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UK, USA 2011
Originaltitel:We Need to Talk About Kevin
Länge:112:05 Minuten (ungekürzt)
Freigabe:ab 16 Jahre
Regie:Lynne Ramsay
Buch:Rory Kinnear, Lynne Ramsay
Kamera:Seamus McGarvey
Musik:Jonny Greenwood
SFX:Joseph Mortelliti
Darsteller:John C. Reilly, Tilda Swinton, Ezra Miller, Siobhan Fallon, Ashley Gerasimovich, Leslie Lyles, Lauren Fox, Aaron Blakely, James Chen, Ursula Parker, Leland Alexander Wheeler, Anthony Del Negro
Vertrieb:EuroVideo
Norm:1080p / MPEG-4 AVC
Medium:BD-50
Regionalcode:B
Bildformat:2,35:1
Tonformat:DTS-HD Master Audio 5.1
Sprache:Deutsch, Englisch
Untertitel:Deutsch, Englisch
Verpackung:Dual-Format Mediabook
Blu-ray-Start:08.11.2012 (Kauf)
Bonus:
  • 22seitiges Booklet
  • Kurzfilm: "Kill the Day" (18:01 Min., 576i)
  • Kurzfilm: "Small Deaths" (10:45 Min., 576i)
  • Kurzfilm: "Gasman" (14:26 Min., 576i)
  • Interview mit Ezra Miller (6:21 Min., 1080p)
  • Interview mit Tilda Swinton (6:52 Min., 1080p)
  • Interview mit John C. Reilly (3:40 Min., 1080p)
  • Interview mit Lynne Ramsay (3:24 Min., 1080p)
  • Interview mit Luc Roeg (1:42 Min., 1080p)
  • Interview mit Seamus McGarvey (1:18 Min., 1080p)
  • Drehbeobachtungen (2:43 Min., 1080p)
  • Deutscher Kinotrailer (1:55 Min., 1080p)
Evas (Tilda Swinton) Welt bricht mit einem Knall in sich zusammen, als ihr Sohn Kevin (Ezra Miller, u.a.) kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag in seiner Schule ein grausames Blutbad anrichtet. Völlig benommen steht sie vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens, während ihre Gedanken um die Frage toben, wie es so weit kommen konnte. Verzweifelt versucht sie irgendwo Halt zu finden in einer Welt, die ihr als Mutter Kevins Vermächtnis anlastet und ihren Alltag zur Hölle werden lässt. Ihre Erinnerungen zeichnen das beängstigende Bild eines unheilvollen Sprösslings, der sich unaufhaltsam zum Monster entwickelt.
"There is no point. That's the point."

Einer Studie der Universität Oldenburg von 2009 zufolge ist Kevin unter Grundschullehrern kein Name, "sondern eine Diagnose". Damit befindet er sich in bester Gesellschaft mit den Justins, Chantals und Mandys in Deutschland - Kinder, deren Weg bereits durch ihre Namen vorherbestimmt scheint. Zumindest wenn es nach Grundschullehrern geht, die sie als verhaltensauffällig und frech einstufen. Ähnliche Phänomene gibt es natürlich auch in anderen Ländern und zugegeben, sein Name war wohl nicht die Ursache, warum in Lynne Ramsays "We Need to Talk About Kevin" über Ezra Millers Protagonisten geredet werden muss. Dabei weist der genau die Symptome auf, die ihm die Oldenburger Studie bescheinigt.


Basierend auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2003 von Lionel Shriver wird die Vor- und Nachgeschichte eines Schulmassakers erzählt – aus der Sicht der sich verantwortlich fühlenden Mutter. Diese wird im Film von Tilda Swinton bis zur Perfektion verkörpert, während ihre - bezeichnend benannte - Eva gedanklich zurückspringt. Hin zu der Nacht, in der sie mit ihrem Freund Franklin (John C. Reilly) das gemeinsame Kind gezeugt hat, rüber zur Geburt von Kevin, nach und nach die von Konfrontationen bestimmte Beziehung zwischen Mutter und Sohn aufarbeitend. Liegt in der Erziehung der Mutter die Schuld am von Sohn verübten Massaker oder ist Kevin schlicht das Böse in Person?

