Die Simpsons - das dritte Jahr.
Oder:
Der Sprung auf der evolutionären Leiter
Charles Darwin war ein schlauer Mann, denn er hat uns viele Erkenntnisse über die Gesetze der Natur gebracht. Viele dieser Gesetze lassen sich auch auf den TV-Medienapparat übertragen. Das ist wenig überraschend, denn wenn die Vorgehensweisen der TV-Stationen nicht dem Überlebenskampf von hungrigen Löwen ähneln, was dann?
Die beliebtesten Werkzeuge der TV-Stationen sind TV-Serien. Sie sind kontinuierlich, laufen nicht aus, halten den Zuschauer bei der Stange und damit beim Sender. Mitunter passiert es, dass einige dieser Werkzeuge ein skurriles Eigenleben entwickeln. Ihre Erschaffer glänzen in solchen Fällen mit schier unerschöpflicher Kreativität und profitieren zugegeben manchmal auch von den zufälligen Entwicklungen auf dem Fernsehmarkt.
Darf ich also vorstellen?
Matt Groening, Werkzeugmacher. Eines seiner Werkzeuge hält sich anno 1992 bereits seit drei Jahren wacker auf dem Markt. Die schwierigste Zeit ist überstanden. Das Werkzeug hat sich inzwischen aus seinem Prototypen-Status hinaus entwickelt, nimmt nun gewohnte Formen an und ist in vielen Variationen zu haben, abgestimmt auf die Hände von Jedermann. Dieses Werkzeug, das den wunderlichen Namen
"The Simpsons" trägt, hat sich unter all der Artenvielfalt mit eisernem Willen - und etwas Glück - durchgesetzt.
Das übergeordnete Medium
FOX hat diesen Entwicklungsschub registriert und tut nun alles, um sein großes Ass voll gegen die Konkurrenz auszuspielen. Das Werkzeug wird durch Vermarktung unterstützt, es muss nicht mehr von alleine kämpfen, sondern kann sich nun auf die Detailverfeinerung konzentrieren, während
FOX sich darum kümmert, dass das "Simpsons"-Werkzeug im Gespräch bleibt.
Nun mit sich selbst und seinen Inhalten alleine gelassen, kann sich Werkzeugmacher
Matt Groening voll und ganz auf die interne Entwicklung konzentrieren.
Groening geht in sich und entwickelt aus dem Innersten heraus die ultimative Essenz seines Werkes: Die Charaktertiefe. Im dritten Jahr endlich bietet sich dem fleißigen Werkzeugmacher die Gelegenheit, alle Einzelteile, sprich die Figuren, zu modifizieren, sie zu verfeinern und mit mehr Tiefe zu versehen. Er fügt ihnen Öl zu, damit sie flüssiger interagieren können. Er perfektioniert jedes Detail und stößt sich von der Probezeit ab.
Sich nun des Sprungs auf der Leiter der Evolution bewusst seiend, kann sich der Werkzeugmacher auch erlauben, diesen Status in sein Gesamtkonzept zu integrieren. Er kommuniziert mit Werkzeugen, die noch eine Stufe tiefer stehen als er selbst und die sich in dem harten Kampf um das Überleben an das Erfolgsrezept seines eigenen Werkzeuges krallen und es kopieren. Selbstbewusst und fast schon überheblich lacht der Werkzeugmacher, schaut hinab und zwinkert jenen zu, die sich noch im grauen Sumpf der Metamorphose befinden. Um die eigenen Wurzeln jedoch nicht zu vergessen, ehrt er auch weiterhin jene, die nach wie vor größer sind als er, durch Hommagen ... damit behält das Werkzeug die eigene Identität.
Der Werkzeugmacher hat es geschafft - sein Baby ist fester Bestandteil des Mediums TV geworden. Endgültig. Was danach kommt, kann nur noch der Verfeinerung dienen. Und nun seht selbst, wie es dazu kam.
Die Geburtstagsüberraschung
Ayeeh ... Um vorab eines klarzustellen, was in der Folge inhaltlich nicht so ganz herausgekommen ist: Ja,
Michael Jackson hat an dieser Episode als Synchronsprecher teilgenommen. Zwar hat er weder gesungen

(obwohl sich
Groening & Co. bei der "Billie Jean"-Performance nicht ganz einig waren, ob es an dieser Stelle nicht doch
MJ war), noch die dunkle Stimme gegen Ende gesprochen, aber er war dabei - aus freien Stücken. Zumindest, wenn man dem Audiokommentar glaubt, der sich schon anfangs durch aktuelle Begebenheiten ziemlich lustig macht über den Mythos
Michael Jackson, so dass man unweigerlich an
Barry Sonnenfelds
"Men in Black II" erinnert wird. So habe
Michael Jackson selbst angerufen und betont, wie sehr er Bart liebe, und dass er deswegen unbedingt an der Show teilnehmen wolle.
Groening brauchte einige Zeit, bis er wirklich glaubte, dass da der King of Pop am anderen Ende der Leitung war - nur zu verständlich, denn diese Folge zeigt, dass man die Zuschauer auch sehr gut durch eventuelle Imitatoren (oder waren's doch keine?) täuschen kann.
Auch wenn das Mitwirken
Michael Jacksons -

nicht zuletzt durch sein Simpsons-typisches Casting nicht etwa als er selbst, sondern als fetter, glatzköpfiger Sanatoriums-Insasse, der sich für
Michael Jackson hält - nie so ganz offiziell war, werbetauglich war es auf jeden Fall und deswegen passt es ganz gut, dass diese Episode den Staffelauftakt darstellte. Zumal das Ganze mit einer irrwitzigen Hommage an
"Einer flog über das Kuckucksnest" verbunden wurde und Homer als Paradiesvogel im rosa Hemd zu bestaunen ist - für Burns Grund genug, ihn einweisen zu lassen.
Auch, wenn man daraus gesellschaftliche Einschränkungen und Intoleranz gegenüber Minderheiten als zentrales Thema schlussfolgern könnte, so ist dies doch nur der Einstieg, denn eigentlich wird die Lebensfreude durch Freundlichkeit gegenüber anderen Menschen zur moralischen Grundaussage gemacht - auch wenn sich beide Themenfelder durchaus schneiden (Freundlichkeit zum Kampf gegen Intoleranz). Faszinierend ist aber die Art der Inszenierung, die dem Zuschauer vorgaukelt, bei dem fetten Glatzkopf handele es sich tatsächlich um
Michael Jackson. Äußerlichkeiten werden beiseite geschoben. Das gelingt ausgesprochen gut und wird somit zu einer Einheit mit der Kernaussage, und ein etwas verwirrender, aber auch positiver Gesamteindruck bleibt zurück.
Einmal Washington und zurück
Für
Julie Kavner ist es eine tolle Episode, weil sie Lisa-Folgen mag; für
Matt Groening ist sie es, weil sie die Simpsons seiner Aussage zufolge auf ein neues Level gehoben hat. Was wohl an dem seriösen und realitätsnahen Inhalt liegt. Die

Simpsons bewegen sich gebündelt aus der fiktiven "Evergreen Terrace" heraus, um erstmals zusammen einen realen Ort zu besuchen: Washington.
Nicht immer ist ganz klar, ob die Simpsons nur als Metapher auf die Kleinstadtfamilie aufzufassen sind oder auch als tatsächlicher Bestandteil unserer Welt. Gags wie der mit dem fünften Finger (in einer späteren Folge wird ein wissenschaftliches Buch gezeigt, in dem steht, dass Menschen in 1000 Jahren einen fünften Finger haben werden - einerseits eine Anspielung auf den Zeichenstil, andererseits eine verrückte dimensionale Einordnung in den realen Kontext) argumentieren für das eine, diese Folge für das andere. Der Grund ist recht einfach nachzuvollziehen: Washington steht als Zentrale für Recht und Ordnung, damit auch für die historisch begründete Sozialordnung, die in den USA herrscht. Nun greift diese Episode bereits vor, was
Michael Moore seit
"Bowling for Columbine" salonfähig gemacht hat: Die patriotische Fassade der Weltmacht USA wird aufgebrochen und die dahinter stehende, hässliche Seite gezeigt. Gnadenloser Kapitalismus, Umweltverschmutzung,

moralische Verdorbenheit. Klar, dass es da auch Karikaturen von der Bush-Familie zu bestaunen gibt.
Der Titelgeber "Mr. Smith Goes To Washington" kommt dann unter die "Hommagerie", wenn Lisa versucht, mit der Statue von Lincoln in den Dialog zu treten - und statt dessen nur an die Jefferson-Statue gelangt. Lisa erfährt als Charakter weiteren Ausbau und offenbart ihre revolutionäre Ader, wenn sie sich bei einem Aufsatzwettbewerb, wo jeder niedliche Huldigungen an das Heimatland erwartet, gegen den Strich stellt.
Am Ende geht die Episode nicht etwa die radikalen Wege eines
Michael Moore, sondern betont die Vorzüge der Demokratie, denn Lisas radikale Ansicht ergibt zusammen mit den positiven Essays der anderen Kandidaten einen gesunden Querschnitt, der von der breiten Masse repräsentiert wird. Eingepackt ist die ganze Folge in wunderschöne Setbilder von Washington, die viel Wiedererkennungswert bereithalten. Sei es nun das Lincoln-Memorial oder Bush Seniors Office im Weißen Haus - der vereinfachte Comic-Flair Springfields wird für diese Episode etwas in den Hintergrund gerückt, um Bekanntes zu karikaturisieren.
Ein Fluch auf Flanders
Der erste richtige Humor-Knaller der Staffel ist mit der dritten Folge gegeben. Was keine Überraschung darstellt, denn die frühen Aufeinandertreffen zwischen Homer und Neddie sind grundsätzlich Brüller.
Inhaltlich ist der von Homerscher Missgunst geprägte Plot dabei nicht einmal unangreifbar, denn Homer ist trotz des

positiven Ausgangs für alle Beteiligten so gemein, dass es fast schon seiner Charakterzeichnung schadet. Relational zu heutigen Folgen ist das allerdings noch gar nichts - man denke nur an das aus meiner Sicht sehr deplatzierte Dahinscheiden von Neds Frau.
Die Eröffnung des Linkshänderladens provozierte einige kleine Kontinuitätsfehler, denn diverse bekannte Figuren - unter anderem Burns, Apu oder Otto - wurden kurzerhand zu Linkshändern gemacht. Das widerspricht nicht nur der Durchschnittsquote, das führte auch dazu, dass einige Figuren, die vor und nach dieser Episode auch mal die rechte Hand zum Schreiben benutzten, hier nun plötzlich als Linkshänder verkauft werden. Sicherlich ist das ein Goof für Nerds, aber ganz interessant ist es doch zu sehen, wie die Simpsons an ihre handlungstechnischen Grenzen geraten und folglich im Sinne der klassischen Zeichentrickserie keine übergreifende Handlung besitzen, die sich über einzelne Episoden hinfortsetzt.
Was an Homers Figur anfangs noch kritisierbar ist, wendet sich im späteren Verlauf dann doch deutlich, denn diverse oberflächliche Unterschiede werden über Bord geworfen, wenn sich Homer auf seine christlichen Wurzeln besinnt

