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Erfurt und die Folgen
Am Freitag, den 26. April 2002, ermordet der 19-jährige Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen, bevor er sich selbst mit einem Kopfschuss der Verantwortung entzieht.
Bereits am Sonntag nach dem Massaker hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Schuldfrage weitgehend geklärt: Das konservative Blatt wirft Video- und Spiele-Branche in einen Topf, tituliert beide als "Hassindustrie" und erklärt, dass man in Counterstrike auf Schulmädchen schieße. Am Montag behauptet die dpa, in dem Ego-Shooter gehe es darum, "so lange auf Polizisten, Schulmädchen und Passanten zu schießen, bis man selbst getötet wird". Und am Dienstag weiß die Rheinische Post über das Spiel zu berichten: "Das Mädchen trägt einen karierten Rock und eine weiße Bluse. Sie ist überrascht, als sich die Türe öffnet. Das letzte, was die Schülerin in ihrem Leben wahrnimmt, ist das Mündungsfeuer der Automatikwaffe [...] Ihre Bluse färbt sich rot - Ziel eliminiert."
Schulmädchen oder Passanten sucht man in Counterstrike vergebens. Der 3D-Actiontitel war und ist nicht indiziert. Vor allem aber handelt er nicht davon, wahllos um sich zu schießen. Die Polizei in Erfurt stellt fest, dass Robert Steinhäuser über keinen Internet-Anschluss verfügt hat, der ist aber notwendig, um Counterstrike zu spielen. Doch das alles sind Feinheiten, die in der aufgeheizten Stimmung nach der 16fachen Mordtat kaum jemanden interessieren.

Ein typischer Zeitungsartikel aus der Post-Erfurt-Phase: Computerspiele werden sehr undifferenziert und mit falschen Angaben dargestellt. (Hamburger Abendblatt vom 19. April 2002)


Pressespiegel

Was für die meisten männlichen Deutschen bis 35 Jahre eine ganz normale Freizeitbeschäftigung ist, wird von der älteren Generation oftmals für Schund gehalten. Pressespiegel zum Thema 'Gewaltspiele'Deshalb beschreibt. Der Spiegel das in seiner Gewaltdarstellung wenig explizite Counterstrike am 29. April so: "Maskierte jagen andere Maskierte [...] und feuern weiße Blitze - bis der gesamte Bildschirm rot zuckt: Das Opfer verblutet, das Ziel ist erreicht, der Spieler gewinnt." Wohl keiner, der das Action-Programm kennt, wird diese Formulierungen als angemessen betrachten. Doch wer, wie die Bildzeitung, keine Ahnung vom Thema hat, zeigt halt statt CS eine schlimme Szene aus Soldier of Fortune.
Im Hamburger Abendblatt ist zu lesen, in Videospielen brächten abgeschossene Kinderwagen mit Großmüttern Extra-Punkte. Soweit die Gattung der Zeitschriften; die sich immerhin bald um differenziertere Berichterstattung bemühten. Doch vor allem die Fernsehsender benötigen starke Bilder, um ihre Berichte zu verkaufen. So wurden etwa bei RTL oder im Bayerischen Fernsehen Actionspiele und Szenen vom Schießstand hintereinander geschnitten - auf dass der Zuseher selbst erkenne, wie ursächlich das Ballern am PC für die Mordtat gewirkt haben könnte. Als ein Fernsehteam in der GameStar-Redaktion Counterstrike filmt, werden zwei unserer Redakteure bedrängt: "Jetzt schießt doch mal auf die Zivilisten!" - was im Spiel aber bestraft würde.

