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Battle Royale - Eine Kritik an der Gewaltkritik an der Gewaltkritik

"Wenn die Eltern abdanken, massakrieren sich die Kinder" schreibt "Die Welt" in ihrem Kulturbericht, und meint den wohl mit am umstrittensten Skandalfilm unserer Zeit "Battle Royale". Kinji Fukasakus Film stößt nicht unbedingt, und das gerade bei den Jugendschützern auf Beifall, denn heftigste Bilder erschüttern das wohl gesittete und streng erziehen wollende Auge derer, die solche Filme lieber in den Tiefen des finsteren Zensurkellers, eingeschlossen im Giftschrank verschwinden lassen möchten um somit die Gesellschaft angetrieben von akribischen Pflichtbewusstsein vor gar grausigen und schädlichen Einflüssen bewahren zu können.
Doch wurde hier zu schnell geurteilt? Das Entstehungsland des Filmes - Japan - hat in den letzten Jahren, genauso wie alle anderen Wohlstandsländer mit einem gesellschaftlichen Problem der steigenden Jugendkriminalität zu kämpfen. Eltern sind schon lange keine Vorbilder, die Gesellschaft bietet ihnen kein Zuhause mehr. Aus Angst und Ohnmacht wird es somit für viele, die kein Patentrezept zur Eindämmung der jugendlichen Gewalt vorlegen können schnell notwendig, staatliche Regelungen zu finden, die dem Elternhaus diese Verantwortung abnehmen. Genau hier setzt ein "Battle Royale" an, denn die Jugendkriminalität wird in diesem Spiel auf Leben und Tod kompensiert in der stillen Hoffnung, dass sich diese Gewalt, umringt von Militärs und unter Aufsicht eines Lehrers auf dieser einen Insel kontrolliert ausleben und in sich selbst kompensieren kann. Doch dass auch dieses totalitäre System ausgetrickst werden kann, das zeigt sich erstaunlicherweise gerade am Schluss des Filmes.

Szenenfoto 1 aus 'Battle Royale'


Gewalt als gesellschaftliche Krankheit und der verzweifelte Versuch, ihr mit aller Macht Herr zu werden, ist einer der vielen tiefen Botschaften dieses Filmes, der sich hingegen aller vordergründigen "Blutbädern" und "Greultaten" genau gegen das deutlich auflehnt, ja sogar eindeutig negierend Szenenfoto 2 aus 'Battle Royale'kritisiert, was ein Seufzen der Jugendschützer hervorruft. Keiner dieser harten Szenen wird als gemeine Heldentat reflektiert. Sie sind vielmehr Ausdruck einer heran gewachsenen sozialen Schwäche, die weder durch moralische Wertvorstellungen und die Zuflucht in das schützende Kollektiv der Gesellschaft noch durch den anerzogenen Respekt vor dem Individuum verhindert werden konnte. Hier bleibt die Frage offen, ob uns das Elternhaus und die Gesellschaft nicht zu sehr den Egoismus als primäre und aber auch letzte Philosophie mit auf dem Weg in den Kampf um das soziale Überleben gegeben hat.
Die Firma Kinowelt hat seinerzeit somit einen Versuch unternommen, diesen Gesellschaftsschocker in Deutschland zu veröffentlichen. Deren Bestrebung, den Film so zu zeigen, wie der Regisseur sich diesen vorgestellt hat, scheiterte am deutschen Strafgesetzbuch, denn die Juristenkommission der Filmwirtschaft (JK) bescheinigte nach ihrem juristischen Verständnis, dass "Battle Royale" in seiner Gesamtheit ein Vergehen nach §131 StGB darstelle könnte. Diese Entscheidung konnte natürlich auch durchaus ein Kind der damaligen Zeit gewesen sein, denn kurz zuvor erschütterte der Amoklauf des jungen Robert Steinhäuser in Erfurt die unsere Gesellschaft, und allzu schnell war sich auch die Presse mit vielen Politikern einig: Schuld daran sind gewalthaltige Filme und Computerspiele. Die Rechte waren gekauft, der Film bereits synchronisiert, also entschloss sich Kinowelt den Film soweit zu schneiden, bis dieser unseren gesetzlichen Vorschriften entsprach um ein finanzielles und juristisches Desaster zu verhindern. "Und meine Kollegen-/Innen und ich sitzen am Abend mit blutendem Herzen, wenn keiner mehr zusieht, über unsere geschnittenen DVDs und weinen innerlich.... " so Herr Bauer von Kinowelt (heute beschäftigt bei Sunfilm - Anm. d. Red.) in einer Diskussion im CINEFACTS-Forum.