und sich als Gönner präsentiert, der sich für den sonst ungeliebten Nachbarn rührend einsetzt, als es an dessen Existenz geht. Das letzte Bild der Folge zeigt Homer und Ned Arm in Arm den Erfolg des Linkshänderladens feiern, und in Homers klumpigem Gesicht ist keine Spur von Neid zu erkennen.
Begriffe wie "Neid" oder "Schadenfreude" sind es dann auch, die hier unter die Lupe genommen werden. Letzterer Begriff wird gar von Lisa definiert - im Original wird dazu tatsächlich der deutsche Begriff "Schadenfreude" verwendet. Im Deutschen als lateinisches "Gaudium Schadensis" abgewandelt, scheint es in den USA kein identisches Äquivalent für den emotionalen Zustand zu geben.
Groening zufolge hat sich ihm und seinen Kollegen das Wort seit der Verwendung in dieser Episode ins Hirn eingebrannt und sogar ein wenig in den alltäglichen Sprachgebrauch gemischt ... eine Sache, die eigentlich mit einem Element der fünften Episode dieser Staffel beabsichtigt wurde, sich dort aber nicht durchgesetzt hat ...
Verbrechen lohnt sich
"Der Pate" diente neben
"Citizen Kane" mehr als jeder andere Film als Steilvorlage für diverse Späße bei

den Simpsons. 1990 definierte
Scorseses "Goodfellas" den Mafiafilm neu - und gab den Simpsons die Gelegenheit, sich erneut auszulassen.
Joe Mantegna lieh dem Gangsterboss die Stimme, der in seinem Design genauso wie seine Kollegen und das komplette Unterschlupf-Ambiente
"Goodfellas" nachempfunden war - und natürlich trotzdem Anleihen bei dem "Paten" machte, daran führt halt kein Weg vorbei.
Was Einflussnahme auf Kinder betrifft, war die Folge nicht so ganz harmlos. Immerhin tritt hier Bart, das Idol einer ganzen Generation, einer Gangsterbande bei, und sein "Mentor" erklärt ihm auf - für Kinder - nachvollziehbare Art und Weise, wieso man Zigaretten schmuggeln darf. Vor den Zensoren redeten sich
Groening & Co. mit Hinweis auf die Absurdität

der Story aus der Schlinge und kamen durch damit - auch wenn sie sich in der ein oder anderen Szene nicht hätten wundern dürfen, zensiert worden zu sein. Zumindest im Gesamtbild ist die Satire aber deutlich spürbar und auch für Kinder als Übertreibung identifizierbar, denn wenn sie auf dem beim "Paten" angelehnten Familienstammbaum Bart als Kopf der Bande sehen, werden sie darüber lachen und nicht etwa überlegen, ob es sowas vielleicht gibt.
Auf der Humorskala steht diese Folge ziemlich weit oben, was vor allem an der Projektion des Godfather-Status auf einen kleinen Jungen liegt. Ob Bart nun im feinen Anzug einen Sinatra-Song zum Besten gibt, seine Milch im Martiniglas trinkt, sein Zimmer zu einer Zigaretten-Lagerhalle umbaut oder seine Geschichte im Fernsehen mal wieder maßlos übertrieben wird - es zündet. Der Subplot um das Verschwinden von Skinner wirkt in seiner Auflösung bemüht, und gerade der Besuch durch Barts Mafia-Kollegen wirkt etwas dubios. Dafür begeistert mal wieder die Traumsequenz, die Barts Schuldgefühle durch eine Visualisierung von Skinner als grausam zugerichtete Leiche darstellt.
Der Ernstfall
"Stupid
/adj/ [L stupidus]
1. Slow of mind.
2. Unintelligent.
3. Homer Simpson."
Kommen wir also nochmal zurück auf die dritte Episode dieses Box Sets und dem, was sie erreicht hat: Ein Wort (das deutsche "Schadenfreude") hat sich in den alltäglichen Sprachgebrauch zumindest der Simpsons-Macher, vermutlich aber auch des Simpsons-Publikums eingeschmuggelt.

Eine Sache, die sich völlig aus sich selbst heraus entwickelt hat und damit das genaue Gegenteil von dieser Folge wurde. Man wollte nämlich - und es war wohl auch langsam an der Zeit - Oberhaupt Homer Simpson als lexikalisches Äquivalent zum Adjektiv "stupid" (= "dumm") einbürgern, aus ihm eine absurde Redewendung namens "to build a Homer" (= "einen Homer bauen" = in völliger Dummheit durch puren Zufall genau das Richtige tun und es nicht einmal wissen) fabrizieren und diese in den allgemeinen Sprachgebrauch integrieren. Es hat sich nicht durchgesetzt, was eben vielleicht auch daran lag, dass es forciert wurde. Das wäre eine schöne Sache für Sprachanalytiker.
Als Witz und im Rahmen der Folge funktionieren die Lexikon-Einblendungen allerdings hervorragend. Homer wird endlich auch auf dem Papier mit dem gleichgestellt, was er einfach ist: mit dem Wort "dumm". Dieses eine Charaktermerkmal hat Homer auf den ersten Platz in der Rangliste der Publikumslieblinge vor Bart befördert, und je dümmer Homer wurde, desto beliebter wurde er.
Und nun kommt mehr oder weniger die erste Krönung der Dummheit, denn

Homer wählt den Knopf für das Stoppen der Kernschmelze nach dem Ene-mene-Muh-Prinzip aus. Also wenn das nicht urdämlich ist ...
Ansonsten wird im Audiokommentar noch eine sehr interessante Insiderinfo gegeben, und zwar zusammenhängend mit dem oben beschriebenen Sachverhalt: Ein Wort, das sich durchaus durchgesetzt hat, ist das legendäre
"D'Oh!". Selbst
Norbert Gastells gelungene
"Neinn!"-Interpretation wird in Deutschland in bestimmten Kreisen gerne mal gebraucht - man hört es jedenfalls immer wieder, und nicht immer wird der Benutzer dieses Ausdrucks überhaupt wissen, woher das kurz gesprochene
"Neinn!" kommt. Das auf den ersten Blick etwas merkwürdig erscheinende US-Original
"D'Oh!" hat seinen Ursprung jedenfalls in
Jim Finlayson, der an den Laurel & Hardy-Filmen beteiligt war. Als
Matt Groening nun für die Tracey Ullman-Clips als Regieanweisung für Homers Ausdruck der Wut und Verzweiflung ein frei interpretierbares "annoyed grun" angab, machte Homer-Sprecher
Dan Castellaneta daraus jenes
"D'Oh!", das er bei
Jim Finlayson aufgegriffen hatte. Ein kleines Stück Kult, das Geschichte gemacht hat.
Der Vater eines Clowns
Wer sind die Shamsoons? Das sind die Simpsons - auf Arabisch! Kürzlich wurde die Serie nach Saudi-Arabien verkauft, wo aufgrund der kulturellen Unterschiede gleich mal diverse Zensuren vorgenommen wurden und quasi die ganze Idee, die hinter den

Simpsons steht, auseinandermontiert wurde. Bier und Schweinefleisch gibt es bei den "Shamsoons" nicht - und wir alle wissen, wie gerne Homer - oh Entschuldigung, hier heißt er "Omar" - Bier trinkt und für was für ein Wunderwerk der Natur er das Schwein hält, diesen Spender so vieler unterschiedlicher Köstlichkeiten.
"Der Vater eines Clowns" ist eine der Folgen, die in Saudi-Arabien wohl niemals ohne erhebliche Sinnentstellungen gesendet werden kann, denn alles dreht sich um Krusty, den Clown, und seine kulturellen Hintergründe. Wir erfahren, dass er Jude ist. Was sagen die Araber dazu? Verbotene Zone! Bei den "Shamsoons" ist Krusty kein Jude.
Dieses aktuelle Beispiel macht ganz deutlich, was letztendlich mit der Episode ausgesagt werden soll. Die Globalisierung zieht ihre Kreise rund um den Globus, McDonalds und Coca Cola findet man überall auf der Welt, aber dem entgegen stehen nach wie vor anti-globale, kulturelle Bollwerke, und in diesem Zusammenhang fällt oft das Wort "Intoleranz". Zum einen auf Seiten der

Konventionellen, die ihre eigene Kultur aufs Höchste verteidigen und sich Neuem gegenüber unaufgeschlossen präsentieren; zum anderen Globalisierungsbefürworter, die möglichst alles vereinheitlichen wollen. Wie so oft sollte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen, mit anderen Worten, Toleranz und Akzeptanz ist das Ziel. So auch hier.
"Der Vater eines Clowns" ist im Wesentlichen ein Vater-Sohn-Konflikt, der es erlaubt, eine Figur, die man bislang nur sehr oberflächlich über die Medien kennen gelernt hatte, stärker mit persönlichem Hintergrund zu füllen. Es ist ein unglaublich treffender Gedanke, sich Krusty als Juden vorzustellen und die Medienlandschaft als sein Exil. Realitätsnah, schicksalsbehaftet und klischeefrei erscheint diese Charakterisierung des Entertainment-Clowns. Bei der Darstellung der Rabbis bedient man sich natürlich des ein oder anderen Klischees; das verlangt schon die vereinfachte Darstellungsform des Zeichentrickfilms. Die kulturellen Unterschiede werden jedoch bemerkenswert erwachsen dargestellt. Krusty gewinnt dadurch deutlich an Ironie, die sich in dem wiederum klischeehaften Bild vom "weinenden Clown" widerspiegelt, das wohl die meisten kennen dürften. Das Einzelschicksal zwischen Krusty und seinem Vater lässt sich letztendlich auf die gesellschaftliche Ebene übertragen, so dass hier - um beim Beispiel zu bleiben - die Araber auf eine Art und Weise angesprochen und gleichzeitig dargestellt werden, die sie durch ihre verstümmelte Fernsehfassung von den "Shamsoons" niemals verstehen werden.
Albträume
Welcome to the second round. Teil 2 der allseits beliebten Halloween-Specials findet diesmal statt. Und der wahre Horror kommt bei Durchschalten der Audiokanäle - ganz hinten versteckt ist nämlich eine Synchronisation (polnisch), bei der ein emotionsloser Sprecher

ganz einfach über den O-Ton drüberquatscht und übersetzt.
Wie üblich spannt sich eine Rahmenhandlung - hier schlimme Träume verursacht durch übermäßigen Süßigkeitenkonsum - um drei Geschichten. In der ersten Geschichte finden die Simpsons bei einem Auslandsurlaub auf einem Flohmarkt eine Affenklaue, die fünf Wünsche erfüllt - pro Finger einen. Basierend auf einer populären Geschichte erklären die Macher im Audiokommentar, dass man sich anfangs bevorzugt auf Parodien berühmter Horrorfilme oder -Geschichten gestürzt hat, um später zu Eigenkreationen zu tendieren. Bemerkenswert ist, dass sich die Simpsons in dieser ersten Horrorgeschichte zum ersten Mal selbst auf den Arm nehmen bezüglich ihres Kultstatus, denn einer der Wünsche lautet "Wir wollen berühmt sein". Prompt sehen wir die Simpsons auf Werbeplakaten, Bart prahlt mit seinen typischen Sprüchen und durch das ganze Merchandising gehen die Simpsons jedem auf den Keks - was als Mahnung zu verstehen ist, sich nicht auszuverkaufen. Darüber hinaus hat man es sich nicht nehmen lassen, die Kultfiguren der ersten Horrorshow, die Aliens Kang und Kodos, wieder einzubringen, und inzwischen sind sie zu

