Wicked-Vision-Index

Login 18er Bereich

Registrieren

Startseite und Neuigkeiten Reviews
• Filmberichte
• DVD/HD-Reviews
• Bildvergleiche
• Literatur
• Hörspiele Weitere, medienbezogene Informationen
• Hidden Features
• Schnittvergleiche
• Videocover
Retronativ - Interview mit Bjoern Candidus

Es passiert selten im Leben, einschlägige Filme in einem Habitat zu erstaunen, wo Komfort und Technik Fetischisten kreidebleich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen. Aber es kommt vor. Fernab jeglichem cineastischen Ambiente wurde am 31.05.2014 ein Film gezeigt, der heute wohl nur noch eine relativ kleine Zielgruppe anspricht. Den Fan des Action-Trash-Kinos der 1980er Jahre! Und genau dieser geringen Bevölkerungsgruppe wurde an dem besagten Abend Sam Firstenbergs "American Fighter" zum Abfeiern geboten.

Der kleine Kölner Filmclub RETROnativ legt in seinen Mitgliederveranstaltungen nicht nur besonders großen Wert auf den Stil und Etikette des Grindhouse-Kinos, sondern nimmt es gar wortwörtlich! Daher verwundert die Wahl der Location für diese Art der Vorführung auch nicht. Ein abgeranztes und staubiges Kulturhaus mitten in Köln-Kalk muss für die filmischen Eskapaden herhalten. RETROnativ führt die Filme im exklusiven Kellerraum des Etablissements vor, wogegen Bahnhofskinos wie Multiplexkinos anmuten lassen.

Poster vom 31.05.2014 - American Fighter Kaputte Teppichböden, löchrige Stuhlbezüge und eine SM-Keller ähnliche Atmosphäre sind der Inbegriff des Kredos der beiden Gründer des Filmclubs, die sich ganz dem Untergrund verschrieben haben. Bjoern Candidus und Arne van Lessen sind nicht nur Brüder im Geiste, sondern auch Pioniere des Erhaltens filmischer Grenzgänge vor Publikum fernab der Kinogroßkonzerne und deren anhaltender Monopoldarstellung. Handverlesen sind die Perlen, welche die beiden regelmäßig für eine immer größer werdende Schar von Bahnhofskinoliebhaber bereithalten. Klassiker wie Fulcis Interner Link"Conquest" oder der 1986er Jahre Blutsaugerspaß Interner Link"Vamp" wurden bereits im Club präsentiert und mit einer fachkundigen Einleitung Herrn Candidus veredelt. Die von van Lessen ausgewählte und themenbezogene Trailershow stellt ein i-Tüpfelchen der Abende dar.

Durch die fast unendliche Macht diverser sozialer Netzwerke erarbeitet sich RETROnativ innerhalb eines knappen Jahres einen guten Ruf und bewies ein souveränes Fingerspitzengefühl bei der Wahl der Lokalität und der Filme. Die wachsende Mitgliederzahl dankt es aus vollem Herzen, denn endlich ist es nicht mehr verpönt, sich seine Lieblingsperlen auf dem heimischen VHS- oder DVD-Player im Alleingang anzusehen, sondern hier steht ganz klar das Interesse der Gemeinde im Vordergrund. Um Tom Gerhard in "Ballermann 6" zu zitieren: "Endlich mal normale Leute". RETROnativ riefen ihre Jünger - und eine ganze Meute folgte dem Ruf in die Kölner "Wildnis". Zwanzig Leute wohnten der B-Movie-Messe bei und zelebrierten jede Sekunde des kurzweiligen Abends.

Selbst der Schreiber dieser Zeilen nahm das Abenteuer auf sich, dem spießigen Dorfleben zu entbrechen und nach gefühlten Dekaden der Isolation und Einöde für ein Wochenende zu entrinnen, um sich am Busen der minderwertigen Filmkultur zu nähren. Und das hat sich definitiv gelohnt und wird zukünftig auch eine regelmäßige Pilgerfahrt sein. Rundum gelungen. Der Abend, der Film, die Location, das Klientel - alles eine verschmolzene Symbiose und in Form gegossen, einem Liebesakt gleich.