Thematisch folgt "We Need to Talk About Kevin" unweigerlich auf das Schulmassaker von Littleton an der Columbine High School von 1999. Zwei Schüler töteten damals 13 Menschen und später wurde Sue Klebold, Mutter eines der Schützen, vorgeworfen, in ihrer Erziehung versagt zu haben. Gleichzeit wirft Shrivers Roman auch seine Schatten voraus, nicht nur auf den Amoklaufs in Erfurt von 2002, sondern insbesondere auch auf das Schulmassaker von Winnenden in 2009. In beiden Fällen hießen die Schützen zwar nicht "Kevin", sondern Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer, aber speziell Kretschmer erschütterte mit seiner Tat nicht nur das Leben der Opfer und ihrer Familien, sondern auch das der eigenen.


Wenige Monate nach dem Amoklauf von Tim Kretschmer musste seine Familie Winnenden verlassen und anderswo eine neue Identität annehmen. "Die Wucht der Ablehnung hat mich selbst überrascht", sagte der Bürgermeister Jürgen Kiesl damals. Eine Rückkehr der Kretschmers wäre für alle Beteiligten "undenkbar".
Shrivers Roman und Ramsays Adaption widmen sich in ihrer Geschichte nun weniger den ermordeten Schülern oder dem Täter, seiner Tat und den Beweggründen, sondern der Frage, welche Rolle die Eltern an sich beziehungsweise die Mutter im Besonderen spielte. Die Schuldfrage nimmt eine zentrale Funktion ein, die sich beide Hauptfiguren in gewisser Weise stellen, ohne sie annehmen zu wollen.


Im Mittelpunkt steht dabei die Tatsache, dass Eva ein Freigeist ist, der eigentlich kein Kind haben will. Zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, als sie mit Kevin schwanger wird. Sie schenkt dem Kind nur bedingt die offenherzige Liebe, die man von frischgebackenen Müttern kennt, sehnt sich vielmehr nach Ruhe und scheint mit ihrer neuen Rolle überfordert. Das Kind wiederum scheint diese abgehende Liebe zu spüren und fortan entfremden sich Mutter und Sohn immer mehr voneinander. Ist Kevin dann erst einmal ein Kleinkind (mit fast schon damieneskem Spiel von Rock Duer), verheißt allein sein leerer Blick nichts Gutes. Und wenn er dann das Schulalter erreicht, gewinnt der Konflikt mit Eva eine völlig neue Dynamik.


Kevin (nun von Jasper Newell dargestellt) agiert derart berechnend und kalkuliert, dass die Figur problemlos zum "Film-Bösewicht des Jahres" werden könnte. Gekonnt gibt er sich Eva als Satansbraten, während er Franklin gegenüber das Engelchen mimt. Nach ersten Zweifeln rund um die Geburt stellt sich der Zuschauer schnell auf die Seite von Eva und schüttelt über Kevins Verhalten nur den Kopf. Dessen Verhalten scheint jedoch einen tiefer gehenden Grund zu haben, obschon uns die Figur als nahezu charakterlos präsentiert wird. Die Frage nach bedingungsloser Liebe stellt sich im Verlauf für beide Figuren immer wieder. "Just because you're used to something doesn't mean you like it", sagt Kevin einmal treffend.


Lynne Ramsays Film lebt von diesem terroristischen Beziehungsverhältnis, das "We Need to Talk About Kevin" bisweilen etwas Horrorartiges verleiht. Somit ist das Endergebnis wohl nur oberflächlich als Ursachenforschung für einen Schulamokläufer zu verstehen, sondern eher zwei Figuren, die eigentlich vom jeweils anderen geliebt werden wollen, jedoch darunter leiden, dass sie es nie zum selben Zeitpunkt zu können vermochten. Das Resultat ist ein spannender Film über Liebe und Hass, über Schuld und Sühne, dabei über die gesamte Laufzeit großartiges Schauspielkino des gesamten Ensembles. Billy Hopkins untermauert hier seinen hervorragenden Ruf als einer von Hollywoods führenden Besetzungschefs.

Neben den drei Kevin-Darstellern sticht natürlich Tilda Swinton hervor, deren gepeinigte Eva Dreh- und Angelpunkt des Films ist. Nicht minder herausragend sind jedoch auch die Kameraarbeit und Bildkomposition von Seamus McGarvey (der sich unter anderem auch durch "Atonement" bereits auszeichnen konnte) sowie generell die Mise-en-scène. Viel von dem Interpretationsspielraum und den Analysemöglichkeiten des Films wird mittels sich wiederholender Handlungs-, Bild- und Farbelemente transferiert, wobei die Farbe Rot und all die ihr innewohnende Symbolik eine große Rolle spielen. Sehr geschickt erzählt Ramsay so Shrivers Geschichte, die stets die richtigen Blickwinkel und –perspektiven wählt.