Stammgästen mutiert.
In der zweiten Geschichte kann Bart durch Gedankenkraft Gegenstände verändern und wird dadurch zu einem gefürchteten kleinen Jungen, denn jeder, der sich gegen ihn stellt, wird in etwas Grausiges verwandelt. Erneut war die Vorlage
"Twilight Zone"; demonstriert wird natürlich der Missbrauch von Macht und die Notwendigkeit, jene Macht deswegen zu verteilen. Optisch gibt es Gelegenheit, absurde Kreationen zu erstellen. Die Katze wird zu einer einzigen Absurdität, die mitunter an
Stephen Kings "Regulator" erinnert. Homer als närrischer Open-the-Box-Gag ist auch ein Klassiker, besonders, wenn man sieht, wie er mit seinem Handicap eine schöne Zeit mit seinem Sohn verbringt.
Den Abschluss macht ein Homer-Traum, der sich prompt im Kraftwerk abspielt. So wird Homer getötet, sein Gehirn konserviert und in einen Roboter verpflanzt. Man findet hier sicherlich viele Motive aus "Frankenstein", wobei sich das Atomkraftwerk als verkapptes Gruselschloss entpuppt und man direkt in die 30er/40er-Jahre versetzt wird. Es lassen sich letztendlich auch Ghost in the Machine-Ansätze finden. Des weiteren macht man sich im dekonstruktivistischen Stil über Homers Anatomie lustig, als seine Schädeldecke abgesägt wird wie bei einer Puppe, die von innen hohl ist.
Insgesamt zeichnet sich schon ab, dass für Halloween-Folgen stets viel Energie und Aufwand eingesetzt wurde und sie Jahr für Jahr zu den Highlights gehören; zumal sie sich im Gegensatz zu regulären Episoden über all die Jahre qualitativ nicht verschlechtert haben.
Lisas Pony
Die Preisfrage: Ist Liebe käuflich?
Einen genialen Einstieg bringt diese Episode auf, indem sie
Stanley Kubricks 
weltberühmte Anfangssequenz aus
"2001" mit Homer-Vorfahren als Affen wiederaufführt. Der Jump Cut führt uns zum echten Homer, wie er in seinem Raumschiff von Arbeitsplatz (überall blinkende Knöpfe) schnarcht. Welchen Gedanken kann ein solches Intro verfolgen? Ganz klar: Homer wird mal wieder als gewissenloser, prähistorischer, potentieller Rabenvater eingeführt - ohne jeglichen Sinn für die sensiblen Bedürfnisse seiner Kinder.
Es hat mal wieder Lisa erwischt, die sich ob Homers Nachlässigkeiten in Sachen Vatersein missverstanden fühlt. Und da wir inzwischen so weit sind, dass Homer weiß, dass er ein schlechter Vater ist, versucht er es auf seine typisch dumme Art wieder gutzumachen. So kommt es, dass er Lisa ihren größten Wunsch erfüllt: Er kauft ihr ein Pony.
Und transportiert es auf dem Rücksitz

nach Hause.
Und legt es
"Der Pate"-mäßig in Lisas Bett, während sie schläft.
Ergo: Gute Absichten hat er, aber wie er sie umsetzt, hat wahrlich keine Klasse.
Der Plot ist so stimmig und ideal auf die Charaktereigenschaften der beteiligten Figuren abgestimmt, dass heutige Folgen dagegen sehr blass aussehen. Homer ist nicht einfach nur dumm; seine Dummheit wirkt sich auch auf eine absurde, irgendwo aber nachvollziehbare Story aus. Und die Art und Weise, wie sich das Pony auf die unmittelbare Umgebung auswirkt, hat wahrlich Klasse. In dem Grad, wie Lisa mehr und mehr glücklich ist, verschlechtert sich Homers körperliche Verfassung durch seine Zweitjobbelastung. Dass Lisa, klug wie sie ist, nicht sofort schlussfolgert, dass Homer sich das Pony nicht leisten kann, mag etwas verwunderlich sein, aber irgendwie schaffen es die Drehbuchautoren, ihr Verhalten ganz natürlich erscheinen zu lassen; letzten Endes ist sie halt doch ein normales, kleines Mädchen.
Und Liebe ist wohl doch nicht käuflich - zumindest hakt es bei der praktischen Umsetzung ...
Das Seifenkistenrennen
Der Originaltitel spielt auf
"Tage des Donners" an, und dementsprechend handelt

"Das Seifenkistenrennen" natürlich von Wettbewerb. Das aber nur am Rande, denn es ist vor allem eine Sache der Vater-Sohn-Beziehung - wohl nicht zufällig unmittelbar nach der Folge "Lisas Pony". Ganz klar, dass Homer da wieder kritisiert wird - auch ganz klar, dass
Bill Cosby wieder als Vater-Ideal vorgeschoben und auf die Schippe genommen wird (der Leiter des "Vater-Sohn-Instituts" hält Homer ein Buch mit dem Titel "Fatherhood" und
Cosbys Konterfei vor)., zumal die Simpsons immer noch direkt gegen die Cosby Show antraten. Ein Zitat aus Homers Mund in diesem Sinne:
"Thank you, Bill Cosby. You saved the Simpsons." Ach ja,
Cosby-Karikatur

Hibbert tritt natürlich auch auf. Wie kann man die Konkurrenz eigentlich besser auf den Arm nehmen? Ich weiß es nicht.
Homer zeigt mal wieder sein gutes Herz, aber auch sein fehlendes Talent in Sachen Vaterschaft. Dementsprechend sieht dann auch Barts Seifenkiste aus. Das Rennen ist laut Machern an den
Stallone-Trash
"Death Race 2000" angelehnt, und so fehlt es auch nicht an Radikalität: Martin springt brennend aus seinem Wagen, womit die Zensoren offenbar keine Probleme hatten.
Ansonsten ist noch der Besuch im "VHS Village" (ja ja, das waren noch Zeiten ...) erwähnenswert, wo man sich mal wieder am Actionfilm der Achtziger auslässt. Sehr kurzweilige Episode insgesamt, die verschiedene Sätze aufgreift und sie alle spielend unter einen Hut bringt.
Eine Auseinandersetzung mit den Actionfilm-Aspekten der Folge meinerseits gibt es unter www.Liquid-Love.de/action im "Fun"-Bereich.
Das Erfolgsrezept
Diese Episode rockt die Hütte, und das liegt nicht nur an Aerosmith, die einen denkwürdigen Gastauftritt abliefern. Denn das Konstrukt um Missgunst, Neid und Ausnutzung ist richtig

schön unterhaltsam ausgeklügelt.
Besonders auffallend ist die Tatsache, dass vieles wie direkt aus dem Leben gegriffen ist, womit oben genannte Attribute in ihrer Thematisierung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Da wäre eine Medienparodie (eine TV-Nachrichtensendung namens "Eye on L.A." wird aufs Korn genommen), dann feiert Lisa mit ein paar Freundinnen eine Pyjamaparty und ärgert Bart, Homer quält sich durch einen Abend mit den angeheirateten Verwandten ... und die Atmosphäre eines typischen Familienabends kommt richtig gut rüber.
Da Homer bekanntlich Patty und Selma nicht besonders gut ausstehen kann, wird er eben kreativ, um seinen Unmut in Alkohol zu ertränken. Und zack, ist der "Flaming Homer" erfunden - ein lilafarbener Drink, der, wenn man ihn entzündet, seinen speziellen Geschmack entfaltet. Dieser Drink hat es, obwohl er nur in einer Folge vorkam, zu diesem Item-Status gebracht, den bei den Simpsons unter anderem auch der Donut innehat. Mit anderen Worten: Einen lilafarbenen, entzündlichen Drink wird der Simpsons-Gucker in Zukunft stets mit