Am 02.08. gibt es ein Western-Double Feature in den unheiligen Gemäuern. Gezeigt werden Tinto Brass' Interner Link"Yankee" und Klaus Kinski in Interner Link"Satan der Rache". Anlässlich dieses Events haben wir ein kleines Interview mit Bjoern Candidus geführt.

Hallo Bjoern! Danke, dass du dir Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten. Zu Beginn die Standardfrage: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Filmclub zu gründen?
Wir wollten etwas für die Filmkultur tun. Eine Alternative zu den großen Mulitplex-Kinos bieten. Die Kulturbeauftragten in diesem Land sind nicht wirklich fähig, so etwas zu fördern. Staatliche Gelder kann man da nicht erwarten. Abgesehen davon ist unser Programm ja auch sehr speziell. Wer legt schon Wert auf Trash oder auf abseitige Filmkost jenseits des gehoben Anspruchs oder des totalen Mainstreams? Die kleinen Kinos verschwinden und werden immer mehr durch riesige Filmpaläste ersetzt. Wir haben Spaß an Filmen und diesen wollten wir irgendwie teilen.
Poster vom 02.08.2014 mit 'Yankee' und 'Satan der Rache'
Ich finde, RETROnativ ist ein sehr einprägsamer Name. Wie kam es zu der Namensgebung?
Das war anfangs gar nicht so einfach. Wir wollten ein Wort, das man sich gut merken kann. Ein kurzes und knappes, das gleichzeitig das ausdrückt, was wir als Philosophie sehen. Das Retro steht für den Zeitraum der Filme, die wir zeigen wollen, also Filme aus der Zeit der 1960er – 1980er Jahre und das Nativ steht in dem Fall für Alternativ, weil wir eben nicht in einem Kino vorführen, sondern uns irgendwie in der Mitte befinden wollen, zwischen Wohnzimmer und Kino.
Filmclubs gibt es ja mittlerweile sehr viele und sind in ganz Deutschland verteilt. Der bekannteste dürfte wohl Buio Omega in Gelsenkirchen sein. Diese Pioniere abseitiger Filmkunst zelebrieren allerdings eher den Kult der 35mm Kopie und leisten ja schon filmhistorische Arbeiten, während ihr euch auf das Beamen von DVDs und BDs beschränkt.
Stand eine richtige Kinonutzung jemals zur Debatte?
Anfangs stand viel im Raum, aber wir wollten etwas Anderes machen. Buio Omega ist ganz großartig, und wir waren auch schon selbst vor Ort, und hier in Köln gibt es das charmante Something Weird im Kölner Filmhaus. Wir wollen keine Konkurrenz aufbauen, sondern eine Alternative darstellen. Außerdem ist uns sehr daran gelegen, uns mit den Zuschauern zu befassen, uns auszutauschen und auch gemeinsame Projekte zu realisieren. Das ist im Rahmen eines kleinen Clubs oder Zirkels, wie wir es nennen, viel einfacher. Es soll persönlich sein und bleiben.
Klar steht 35mm immer vor einer DVD oder einer Blu-Ray, wir selbst mögen auch die alten Kopien und gucken uns die auch im Kino an, aber wir haben keinen Projektor und müssen deshalb auf einen Beamer zurückgreifen, was für uns natürlich auch praktischer ist.
Als Special würden wir aber grundsätzlich auch mal in ein Kino ziehen, nur das ist immer mit großen Kosten verbunden und nur durch Clubglieder möglich, die auch bereit sind, dafür zu bezahlen.
Ihr schaltet Werbung ausschließlich via Facebook, oder habt ihr auch lokale Möglichkeiten, auf euch aufmerksam zu machen?
Ja, wir hängen teilweise Plakate in der Uni aus, und auch das Kölner Filmhaus gibt uns die Möglichkeit.
