Hans W. Geissendörfer assoziiert man meist mit "Lindenstraße". Und genau dieser Mann, der die erste deutsche Seifenoper ins Leben gerufen hat, kann gerade in den 60ern und 70ern einige Kinoproduktionen für sich verbuchen. Eine seiner seltensten Regiearbeiten ist der 1970 entstandene "Jonathan", der auch Geissendörfers einzigster Ausflug in das Horrorgenre ist (wobei mitunter auch die "Lindenstraße" für viele der reinste Horror ist). Aber zurück mit einen Zeitsprung ins Jahr 1970, das Jahr von "Jonathan".
Nicht zu unrecht ist die Entscheidung im Hause Kinowelt ausgefallen, den Film über das Arthaus-Unterlabel zu veröffentlichen, denn trotz seiner Einpassung ins Horrorgenre ist Geissendörfers Film bei weitem mehr. Gerade Filmkritiker, die das Genre meist hassten, lobten "Jonathan" aufgrund seiner Andersartigkeit in den höchsten Tönen. Dies liegt vor allem daran, dass Geissendörfer eine deutliche Botschaft in seinem Film vermittelt, die nicht erst in die Handlung interpretiert werden muss. Der ganze Film bewegt sich auf politischer Ebene, die die 60er Jahre in Deutschland widerspiegelt. Der Studentenaufstand und die Unterdrückung des Kapitalismus sind Themen der Geschichte. Zudem ist "Jonathan" eine Abrechnung mit dem Leben in der Kommune und der freien Liebe. Dafür treten die Vampire in die Rollen der Kapitalisten und die aufständigen Bauern in die Rollen der Studenten. Diese Punkte sind alle nett verpackt in eine Vampirgeschichte mit deutlichen Anleihen an Bram Stokers "Dracula", was Geissendörfer aber auch beabsichtigte und seinen Film mit vielen Zitaten und ganzen Szenenabläufen füllte. Welche Schreckensgestalt, wenn nicht der Vampir, hätte den Kapitalismus besser ein Gesicht geben können? Die Blutsauger aus dem Film symbolisieren die echten Blutsauger der Gesellschaft. Von der politischen Sicht einmal abgesehen ist "Jonathan" aber auch ein gelungener Horrorfilm geworden, der deutliche Kunstformen annimmt, was neben Geissendörfer auch seinem Kameramann Robby Müller zu verdanken ist. Dieser verstand es, Schauerromantik durch langsame Kamerafahrten zu erschaffen.
Etwas ungewöhnlich gestaltet sich aber das Auftauchen der Kinder der Nacht, da sich Geissendörfer in seiner Version der Vampire nicht an gängige Klischees hielt und es den Vampiren auch ermöglicht, bei Tage ihre Opfer zu suchen, ebenso wie es der Kapitalismus tat. So gelang Geissendörfer eine gekonnter Verbindung von Horror- mit dem Autorenfilm (z.B. eines Fassbinders). Diese Mischung ist nicht unbedingt jedermanns Sache, doch auch Filmfreunde, die dem Autorenfilm gewöhnlich nicht viel abgewinnen können, werden gut unterhalten. Zudem ist "Jonathan" mit vielen blutigen Momenten ausgestattet und das wenige Budget, das Geissendörfer zur Verfügung stand, ist dem Film nicht anzumerken. Er lässt "Jonathan" nach deutlich mehr aussehen, als er gekostet hat. Eine gelungene Wiederentdeckung eines sehr seltenen Films, denn außer zur Kinopremiere und gelegentlichen TV-Ausstrahlungen war die Möglichkeit eher gering, auf "Jonathan" aufmerksam zu werden.
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