den Simpsons in Verbindung bringen. Die absurde Mischung des Drinks fördert sogar irgendwo den Erfinderdrang, denn man wird irgendwie dazu motiviert, über ähnliche Kreationen nachzudenken - spätestens am Morgen nach der nächsten Sauftour.
Aerosmith beweisen einen gesunden Sinn für Selbstironie, werden aber auch von den Simpsons-Machern wunderbar präsentiert. Jedes einzelne Bandmitglied wird individuell charakterisiert, und man nimmt sich noch Zeit dafür, die Gaststars effektiv in den Plot einzubinden - vielleicht gehören Aerosmith deswegen bis heute zu den beliebtesten Starauftritten.
Zwischenzeitlich wird mal eben mit einem Running Gag gespielt, nämlich den Telefonanrufen von Bart und Lisa bei Moe, als nämlich nun, wo Moe wirklich Kundschaft hat, tatsächlich der von Bart geforderte Unsinnsname sich in der Kundschaft wiederfindet. Weiterhin gibt es noch eine höchst nostalgische
"Cheers"-Hommage in Form von stilisierten Standbildern und melancholischer Musik, bevor am Ende die Marktwirtschaft angezielt wird mit ihrem Imitationsdrang. Also: Flaming Moe's? In jeder Hinsicht ein Klassiker!
Kraftwerk zu verkaufen
Ein absoluter Traum für die Deutschen - oder die ultimative Beleidigung, das ist "Burns verkaufen der Kraftwerk". Deutschland wird für eine Folge in den Fokus gerückt und alle Klischees ausgereizt, so gut es nur geht.
Alleine schon der Originaltitel stellt jegliche Parodien auf das Land der Disziplin und Ordnung, so zumindest unser Ruf, in den Schatten. Zu diesem Zwecke sei einfach mal ein kurzer Abschnitt aus dem Audiokommentar zitiert:
"This show
is "Burns Verkaufen der Kraftwerk" (wobei Al Jean dies ungefähr so ausspricht: "Burns vörkroafön dör Kräftwörk"), which I believe is German for "Burns sells the Plant"." "It's sort of German. I just did word replacement from a german dictionary, I'm sure the grammar and the verb conjugation is wrong." "It was the biggest burn, this title. To know the German isn't even necessarily right. That's a killer." "Who's worried about the fending Germans? Uuh, the Germans." Hört sich schon mal sehr gemein an, und das wird es auch - nicht, weil die Deutschen besonders fies oder gemein dargestellt werden, sondern ganz im Gegenteil: weil sie so weich und herzlich gezeichnet sind, dass sie nun von keinem amerikanischen Simpsons-Gucker mehr ernst genommen werden. Und ist Hilf- und Harmlosigkeit nicht fast noch schlimmer?
Interessant ist der Umstand, dass die Story ursprünglich auf Japaner ausgelegt war und man auf die Deutschen umgeschwenkt hat, weil die Japaner zu klischeehaft (!) erschienen und Deutschland das einzige wirtschaftlich zu der Zeit glaubwürdige Land war, dem man es noch abnehmen würde, dass es Kapital für den Kauf eines Atomkraftwerks besitzt. Wiedergespiegelt werden also auch ganz aktuelle wirtschaftliche Verstrickungen auf internationaler Ebene, was die Aufgabe der Simpsons in der Vordergrund stellt, mit der Satire vor allem die wirkliche Welt in ihrer aktuellen Lage zu parallelisieren.
Was wir sehen? Deutsche Flaggen; deutsche Schilder; eine Anspielung auf Kennedys
"Ik bin ein Berliner" durch Major Quimby (
"Ik bin ein Springfielder"), Deutsche im Bavarian Style (man könnte glatt meinen, die Wiesn seien in die USA gezogen), ein die Deutschen nachäffender Burns und eine über die Deutschen aufklärende Lisa - wenngleich selbst

sie (trotz faktischer Herangehensweise) mit Klischees aufträgt. Die recht hohe Gagdichte wird - neben dem Lustigmachen über die Marotten und hier vor allem über den Akzent der Deutschen - speziell dadurch erzielt, dass sich Homers Philosophie nicht mit derjenigen Deutschlands verträgt. Daher verwundert es auch ein wenig, dass den Machern zufolge ursprünglich Japaner das Kraftwerk kaufen sollten und lediglich die Nationalität, nicht jedoch das Storyboard an sich verändert wurde. Denn der Plot ist so geschickt auf die Mentalität der Deutschen abgestimmt, dass man sich die Story in der Form mit japanischer Beteiligung nicht vorstellen könnte.
Ganz nebenbei hat die Folge noch den Überknaller zu bieten, und zwar Homers Odyssee im "Land der Schokolade" - seine naive Vorstellung davon, wie Deutschland aussieht. Als Aachener (u.a. Zentis) darf man sich da auch mal näher angesprochen fühlen.
Am Ende ist auch irgendwo wieder ein Rückbezug auf das dunkelste Kapitel unserer Geschichte zu verzeichnen, denn implizit wird die friedfertige Art auch als Reaktion auf die Vergangenheit dargestellt. Als der Deutsche sagt
"We Germans aren't all smiles and sunshine.", so wird dies von Burns ins Lächerliche gezogen (
"Ooh, the Germans are mad at me. I'm so scared. Uuh, the Germans!") - einerseits sicherlich eine weitere Charakterisierung von Burns, andererseits aber auch ein Subtext für die internationale Kommunikation und den Umgang mit der Geschichte. Und zurück bleibt für uns nichts als ein Gefühl der ausgeprägten Verwirrung ...
Blick zurück aufs Eheglück
Nach "The Way We Was" werden die Simpsons nun zum zweiten Mal nostalgisch und bilden den Mittelteil einer absolut brillanten Flashback-Trilogie, die einerseits den von Geburt an zweidimensionalen Zeichentrickcharakteren historische Wurzeln verleiht und damit andererseits das Publikum an die eigene Geschichte des Lebens erinnert.
Dies hat nun eine wichtige Sache zur Folge: Die gewohnte Satire wird

vollkommen ausgeblendet zum Zwecke eines Rückblickes, der nichts Aktuelles erklären will, sondern Vergangenes wieder ins Gedächtnis berufen will. Während etwa Politsatiren wie in "Two Cars in Every Garage and Three Eyes on Every Fish" oder Medienkritik wie in "Krusty Gets Busted" eine humoristisch aufbereitete Parallele zum wirklichen Leben ziehen und damit gewissermaßen voraussetzen, dass die Botschaften auch in der Realität anwendbar sind, soll man sich hier einfach nur zurückerinnern. Das wiederum hat eine komplett veränderte Grundatmosphäre zur Folge, und das sorgt dafür, dass die Flashback-Episoden stets einen ganz speziellen Status im Rahmen der Serie innehatten.
Was den Plot betrifft, erleben wir eine wahrhaftige, zusammenhängende Chronologie: Erzählte "The Way We Was" das Kennenlernen von Homer und Marge in den Siebzigern, so handelt diese Folge nun von der Heirat und den anschließend folgenden Problemen, die im Wesentlichen mit Geld zu tun haben. Auch dieser episodenübergreifende Storyablauf ist eigentlich Simpsons-untypisch; bekanntermaßen ist am Anfang jeder neuen Folge immer wieder alles so, wie es zu Anfang war, egal, was für einen Unsinn Homer zuvor so angestellt hat. Und das Gottesgeschenk, dass

Springfield irgendwann einfach aufgehört hat zu altern (irgendwann=1989), ist auch bekannt. Für die Simpsons-History jedoch wurden alle Regeln aufgehoben, und es wird ein kompletter Vorlauf gestrickt.
Zu diesem Zweck bediente man sich hier der frühen Achtziger, und dementsprechend wurden diverse Ereignisse aufgegriffen, welche die damalige Generation geprägt hatten. Ganz oben auf der Liste stand natürlich der Abschluss der Star Wars-Trilogie, zu der Homer auch gleich mal einen fetten Handlungsspoiler ausposaunt - Zeitzeugen können berichten, dass bei
"Return of the Jedi" ein ganz ähnliches Gefühl war wie zu Anfang dieses Jahrtausends bei der
"Herr der Ringe"-Trilogie. Ansonsten hält sich die Story dramaturgisch mit der verzweifelten Jobsuche Homers auf hohem Niveau sowie deren Verstrickung mit der taufrischen Ehe, die unter Geldproblemen schon im Keim zu ersticken droht. Aufgezogen wurde das Ganze nicht unähnlich den Halloween-Episoden - nämlich dadurch, dass Homer und Marge diese Geschichte ihren Kindern erzählen. Der Ausgangspunkt ist also dennoch die Gegenwart, und von dort aus geht es dann über die Erzählung in die Vergangenheit, was optimales Identifikationspotenzial mit sich bringt.
Wer anderen einen Brunnen gräbt
Basierend auf
Billy Wilders "Reporter des Satans" geht die 13. Folge der dritten Staffel wieder verstärkt Richtung Medienkritik. Und sicher eines geglaubten Erfolges, höchstens noch leicht gefährdet durch
"Ren & Stimpy", reichte man diese Folge ein, um zum dritten Mal in hintereinander den "Emmy" zu gewinnen - und ihn gegen
"Claymation Easter" zu verlieren.
Emmy-Potenzial war aber da, denn "Radio Bart" funktioniert gleichermaßen medienkritisch wie moralisch und ist in der Lage, beides interdisziplinär aufeinander abzustimmen und noch dazu diverse Bewohner Springfields an ihren typischen Charaktermerkmalen zu packen und sie sinnvoll in den Plot einzuflechten.
Alles beginnt mal wieder mit der Werbung. Betont auf deren Mechanismen ausgelegt, sehen wir einen Spot für ein Radiomikrofon, und es wird zu einer kausalen, unausweichlichen Folge, dass der Konsument dieses Clips - hier Bart - das beworbene Produkt ohne wenn und aber kauft. Man kann sich sicher sein, Homer hätte es auch gekauft.
Die Berichterstattung durch die Fernsehmedien steht nun im Vordergrund. Angesprochen wird die radikale Emotionalisierung und das In-Szene-Setzen einzelner Vorfälle, während ringsherum möglicherweise weitaus schlimmere Dinge passieren.

Als sich dann Bart wegen eines dummen Fehlers selbst in den Brunnen befördert, wird die Wankelmütigkeit der Medien aufs Korn genommen - in einer Sekunde der arme Timmy, in der anderen der verbrecherische Betrüger-Bart. Das Schicksal eines kleinen Jungen wird gleichgültig; wichtig ist es, welche Story man aus dem gegebenen Informationen basteln kann. Passend dazu hat natürlich Bürgermeister Quimby wieder einen denkwürdigen Heuchelauftritt (
"I'm flip-flopping!"), das Springfield-Volk tritt in Massen in Erscheinung und Itchy & Scratchy liefern sich eine Schlacht in einem Brunnen.
Einen kleinen Seitenhieb auf die Musikindustrie gibt's auch noch: In einer Reportage wird eine Parodie auf "Milli Vanilli" gebracht, die in den Achtzigern bekanntlich durch ihren Playbackgesang einen Skandal hervorbrachten zu einer Sache, die heute alltäglich ist.
Auf der anderen Seite nun die moralische Komponente, die durch Barts dumme Idee angetrieben wird und in derselben Szene ihren Wendepunkt markiert, die auch schon die Medienkritik in eine neue Richtung lenkte: Barts Fall in den Brunnen. Durch den parallelen Erzählstrang wird dementsprechend eine Verbindung gezogen zwischen beiden Ebenen, wenn auch die Aussage darauf hinzielt, beides getrennt zu betrachten, was diesmal durch das korrekte Verhalten der Simpsons-Eltern (irgendwie auch von Homer) verdeutlicht wird.
Der Wettkönig
Die Homer-Lisa-Vater-Tochter-Episoden waren immer eine zwiespältige Angelegenheit. Von Fans guter Slapstick meist verachtet, zeigten sich Kritiker eigentlich