Brutale Fakten

Ohne Zweifel: Unter den vielen hundert PC- und Videospielen, die pro Jahr erscheinen, sind einige nur für Erwachsene geeignet. Im Jahr 2001 hat die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle USK 940 Konsolen- und PC-Spiele kategorisiert. 22 bekamen die härteste Einstufung "Nicht geeignet unter 18". Nun handelt es sich bei der USK um ein Organ der Spiele - Industrie. Doch die von Spielern viel gescholtene BPjS "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" indizierte letztes Jahr gerade mal sieben Titel, die damit, aufgrund der resultierenden Werbe- und Vertriebsauflagen, quasi vom deutschenn Unterhaltungssoftware-Markt verschwanden. Der liegt übrigens auch ohne Quake 3 & Co. bei über 1,5 Milliarden Euro mehr als Kino- und Video-Industrie.
Die große Mehrheit aller Spiele wird also von keinem dei beiden Kontrollgremien als jugendgefährdend erachtet - darunter auch die meisten Actionspiele. Ohnehin fallen nur knapp 24 Prozent aller PC-Spiele in dieses Genre, und dennoch ist in den Medien von keinem anderen die Rede. Unserer Meinung nach ist es wichtig, jene Programme Jugendlichen unzugänglich zu machen, in denen möglichst blutrünstig Gewalt zelebriert wird. Doch über die letzten sieben Jahre gesehen, fallen nur etwa 4 Prozent aller Titel in diese Kategorie - sollten deswegen sämtliche Computerspiele mit einem Generalverdacht belegt werden?

Erhebungen zur Genrevertretung und USK-Freigabe von PC-Spielen


Die Politik reagiert sofort

Generalverdacht ist gut, finden wohl führende Politiker. So wusste der bayerische Innenminister Beckstein (bei einem Wahlerfolg der CDU /CSU vermutlicher Nachfolger von Otto Schily) gleich, dass Schützenvereine keinesfalls für die Tragödie verantwortlich zu machen seien, Computerspiele aber sehr wohl.
Counterstrike US-VersionSchily und Beckstein stritten sich dann auch prompt per TV -Statements, wer die Tragödie wahltaktisch ausschlachten wolle. Auch Kanzlerkandidat Edmund Stoiber erklärte schnell, alle Gewaltdarstellungen in Computerspielen müssten verboten werden. Aber wohl nicht in Nachrichten, Pressefotos, Serien, Büchern, Comics, Filmen ...
Und die Regierung? Das Bundeskabinett beschloss am 8. Mai einen Entwurf zur Neuregelung des Jugendschutzgesetzes, der Computerspiele Filmen und Videos gleichstellt. Die BPjS (die in "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" umbenannt werden soll) würde künftig auch auf Antrag privater Jugendeinrichtungen tätig werden können. Außerdem sind gesetzliche Altersfreigaben für Computerspiele vorgesehen. Auch ohne vorherige Indizierung durch die Bundesprüfstelle sollen Spiele mit denselben Werbe- und Vertriebsverboten belegt werden, wenn sie "den Krieg verherrlichen, Menschen in einer ihre Würde verletzenden Weise darstellen oder Jugendliche in geschlechtsbetonter Körperhaltung zeigen".
In Rekordzeit und auf jeden Fall noch vor der kommenden Bundestagswahl am 22. September soll der Entwurf Gesetz werden. Die Neuregelung wurde am 16. Mai durch die Bundestagsfraktionen von SPD und Bündnis 90 {Die Grünen ins offizielle Gesetzgebungsverfahren eingebracht; zwei weitere Lesungen werden bald folgen.

Indizierung - ja oder nein?

Der 16. Mai war auch der Tag, an der die Bundesprüfstelle über die Indizierung von Counterstrike (US-Version) entschied. Das Novum: Erstmals lud die Behörde zwei Vertreter der Fangemeinde, um sich von ihnen Motivation und Faszination ihres GameStar-Redakteur Gunnar Lott übergibt Petition gegen Counterstrike-IndizierungLieblingstitels schildern zulassen.
Darunter war auch der 24-jährige Rami Allouni (siehe Interview in GS 6/02), einer der Top-Counterstriker in Deutschland. Bereits drei Tage vor dem Termin hatte die BPjS-Vorsitzende Monssen-Engberding Besuch von der GameStar-Redaktion bekommen: Wir übergaben die Unterschriften von über 20.000 Lesern, die sich mit Hinweis auf den sportlichen, nicht die Gewalt betonenden Charakter von Counterstrike gegen eine Indizierung ausgesprochen hatten. Und das Unerwartete geschah: Das Zwölfergremium beschloss trotz des öffentlichen und politischen Drucks, nicht zu indizieren. In der Begründung steht zwar, dass "Kinder und jüngere Jugendliche, die auf der Suche nach einem differenzierten Normen- und Wertesystem sind, durch die kampforientierte Spielehandlung negativ beeinflusst werden könnten." Gleichzeitig beurteilt die BPjS die Folgen einer Indizierung als zu weit reichend: "Denn bei älteren Jugendlichen sollte angenommen werden, dass sie [ ...] sehr wohl zwischen Realität und Spiel differenzieren werden." Eine verrohende Wirkung sei nicht gegeben, weil das Spiel weitgehend auf Effekthascherei verzichte. Zudem würden Spieler, die in erster Linie kurzfristige aktionale Inhalte und Formen suchen, nicht langfristig gebunden; Auf gut Deutsch: Wer nur ballern will, wird mit Counterstrike nicht froh.

