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Umdenken bei den Herstellern von Videospielen

Ein Interview mit Christa Stewens und Dr. Günther Beckstein


Erfurt ist zwar aus den Medien verschwunden, nicht aber aus der Politik: MANIAC führte ein Interview mit der bayerischen Familienministerin Christa Stewens und dem bayerischen (und nach der Wahl am 22. September unter Umständen auch Bundes-Innenminister Dr. Günther Beckstein zum Thema "Videospiele und Gewalt".

Worin liegen Ihrer Ansicht nach die Gründe für Gewalttaten wie in Erfurt oder Bad Reichenhall?
BECKSTEIN:
Die Ursachen der Gewalt sind vielfältig: ein bedeutender Faktor ist dabei der Wandel der gesellschaftlichen Wertvorstellungen.
Traditionelle Werte wie Solidarität und Mitempfinden werden zunehmend von Konsumorientierung und Ellbogenmentalität verdrängt. Veränderungen in den familiären und schulischen Erziehungsbedingungen, das Erleben von Gewalthandlungen im sozialen Nahfeld können die Bereitschaft zur Gewalt ebenso fördern wie bedrückende Wohn- und Lebensbedingungen. Treffen mehrere dieser negativen Faktoren über einen längeren Zeitraum zusammen, kann dies bei jungen Menschen die Gewaltbereitschaft fördern.
Sehen Sie einen direkten Zusammenhang zwischen Videospiel- und tatsächlich angewandter Gewalt? Womit begründen Sie Ihre Meinung?
STEWENS:
Sicher kann der überwiegende Teil der Jugendlichen und Heranwachsenden zwischen der virtuellen Gewalt in den Spielen und der Realität unterscheiden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die aufgrund ihrer persönlichen Lebensbedingungen und/oder wegen einer entsprechenden psychischen Veranlagung nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können. Taten wie der Amoklauf in Erfurt oder der "Mordfall Vanessa" Anfang diesen Jahres, bei dem ein junger Mann den Horrorschocker Interner Link"Scream" nachstellte, belegen meiner Ansicht nach, dass derartige Video- und Computerspiele bei labilen Persönlichkeiten jegliche soziale Kontrollen außer Kraft setzen können.
Die Aburteilung von Video/Computerspielen geschieht (in unseren Augen) in der Politik äußerst einseitig und tendenziös. Wird die Seite der Softwareindustrie eigentlich von Ihrer Behörde angehört oder besteht daran kein Interesse?
BECKSTEIN:
Die Diskussion um gewaltverherrlichende Video - und Computerspiele sowie entsprechende Filme wird schon seit längerer Zeit auch mit den Herstellern derartiger Produkte, sowie mit den Vertretern der sonstigen Medien geführt.
Ich hoffe, dass der Amoklauf von Erfurt jetzt endlich zu einem Umdenken hinsichtlich des Umgehens mit Gewaltdarstellungen allgemein in der Gesellschaft, besonders aber bei den Herstellern von Video- und Computerspielen führt.
Haben Sie jemals ein Ihrer Meinung nach gewaltverherrlichendes Spiel am Computer/Fernseher gespielt?
BECKSTEIN:
Ich habe noch nie ein Spiel wie "Counterstrike" oder ein vergleichbares Produkt gespielt. Spiele dieser Machart sind mit meinen vom christlichen Glauben geprägten Wertvorstellungen unvereinbar.
Auch wir befürworten einen gezielten Jugendschutz. Wird durch Pläne, gewalttätige Spiele komplett zu verbieten, aber nicht die Freiheit des einzelnen Erwachsenen beschränkt? Kollidiert ein deutscher Sonderweg nicht mit geltendem EU-Recht?
STEWENS:
Der Jugendschutz hat im deutschen Rechtssystem einen hohen Stellenwert. Das Grundgesetz erwähnt bei der Meinungsfreiheit den Jugendschutz ausdrücklich als sog. "Schranke". D.h. Gefahren, die durch Ton- oder Bilderzeugnisse, also auch durch gewalttätige Spiele drohen, können vom Gesetzgeber eingeschränkt werden. Die Einschränkung der Freiheit Erwachsener zum Zwecke des Schutzes anderer Rechtsgüter ist im deutschen Rechtssystem durchaus ein gängiges Regelungsinstrumentarium.
Alle Verbote resultieren daraus, dass der Schutz anderer Rechtsgüter als höherwertig angesehen wird. Aus diesem Grunde bedarf es auch einer sorgfältigen Abwägung des Rechtes Erwachsener auf gewalttätige Spiele mit dem Recht der Jugend auf Schutz vor Gefahren durch solche Spiele sowie dem Recht der Jugend auf eine ungestörte Entwicklung.
Die EU hat dagegen keine Kompetenzen, den Jugendschutz zu regeln. Dies ist allein Sache der einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Von einem "deutschen Sonderweg" kann daher nicht gesprochen werden.
Wie erklären Sie es sich, dass Deutschland das einzige Land weltweit ist, in dem Spiele geschnitten, indiziert oder verboten werden?
STEWENS:
Wie bereits erwähnt, hat der Jugendschutz in Deutschland einen hohen Stellenwert. Andere Länder setzen hingegen in ihrem Wertesystem andere Schwerpunkte und bewerten andere Freiheitsrechte als höher. Nicht richtig ist die Behauptung, Deutschland sei das einzige Land weltweit, in dem Spiele verboten werden. Auch Frankreich hat die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein ausdrückliches Verbot illegaler Videospiele geschaffen. In Spanien gelten in einigen Regionen spezielle Verbote des Verkaufs und Verleihs von Videospielen, die Inhalte vermitteln, die gegen die in der Rechtsordnung verankerten Grundrechte und Grundfreiheiten verstoßen und die die Autonomen Gemeinschaften im Rahmen ihrer Zuständigkeit erlassen haben.
Zahlreiche weitere Länder der Europäischen Gemeinschaft prüfen derzeit, wie der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor jugendgefährdenden Videospielen verbessert werden kann.
Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach nötig, ein Geschehen wie in Erfurt in Zukunft zu vermeiden? Welche Versäumnisse gab es bisher von Seiten der Politik?
BECKSTEIN:
Was wir brauchen, ist zuallererst eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie wir das Bewusstsein der Jugendlichen für die tragenden Werte unserer Gesellschaft - Solidarität mit den Schwächeren, Mitgefühl und Verantwortungsbereitschaft, um nur einige zu nennen - schärfen können.
Darüber hinaus brauchen wir eine intensive, gesellschaftsweite Diskussion darüber, wie viel Gewalt und Gewaltdarstellung unsere Gesellschaft aushält, aushalten muss. Was die Politik derzeit erfreulicherweise parteiübergreifend tut, ist, über die Voraussetzungen nachzudenken, unter denen Menschen in Deutschland in den Besitz einer Waffe gelangen können. Derzeit befasst sich der Vermittlungsausschuss des Bundesrates mit Verschärfungen des Waffenrechtes. Dabei spielen unter anderem Überlegungen zur Einführung einer Mindestaltersgrenze und zum Verbot besonders gefährlicher Waffenarten eine Rolle.


[Quelle: Maniac 7/2002]
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