immer begeistert davon, wenn Homer und Lisa in Konflikt gerieten. Und wenn man mal ganz ehrlich ist: So witzig Episoden auch sein mögen, die Bart und Homer im Fokus haben, die Qualität einer Homer-Lisa-Episode haben sie nie erreicht.
Weshalb dem so ist, überrascht eigentlich nicht weiter. Gegensätze schaffen Kontraste, und Kontraste schaffen Dramatik. Und die Dramatik hält einen Handlungsbogen aufrecht. Tja, und Handlungsbögen, die sind das Herz einer guten Folge.
Nehmen wir als Vergleichsbeispiel mal "Das Seifenkistenrennen". Die Folge hat sicherlich gezündet, nicht zuletzt durch die diversen Actionfilm-Anspielungen. Aber die Mühe, in der linearen und absolut parallelen Verhaltensfolge von Vater und Sohn - die sich nun mal ähneln wie ein Ei dem anderen - Differenzen und väterliche Defizite zu konstruieren, war den Drehbuchautoren deutlich anzumerken. Dass Homer Bart nicht erreichte, lag einzig und alleine an ihm und seiner erbärmlichen Vorstellung als Vater, nicht

jedoch an der Beziehung zwischen beiden.
Ganz anders sieht das nun in dieser Folge aus. Die Differenzen zwischen Homer und Lisa schreiben sich wie von selbst, weil ausgehend von den charakterlichen Unterschieden automatisch Streitigkeiten und Missverständnisse entstehen. Zwar betonen die Autoren, dass Lisa-Homer-Folgen für sie ebenso schön wie schwierig zu schreiben sind, aber das dürfte rein an der Vielschichtigkeit der Beziehung liegen.
Diese wird in "Der Wettkönig" durch eine metaphorisch zu verstehende Wette auf Footballspiele dargestellt. Zunächst ist es ein Verbindungsfaden, der Homer und Lisa vereint; als Homer am Saisonende jedoch den Vater-Tochter-Sonntag aufgeben will, wird es zu einer Probe für die Beziehung zwischen Homer und Lisa. Die Situation vor dem Finale ist ein kleiner Geniestreich; Hier wird mit dem Unterbewusstsein der Charaktere gespielt und ihr komplettes, komplexes Gefühlsleben in eine simple Gleichung gesetzt. Im übertragenen Sinne wird also Lisas facettenreiches Innenleben auf Homers simple Zweispurigkeit hin angepasst und kompatibel gemacht. Das ist schlichtweg genial und so eigentlich nur in einer Folge möglich, in der Homer und Lisa im Mittelpunkt stehen.
Wenn Mutter streikt
"Homer ist meine Lieblingsfigur!" "Ich bin Homer-Fan!" "Bart finde ich witzig." "Homer rult alles weg!"
Diese und ähnliche Sätze hört man immer wieder. Aber gibt es jemanden, dessen Lieblingsfigur Lisa oder Marge ist? Eher weniger. Ich will mich da selbst auch gar nicht rausnehmen, Homer ist einfach der Gott der Fernsehunterhaltung, und eine schrullige, politisch unkorrekte Person ist grundsätzlich immer lustiger als ein moralisch unangreifbares Pendant. Doch eines

sollte mal klargestellt werden: All die Albernheiten der männlichen Hälfte der Simpsons-Familie wären überhaupt nichts ohne einen angemessenen Kontrast. Und den erstellt neben Lisa, die zu diesem Zeitpunkt schon diverse Folgen auf ihrer Haben-Seite hatte, nun zum ersten Mal Marge.
Bis man sich in den letzten Folgen, was ihre Charakterzeichnung betrifft, enorm verzettelte, galt Marge nämlich immer als der unauffällige Familienrückhalt aus dem Hintergrund. Marge-Folgen waren deshalb lange Zeit rar gestrickt, denn ihre Aufgabe war es stets, den von Homer gestifteten Unsinn mit ihrem Saubermann-Image geradezu herauszufordern. Eine Protagonistenrolle hätte da nicht ins Konzept gepasst.
Nun wollte man diesen Sachverhalt mal endlich in das Bewusstsein der Leute berufen, die ganz undankbar Tag für Tag Homer anbeten und darüber hinaus Marge vergessen. Viele Hausfrauen werden sich da mit enormem Identifikationspotenzial wiederfinden, denn dies ist nicht nur ein Problem der Rezeption von Cartoonfiguren, sondern das ist auch ein realer Sachverhalt. "Wenn Mutter streikt" ist also einerseits eine Richtigstellung dessen, wie die Simpsons wirklich funktionieren - andererseits ist es eine Mahnung, auch diejenigen zu ehren, die sich im Hintergrund der Maschinerie den Allerwertesten aufreißen und nicht nur dann, wenn alle hinsehen.
Dargestellt wird dies durch eine schrittweise Verschlechterung der Konditionen, unter denen Homer mit seinen

Kindern haust - parallel zu der Dauer, die Marge in Urlaub ist. Das Intro zeigt noch zwei rüpelhafte Urwaldtiere, die in einer Hommage an die Roadrunner-Cartoons mit Standbild, Zeitlupe und Fast Motion durch ein unendliches Wohnzimmer rennen (bei der Gelegenheit: der Audiokommentar dieser Folge eignet sich besonders für historisch Interessierte, die wissen wollen, inwiefern Hanna-Barbera-Cartoons Einfluss auf die Simpsons ausgeübt haben). Rücksicht auf die Mutter, die das Haus sauber hält, wird da noch nicht genommen. Nachdem Marge dann ausgerastet ist und in Kur fährt, kann man mit jeder Einzelanimation sehen, wie die zurückgebliebenen Simpsons Stück für Stück verlausen. Nimmt man das Grundgerüst weg, fällt das ganze Haus zusammen - dies ist die Grundaussage, und Hausfrauen oder andere gerne übersehenen "Minderheiten", die mit dieser Episode in Kontakt kommen, werden frohlocken und die
Groening-Serie zu ihrem Liebling erklären.
Ein Parallelschnitt zwischen Marge in Kur und den Simpsons bei ihrem Kampf mit dem Alltag führt nun durch die weitere Laufzeit, und die relaxte Atmosphäre schafft einen wunderbaren Kontrast zu der verzweifelten Lage in Springfield, die sich vor allem mit Slapstick über Wasser hält, welche sich auf die grummeligen Marge-Schwestern und den hoffnungslos überforderten Familienvater stützen. Die Odyssee von Maggie im Subplot des dritten Aktes glänzt derweil mit der Suche nach symbolischen Ersatzmüttern. Und mit einem strahlenden Familienfoto, das vor die abgehalfterte echte Familie gehalten wird, zeigt sich der Verwandlungsprozess überdeutlich - und Marge hat ihre Würde wieder. Zumindest bis zum Beginn der nächsten Folge.
Die Kontaktanzeige
Es wurde Zeit, dass man sich mal mit den Eigenschaften verschiedenster Medien auseinandersetzte sowie mit den Möglichkeiten, die sie bieten; und den Gefahren, die sie bergen.
Als "Versuchsexemplar" wurde mal ausnahmsweise kein Simpsons-Mitglied auserkoren, sondern

Barts Lehrerin Mrs. Krabappel, die zugleich auch ordentlich Charakterzeichnung erfährt. Während man sie zuvor immer nur als etwas sarkastische und amtsmüde Beamtenperson in der Schule sah, begleiten wir sie nun beispielsweise kurzzeitig in ihr Apartment, das gewisse Einflüsse von Catwoman aus
"Batman Returns" erahnen lässt; und das wäre nicht einmal so falsch, denn was sich offenbart, ist die Tatsache, dass auch Mrs. Krabappel hinter ihrer Schulfassade ein menschliches Wesen ist, das genauso traurig und verzweifelt wie auch glücklich und zufrieden sein kann.
Der Clou liegt in einem Spaß, den sich Bart mit seiner Lehrerin macht. 1992 war das Internet noch eine Nerd-Phantasie im Frühstadium, aber diverse Aspekte, die hier in den Vordergrund treten sollten, werden in dieser Folge bereits in literaler Form vorweggenommen. Kann ein Mensch die Identität eines anderen Menschen annehmen? Kann Mrs. Krabappel einen Schüler aus ihrer Klasse für ihren Traummann halten? So wie es aussieht, ja. Möglich macht's der Brief.
Wir werden nun erst einmal aufhorchen: unser dummer Bart soll Liebesbriefe

schreiben können, die eine erwachsene Frau zum Schmelzen bringen? Nun ja, da spielt natürlich einmal die Verzweiflung dieser Frau mit; andererseits bastelt sich Bart aber auch Texte daraus zusammen, was er so aufschnappt; seien es die Briefe des Vaters (die allerdings in der Rohfassung wohl keinen romantischen Effekt gehabt hätten), Ednas Träumereien bei der Aufsicht über den nachsitzenden Bart oder Bilder von Prominenten. Ein Subplot um die Flanders-Kinder macht dieses Imitationsverhalten auf spaßige Weise deutlich, denn sie beginnen plötzlich, zu fluchen, und Ned ist auf der Suche nach der Quelle. Dieser Subplot birgt viele witzige Momente, die sich aus dem Kontrast der Gottesfurcht zu Homers gotteslästerlichem Gefluche ergeben.
Das Ende versöhnt alle und zeigt, dass Unwissenheit manchmal ein Segen ist. In familiärer Einheit wird ein romantischer Abschiedsbrief für Edna geschrieben, zwischendurch mit Homers absurden Einfällen gewürzt (
"P.S.: I am gay!"), aber insgesamt unheimlich stimmig und süß, fast schon schmalzig, aber wenn, dann gewollt.
Ein "Remake" dieser Folge würde heute sicherlich im Internet stattfinden; das bietet dafür genug Gelegenheiten.
Der Wunderschläger
Jim Reardon liefert noch mal eine reine Funepisode, die prompt endlich mal Dauerkonkurrenten
Bill Cosby schlug, was sicherlich an den vielen Gaststars lag. Tatsächlich wirkt "der Wunderschläger" irgendwie wie
"Ocean's 11" bzw. "12": Haufenweise

