekannt gewordene Arthur Dales, der sich zuvor als Schöpfer der X-Akten beim FBI vorstellte. Statt
Darren McGavin taucht nun aber
M. Emmet Walsh in der Rolle des kauzigen Rentners auf. Was sich die Autoren allerdings dabei gedacht haben,
Walsh als gleichnamigen Bruder von
McGavins Charakter auszuweisen, entzieht sich mir. Es klingt für mich nach einer Ausflucht, den während des Drehs erkrankten
Darren McGavin ersetzen zu können. Aber das spielt im weiteren Verlauf keine große Rolle, denn die beiden Charaktere sind sich sehr ähnlich und man muss schmunzeln, wenn man zu hören bekommt, dass sich die Dales-Brüder bei gemeinsamen Treffen krummgelacht haben über Mulders verbissene Suche nach UFOs und Außerirdischen.
Um die dreht sich natürlich diese Geschichte, aber man darf natürlich etwas mehr erwarten als nur das, schließlich ist sie von der Person geschrieben, die sich jahrelang mit dem Charakter personifiziert sah. Und so lauscht Mulder (näckig bezeichnet als
"Agent McGuyver") der Erzählung des alten Dale, der in den 1940ern als Polizist für einen sehr talentierten Baseball-Spieler namens Josh Exley den Personenschutz übernimmt und sich mit ihm anfreundet. Doch er merkt, dass Exley etwas zu verbergen hat, weil der sich trotz seiner überragenden Spielweise ziert, als Spieler in die höhere Liga aufzusteigen.
Der Zuschauer weiß natürlich während der ersten Andeutungen, die

Exleys Gesicht wie das eines Alien aussehen lassen, dass es sich bei Exley um einen Extraterrestrischen handelt - einer, der gern Baseball spielt und deswegen lieber Mensch als Außerirdischer ist. Huch,
Duchovny packt ja neben seiner Antirassismusbekundung gleich eine Menge Neuerungen in seine Episode. Bisher kannte man die glupschigen Schwarzaugen nur als stille Beobachter, dass nun aber einer die Vorzüge des Menschlichsein (z.B. das Lachen) in vollen Zügen auskostet, seine Identität gegenüber seinem Freund sogar preisgibt, das bekomtm man nicht alle Tage zu sehen. Und noch etwas fällt auf: Alienjäger
Brian Thompson ist zwar irgendwie immer noch der "bad boy", weil er mit seinem spitzen Werkzeug die Außerirdischen zur Strecke bringt, doch erstmals kann er reden und zeigt sein wahres Ich: Auch unter seiner anpassbaren Maske sitzt ein unförmiger, bleicher E.T.-Kopf.
Übrigens dürfte der tolle erzählte, intergalaktische Freundschaftsbund einen enormen Einfluss auf den später entstandenen
"Men in Black" haben, insbesonders auf die Idee aus
"Men In Black 2", dass alle populären und erfolgreichen Menschen eigentlich Aliens sind und dass einige, die aus der Reihe tanzen, von Alienjägern im Zaum gehalten werden müssen. Der Sport, speziell Baseball, als Zufluchtsort der Außerirdischen ...?
Man ist aus dieser Retrospektive noch gar nicht so richtig raus, da startet diese Art von Episode den zweiten Anlauf: mit den Lone Gunmen, den beliebtesten TV-Nerds, seit es
"Akte X" gibt. Wer sich nun noch schnell auf
"Suzanne" vorbereiten möchte, der schnappe sich Staffel 5, Episode 3 namens
"Die unüblichen Verdächtigen", denn
"Suzanne" ist nichts anderes als ein Fortführung und

Beendigung dieses auf dem
"Akte X"-Zeitstrahl 10 Jahre zurückliegenden Ereignisses. Damals, als Mulder das erste Mal auf Byers, Frohike und Langley traf und sich alle von einer hübschen Fremden um den Finger wickeln ließen, die in Waffenexperimente der Regierung verwickelt war, musste man sich mit einem typisch offenen Ende begnügen, das die großartige Folge nicht unbedingt verschlechterte, aber doch eben etwas unerfüllt ließ. Warum also nicht die drei Verschwörungstheoretiker in eine ähnliche Situation werfen und die Sache fortsetzen?