Gewaltkritik scheiterte somit an unseren Gesetzen, wo hingegen in anderen europäischen Staaten der Film wohl eher verstanden wurde, und das englische Publikum darf sogar die ungeschnittene Special Szenenfoto 3 aus 'Battle Royale'Edition Doppel-DVD in einer silbernen Sammlerdose im Kaufhaus völlig unbehelligt käuflich erwerben. Die Schnitte schienen aber dem Interessensverband der Videothekare (IVD) nicht genug, sondern der Verband kritisierte das Kinowelt - Vorhaben als schweren Fehler in Anbetracht der derzeitigen Bundestagsdebatte um ein generelles Verleihverbot von schwer jugendgefährdenden Schriften. (siehe www.mediabiz.de) Das ließ sich somit Kinowelt nicht bieten und unternahm noch den Versuch, das Rudiment eines "Battle Royals" gegen diese Anfeindungen zu verteidigen: "Aufgrund der Ereignisse in Erfurt hatte KHE den Film verschoben. Doch gerade solche Ereignisse zeigen, dass eine Diskussion zum Thema Gewalt dringender denn je gefordert ist. Nicht die Tabuisierung, nicht ein Verbot von Filmen, die sich mit diesem Thema ernsthaft auseinander setzen, werden unsere Gesellschaft gewaltfreier machen, sondern nur die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema." (siehe www.mediabiz.de) Somit entflammt wieder die uralte Diskussion um die soziale Konformität medialer Gewalt, aber wer auch immer Recht haben mag, der Verlierer blieb in diesem Streit der kastrierte "Battle Royale".

Szenenfoto 4 aus 'Battle Royale'

AM ANFANG DES NEUEN JAHRTAUSENDS STEHT EINE NATION VOR DEM UNTERGANG.
BEI EINER ARBEITSLOSENQUOTE VON 15% SIND 10 MILLIONEN BESCHÄFTIGUNGSLOS.
80.000 SCHÜLER VERWEIGERN DEN SCHULBESUCH.
DAS VERLORENE SELBSTVERTRAUEN DER ERWACHSENEN MACHT DEN KINDERN ANGST.
DESHALB WIRD EIN GESETZ ERLASSEN:
DAS MILLENNIUM-ERZIEHUNGSREFORM-GESETZ, AUCH BEKANNT UNTER DEM NAMEN "BR-GESETZ".


Rund zwei Jahre später nun, im Jahr 2004 entschloss sich die Firma Marketing, sich wieder an dieses heiße Eisen heran zu trauen und erwarb die Lizenzrechte an "Battle Szenenfoto 5 aus 'Battle Royale'Royale". Oliver Krekel, der Inhaber Marketings hat hierzu drei unabhängige Rechtsanwälte beauftragt, den Film auf strafrechtliche Unbedenklichkeit hin zu prüfen, was diesen Film nun bescheinigt wurde. Dass dies zwangsläufig nicht konform mit einem Gutachten der Juristenkommission sein muss zeigt nur wieder, dass gerade der Paragraf 131 StGB in seiner Wirkung eher das Produkt der Argumentation und Auslegung ist als dass er ein faktisch belegbarer sein könnte. Somit konnte der Film in Deutschland doch einer kleinen Fangemeinde zugänglich gemacht werden, was Marketing mit einer besonderen Sammlerbox belohnte, die zum einen zwei Versionen des Filmes in der ungeschnittenen Kino- und Director's Cut-Fassung nebst Soundtrack beinhaltete und zum anderen streng auf 6000 Stück limitiert war. Dennoch hat auch hier "Battle Royale" wieder eine bittere Pille in Bezug auf unsere Jugendschutzbestimmungen zu schlucken: Da der Film weder eine JK-Prüfung besitzt, noch eine Freigabe der FSK, kann der Film sowohl indiziert als auch nach wie vor trotz der Prüfungen über diverse Anwälte von einem deutschen Gericht nach §131 StGB beschlagnahmt werden. Je nachdem wie eben hier ein Richter oder der dazugehörige Staatsanwalt die Sachlage beurteilt. Dies dürfte wohl auch der Grund sein, weshalb man "Battle Royale" sehr selten in diversen Kaufhausketten antreffen kann. Gerade eben deshalb auch sehr verwunderlich, da der zweite und im Grunde auch wesentlich gewalthaltigere Teil eine Freigabe der FSK (keine Jugendfreigabe = ab 18 Jahren) für die unzensierte Fassung erhalten hat und somit weder indiziert ist und noch anderen Verkaufsbeschränkungen unterliegt.

Wo Zensur beginnt, endet die Meinungsfreiheit, was uns sehr drastisch mal wieder anhand dieses skandalösen Beispieles bewiesen wurde.

von Pierre "Gargi" Kretschmer



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