Promis werden in ein Team gesteckt, und der Plot bemüht sich, in der knappen Zeit jeden einzelnen ordentlich zu charakterisieren und jeden ganz individuell in den Plot einzubinden. Und mitten im Plot steht ein grundsätzlich Unbekannter, der sich mit einer TV-Serie einen Namen gemacht hat und nun gegen die vielen Kinostars anstinken muss. Die Rede ist von Homer, der versucht, in das erste Softballteam des Kernkraftwerks zu kommen. Zu blöd, dass Burns eine Wette laufen hat und deswegen kurzerhand sämtliche Baseballstars kurzfristig angestellt hat, um sie ins Softballteam zu befördern.
Wenn man denn so will, ist dies eine Underdog-Geschichte. Man kann sogar, wenn man ganz knallhart etwas hineininterpretieren will, auf den Wert alter Tradition und Zuverlässigkeit gegenüber kurzfristigen Modetrends pochen, auch wenn Homer sicherlich alles andere als traditionell und zuverlässig ist. Aber eigentlich ist es doch wirklich nur eine Geschichte ohne Hintergedanken, eine reine Sportsache, mit Rivalitäten und allem, was dazugehört.
Vor allem ist Kreativität gefragt. Jedem dürfte klar sein, dass Homer es niemals geschafft hätte, durch reines Training zum ersten Team zu stoßen; die Sache mit dem "Wunderschläger" verpufft Simpsons-like auch im Nichts, als erstmals ein Profi gegen

Homer und seine Superwaffe antritt. Und das ist typisch
Groening, die in "gewöhnlichen" Trickfilmen gerne thematisierte Magie einfach ganz unspektakulär auslaufen zu lassen. Der deutsche Titel "Der Wunderschläger" ist daher auch etwas unglücklich, denn er hält nur bis zur Mitte der Episode.
Weiter geht's nämlich damit, die Struktur klassischer Sport- und Powerfilme umzudrehen. Würde sich normalerweise der Held zur Höchstform trainieren und aus eigener Kraft allen zeigen, was eine Harke ist, so versteht sich - wie gesagt - von selbst, dass dies bei Homer nicht sein kann. Was tut man also? Ganz einfach: die zahlreichen Stars auf verschiedenste Art und Weise daran hindern, im entscheidenden Team zum Spiel zu stoßen. Und hier wird's mitunter etwas absurd, aber niemals zu absurd. Einer leidet an Superwuchs, der andere rettet die komplette Innenausstattung aus einem brennenden Haus, noch ein anderer fällt in einem Kuriositätenkabinett in einen "Alice im Wunderland" nicht unähnlichen Bau. Und welches Schicksal die Stars auch immer trifft, es ist stets komplett abgestimmt auf ihren Ruf und ihre Charakterzüge. Das ist es, was man an den frühen Simpsons so geliebt hat: die Kopplung mit einem hintergründigen Sinn, fern jeglicher Selbstzweckhaftigkeit, die leider diverse aktuelle Folgen befallen hat.
Der Eignungstest
Was wäre eigentlich, wenn Bart auf der Seite des Gesetzes wäre und Lisa die Rebellin? Dieses Szenario wird in "Der

Eignungstest" simuliert.
In erster Instanz ist dies ein Abgesang auf die Bürokratie, die Menschen versucht, in Daten zu erfassen und ihnen nach einem klar abgegrenzten Schema potenzielle Charaktereigenschaften zuschreibt. Dass dies nicht immer so ganz funktioniert und der Mensch nun einmal ein komplexes Wesen ist, das über reine Beschreibung hinausgeht, soll hier aufgezeigt werden.
Fast wie in einem Protest wird dann völlig übertriebenerweise Lisa durch die reine Kraft der Bürokratie zu einer anderen Person, was das ganze Schema einfach umdreht: Hier wird die Person durch den Eignungstest nicht etwa beschrieben, sondern verändert, was dem eigentlichen Sinn eines solchen Tests vollkommen zuwiderläuft.
Bei Bart sieht die Sache da anders aus: Für ihn ist es eine Art Ansporn, seine Bedürfnisse auszuleben.

Im Gegensatz zu Lisa erfährt er keine Veränderung seines Charakters, sondern er nutzt die neuen Gegebenheiten für seine eigenen Zwecke, passt sie also seiner eigenen Persönlichkeit an. Das zeigt, dass Lisa gegenüber äußeren Einflüssen emotional empfindlicher ist und der Umwelt gegenüber nicht resistent genug ist, um gegen sie zu bestehen zu können, während Bart die Dinge so nimmt, wie sie kommen.
Was Lisa betrifft, werden vor allem Attitüden von 50er-Jahre-Rebellen à la
James Dean verwendet. Barts Metamorphose zum Aufsichtscop hingegen wird über Action- und Film Noir-Referenzen dargestellt. Es gibt hier eine Autoverfolgungsjagd, die wie
"Cops" beginnt und schließlich in einer
"Bullitt"-Hommage mündet, und später zeigt eine Szenenmontage musikalische und stilistische Anlehnungen an den klassischen Film Noir.
Der so wichtige Kontrast, diesmal zwischen Schwester und Bruder, ist es wiederum, der diese Folge so sehenswert macht. Das Ende mag wieder etwas zuckrig ausgefallen sein, aber das ist kaum störend in Anbetracht der Tatsache, dass das notwendige Gleichgewicht auf eine so schöne Art wieder hergestellt wird.
Auf den Hund gekommen
Hier hätten wir wieder einen Rückbezug auf die allererste Folge. Wir erinnern uns zurück: Am Ende eines total versauten Weihnachtstages entschlossen sich die Simpsons, ein verstoßenes Tier aufzunehmen, einen Hund, den keiner mehr wollte. Und jetzt ist wohl

die Zeit der Probe gekommen. Der Hund wird krank und seine Operation belastet das Budget der Simpsons erheblich. Wie wird die Familie mit der Situation umgehen?
Es handelt sich um einen Plot, der enorm nachvollziehbar ist. Geldprobleme kennt jeder Mensch von Natur aus (man hört immer wieder, dass selbst millionenschwere Filmstars auf jeden Cent achten), und Millionen von Familien besitzen Haustiere. Und wenn diese Haustiere älter werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie krank werden, was letztendlich nicht selten zu einem für Tierliebhaber schmerzhaften Gewissenskonflikt führt: Kann man ein Tier aus Geldgründen sterben lassen? Der Verstand pocht nicht selten auf eine Bejahung dieser Frage; das Herz empfindet da anders.
Umfassend wird nun dargestellt, wie Geld die Welt regiert. Der Nachrichtensprecher gewinnt live im Fernsehen in der Lotterie und ganz Springfield scheint vom Geld hypnotisiert zu sein. Dies führt letztendlich dazu, dass der Hund nach seiner erfolgreichen Operation nicht etwa liebevoll wieder aufgenommen wird, sondern niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben will, weil er allen Simpsons-Mitgliedern durch seine teure OP negative Folgen gebracht hat. Diese Folgen werden alle nacheinander nachvollziehbar erzählt, so dass man theoretisch mit den Simpsons sauer auf den Hund sein müsste; ein Blick in die traurigen Hundeaugen genügt jedoch, um den Zuschauer auf die Seite des Hundes zu bringen, dessen Blickwinkel wir im Folgenden nun einnehmen. Im Audiokommentar wird betont, wie schwierig es ist, einen Hund zum

Hauptdarsteller zu machen und ihn dennoch nicht zu vermenschlichen. Tatsächlich gelingt es, dem Protagonisten seine animalischen Züge zu lassen, indem einfach längere Zeit textfrei ein klassisches Musikstück eingewoben wird und man Knecht Ruprecht bei seiner Odyssee folgt.
Dass jene Odyssee, die den Windhund letztendlich in die raffgierigen Fänge von Mr. Burns treibt, überhaupt stattfinden kann, ist den Simpsons zu "verdanken", die sich nach der Operation nicht mehr um den Hund gekümmert haben, so dass er nachts weglaufen konnte. So folgt die Auflösung des Plots dem Motto "Man weiß erst, was man daran hatte, als es weg war." Tatsächlich muss man sagen, dass die emotionale Kehrtwende dramaturgisch zwar ausgereift ist, das Beibehalten der animalischen Züge dieser Dramaturgie jedoch Tribut zollen muss. Wenn Knecht Ruprecht nach seiner Killerausbildung (die übrigens eine geschickte Anspielung auf
"Uhrwerk Orange" enthält) mitten im Angriffsprung plötzlich Erinnerungsflashbacks hat und den alten Besitzer ob seiner Anflehungen freudig wiedererkennt, so ist dies doch, wenn überhaupt, eher ein menschliches denn ein tierisches Verhaltensmuster. Das muss man zwar nicht, kann es aber negativ ankreiden in einer ansonsten durchweg konsequenten und gut durchdachten Folge.
Homer auf Abwegen
Das Skript von Meister
Groening himself (wenn auch mit einigen Hilfestellungen) beruht auf
Michael Apteds Film
"Nashville Lady" und versucht, Homer in eine andere Welt zu entführen, die weit über seinen Horizont hinausgeht. Man heuerte dazu
Beverly D'Angelo an, die auch an
"Nashville Lady" beteiligt war und nun der Country-Schönheit Lurleen ihre Stimme lieh.

Und sie leistete ebenso wie die Animatoren ganze Arbeit darin, Lurleen sexy zu gestalten - wie man vermuten kann, im Simpsons-Universum ein schwieriges Unterfangen. Das Design von Simpsons-Figuren ist schlichtweg nicht auf Schönheit ausgelegt, sondern auf Skurrilität. Im Design orientierte man sich deshalb auch gleich an der realen
Beverly D'Angelo - und wenn man das Endprodukt mal mit Frauen aus den ersten beiden Staffeln vergleicht, die hübsch aussehen sollen (ich beziehe mich da vor allem auf die Folge mit der Spionkamera), dann lässt sich da schon ein deutlicher Fortschritt verzeichnen.
Die Skurrilität des üblichen Simpson-Stils wird gerade im Kontrast von Homer zu Lurleen deutlich. Da hätten wir diesen fetten Klumpkopf, mit Glatze und einem Mundbereich, der aussieht, als sei er ein abnehmbares Zubehör; und dieses "Geschöpf" scheint eine Ausstrahlung zu besitzen, die eine solche Südstaatenblüte anspricht. Wer sich auch nur entfernt mit Homer identifizieren kann (also so gut wie jeder Mann), der wird ein Gefühl der knisternden Spannung erleben, zumal diese knisternden Momente in diversen Szenen geradezu forciert werden. Stilmittel dazu sind neben
D'Angelos betörender Stimme die dezente musikalische Untermalung, unterstrichen von vollkommen stillen Momenten sowie vor

