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Die Klaviatur der Angst - Jimmy Sangsters und Hammers Psychothriller
Wie Georg Seeßlen in seinem Buch "Kino der Angst" schreibt, stellt der Thriller dasjenige Genre des populären Films dar, welches sich am ehesten einer eindeutigen Definition widersetzt. Tatsächlich beinhalten Thriller- oder Suspense-Streifen Anteile aus Leidenschaft, Sex und Verbrechen, handeln also von Französisches Plakat zu 'Psycho'"Grenzverletzungen innerhalb der gesellschaftlichen Regelungen" (Seeßlen).

Ihre Existenzgrundlage beziehen diese Filme aus dem Wunsch des Publikums nach "Movies they can scream through, movies that manupilate their emotions and purge their fears" (W. Schoell). Prototyp und viel beschriebenes Vorbild dieser Filmgattung ist Hitchcocks Interner Link"Psycho" von 1960, der auf einzigartige verstörende Weise Sehgewohnheiten auf den Kopf, wie der Duschmord, und gesellschaftliche Konventionen in Frage stellt, wie hier die nekrophile Beziehung. Also ganz allgemein gesehen wesentliche Grundzüge wie Spannungsaufbau, Charaktere und Auflösung festlegt.
Jimmy Sangster, geboren 1924 und Hammers Drehbuchautor der ersten Stunde ("Curse of Frankenstein" 1956 und "Dracula" 1958), nahm sich im Jahre 1961 erstmals des Themas an. Der durch Seth Holt (1923-1971) inszenierte Interner Link"Taste of Fear" (bei uns unter dem Titel: "Ein Toter spielt Klavier") erzählt die Geschichte einer jungen Frau (Susan Strasberg), die in das Haus ihres Vaters an der französichen Riviera zurückkehrt. Eines Nachts findet sie dessen Leiche, die aber spurlos verschwindet, wodurch ein hinterhältiges Spiel beginnen kann. Sangster und Holt gelang mit diesem Film ein grandioses Stück Spannungskino, bei dem nicht nur die Hauptdarstellerin langsam an ihrem Verstand zweifelt, sondern auch der Zuschauer immer wieder an der Nase herumgeführt wird.

Unterstützt durch gut besetzte Nebenrollen, unter anderm Christopher Lee, und die veritable s/w-Photographie von Douglas Slocombe entstand so ein auch noch heute durchaus sehenswerter, kleiner, aber bösartiger Streifen, der geschickt sein Potenzial ausschöpfend 90 Minuten Nervenkitzel garantiert. Nach dem großen finanziellen Erfolg von Interner Link"Taste of Fear" griff Sangster zwei Jahre später mit "Maniac" (bei uns: "Die Ausgekochten") erneut diese Thematik auf, in Szene gesetzt durch Michael Carreras (1927-1994).
Hier verliebt sich der Künstler Geoff (Kerwin Matthews) in die undurchsichtige Eve (Nadia Grey), die ihn in die Fluchtpläne ihres wegen Mord verurteilten Mannes einspannt. Carreras, Sohn des Hammer-Miteigners Sir James, ist zwar beileibe kein Talent wie Seth Holt, dennoch besticht "Maniac" duch eine ausgeklügelte spannende Story, die einige nette Überraschungen Plakate zu 'Hysteria' und 'War es wirklich Mord?'bereit hält. Sangsters Buch zeigt dabei, wie schon Interner Link"Taste of Fear", deutliche Anleihen bei Henri-Georges Clouzots "Les Diaboliques" (bei uns: "Die Teuflischen", Frankreich 1954).

Noch im selben Jahr nahm Freddie Francis, der übrigens zweifacher Oscargewinner als Kameramann für "Sons and Lovers" von 1960 und "Glory" von 1989 war, auf dem Regiestuhl platz, um nach Sangsters Buch Interner Link"Paranoiac" (bei uns: "Haus des Grauens") zu inszenieren. Darin sieht die junge Eleanor (Janette Scott) plötzlich ihren verschollen geglaubten Bruder Tony wieder. Weitere mysteriöse Zwischenfälle lassen sie an den Rand des Wahnsinns geraten, nur ihr zweiter Bruder Simon (Oliver Reed) könnte zur Aufklärung des Rätsels beitragen.
Regisseur Francis erste Arbeit für Hammer, vier weitere sollten folgen, kann man getrost als kleine Perle des Angstkinos bezeichnen, Plotverwirrungen und spannend-bissige Momente tragen dabei ebenso zum Erstlingsaufstieg bei, wie die gute Photographie von Arthur Grant, der auch häufig für Terence Fisher tätig war. Ebenfalls 1963 spannte sich das Duo Sangster/Francis erneut zusammen, um mit "Nightmare" (bei uns: "Der Satan mit den langen Wimpern") die Story einer dem Wahnsinn zustrebenden jungen Frau (Jennie Linden) zu variieren. Dabei entwickelt sich ein tödliches Szenario aus Eifersucht, Hass und Geldgier, das zwar qualitativ nicht ganz an seinen Vorgänger anschließen kann, aber dennoch garstig zu unterhalten versteht. Über den debilen deutschen Titel wollen wir gnädig den Mantel der Barmherzigkeit hüllen.
Und noch einmal widmeten sich Sangster und Francis ihrem Lieblingsthema, 1965 mit "Hysteria", der allerdings deutlich schlechter zu bewerten ist, als seine beiden direkten Vorläufer. Die Geschichte eines jungen Mannes (Robert Weller), der sein Gedächtnis bei einem Autounfall verliert und dann in mysteriöse Ereignisse gezogen wird, bleibt leider zu spannungsarm und unglaubwürdig. Schade drum, dachte sich wohl auch Freddie Francis und wechselte zwischenzeitlich von Hammer zur Konkurenzfirma Amicus.