Eine definitive Antwort auf die Ursache eines Schulamoklaufs kann "We Need to Talk About Kevin" natürlich nicht geben – und das will der Film auch gar nicht. Die spätere Entwicklung ist letztlich nicht mehr als ein Kollateralschaden, zumindest für Kevin selbst. Prinzipiell ist Ramsays Film also ein zwischenmenschliches Familiendrama, bisweilen mit Zügen eines Psychohorrorfilms und dabei stets faszinierend, selbst wenn einiges zu Gunsten der Dramatisierung überzogen scheint. Am Ende ist es vermutlich kein Film für werdende Mütter geworden – oder vielleicht gerade für die. Zumindest den Vorurteilen von Grundschullehren gegenüber den Kevins dieses Landes wird der Film allerdings keinen Dienst erwiesen haben.


"We Need to Talk About Kevin" wird dem Zuschauer als solider HD-Transfer vorgestellt, der mit einem durchweg natürlichen Bild aufwartet, dessen Farbdarstellung allerdings je nach Szenario mal kräftig und satt, dann wieder leicht ausgewaschen und blass wirkt. Der Kontrast arbeitet solide, lässt keine Details absaufen, wirkt insgesamt aber deutlich zu flach, wodurch es dem Bild oftmals an Durchzeichnung und Plastizität fehlt, zumal der Schwarzwert nicht optimal ausfällt. In vielen Sequenzen sieht es so aus, als wäre ein leichter Schleier über das Bild gelegt worden und in einigen hellen Szenen neigt das Bild zur leichten Überstrahlung. Zudem wurde digital nachgearbeitet, was man u.a. an dezenten Doppelkonturen (Nachschärfung) sieht. Auch ein Rauschfilter scheint zum Einsatz gekommen zu sein.
Bildrauschen ist nicht mehr vorhanden, stattdessen gibt es etwas Unschärfen in schnellen Bewegungen. Die Schärfe befindet sich auf einem angenehmen Level, wobei das Bild in Totalen etwas weicher wirkt und nicht immer gänzlich überzeugen kann, vor allem was die Details angeht. Diese fallen vor allem in Nahaufnahmen bedeutend besser aus und erreichen stellenweise sogar sehr gute Werte, die aber nicht immer gehalten werden können. Insgesamt gesehen wirkt das Bild etwas zu weich und flach, hebt sich aber dennoch deutlich von der DVD-Variante ab. Schmutz und Defekte sind nicht auszumachen und auch die Kompression arbeitet ruhig im Hintergrund.



(Klickt auf die einzelnen Bilder um diese in der Originalgröße von 1920 x 1080 zu sehen.)

Beide Tonspuren liegen in DTS-HD Master Audio 5.1 vor und bieten eine sehr gute und vor allem natürliche Sprachwiedergabe, wobei der englische Mix deutlich authentischer klingt als die etwas sterilere deutsche Synchronfassung. Da "We Need to Talk About Kevin" ein dialoglastiger Film ist, spielt sich das meiste im Frontbereich ab, bietet dafür einen sehr natürlichen Klang und hin und wieder werden die Rears für kleine direktionale Effekte genutzt. Diese halten sich zwar in Grenzen, fügen sich dann aber sehr harmonisch ins Klangbild ein. Der Score erstreckt sich über sämtliche Kanäle und sorgt für etwas Weiträumigkeit. Insgesamt ein ordentlicher HD-Mix. Optional gibt es deutsche und englische Untertitel.

EuroVideo veröffentlicht "We Need to Talk About Kevin" wie üblich in einem kleinen Mediabook mit 22seitigem Booklet an Hintergrundinformationen. Das Booklet ist direkt an das Mediabook geklebt und kann problemlos wie ein Buch gelesen werden. Leider lässt sich das FSK-Logo auf der Frontseite nicht ablösen und raubt der optisch ansprechenden Veröffentlichung etwas ihren Reiz. Das Bonusmaterial beinhaltet eine handvoll kurze Interviews von Cast & Crew, einen Trailer zum Film, sowie ein 3minütiges Hinter den Kulissen-Featurette - alles nicht sonderlich umfangreich. Dafür beinhaltet die Disc die drei sehr interessanten Kurzfilme "Gasman", "Small Death" und "Kill the Day" von Lynne Ramsay. Das Bonusmaterial wurde komplett deutsch untertitelt und liegt bis auf die Kurzfilme komplett hochauflösend vor. Insgesamt eine gute Veröffentlichung eines starken Films, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.


Film+++++-
Bild++++/-
Ton++++--
Bonus++/---


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