allem die Beleuchtung - ein Stilmittel, das wegen des Aufwandes eher selten benutzt wird, hier jedoch reichlich angewandt wird, um die komplette Episode zu einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt zu machen. Abgenabelt von der Restwelt in einem kleinen Trailer wird die Verlockung geradezu überdeutlich und der innere Konflikt, seine treue Ehefrau zu betrügen, stark spürbar. Rückblenden in die Jugend zeigen dann Homers Probleme mit dem weiblichen Geschlecht, was einerseits das Identifikationspotenzial und damit die Verlockung noch stärker ansteigen lässt, andererseits ein Wegbereiter ist für den Auftritt von Marge in dieser Rückblende, der zeigt, dass sie die Einzige war, die ihn immer geliebt hat. Selten war eine Simpsonsfolge wirklich noch emotionaler; selbst die ansonsten gut vergleichbare Episode mit der rothaarigen Mindy verhält sich da in gewissen Momenten viel plumper und überzeichneter.
Vom Design her wird dagegen durchaus mit Südstaatenklischees gespielt. Einige Hommagen an die 50er Jahre und Filme aus dieser Zeit (oder die in dieser Zeit spielen) werden eingeflochten, und das komplette Szenario jenseits von Springfield scheint eine Spiegelwelt dessen zu sein (nicht umsonst heißt das Bier dort "Fudd" anstatt "Duff"). Neben Lurleen scheint also auch die komplette Welt nach Homer zu rufen, eine Welt, die Homer in seinem eigenen Heim niemals erblicken könnte - und dies darzustellen, ist die Leistung von "Homer auf Abwegen".
Bis dass der Tod euch scheidet
Eröffnet wird die Episode mit einem frechen Kommentar an die Nachahmer, womit gezeigt wäre, dass die Simpsons seit der ersten Staffel mindestens ein oder zwei Stufen erklommen haben, so dass sie nun

diejenigen sind, die kopiert werden. Und zwar geht es hier um
"Die Dinos", eine unglaublich dreiste Simpsons-Kopie - nicht ganz so dreist wie
"Family Guy", aber schon ziemlich dreist. Erstaunlich ist, dass selbst diese Kopien funktionieren - manchmal so gut, dass es Leute gibt, die diese dem Original vorziehen ... aber man will ja niemanden verurteilen. ;) (P.S. Wer die Macher über
"Family Guy" lästern hören will, der schalte bitte ungefähr in die 13. Minute des Audiokommentars zur letzten Folge der Staffel)
Die Folge selbst hat einen waschechten Kriminalplot. Als Ausgangspunkt suchte man sich "Der Clown mit der Biedermaske" aus der ersten Staffel aus, wo der intellektuelle Clownsassistent Sideshow Bob seinen furiosen Einstand feierte. Sideshow Bob-Folgen sollten im Laufe der Zeit zu speziellen Events werden, weil sie sich stets um Rachegelüste an Bart drehten und damit wieder und wieder die erste

Staffel aufwarfen. Vielleicht wird es sogar nochmal Zeit für eine Sideshow Bob-Show ...
Neben dieser Bob-Bart-Vendettageschichte spielt aber noch eine zweite Dauerthematik mit ein: Selmas Wunsch, zu heiraten. Damit wird "Bis dass der Tod euch scheidet" gewissermaßen zu einem Knotenpunkt der Serie, und dieser wird durch die flashbackartige Struktur eines Krimis aufbereitet. Zu diesem Zweck trumpft die Regie vollkommen auf. Regisseur
David Silverman spielt mit Winkeln, Beleuchtung, Kamerafahrten, Einstellungsgrößen und narrativer Struktur, um überall verräterische Zeichen einzubringen - natürlich dem Satirecharakter der Serie gemäß übertrieben offensichtlich (etwa wenn Sideshow Bob bei der Fußmassage über das Töten spricht). Die Auflösung durch Bart (der den unfähigen Wiggum damit belehrt) offenbart dann auch einige Aha-Momente - mit Bedacht, denn durch die Offensichtlichkeit der Hinweise ist man mit Bart auf einer Höhe und darf sich über Homers und Wiggums Begriffsstutzigkeit lustig machen. Eine satirisch brillante Episode, die mit dem Intellekt des Sideshow Bob eine zusammenhängende Linie bildet.
Der Fahrschüler
"The Otto Show" ist eine recht platte Folge, die darüber hinaus nicht einmal die Masse anspricht,

was den Humor betrifft, sondern nur eine Randgruppe, nämlich die Metaller oder zumindest Metal-Interessierten. Deren Lifestyle wird hier nämlich aufs Korn genommen - die Garage Days erleben quasi ein Revival.
Bezeichnend für den "Randgruppenhumor" ist die Tatsache, dass man die englische Heavy-Band Spinal Tap die Episode mit einem kompletten Konzert einleiten ließ - eine Band, die unter den Vorgesetzten von
Fox niemand kannte und die wohl auch beim Publikum höchstens vom Namen her bekannt ist, sofern man sich nicht tendenziell für die Musikrichtung interessiert.
Bei dem Rockkonzert macht Bart erste Erfahrungen mit einer Richtung, in die er sein Leben einschlagen könnte (während Homer draußen im Auto sitzt, Chips isst und "Spanish Flea" hört, was einen göttlichen Kontrast zu den Vorgängen im Stadion schafft). Es ist also schon auch eine Geschichte über die Beeinflussung junger Menschen durch

äußere Einflüsse.
Erst in der Mitte der Episode taucht eigentlich der Mann auf, dessen Name im Titel steht. Otto, der zu meinem Bedauern bei den Simpsons insgesamt eher ein Schattendasein fristet, zeigt hier viel von seinen Wurzeln. Diese Figur ist unglaublich authentisch, repräsentiert einen kompletten Lebensstil und erfüllt im Rahmen der Serie doch durchaus seinen Zweck - weshalb tritt er also so selten auf? In dem Otto-Konstrukt stecken diverse Elemente, die man ansprechen kann; neben den Metal-Einflüssen ist dies vor allem das vagabundenartige Hausen und die Ziel- und Perspektivlosigkeit einer ganzen Jugend. Und diese Folge versteht sich als Präsentation dieser Elemente und des Potenzials, das in der Figur steckt. Eine Erklärung für Ottos zurückhaltende Auftritte bei den Simpsons wäre die, dass
Mike Judge mit
"Beavis & Butt-Head" schon alles zum Thema gesagt hat, was zu sagen ist. Trotzdem ist es schön, auch Otto mal näher charakterisiert zu sehen.
Liebe und Intrigen
Ganz so genial wie in dem brillanten, von
Spielbergs
"Jäger des verlorenen Schatzes" inspirierten Intro geht es danach nicht mehr zu. Regietechnisch handelt es sich dort nämlich schon um das Tüpfelchen auf der dritten Staffel.

Eine schöne, wenn auch eher unauffällige Folge ist es danach aber trotzdem noch geworden. Und das liegt an Bart, Milhouse und der Growing Up-Story, die ein wenig an "Drei Freunde und ein Comic-Heft" erinnert, welche in der zweiten Staffel ebenfalls an die vorletzte Stelle gesetzt wurde.
Die Dynamik erreicht der Plot durch den unterschiedlichen Entwicklungsstand der beiden besten Freunde. Kritisch anzumerken ist, dass ausgerechnet Milhouse derjenige ist, der als erster erwachsen wird und sich für Mädchen interessiert - das widerspricht ein wenig seiner Charakterzeichnung im Vorfeld. Aber: es wirkt wider Erwarten glaubwürdig. Zudem war er die einzige Möglichkeit, denn um die Problematik adäquat herauszustellen, bedurfte es wirklich Barts besten Freundes, und da blieb eben nur Milhouse übrig.
Die Dialoge stechen nun verstärkt in den Vordergrund, da die Drehbuchautoren das Auseinanderdriften der Interessen von Bart und Milhouse in die Ausdrucksweisen von Kindern transferieren mussten, und zwar so, damit verständlich wird, was hier

bezweckt wird. Diese Aufgabe wurde gut erfüllt: Wenn es beispielsweise um den Kuss geht, argumentieren Bart und Milhouse auf unterschiedliche Weise - beide ihrem Standpunkt nach zu urteilen absolut nachvollziehbar. Auch die Synchronsprecher waren gefordert. Milhouse wirkt sehr bedächtig und irgendwo auch "erwachsen", während Bart vollkommen ausgelassen und emotional agiert, eben "infantil". Die Grundstimmung ist sentimental -
"Wunderbare Jahre" lassen grüßen.
Auf der anderen Seite hätten wir noch einen Subplot um Homers Freßsucht, geschmückt mit massig köstlichen Eindrücken von ihm, wie er vor dem Fernseher sitzt und ob der Schokoriegelwerbung herzlich sabbert. Einige imaginäre Szenarien bilden sich in Marges Kopf bezüglich dessen, was passiert, wenn Homer so weiter frisst, und eine falsch abgepackte Hörspielkassette lässt Homer schließlich zur Intelligenzbestie mutieren anstatt zu einem dünnen Menschen. Dieser Plot hat rein gar nichts mit der Haupthandlung zu tun, was irgendwie eine witzige Sache ist ... so ganz nebenbei, fern der Probleme unserer Hauptfiguren, arbeitet also jemand anders noch an seinen eigenen Problemen. Schönes Ding.
Der vermisste Halbbruder
Das Staffelfinale hat man sich absichtlich für diese Folge aufgehoben, denn es handelt sich um ein Sequel zu 15. Folge der zweiten Staffel, "Ein Bruder für Homer". Dieses Ding hatte unter Mitarbeit von
Danny DeVito 
einfach alles weggerult durch die grandiose Zwillingsthematik, die zeigte, wie sich am Ende doch alles ausgleicht, vor allem was Glück und Pech betrifft.
Insofern ist die Idee zu einem Sequel auch nicht bloßes Erfolgsdenken - Filmstudios geben bei Überraschungserfolgen bekanntermaßen in der Regel dann Sequels in Auftrag, wenn es sich kommerziell als lohnend erweist - sondern ein konzeptionell durchdachter Geniestreich. Die Ausgleichssache, die sich in der ersten Homer-Herbert-Folge lediglich zwischen den beiden Brüdern ergeben hatte, erfährt nun auch einen Ausgleich in Bezug auf jede Einzelperson und damit einen absoluten Ausgleich. Soll heißen: Da Herbert am Ende des ersten Teils vollkommen ruiniert war, gilt es nun, ihn wieder zurückzubringen.
"Der vermisste Halbbruder" wird durch diesen interstrukturellen Ansatz zugleich eine Geschichte über den American Dream, denn es ist auch eine Geschichte darüber, wie man vom Tellerwäscher zum Millionär wird. Dass auch dieses System ein zweischneidiges Schwert ist und große soziale Ungleichheit zur Folge hat, erkennt man wiederum durch den Rückbezug auf den ersten Teil, denn dort war es immerhin auch möglich, einen schwerreichen Mann zum Penner zu machen. Es ist also die Thematisierung der Möglichkeit und ihrer Ergreifung respektive