Die drei Anarchisten sitzen gerade in Las Vegas und versuchen irgendwie, sich in eine Konferenz für Verteidigungssysteme einzuschleusen, um Informationen für ihr Verschwörungsblättchen zu sammeln. Mit ihren halblegalen Machenschaften erinnern sie nicht selten an die Besetzung von
"Oceans Eleven", in dem sich auch ein paar Vagabunden mit allerlei Tricks dran machten, ihre Ziele zu erreichen. Die Lone Gunmen sind aber nicht hinter Geld her (verlieren sogar beim katastrophal endenden Pokerspiel einige Scheinchen), sondern kämpfen um die Freiheit von Informationen. In eine gänzlich andere Richtung entwickelt sich die Geschichte aber, als Byers seine alte Flamme, Suzanne Modeski, unerwartet wiedertrifft, die einige bereits für tot hielten, und eine Droge zum Einsatz kommt, mithilfe

derer sich Menschen sehr leicht manipulieren lassen. So wird der Spieß umgedreht, die Lone Gunmen werden vom Jäger zum Gejagten und Scully, die mittels fingiertem Anruf nach Vegas geholt wurde, gerät irgendwie zwischen die Fronten.
Klingt nach hartem Tobak, ist aber herrlich unterhaltsam aufbereitet. Allein die leicht beschwippste Scully, die dank der Droge von der introvertierten Bundesagentin zum Vamp mutiert, ist die Episode wert. Sie benimmt sich fast wie das weibliche Gegenstück zum sexistischen, vergnügungssüchtigen Terry Fletcher aus
"Dreamland", den sie just auf dieser Messe antrifft - was für ein Zufall! Dazu kommt der trockene Humor der Drei-Mann-Chaoten-Truppe, ein paar zusätzliche Nerds, eine gefährliche Gegenverschwörung und ein geschicktes Täuschungsmanöver zum Schluss, das nun doch noch für ein Happy End sorgen soll. Darüber hinaus ist
"Suzanne" eine komplette Spaßepisode, die zwar auch ihre ernsten Seiten hat, aber dermaßen fingiert ist, dass man sie kaum ernst nehmen kann. Hier hatten die Autoren vermutlich einfach Freude daran, bekannte Charaktere neu zusammenzustellen und sie etwas erleben zu lassen, das die eigentliche Serie zwar nicht voranbringt, aber als großartige Zwischenepisode funktioniert. Und das ganz ohne Mulder, der lediglich eine kurze Sprechrolle hat, bei der Vielzahl an schillernden Charakteren und skurrilen Situationen aber auch gar nicht benötigt wird.
Von einer bereits etwas eigenwilligen Folge wie
"Suzanne" geht es mit
"Sporen" gleich noch eine Stufe weiter in die phantasievolle Welt dieser Serie. Diese "Monster Of The Week"-Folge, die eigentlich kein Monster besitzt, weil es völlig nebensächlich ist, ist ähnlich
"Im Bermuda-Dreieck" eine Hommage an die
"Twilight Zone", aber auch ein wenig die TV-Aufarbeitung eines
"Matrix". Um die Identifikation mit der Serie muss man sich aber keine Sorgen machen, denn
"Sporen" ist trotz seiner für die Serie innovativen, fast progressiven Ausrichtung ein typischer Scully/Mulder-Fall, der, wie so oft, mit einem ungewöhnlichen Leichenfund, nämlich zwei Skelette vermisster Wanderer, beginnt. Warum man das Zusammenspiel der beiden FBI-Agenten mittlerweile (wieder) so sehr genießen kann, zeigt jene Diskussion zwischen Scully und Mulder, die sich um mögliche Erklärungen für die schnelle Skelettierung der Opfer (nach nur 3 Tagen!) dreht: Wie ein bockiges Kind schaut Mulder zu Boden, als er merkt, dass seine UFO-Phantasien von seiner Partnerin lediglich belächelt, aber sicher nicht für voll genommen werden.
Duchovnys Charakter nimmt es also selbst mit Humor ...