Jimmy Sangster sah sich für sein Drehbuch "The Nanny" (bei uns: "War es wirklich Mord?") also nach einem neuen Regisseur um und fand ihn im bewährten Seth Holt. Bei diesem Film zeigt sich einmal mehr die Geschäftstüchtigkeit Hammers bei der Auswahl ihrer Stoffe wie die der Darsteller. Nach dem überraschenden Erfolg der beiden Thriller von Robert Aldrich (1918-1983) "What Ever Happened To Baby Jane?" (1962) und "Hush ... Hush, Sweet Charlotte" (1964) lag nichts näher, als die Hauptdarstellerin beider Streifen, Bette Davis (1908-1989), für "The Nanny" zu verpflichten.
Die hinterhältige und ausgeklügelte Story um einen des Mordes an seiner Schwester verdächtigten Jungen (William Dix), der sich gegen sein wahnhaftes Kindermädchen (B. Davis) behaupten muss, zerrt ziemlich an den Nerven der Zuschauer. Holts zurückhaltende Inszenierung der latenten Atmosphäre der Bedrohung hält sich über 90 Minuten konstant, was in wahre psychische Abgründigkeiten mündigt. Die Grande Dame Bette Davis wurde 1968 noch einmal aus ihrem wohlverdienten Ruhestand geholt, um im von Sangster gescripteten und von Veteran Roy Ward ("Scars of Dracula" 1970 und Interner Link"Asylum") in Szene gesetzten Interner Link"The Anniversary" eine Paraderolle als Familienoberhaupt zu verkörpern.
Mit Augenklappe versehen macht dieser Prototyp einer bösen Schwiegermutter ihren Angehörigen das Leben zur Hölle, sie provoziert, beleidigt und lässt Kaskaden triefend-schwarzen Humor ab, dass es nur so kracht. Plakat zu 'Ein Toter spielt Klavier'Auch Nervenkitzelein kommen keineswegs zu kurz, so dass Interner Link"Anniversary" eine kleine, aber feine und bitterböse Entdeckung des Genres darstellt. Mit "Crescendo" (bei uns: "Die Handschrift des Satans", 1969) unter der Regie von Alan Gibson, der für die letzten beiden Dracula-Streifen mit Christopher Lee verantwortlich war, kehrt Sangster zu seinen Wurzeln zurück.
Erzählt wird die Story einer Musikhistorikerin (Stefanie Powers), die einer Komponistenwitwe bei der Sichtung der Hinterlassenschaft ihres Mannes behilflich sein soll. Leider befinden sich in der dortigen Verwandtschaft ebenso sonderbare wie mordlüsterne Gesellen, so dass es sehr bald zu blutigen Zwischenfällen kommt. Aufgrund mangelnder Spannung und arg durchschraubter Handlungsfäden floppte der Film an den Kinokassen, was das Ende der Psychothriller von Hammer einleitete.

Einen letzten Versuch startete Sangster, nun Autor und Regisseur in Personalunion, 1972 mit Interner Link"Fear In The Night" (bei uns: "Furcht in der Nacht"), der wiederum Versatzstücke aus Interner Link"Taste of Fear" übernahm. Zur Handlung: Peggy (Judy Geeston) wird von einem einarmigen Mann angegriffen, der unerkannt entkommen kann. Später entdeckt sie am Arbeitsplatz ihres Mannes (Ralph Bates, 1940-91), einem einsamen Internat, dass Direktor Carmichael (Peter Cushing, 1913-94) ebenfalls nur einen Arm hat. Mit schön morbiden Aufnahmen des düsteren Internats gelingt Sangster das Kunststück, auch 11 Jahre nach dem ersten Entwurf noch passable Spannungsmomente zu erzeugen, zu denen auch die gut aufgelegte Darstellerriege beiträgt.
Die Bedeutung, der in den 60er Jahren überaus populären Psychothriller für Hammers Gesamtwerk ist nicht zu unterschätzen, bedeuteten sie doch kommerzielle Erfolge auch in den USA und bei den Kinogängern, denen Horror wie "Frankenstein" einfach zu suspekt war.

Weiter gelungene Beispiele für dieses Genre sind Samuel Fullers "Shock Corridor" (1963), William Castles "Night Walker" (1964), Roman Polanskis Interner Link"Repulsion" (1965) oder Silvio Narizzanos "Fanatic" (1964), (ebenfalls für Hammer produziert), um nur einige zu nennen.
Fortführend fand diese Filmgattung in abgewandelter, moderner Form bei italienischen Giallos der 70er Jahre oder Slashermovies der 80er, und modernen Hollywood-Produktionen Verwendung. Einige Sangster Thrillerscripts, die teils schon im Produktionsplan angekündigt waren, sind aus unterschiedlichen Gründen nicht verfilmt worden, so z.B. "Brainstorm" (1960), "See No Evil" (1960) (eine blinde Frau muss sich gegen einen Killer wehren, ähnlich dem später entstandenen "Wait Until Dark"), "The Goldfish Bowl" (1970) oder der von Sangster selbst zu drehende "The Disciple" (1972), für den schon der Beginn der Produktion auf den 28.9. festgelegt war.

2000 Bernd Gastner
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von X-Rated.



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