Studien zu Spielen

Laut des Täterprofils der Polizei haben Computerspiele für die Tat von Robert Steinhäuser keine Rolle gespielt. Auch auf jedes Gutachten, demzufolge Gewaltdarstellungen im Einzelfall reale Gewalt hervorrufen können, kommt ein gegenteiliges. Die meisten Medienpädagogen lehnen mittlerweile monokausale Zusammenhänge (etwa "Erst spielen, dann schießen") ab. Nach jüngsten Studien aus den USA macht angeblich das Fernsehen die Kinder gewaltbereit - mit bis zu fünf Gewalttaten pro Stunde im Nachmittagsprogramm. Die Fachhochschule Köln stellte kürzlich ihren Forschungsbericht "Funktion der Inhalte von Computerspielen" vor.
Das vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung geförderte Projekt untersuchte von September 2001 bis Februar 2002 mit 80 Beteiligten und acht repräsentativ ausgewählten Titeln, welche Wechselwirkungen es zwischen Spiel und Spieler gibt. Das Fazit: "Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass von generellen Aussagen oder Wirkungsvermutungen im Hinblick auf Computerspiele nicht mehr ausgegangen werden kann." Abstimmung auf Website der Bundesregierung zum Thema
Wir wissen nicht, was den Mörder zu seiner Tat getrieben hat. Vielleicht hatten Computerspiele damit zu tun. Die wichtigste Ursache dürfte woanders gelegen haben: Steinhäuser war ein immer wieder zutiefst gedemütigter Mensch, der einmal "Held" sein wollte - auf Kosten derer, von denen er sich gedemütigt fühlte. Die Vorlage für die Tat, so zumindest die Erfurter Polizei, lieferte kein Computerspiel. Sein Handeln erinnert vielmehr an das Schulmassaker in der US-amerikanischen Kleinstadt Littleton.

Wie viel Gewalt muss sein?

Das von vielen Älteren so kritisch gesehene Hobby "Video- und PC-Spiele" ist aus der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Sie wollen mitreden, lernen äußere Eindrücke zu verarbeiten, erwerben sich unerlässliche Medienkompetenz. Verbote allein bringen nichts: Wenn sie als zu harsch empfunden werden, umgeht man sie halt. Oder sie machen das Verbotene erst interessant. Gerade deswegen müssen wir uns alle fragen, wo die Gewaltgrenze in Spielen liegen sollte. Gäbe es nicht eine kleine Zahl schwarzer Schafe, die über ein vertretbares Maß an Gewaltdarstellung hinausgehen - es wäre wesentlich schwieriger, unser Hobby zum Sündenbock zu machen. Muss ein Spiel wirklich Blutfontänen und abgetrennte Körperteile zeigen, um "cool" zu wirken?
Zumindest die Verkaufszahlen sagen etwas anderes: Das friedliche Anno 1602 ist der absolute Bestseller in Deutschland, das in der deutschen Version unblutige Jedi Knight 2 das zur Zeit bestverkaufte Actionspiel.