Als wir euch bei dem Screening zu "American Fighter" besuchten, waren etwas über 20 Leute da und du sagtest mir, dass du überrascht warst, so viele Besucher zu haben. Wie waren denn die Besucherzahlen beim ersten Event?
Beim ersten Mal waren es 7 Leute. Das hat uns natürlich nicht groß verwundert, denn alles fängt klein an und muss sich erst herumsprechen.
Bjoern Candidus im Kölner Filmclub
Was war euer erster Film, den ihr ihm Rahmen von RETRONativ gezeigt habt?
Das war der wunderbare 80er-Vampirfilm Interner Link"Vamp" mit Grace Jones. Unser erstes Screening war in einer Kunst-Galerie, und irgendwie passte die Location sehr gut zum Film. Mein Kollege und ich sind beide Anfang der 80er Jahre geboren, und wir wollten einen zeittypischen Film präsentieren, der sich mit Neonlicht schmückt, der einen recht hohen Trash- und Spaßfaktor besitzt und auch nicht mit Blut geizt.
Erzähl uns doch bitte etwas über das Auswahlverfahren bei euren Filmen. Entscheidet bei euch das Los oder wie kann man sich die jeweilige Auswahl an Filmen vorstellen?
Meistens kommt die Filmidee aus dem Nichts. Arne und ich unterhalten uns, und oft kommt es dann von allein. Wir wollten einen Barbarenfilm zeigen und kamen auf Interner Link"Conquest". Da hatten wir nicht nur Barbaren, sondern auch direkt einen Film von Lucio Fulci, den ich sehr verehre. Arne ist ein großer Fan von Interner Link"Der weiße Hai". Ich zeigte ihm Castellaris Version Interner Link"Der weiße Killer", und schon war klar, was wir zeigen werden. Bei "American Fighter" haben wir dann tatsächlich ein Los entscheiden lassen, weil wir einige Vorschläge hatten. Wichtig ist jedenfalls, dass wir versuchen, jedes Genre oder Subgenre einmal vorzustellen.
Bisher war euer Programm ja sehr breit gefächert. Vom italienischen Fulci-Kracher Interner Link"Conquest", über den trashigen Vampirfilm Interner Link"Vamp" zu Tierhorror- und Ninjafilmen. Gibt es ein Genre, das du besonders bevorzugst, und was für Filme werden bei euch niemals eine Erwähnung finden?
Ja, mir ist vieles sehr wichtig, aber ich bin besonders von den Italienern begeistert. Der italienischen Filmindustrie wurde ja gerne vorgeworfen, dass sie sich auf Plagiate spezialisiert hätte, und das ist natürlich Quatsch. Man muss sich nur die Gialli oder Poliziotteschi angucken. Und natürlich der Italo-Western, der heutzutage von Leuten wie Tarantino aufgegriffen wird. Das Kino hat den Italienern sehr viel zu verdanken. Und was wir nie zeigen wollen: geistlose CGI-Blockbuster-Würste von heute.
Das August-Event scheint diesmal ja was ganz Besonderes zu werden. Magst du uns schon etwas verraten?
Ja, gerne, denn wenn ich schon beim Italo-Western bin, kann ich auch sagen, dass wir diesen diesmal bedienen. Mit Interner Link"Satan der Rache" darf Antonio Margheriti zeigen, wie ein Grusel-Western aussieht, und Tinto Brass darf zeigen, dass auch er in der Lage war, einen Western zu drehen.
Im Übrigen wird es unser erstes Double-Feature.
Gibt es sonst noch etwas, das du los werden möchtest?
Ja, wir würden uns über noch mehr regelmäßige Clubbesucher freuen, denn es ist sehr schön, wenn man sich auch mal außerhalb von sozialen Netzwerken austauschen und gemeinsam sein Hobby feiern kann.



Einleitung und Interview stammen aus den Federn von Stephan Ortlepp und Daniel Pereé.





Alle Bilder und Texte sind Eigentum des jeweiligen Rechteinhabers

Copyright by Wicked-Vision 2000-2013/Designed by Daniel Pereé 2000-2013.