Natürlich ist "The Fall Of The House Of Usher" keine akribisch nacherzählende Literaturverfilmung, natürlich wird die Handlung als Zugeständnis an den Publikumsgeschmack mit einer unglücklichen Liebesgeschichte (zwischen Winthrop und Madeline) versehen; dennoch gelang es Corman und Drehbuchautor Matheson, die Essenz von Poe in diesem Film einzufangen: So findet sich die Degeneration der Ushers hier ebenso wie in der Geschichte in dem verfallenden Haus und dem toten Umland symbolisiert. Das Übel, die sprichwörtliche Krankheit, wird auf das marode Gemäuer projiziert, hat seine Wurzeln jedoch (ein immer wiederkehrendes Thema bei Poe) in den verborgenen Seiten der Psyche der Protagonisten, in diesem Fall Roderick Ushers, der von Vincent Price überzeugend verkörpert wurde.
Price, der durchaus auch zum gewollten Overacting neigte und ein großes komödiantisches Talent besaß, spielt den Antihelden Usher mit einer effektiven Zurückhaltung und frei von Ironie. Seine Bewegungen sind langsam, die ganze Gestalt wirkt Haltung und Gebahren fragil und verletzlich, und das schlohweiß gefärbte Haar, das eine Form von Albinismus suggerieren sollte (übrigens eine Idee von Vincent Price), verstärkt diesen Eindruck noch. In bester Poe-Tradition leidet Price-Usher in erster Linie an sich selbst: Er ist ein Gesamtkunstwerk aus Neurosen und psychosomatischen Beschwerden, und in all seiner Verzweiflung und der hingebungsvollen, über das geschwisterliche Verhältnis offensichtlich hinausgehenden, Liebe zu Madeline eine überaus tragische Figur. An krankhaften Überempfindlichkeiten gegen Geräusche, Farben und Gerüche leidend, hat er sich seit langem endgültig aus der realen Welt zurückgezogen und ist selbst nicht fähig, gegen die ihn quälenden Obsessionen - die Gewißheit um die Vorbestimmtheit des Familienschicksals und die daraus resultierenden Ängste - anzukämpfen.
Roger Corman hatte bei "The Fall Of The House Of Usher" erstmals die Möglichkeit, in Farbe und Cinemascope zu drehen, und nutzte diese Mittel für eine expressionistisch-psychedelische Bildsprache. Farben dienen hier nicht der naturalistischen Darstellung, sondern fungieren als symbolistische Stilmittel; eine gewollte Künstlichkeit durchzieht den ganzen Film und erschafft eine, der literarischen Vorlage angemessene, irreal-alptraumhafte Atmosphäre: Dem Vorspann - leuchtend bunten Nebelschwaden, die hinter den Credits ineinanderfließen - folgt die Anfangssequenz in dem toten Wald; hier dominiert ein blasses Grau, alles wirkt verödet, abgestorben. Corman nutzte für diese Szene die Gelegenheit, daß tags zuvor ein Brand in den Hollywood Hills gewütet hatte, und kombinierte hier Studioaufnahmen mit Bildern des realen verbrannten Waldstücks. Das Geschehen im Haus Usher schließlich gestaltet sich als verschwenderisch koloriertes, morbides Kammerspiel. Als Roderick von seinen Vorfahren erzählt, präsentiert er seinem Gast deren Portraits, die karikaturhafte Fratzen in kränkelnden Farben zeigen, und dem Betrachter ist in diesem Moment klar, dass die Ushers sich nicht unbedingt durch höchste geistige Gesundheit auszeichnen (diese Gemälde wurden von dem Künstler Burton Shonberg speziell für diesen Film angefertigt). Später folgt eine grandiose Alptraumsequenz, in der Winthrop der gesamten Ushersippe begegnet: Durch einen grellblauen Nebel steigt er in die Gruft hinab und findet sich dort den fleischgewordenen Portraits gegenüber wieder. Die meisten der Stilmittel, die Corman hier kreierte, sollten sich auch in seinen folgenden Poe-Verfilmungen wiederfinden. "The Fall Of The House Of Usher" wurde am 22. Juni 1960 uraufgeführt und Cormans Ideen machten sich bezahlt; der Film spielte sein Budget um ein Vielfaches wieder ein und bekam dazu auch noch exzellente Kritiken. Bei diesem Erfolg war es naheliegend, dass der nächste Poe-Film nicht lange auf sich warten lassen würde ...
Technisch solide umgesetzt, vermissen wir hier schmerzlich den Audiokommentar der US-DVD. Wer jedoch nicht auf den deutschen Ton verzichten möchte, ist mit dem deutschen Pendant gut bedient. Im übrigen einer der wenigen MGM-DVDs aus der Nice Price-Sektion, die noch ein "normales" DVD-Menü besitzen.
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