Während Scully noch an den Skeletten herumsäbelt und eine grünliche Flüssigkeit

findet, die ihr unbekannt ist, begibt sich Mulder selbst zum Ort des Geschehens und geht in einer Höhle verloren, nachdem er gesehen hat, wie dort einer der beiden Totgeglaubten hineingelaufen ist. Klar, der aufmerksame Zuschauer wird schon ahnen, was die sich im Inneren verschiebenden Steinwände, das grelle Licht (wie bei einer UFO-Entführung) und die grünlich wabernden Visionen bedeuten mögen (Tipp: auf Mulders Ankunft mit dem Auto achten!), aber das nimmt dieser Folge sicherlich nicht ihren Reiz. Denn von nun an überschlägt sich
"Sporen" und es werden Szenarien geboten, die den Zuschauer glauben machen, das Geschehen hätte den Bezug zur Realität verloren. Geschickt werden Fragmente der Erzählung so verbunden, dass sie eine schlüssige Geschichte entwickeln, die aber immer wieder durch merkwürdige Reaktionen einiger Charaktere angezweifelt werden darf. Kann es denn wirklich sein, dass Skinner einen derart löchrigen Abschlussbericht von Scully annimmt, wo er doch sonst immer mit der Glaubwürdigkeit seiner Mitarbeiter hadert? Hat Mulder wahrhaftig den Spieß rumgedreht und einen Alien gefangen genommen, der mit ihm auf telepathische Weise kommuniziert? Spätestens in jener Szene, in der Scully ungläubigen Blickes den kleinwüchsigen Außerirdischen begutachtet und dazu wie ein Befreiungsschrei das
"Akte X"-Jingle ertönt, muss man sich fragen, ob man von den Autoren hinter's Licht geführt wurde.
"Sporen" gelingt der Wechsel zwischen Realität und Traumwelt und zurück (oder doch nicht?) perfekt. Selbst das offen gelassene Ende ist eine Wohltat bzw. die Konsequenz einer Halluzination, falls sie denn eine ist - der Originaltitel bejaht das. Abermals zeigt man, dass man nicht nur mit externen Phänomenen arbeiten kann, sondern auch die Serien eigenen Schemata zu benutzen weiß, sie aus ihrer starren Verankerung löst und dem Fan neu aufbereitet anbieten kann. Das dürfte ausreichen, um
"Sporen" mindestens zweimal anzuschauen.
Mit dem Abschluss der sechsten Staffel hat es sowohl das Autorenteam als auch der Zuschauer nicht leicht. Letzterer wünscht sich noch mal ein Austoben wie in den vielen vorangegangenen Epsioden dieser Staffel, kann das aber von Ersterem kaum verlangen. Geht ja auch nicht, schließlich benötigt das Ende einen tragischen Cliffhanger, mit dem sich das Interesse des Fans bis zum

Start der nächsten Staffel hält, und das funktioniert eben nur mit dramatischen Stoffen. Bisher lief das auf das Verschwinden bzw. temporäre Ableben einer der beiden Protagonisten oder das Zerstören derer beider Arbeit hinaus. Man muss also verstehen, dass ich keine Jubelsprünge mache, wenn das altbekannte Schema nun auch bei
"Artefakte" zur Anwendung kommt.
Der Grund ist, dass der
"Akte X"-Kosmos sich langsam zu erschöpfen scheint. Statt sich der bereits begonnenen Storyline zu widmen, die sich durch die Staffeln zieht, wird ein neuer Faden aufgenommen, vermutlich in der Hoffnung, daraus ein neues Spinnennetz zu weben, in dem man den Zuschauer der kommenden Staffel einlullt. Vielleicht ist es auch die Ernüchterung, dass keine Folge nach 5 Staffeln so sehr vorausgesehen werden kann wie die jeweils Letzte vor der Sommerpause. Deswegen ist es auch schwer, den Phile nochmals zu überraschen, was in den anderen 21 Folgen fast ausnahmslos gelang. Davon abgesehen ist
"Artefakte" aber mit den nötigen Zutaten versehen, um hier nichts anbrennen zu lassen. Es geht um ein mysteriöses Artefakt, das bruchstückweise an verschiedenen Orten der Erde auftaucht und einen eigenen Willen besitzt. Ein afrikanischer Forscher muss das feststellen nachdem er zwei Fundstücke zusammensetzt und sich

das plötzlich zusammengeschweißte Ganze eigenmächtig in Richtung Bücherregal auf den Weg macht, wo es mit Wucht eine Bibel durchbohrt. Als dieser Wissenschaftler dann während eines Besuchs eines Kollegen in den Staaten ums Leben kommt, werden Scully und Mulder hinzugeschaltet, denn nun geht es um Mord.