ihrer Auslassung.
Die Art und Weise, wie sich Herb am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf zieht, ist natürlich cartoonlike hanebüchen, demonstriert aber auch wiederum, dass das Wirtschaftskonzept, dem der "American Dream" unterliegt, nicht notwendigerweise leistungsorientiert ist, sondern viel mehr Ellbogen und unbedingten Willen erfordert.
Maggie darf übrigens auch mal den Mund aufmachen, vermag es aber noch nicht, über unartikuliertes Gebrabbel hinauszukommen, was Herbert ja überhaupt erst die Idee zu seiner Maschine brachte. Filmanspielungen gibt es auch: Homers Trip auf dem Massagesessel lehnt sich an
Stanley Kubricks
"2001" an und die Geschenkvergabe von Herbert an jedes Simpsons-Mitglied als Vergeltung für die Hilfe spielt auf
"Der Zauberer von Oz" an - wobei eines der Geschenke wiederum die amerikanische Politik kritisiert, indem Bart zum Mitglied der National Rifle Association gemacht wird. Ein gelungener Abschluss der Staffel, aber ein Satz, den man an dieser Stelle erwartet, fehlt noch:
Das Original war aber besser als das Sequel.
Laut
Matt Groening ist es die "Season der Liebe" geworden - und wahrhaftig, die Anzahl der Schlüsse, die in schmalzigem Kitsch (im positiven Sinne gesprochen) enden, ist ausgesprochen hoch. Von der ersten Folge an, in der ein einsamer, aber glücklicher Mann der Sonne entgegen geht, nachdem er vorher das glückliche Miteinander gepredigt hatte, bis zur letzten Folge, wo Homer sich triefend vor Dankbarkeit bei seinem Bruder verabschiedet und in einem perfekten Kreis wie Ying und Yang ein Kapitel zufriedenstellend geschlossen wird, ist so ziemlich alles an dieser Staffel herzallerliebst. Es gibt haufenweise Liebe, Freundschaft und Einheit; die rosafarbene Umverpackung der DVD ist damit keinesfalls übertrieben.
Damit soll aber nicht gesagt sein, dass alles und jeder von Anfang bis Ende glücklich durch sein Leben wandert. "Season 3" ist ein äußerlich rundes Ding geworden, von innen jedoch ein komplexes Wechselspiel aus Freud und Leid, ein dramaturgisches Hin und Her par excellance. Die perfekte Metapher dafür ist eigentlich ein Homer, wie er unter der Dusche steht und sich nicht entscheiden kann, ob er nun "heiß" oder "kalt" schreien soll. Oder auch die Fischstäbchen, das Lisa aus dem Ofen holt - von außen verbrannt und von innen gefroren - und sie freudestrahlend bemerkt
"Am Ende gleicht sich im Leben doch alles aus."
Man hat immer wieder das Gefühl, dass
Matt Groening erstmals die Zeit hatte, sich voll und ganz auf die Entwicklung seiner Figuren zu konzentrieren, dass auch weniger Aufwand bemüht werden musste, um die Simpsons oben zu halten in dem Meer aus TV-Serien. Der Durchbruch wurde zwar bereits eine Staffel vorher erzielt, doch erst jetzt war es soweit, dass auch die Charakterzeichnung nicht mehr darunter zu leiden hatte. Sämtliche Figuren sind profiliert und charakterlich am Ende der Entwicklung angelangt; selbst zweitrangige Figuren wie Snake oder Otto bekommen ihre letzten Schliffe.
Das Bewusstsein, etabliert zu sein, führte auch die Erkenntnis mit sich, nun einen anderen Rang in der Fernsehlandschaft zu bekleiden als zuvor. Imitatoren wie etwa
"Die Dinos" schossen aus dem Boden, was in den Plots dann satirisch aufbereitet wurde, womit man sich auch plötzlich selbst zum Gegenstand machte und damit dem Mythos "Simpsons" Platz einräumte, wo vorher nur aktuelle Bezüge fern der eigenen Identität inspiziert werden sollten. Die neue Selbsterkenntnis gefällt, weil man nie wirklich selbstgefällig oder überheblich rüberkommt, und wenn, dann gewollt. Die Selbstironie stand und steht immer noch im Vordergrund, wenn es darum geht, das eigene Image zu persiflieren - und dieser Umstand hat dazu beigetragen, dass die Simpsons auch qualitativ eine höhere Stufe erreicht haben und sie nun auf einem Niveau standen, von dem sie noch etwa ein halbes Jahrzehnt zehren sollten.


Zwar mag die technische Umsetzung der dritten Staffel für die meisten Simpsons-Fans ein eher unwichtiger Kaufgrund sein - schließlich geht es um die Folgen an sich - aber ein wenig besser hätte es doch gern sein dürfen. Die qualitativen Aussetzer wie in der Staffel 2 sind zwar nicht mehr zu sehen, dafür gibt es aber immer noch genug Kritikpunkte. Da wären beispielsweise die störenden Muster rund um Konturen, die sich ein neuerer Animationsfilm partout nicht leisten dürfte und die gehörig nach einer regulären TV-Ausstrahlung aussehen. Das führt auch auf gleichfarbigen Flächen zu einigen Unruhen, vergleichbar mit einem leichten Flimmern, welches in Blockrauschen übergeht. Dass die Schärfe nur Mindestmaß erreicht ist man möglicherweise von der Serie gewohnt, auf DVD muss dies aber nicht unbedingt genauso sein. Zumindest in einem Aspekt punktet die Umsetzung: Verschmutzungen und TV-Artefakte in größerem Ausmaße bleiben fern. Ob das nun ein Grund zum Jubel ist? Wohl kaum, zumal eine farbliche Aufarbeitung einigen Szenen vielleicht etwas mehr Pepp verschafft hätte. Nostalgie-Bonus hin oder her,
Fox sollte beim Bild definitiv etwas zulegen bei der nächsten Staffel.


Dass die Zeit 1991 bzw. 1992 noch lange nicht reif war für Dolby Digital 5.1 merkt man den beiden Tonspuren deutlich an. Beide leisten sich natürlich keine Aussetzer, ertönen klar und besitzen nur wenige unterschwellige Schwankungen bzw. kleinere Unreinheiten, aber es ist und bleibt einfach nur gutes Stereo, was hier erarbeitet wurde. Die wenige Ausflüge in Sachen Räumlichkeit sind zu gering und beschränken sich in vielen Folgen auf den Vorspann, der zaghaft die hinteren Lautsprechern mit Teilen des aufspielenden Orchesters beschäftigt. Insbesondere merkt man es auch an der Dynamik, dem fehlenden Bass, dass die Simpsons eine TV-Serie ist, die als gezeichnete Variante zwar genug Möglichkeiten in der effektreichen Nachvertonung offen lässt, das seinerzeit aber noch nicht ausspielen konnte. Die Stereokanäle lassen eigentlich keine Wünsche beim Ton offen, der im Englischen wie im Deutschen etwa gleichwertig ist (abgesehen von der Art der Synchronisation). Wie gewohnt sind frei wählbare Untertitel in beiden Sprachen dabei.


Wie die ersten beiden Staffel-Sets gezeigt haben, kann man auch der dritten DVD-Box vertrauen, wenn es um Bonusmaterial geht. Ausnahmslos jede Episode bietet wieder einen Audiokommentar, der im englischen O-Ton mit optionalen deutschen oder englischen Untertiteln angeschaut werden kann und wieder höchst interessant geworden ist. Allein deswegen ist die Box kaufenswert, wobei einige Episoden sogar einen zweiten, versteckten Audiokommentar besitzen. Aber auch die Menuführung (in Widescreen und besserer Qualität als die Serie an sich) macht durch animierte Übergänge und den Soundtrack auf sich aufmerksam.
Auf DVD 1 lohnt es sich, die Regieanweisungen bzw. Storyboards von
Matt Groening zur Folge "Der Ernstfall" näher zu betrachten, auch wenn 236 Seiten sehr umfangreich ist. Die Kommentare und Hervorhebungen geben viel Aufschluss über die Stilistik und den Animationsstil der Serie. Wer Lust auf mehr hat, bekommt auf jeder DVD jeweils eine Folge geboten, die Storyboard-Zeichnungen enthält. Zu "Der Vater eines Clowns" lassen sich erste Skizzen anwählen. Dafür stoppt die Episode an einigen Stellen und zeigt dann selbstständig diese Zeichnungen. Auch dieses Feature steht für mehrere Folgen zur Anwahl. Außerdem sind 5 Butterfinger-Werbespots enthalten, in denen Bart seinen Lieblings-Snack verteidigen muss.
Waren auf der ersten Staffelbox noch Werbeclips in verschiedenen Ansprachen mit drauf, bietet DVD 2 mit der Halloween-Folge "Alpträume" nun die Möglichkeit, in vier zusätzliche Synchronisationen reinzuhören. Wie bereits erwähnt ist die Einmann-Show im Polnischen die gewöhnungsbedürftigste Variante davon. Etwas langweilig, aber auch kurz genug ist der Ausschnitt aus einem Thanksgiving-Straßenumzug, bei dem eine riesige Bart-Figur mitschwebt.
Auf der letzten Scheibe werden mit der Jukebox erstmals Ausschnitte aus den Folgen aufgewärmt. Alle Songs der dritten Staffel sind hier als Ausschnitte anwählbar. Hinter "Pop-Up-Simpsons" für die Episode "Homer auf Abwegen" verbirgt sich ein Facts Track, also eine Untertitelspur, die allerlei Wissenswertes zu dieser Folge und der Serie insgesamt als Untertitel einblendet. Jede Einblendung wird mit einem ploppenden Soundgeräusch eingeleitet (daher auch nur englischer Ton bei diesem Extra), wobei an einigen Stellen, an denen ich eine Einblendung vermutet hätte, leider keine kommt. Trotzdem, es wird genügend zu lesen geben. Das Promo-Material ist letztlich ein kurzer TV-Spot. Damit werden insgesamt zwar weniger Extras als Film angeboten als bei den vorangegangenen Staffeln, die Audiokommentare, Storyboards und sonstigen Goodies bringen die Wertung aber wieder auf 5 Punkte, weil sie den Zuschauer sicherlich noch lange beschäftigen.
Zum Schluss sei noch auf die aufwendige Verpackung verwiesen, die nicht nur als Hochglanzschuber vorliegt, sondern auch Blickfenster auf das bedruckte DigiPack im Inneren besitzt. Dem liegt neben etwas Werbematerial (u.a. für das Simpsons-Computerspiel "Hit and Run") ein 12seitiges Booklet mit Inhaltsangaben bei. Auch die bissige Einleitung zur dritten Staffel von
Matt Groening hat wieder als Aufdruck Platz gefunden.