Kanzlerrunde

Nachdem er zwei Wochen zuvor schon die Fernseh-Schaffenden zu einem runden Tisch versammelt hatte, lud Bundeskanzler Gerhard Schröder für den 16. Mai zu einer Einladung zum Gedankenaustausch von Bundeskanzler Schröderzweiten Runde. Staatsminister Julian Nida Rümelin eröffnete die Diskussion, bei der Schröder unter anderen von Wirtschaftsminister Werner Müller, den Bundesministerinnen Christine Bergmann (Familie) und Herta Däubler-Gmelin (Justiz) sowie dem rheinland-pfalzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck flankiert wurde. Unter den 16 geladenen Gästen befanden sich drei aus der Computerspiele-Branche: VUD-Geschäftsleiter Ronald Schäfer, Manfred Gerdes, der Chef von Sony Computer Entertainment und GameStar-Chefredakteur Jörg Langer.
In der Diskussion ging es um Gewalt in den Medien, vor allem online. Und darum, wie mit freiwilligen Selbstbeschränkungen der Jugendschutz gestärkt werden könne. In der anschließenden Pressekonferenz im Kanzleramt unterstrich Schröder, es habe sich nicht bewahrheitet, dass die Gesprächsrunde aufgrund der ökonomischen Interessen weniger bereit sei, sich auf eine intensive Diskussion entsprechender Maßnahmen einzulassen. Man sei sich einig gewesen, dass es nun um eine deutliche Stärkung der freiwilligen Selbstkontrolle ginge. In Zukunft werde es Arbeitstreffen der Beteiligten mit den Fernseh-Vertretern geben. Auf die Frage eines Journalisten, wie er zu der Nicht-Indizierung von Counterstrike stehe, antwortete Schröder: "Ich halte das für ein absolut verkehrtes Signal!" Ob er es seinen Kindern erlauben würde, sich mit "Kriegsspielen" zu beschäftigen? "Diese Frage ist der Person des Bundeskanzlers nicht angemessen. [...] Aber ich will Ihnen eine private Antwort geben: Nein!"

Folgenschwere Tat

Erfurt wird Folgen für die Computerspieler haben. Welche genau, ist vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes noch unklar. Zu befürchten sind unter anderem weniger aktuelle Heft-CDs, weil auch Demos und Videos erst freigegeben werden müssten. Vollversionen von Spielen mit Altersbeschränkung (etwa "ab 12") dürften nicht mehr mit Heften erscheinen, die am Kiosk frei verkäuflich sind. Dagegen ist nichts einzuwenden - so lange es hilft, Jugendliche zu schützen. Aber ist das wirklich so, oder stehen Computerspiele vor allem deswegen in der Kritik, weil die Kritiker Spiele gar nicht kennen? Wie Unterhaltungssoftware eingeschätzt wird, scheint weniger an der Bildung oder politischen Ausrichtung zu liegen, sondern fast ausschließlich am Alter. Deswegen redet die CSU-Spitze von "Killerspielen", während sich die Junge Union ausdrücklich hinter die Counterstrike-Entscheidung der BPjS stellt.
Deswegen begrüßt in einer "Spiegel"-Umfrage die Mehrheit der Teilnehmer schärfere Auflagen für Computerspiele - nur nicht die Altersgruppe bis 29 Jahre. Was nur die jüngere Generation kennt und liebt, ist der älteren traditionell fast immer suspekt - egal, ob es um Rock'n Roll, Comics, Videos, Privatfernsehen oder Computerspiele geht.
Familienministerin Bergmann erlebten wir in Berlin als ehrlich entrüstet über die nicht erfolgte Indizierung von Counterstrike. Noch am selben Tag ließ sie verlautbaren: "Ich werde nach Inkrafttreten des neuen Jugendschutzgesetzes diesen Vorgang nochmals aufgreifen." Eine kräftige Ohrfeige für die BPjS die zwar dem Familienministerium nachgeordnet, aber an dessen Weisungen nicht gebunden ist.
Immerhin hat Bergmann schon gespielt und zwar auf dem Gameboy. Als wir aber Gerhard Schröder zu Computerspielen befragen wollen, wimmelt der nur ab: "Damit kenne ich mich nicht aus." Zweiter Versuch: "Welches Computerspiel haben Sie zuletzt gespielt?" Da lässt uns der Kanzler von 15 Millionen Konsolen- und PC-Spielem in Deutschland einfach stehen.

© 2002 GameStar

(Ursprünglich erschienen in der Ausgabe 07/2002 der Zeitschrift "GameStar"
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der GameStar.)
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