Mulder wirft die nicht neue These auf, dass das Bruchstück, das indianische Schriftzeichen enthält, von den Ahnen der Menschheit stammt (sprich: außerirdischen Ursprungs ist), hat aber nicht genug Zeit, sich der Sache richtig zu widmen, weil eine Abzeichnung des Artefakts beim Betrachten Kopfschmerzen verursachen, die ihn irgendwann niederstrecken und beinahe wahnsinnig werden lassen. Leider entwickelt sich das Katz- und Mausspiel um Informanten, die fehlenden Stücke und die Übersetzung des zusammengesetzten Teils wieder mal nachteilig für Scully und Mulder, weil alle Welt, u.a. Agent Krycek und Agentin Diana Fowley, gegen sie arbeiten. Zumindest aber werden genügend Fragen aufgeworfen, um die Fans das nächste halbe Jahr in Schach zu halten. Sonderlich ideenreich ist das aber nicht, es ist vielmehr zum Standard geworden, aber das mächtige Schlussbild entschädigt in der Hinsicht für alles.
Einige dezente Durchhänger sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Staffel Nummer 6 die stärkste der gesamten Serie ist. Ein Nutzerkommentar der IMDb.com ging sogar so weit, sie zu einer der besten Staffeln der Fernsehgeschichte zu machen. Fakt ist, dass die inhaltliche Frischzellenkur der Serie unheimlich gut getan hat. Viele Folgen überraschen durch Experimentalität, Humor an den richtigen Stellen und einem Einfallsreichtum, der die Menschen damals erschaudern lassen musste, was ihn denn bei dieser Vielzahl an absolut großartigen Folgen noch in Staffel 7 erwarten sollte.
Die Erneuerung wirkt sich auch auf das Spiel von
Gillian Anderson und
David Duchovny aus. In der Vergangenheit gab es Momente, in denen sich der Zuschauer gelangweilt fühlte, wenn die beiden ihre betroffene FBI-Standardmine aufsetzten und sich oder anderen Stammcharakteren Phrasen zuspielten. Davon merkt man hier nichts mehr, denn viele ausgefallene Situationen fordern die beiden Darsteller nun richtig. Dazu kommt, dass
"Akte X" im sechsten Jahr teurer aussieht, besonders wenn es um Schnitt und die Kameraführung geht. Mark Snows Score wird dank der beeindruckenden Bandbreite der Scripte mehr Freiraum gelassen, so dass auch andere Töne als die schweren, dissonanten Melodien angespielt werden. Darüber hinaus wird aber nicht vergessen, welche Ursprünge die Serie besitzt, welche Fans sie ansprechen soll. Nur entwickelt sie sich in eine Richtung, die dank ihre Vielseitigkeit mehr Leute ansprechen dürfte, ohne die alten Zuschauer zu vergrämen. Wenn es also eine Möglichkeit gäbe, mehr als nur 6 Punkte für die persönliche Bewertung zu vergeben, dann müsste ich das zwangsläufig tun.
Die anamorph vorliegenden DVDs machen dafür, dass es sich um eine TV-Serie handelt, einen stattlichen Eindruck. Für Filmverhältnisse bewegt sich die Schärfe und Farbgebung zwar nur auf durchschnittlichem bis leicht überdurchschnittlichem Niveau, das dürfte den Zuschauer aber bereits genug sein. In Nahaufnahmen sind Gesichter angenehm detailreich und die Konturen werden klar, wenn auch nicht hart abgezeichnet, was bei den beinahe durchgängig düstren Szenen sicherlich nicht immer leicht war. Der Kontrast ist eher weich gehalten, denn die vielen Schatten dürfen das Bild nicht auffressen. Auch bei den Farben erreicht man gute Werte, denn trotz der eher gemäßigten Atmosphäre fällt es dem Material leicht, bestimmte Tönungen herauszuarbeiten. Ein Rauschfilter kam zum Einsatz, was das Bild weitgehend stabilisiert, aber eher selten sichtbar wird. Ein klein wenig unruhiges Kompressionspumpen ist in vielen Szenen dabei, was bei der sehr niedrigen Bitrate nicht verwunderlich ist.
Ein fürchterliches Bild wird leider bei der Folge
"Das Bermuda-Dreieck" geboten. Die dunklen Gänge fallen durch den schwachen Kontrast sehr finster aus, die Schärfe ist gleich mehrere Stufen unter dem Niveau der sonstigen Folge dieser Staffel und die Doppelkonturen und Verwischungen machen es ebenfalls schwer, sich vorzustellen, dass man ein anamorphes Bild vor sich hat. Dazu kommt noch eine Änderung des Bildformats mitten in der Spielzeit (auf einmal ragt von unten ein schwarzer Letterbox-Balken ins Bild) und sehr maue Farben. Auch andere Folgen haben mit unerwarteten Qualitätseinbußén zu kämpfen, wenn auch nicht mehr so stark. Trotzdem ist es ärgerlich, dass einige Male die Herkunft von NTSC deutlich wird, weil dezentes Ghosting auftritt. Besonders bei
"Artefakte" gesellen sich ein kompressionsbedingtes Nachziehen und Detailverluste hinzu, die ganz und gar nicht nötig gewesen wären. Die Wertung soll also diesen Zwiespalt ausdrücken zwischen ordentlich gemasterten Bild und den wenigen Ausfällen.
Im Grunde kann man die Tonbewertung der vorangegangenen Staffel für diese fast ausnahmslos übernehmen. Wieder wird ein durchweg interessanter, sauberer, mit ein paar Effekten durchsetzter Surround-Ton geboten, der es aber in keinem Bereich wirklich auf sehr gute Werte bringt.
"Akte X" ist eben noch zu verhalten, um mit Direktionalität zu arbeiten. Dafür ist die Musik aus den hinteren Lautsprechern schon gut zu hören, ein paar gröbere Krawallaktionen finden sich dort auch ein und der Bass lässt mit einem seichten Brummen von sich hören. Gegenüber dem Bild gibt es beim Ton auch keine Aussetzer, auch nicht sprachübergreifend. Die deutsche Synchro ist natürlich tadellos, aber auch an Untertitel für den Originalton hat
Fox gedacht. Schade nur, dass damals kein neuer Mix in echtem 5.1 erarbeitet wurde, schließlich gab es das beim anderen Haus eigenen Zugpferd namens
"Die Simpsons" bereits ab der ersten Staffel.
Wer noch Glück hat, bekommt die Staffel 6 in der Erstauflage, welche in einem schönen DigiPack mit Schuber hergestellt wurde. Spätere Auflagen müssen nämlich schon mit einem dicken Amaray auskommen, was längst nicht mehr so edel aussieht. Gleich bleibt aber das Booklet mit wenigen Linernotes, Kapitelinfos zu allen Episoden und einer Staffelübersicht.
Auch am Inhalt der DVDs gibt es praktisch keine Unterschiede zwischen den DVD-Auflagen. Leider hat man das Bonusmaterial etwas zurückgeschraubt. Bekannt sein dürften dem Käufer die Darstellerangaben zu jeder Episode und ein paar Clips mit Synchros aus vier Ländern für einige Episoden, um die weniger brisanten Extras zu nennen. Außerdem existieren zu ein paar Episoden herausgenommene Szenen, die man nun leider nicht mehr in den Film integriert anschauen kann. Deswegen macht es nun auch kaum noch Sinn, diese sowohl auf der DVD der jeweiligen Episode als auch auf der letzten DVD zur Anwahl anzubieten. Verpassen sollte man trotzdem nicht jene Deleted Scenes aus
"Ex", in denen einmal der alte und einmal der aktuelle Arthur Dales-Darsteller zu sehen ist, was einen Vergleich ermöglicht. Ebenfalls interessant sind die beiden Audiokommentar, die wie alle Extras deutsch untertitelbar sind. Mit
"Das Bermuda-Dreieck" hat sich
Chris Carter eine sehr interessante Episode zum Kommentieren ausgesucht, denn hier musste mit vielen inszenatorischen Tricks gearbeitet werden. Etwas ruhiger geht es im Kommentar zu
"Milagro" zu, den Kim Manners einspricht. Hier wird vor allem die Darstellerarbeit gewürdigt und ein wenig über die Symbolik im Film aufgeklärt. Auf der letzten DVD wartet dann das weiteres Material in Form der beliebten "Die Wahrheit über ..."-Dokumentation, die in Kurzform die Staffel und herausragende Episoden anhand von Interviews und kurzen Szenenausschnitten vorstellt, was sehr viel interessanter ist als es vorerst klingen mag. Statt noch eine weitere, längere Dokumentation nachzuschieben, muss man danach aber auf Kurzformate wie den zweiminütigen Staffel-Werbetrailer oder TV-Spots in zweifacher Ausführung zu jeder Episode zurückgreifen. Auch die einminütigen FX gibt es nicht mehr, dafür wieder die per Audiokommentar berichtenden Kurzdokus ausgewählter CGIs. Leider sind einige Szenen etwas zu dunkel, um die aufwendige Arbeit wirklich richtig begutachten zu können.